Mit 'Ostafrika' verschlagwortete Einträge

Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.

Witchcraft – Hexenglaube in Ostafrika

RIESIGE HEXENVERBRENNUNG – 11 TOTE brüllt uns der „Kölner Express“ [1] in seiner Online Augabe in RIESIGEN BUCHSTABEN entgegen, findet es

„Unfassbar! Es gibt auf der Welt tatsächlich noch Hexen-Verbrennungen.“

Und berichtet fassungslos, dass in einem Dorf im Kisii-Distrikt in Kenia am vergangenen Mittwoch 11 Frauen und Männer im Alter von 80 bis 96 Jahren brutal vom Mob ermordet wurden. Außerdem hätten zahlreiche Dorfbewohner Verständnis für die Tat geäußert, da die Polizei sie nicht vor Hexerei schützt. Als Erklärung hat das Blatt anzubieten:

„Hexenglaube ist in der Region weit verbreitet.“

Das wars. Afrika mal wieder. Tss, tss. Der „verlorene Kontinent“. Hoffnungslos. Die machen sogar noch Hexenverbrennungen, in der modernen Zeit, wo wir doch die letzte Hexe schon vor 250 Jahren verbrannten… Da schüttelt der aufgeklärte Europäer das weise Haupt, legt den „Express“ oder auch „Die Zeit“ beiseite, in der dasselbe steht, nur mit Haupt- und Nebensätzen, schaltet DSDS ein und hat dabei nicht mal den geringsten Hauch einer Ahnung davon, was in der Welt tatsächlich alles sonst noch so vor sich geht…

Eine etwas detailliertere Aufklärung aus erster Hand findet sich wieder mal nur bei der guten, alten Tante BBC und nicht der klaustrophobisch nach innen fixierten, deutschen Presse. Demnach seien 19 Dorfbewohner festgenommen worden, die das Massaker vielleicht nicht selbst durchgeführt, aber angestiftet hätten. Sie hätten eine Liste der Opfer mit angeblichen Beweisen erstellt und der Mob habe diese einzeln aus ihren Häusern gezerrt. Das Dorf sei von der Polizei besetzt, um alle Schuldigen zu verhaften und Racheaktionen zu verhindern. Es sei in der Region in der Vergangenheit mehrmals zu ähnlichen Übergriffen gekommen, bei denen angebliche Hexen ermordet oder vertrieben wurden – die hohe Zahl an Opfern sei jedoch überraschend. Die Hinterbliebenen der Opfer hielten sich versteckt – sie fürchten um ihr Leben.

Was ist nun dran an diesen „primitiven Stammeskulten“, dem „Vodoo“ oder der „witchcraft“, dem diese unverbesslichen Afrikaner immer noch in Scharen anhängen? Zunächst mal ein persönlicher Eindruck: Hexerei kommt im Alltag, zumindest hier in Tanzania nur in zahlreichen Horrorfilmen der nigerianischen Videoindustrie („Nollywood“) – und im Fußball vor, wo z. B. Amulette und Reliquien im Torraum vergraben werden. Bezüglich des beliebten Themas „witchcraft“ in Horrorfilmen gibt es soziologische Theorien darüber, dass sich Afrikaner in vielen Ländern die unfassbaren Einkommensunterschiede und Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaften nicht mehr mit Korruption erklären können, sondern mit übersinnlichen, bösen und antichristlichen Hexenkulten (z. B. „vulture occult“). Eine ausführliche Beschreibung des Problems findet sich im britischen „Independent“, in einem Artikel über Tanzania vom 28.11.2005. Korrespondent Oliver Duff berichtet aus Mwanza (Lake Victoria), dass in abgelegenen Regionen des Landes womöglich pro Jahr über 1.000 hauptsächlich alte Frauen, die keine Kinder haben, um sie zu beschützen, Hexenverfolgungen zum Opfer fallen. Er benennt Einzelschicksale: Die 70-jährige Lemi Ndaki aus dem Dorf Mwamagigisi, drei Autostunden entfernt von Mwanza, die eines Nachts vor 19 Jahren gerade noch den Arm zwischen sich und die auf sie niedersausende Machete bringen konnte, von dem durch ihre Schreie geweckten Nachbarn gerettet wurde und deshalb „nur“ den Arm verlor. Ng’wana Budodi, Kabula Lubambe, Helena Mabula, Ng’wana Ng’ombe und ihr Mann Sami aus demselben Dorf wurden erschossen, erstochen, erschlagen oder verbrannten in der angezündeten Hütte.

Betroffen seien hauptsächlich die Distrikte Mwanza, Shinyanga und Tabora, die mehrheitlich vom Sukuma-Tribe bewohnt werden, fährt Duff fort, die tanzanische Regierung tue nichts und verharmlose das Problem in ihren offiziellen Statistiken: Von 1970 bis 2003 sei es zu 3.072 Todesopfern gekommen, lautet eine Angabe, während ein Report einer Regierungskommission von 1989 allein zwischen 1970 und 1983 schon 3.593 angezeigten Todesopfer durch Hexenverfolgungen angebe und laut inoffiziellen Angaben eines Polizeibeamten eine interne Studie des Innenministeriums für die Zeit zwischen 1994 und 1998 über 5.000 Todesopfer festgestellt habe.

Dorfbewohner machten für persönliche Schicksalschläge: ein gestorbenes Kind, schlechte Ernten oder unbefriedigende Farmansiedlungen; Hexen verantwortlich und es gäbe Banden von professionellen Killern, die von Dorf zu Dorf zögen um sie zu beseitigen. Die gegenwärtige Bezahlung liege bei umgerechnet 100 US$ oder einem Rind. Manchmal breche auch der offene Lynchmob aus und die Opfer werden massakriert – oft sogar angestiftet durch eigene Familienmitglieder. Die Ursache für die Morde an angeblichen Hexen liege darin, so Duff, dass das Leben für die Bauern in diesen abgelegenen Region so hart sei und sich Nachbarn und Verwandte in einem harten Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen befinden. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt bei 330 US$, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 46 Jahren. Es gibt keine Elektrizitätsversorgung, das Wasser ist knapp und die Ernteerträge schwanken stark, die Häuser sind aus Lehm mit Strohdächern. Während der Regenzeit sind die Dörfer größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten, was auch erklärt, warum Behörden nicht viel tun können. Seuchen wie Malaria, Typhus, Polio, Dysenterie und v. a. HIV/AIDS sind für viele Bauern tödliche Schicksalsschläge bei mangelnder Hygiene, Bildung und Gesundheitsversorgung, die sie sich mit Hexenkraft erklären.

Die Problematik, dass es beim Konkurrenzkampf einer trotz allem wachsenden Bevölkerung um knappe Ressourcen zu Gewaltausbrüchen bis Bürgerkriegen kommen kann, benennt die Malthus-Theorie. Sie besagt, dass es bei grundsätzlich exponentiellem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig aber nur grundsätzlich linearem Anstieg der Nahrungsmittelproduktion[2] zu einer wachsenden Lücke zwischen beiden Kurven und damit einer wachsenden Ressourcenknappheit kommen muss. Die Theorie würde auch erklären, warum in Europa die Hexenverfolgungen mit der beginnenden Industrialisierung aufhörten. Oliver Duff bietet auch noch eine andere Erklärung für die „Hexen“-Morde im subsaharischen Afrika an: Der Zusammenbruch des traditionellen, dörflichen Stammessystems[3]: Lokale Chiefs wurden abgelöst durch weit entfernt residierende Regierungsbeamte, die nicht im Dorf sozialisiert sind. Eine Rechtsordnung besteht, die nur theoretisch ist, da sie in den weitabgelegenen, infrastrukturell unerschlossenen Dörfern nicht exekutiv durchgesetzt werden kann. In diese Autoritätslücke stoßen „traditionelle“ Heiler: „witch doctors“ – oftmals Hasadeure und Betrüger, die letzte Reste des traditionellen Glaubens für ihre geschäftlichen Machenschaften ausnutzen. Eine Hexendoktorin erklärte es Oliver Duff:

„Wenn du eine unbekannte Krankheit hast, heisst dass, Hexerei ist im Spiel. Geister erzählen mir, wer die Hexe ist, wenn ich schlafe. Das erzähle ich dann dem Patienten. Wenn dieser stirbt, wollen die Verwandten die Hexe töten. Es ist zur Sicherheit.”

Es ist also viel plausibler, dass die Hexenglaube und Hexenverfolgungen im subsaharischen Afrika nichts mit „primitiven Stammeskulten“ zu tun hat, sondern eher mit dem Zusammenbruch der traditionellen Dorfgesellschaften. Aber dies und Erklärungen wie die Malthus-Theorie gehen der deutschen Presse natürlich viel zu weit. Man beschränkt sich auf sensationsheischenden Schock-Journalismus, der wieder mal nur das Bild vom „unterbelichteten, primitiven Afrikaner“ in die Öffentlichkeit schreit und dem Eingeborenen der europäischen Überflussgesellschaft nur ein wohliges, kleines Gruseln angesichts der unheimlichen Welt vor den Toren der „Festung Europa“ über den Rücken jagt.


[1] Gefunden via POLITISCH KORREKT

[2] Wachstums-„sprünge“ in der Nahrungsmittelproduktion sind zwar möglich – etwa durch die flächendeckende Einführung der technisierten Landwirtschaft, Schädlingsbekämpfung, Düngung oder neue Anbausorten, niemals aber ein gleichmäßiger, exponentieller Anstieg.

[3] Duff macht im Fall Tanzanias den Ujamaa-Sozialismus des Staatsgründers Julius Nyerere verantwortlich – ich persönlich halte das Argument aber nicht für stichhaltig. Zwar hat die Kollektivierung und Zwangsumsiedlung von Bauern zusammen mit dem Krieg gegen Uganda (1979) Tanzanias Wirtschaft ruiniert – die sozialistische Zeit endete aber in den frühen 1980er Jahren, es gibt heutzutage kaum noch bewohnte Ujamaa-Dörfer und Hexenverfolgungen gibt es nicht nur in Tanzania, sondern auch in Ländern, die nie sozialistisch waren wie Kenia.

Clash of Religions, oder: Gegenaufklärung

Eigentlich wollte ich ja einen Artikel schreiben über die Ausbreitung des evangelikal-fundamentalistischen Christentums hier in Tanzania, die v. a. durch US-amerikanische und europäische „Freikirchen“ forciert wird, wie die Leute angelockt werden und was es in meinen Augen für ein anti-aufklärerisches Verbrechen darstellt, „arme“ Tanzanier mit dem Versprechen eines besseren Himmelsreichs in die Irre zu führen. Beim Herumsurfen im Internet, wobei natürlich auch der allseits bekannte und beliebte islam-„kritische“ Blog PI nicht fehlen durfte (du kannst traurig sein, du kannst müde sein, PI zaubert immer wieder ein sarkastisches Lächeln auf deine Lippen) stieß ich dann auf den Artikel: „Ist Europa zum Bürgerkrieg verurteilt?“ Ohoh, dachte ich, was ist passiert, auf was für einen Kontinent kehre ich wohl zurück? PI, das den seriösen Quellen nicht traut, stützt sich auf die Analyse eines gewissen Daniel Pipes, der ja für seine objektive Sichtweise auf den Islam bekannt ist. Ist ja auch völlig logisch, wenn man der gleichgeschalteten linksfaschistischen Mainstreampresse nicht glauben darf, dann macht das die Objektivität von Einzelpersonen natürlich viel glaubwürdiger. Analytiker Pipes hat jedenfalls scharf nachgedacht und sich hoffentlich dabei nicht verletzt, er kommt in seiner Analyse auf folgende Formel: Es gäbe für Europa drei wahrscheinliche Szenarien:

1.    Die Macht in Europa wird von den Muslimen übernommen

2.    Die Christen wehren sich gegen die Machtübernahme der Muslime

3.    Christen und Muslime leben nebeineinander in Europa (nachgeschaltete Bemerkung Pipes`: Dieses Szenario hält er für äußerst unwahrscheinlich)

Was mit der doch recht großen Gruppe der europäischen Atheisten passiert, verrät uns Herr Pipes übrigens nicht. Mit der jeweiligen Bewertung von Herrn Pipes`scharfer Analyse lasse ich den Leser nun allein und wende mich direkt einigen Kommentaren zu, die beim Abenteuer PI-lesen ja immer den größten Spaß machen.

„Nicht die Christen werden etwas gegen Europa unternehmen, Jesus Christus selbst wird das tun. Vorher aber wird es ganz furchtbar duster in Europa und der Welt. Dann gibt es aber keine Jünger Jesu mehr auf der Erde, da diese entrückt worden sind. Die einzige Möglichkeit dem Tier (der kommende Herrscher Europas) zu entgehen, besteht darin, jetzt Buße zu Gott zu tun und an den Herrn Jesus als Herrn und Erlöser zu glauben. Ich weiß, daß das nicht besonders populär ist, aber so sieht der Gott der Bibel die Dinge. Es ist nicht die Ummah, es ist Europa selbst, von dem das Übel und allergrößte Gefahr ausgehen.“

schrieb ein gewisser „boanerges“ am 23. Mai um 17.21. Nicht die Christen, Herr Pipes, Christus selber wird sich an die Spitze der islam-„kritischen“ Bewegung stellen! Das haben Sie in Ihrer Analyse nämlich nicht bedacht! Allerdings steht Jesus dann ziemlich alleine da, seine Jünger sind dann nämlich „entrückt“. Beim aufmerksamen Lesen der PI-Kommentarspalte schleicht sich dem kritischen Betrachter allerdings der Verdacht anheim, das viele Kommentatoren jetzt schon „entrückt“ sind. Aber immerhin weiss Herr „boanerges“ dass seine Sicht der Dinge „nicht besonders populär ist“ – aber wen stört das schon, wenn der Gott der Bibel die Dinge genauso sieht?

Ein anderer „entrückter“ PI-Kommentator namens „CA“ greift „boanerges“ Kritik an Pipes`Analyse auf und ergänzt sie um einige weitere scharf beobachtete Anmerkungen:

„[...] Der jetzt kommende große Krieg der Religionen, was so “schön” neudeutsch “clash of civilizations” heißt, wird natürlich nach entsprechenden Zerstörungen und Verlusten an Menschenleben (und wenn man sich dabei an der Bibel orientiert, werden diese nicht im Mio. sondern im Mrd. Bereich liegen) dazu führen, daß am Ende die “eine Weltregierung” also dann wohl die Laberkastenbande vom East River sprich UNO , alle Religionen “verbieten” wird und damit dann natürlich auch letzten des Gott verbieten will – dann wird sich auch zeigen wer richtig gelegen haben wird – diejenigen die eh jedes göttliche als nicht existent ansehen oder die “anderen” denn wenn die “anderen” “recht” haben sollten (ich gehe natürlich davon aus) wird sich Gott wohl kaum verbieten lassen.“

Daniel Pipes und Samuel Huntington haben in ihren jeweiligen Theorien die normative Kraft des Faktischen der Bibel sträflich vernachlässigt. Wenn Gott tatsächlich existiert, wird er sich weder von der UN noch von sonst irgendjemandem verbieten lassen, womit der Beweis erbracht sein wird, dass er existiert und „CA“ immer schon „recht“ hatte…

Die Herren Analytiker Daniel Pipes, „boagernes“, Samuel Huntington und „CA“ haben aber ihren scharfen Analysen den esoterischen-ganzheitlichen Ansatz völlig vergessen. Frau oder Herr „kochbuch“ sieht das schon ganz richtig und schreibt:

„Der “Herr Jesus als Erlöser” ist die progredierende Zeit und damit die zeitzyklische Wiederkehr geschichtsrelevanter Konstellationen.
So wie es nach 24 Stunden wieder erneut tagt, so wird nach 2.400 Jahren eine Hochkulmination der Ereignisse und Entwicklungen einen neuen Zeitbeginn bedeuten: Das ist “Der Herr Jesus”.

Es handelt sich bei den drei Ringen Judentum, Christentum und Islam und die drei Saatkörner ein- und desselben Gedankens, zu verschiedenen Zeiten eingepflanzt und zu verschiedenen Gestalten emporgewachsen. Es ist vorauszusehen, daß – wie im Pflanzenreich – dramatische organische Entwicklungen analog in den Geschichtskörpern stattfinden werden.

Die Bibel ist eine Sammlung hochspiritueller Botschaften hinter purem Puppentheater, eine Vison aus der Geschichte, entsprechend dem gnostisch-hermetischen Prinzip: “Wie oben so unten”. Die stellaren Rhythmen finden ihre terrestrischen Abbildungen in der sog. Geschichte der Völker.”

Yep. Nur eine Frage, Herr/Frau Kochbuch: Es tagt ja nicht nach 24 h „erneut wieder“, sondern nach 12-10 h – ganzjährlich in den Tropen und zwischen 4 und 20 h (je nach Standort und Jahreszeit) in den Ektropen. Somit wäre eine „Hochkulmination geschichtlicher Ereignisse“ Ihrer Theorie zufolge nach zwischen 1.000 bis 1.200 Jahren bzw. zwischen 400 und 2.000 Jahren zu erwarten? Ganz davon abgesehen, dass ein Tag nicht 24 Stunden dauert, sondern umgekehrt eine Stunde der 24. Teil eines Tages ist und das ganze kein „stellarer Rhythmus“, sondern der sogen. gregorianische Kalender ist. Ihre Anspielung auf Lessings Ringparabel ist dagegen außerordentlich begrüßenswert, in einem Blog wie PI aber wohl verschwendete Zeit.  

Ehrlich, Länder wie Tanzania haben bloß ein schlechtes Schulsystem und eine hohe Analphabetenrate. Bevor ich mich –siehe Artikelanfang- darüber erhaben dünke, dass Leute die mehrheitlich in unabgesicherten Lebenssituationen stecken, die wir Europäer uns nicht einmal mehr vorstellen können, nach vielleicht dem letzten Strohhalm einer fundamentalistischen Religionsauslegung greifen, sollte ich erst mal vor die eigene Haustür gucken. PI lesen bildet eben doch – irgendwie.

Populärmusik

Wenn es musikalisch etwas gibt, das noch schlimmer ist als deutsche Musik, dann ist das indische Musik. Also, die Rede ist von Populärmusik. Vor allem die aus den unsäglich seichten Bollywood-Seifenopern mit Gesichtsgünther Sharuk Khan in der Hauptrolle, die gefühlte 20 Stunden dauern, wo gefühlte alle zwei Minuten irgendeine Gruppe von 20 Leuten, die sich zufällig zusammenfinden, eine perfekt inszenierte Musical-Tanznummer hinlegen, die singenden Männer ein Timbre in der Stimme bekommen, dass es einem den Zahnschmelz von den Zähnen löst, die Frauen ihre Gesangdarbietung auf die Frequenz von Hundepfeifen hochschrauben und Sharuk Khan sich den nackten Oberkörper von Wasser bespritzen lässt. Mag man das alles noch mit kulturellen Unterschieden entschuldigen -indischen Frauen mag man sowieso alles verzeihen und man weiss ja Bescheid über das strikte indische Heiratssystem, wo die Familien das Paarungsverhalten ihrer Kindeer untereinander geschäftlich regeln und wahre Liebe so gut wie ausgeschlossen ist, also bleibt für Romantik nur eine Traumwelt- das wirkliche künstlerischen Verbrechen fängt spätestens bei den unsäglich flachen Skripten an: Jedermann ist reich und glücklich und ist vielleicht jemand nicht ganz so reich und glücklich, so wird er es spätestens sein, wenn der Zuschauer den ganzen Film durchlitten hat. Bollywood-Massenware (es gibt, natürlich, auch sehr sehr gute indische Filme) wird sowieso nur produziert, um die entsprechenden Soundtrack-CDs zu verkaufen, man hat den Eindruck, die gesamte südliche Hemisphäre ist davon verseucht, du kannst einfach nicht entkommen und selbst wenn du dich in nicht-elektrifizierten Gegenden aufhälst, so plärren Bollywood-Songs aus batteriebetriebenen Radios.

 

Wenn es aber auf der Welt etwas gibt, was noch schlimmer ist als indische Popmusik, dann ist das ostafrikanische Popmusik und wirklich am furchtbarsten: ostafrikanische christliche Popmusik. Junge, hier hört wirklich die Musik auf und fängt die chinesische Wasserfolter an. Wer zur Hölle hat eigentlich den Kongolesen, die das ganze vor ungefähr 40 Jahren erfunden haben, erzählt, ein guter Popsong darf höchstens zwei Akkorde enthalten, sollte das Tempo eines durchschnittlichen Eselskarrens nicht überschreiten und keinesfalls länger als 40 Minuten dauern? Und verdient eigentlich jemand Tantiemen daran, dass jede einzelne Note jedes einzelnen Arpeggios jedes einzelnen Songs genau gleich ist? Wisst ihr vielleicht nicht, dass man Gitarren verdammt noch mal auch verzerren kann und schläft dieser verdammte Drummer etwa beim Spielen? Wie soll ich denn den Song verstehen, wenn es überhaupt keine Struktur: Strophe-Bridge-Refrain oder ähnliches gibt und warum muss an jeder Straßenecke die letzte und ausgeleiertste Kassette mit voller Lautstärke durchgenudelt werden, oder macht das auch schon keinen Unterschied mehr?

 

Wenn du dir allerdings ein Video im Fernsehen oder noch besser einen Live-Auftritt einer ostafrikanischen Band anguckst, brauchst du gar nicht anderes mehr und Beschwerden kommen auch nicht mehr über deine Lippen. Was uns hier rettet sind wieder mal die Frauen, genauer gesagt, die Tänzerinnen. Junge, können die mit dem Hintern wackeln, das ist schlicht und ergreifend eine eigene, ausdrucksstarke Kunstform. Sie bringen es tatsächlich fertig, ein einziges Körperteil in zwei gegenläufigen Kreisbewegungen umeinander rotieren zu lassen. Unbeschreibbar. Du solltest nicht aus diesem Leben scheiden, ohne eine ostafrikanische Tänzerin in der Ausübung ihrer Kunst gesehen zu haben.


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

a

Disclaimer

The author does not assume any responsibility for contents of linked blogs or websites.

 

Dezember 2009
M D M D F S S
« Aug    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

statistics

  • 62,904 visitors