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„Gottesstaat“ USA: Die Präsidentschaftswahl 2008 und der Kampf um die Deutungshoheit über den Altar

Die Bedeutung der religiösen Rechten sowohl für die Innen- als auch Außenpolitik der USA hat seit der frühen 1980er Jahren kontinuierlich zugenommen. Sie ist heute die entscheidene Machtbasis für US-Präsident G. W. Bush. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 stimmten 80 % der evangeliken Wähler für Bush. Traditionell waren evangelikale Freikirchen eher unpolitisch. Noch in den 1980er Jahren riefen prominente Prediger ihr Anhänger dazu auf, sich nicht in „weltliche“ politische Angelegenheiten zu mischen. Es kam jedoch zu einer Annäherung zwischen religiös Rechten und konservativen politischen Kreisen. Neokonservative Parteistrategen der „Republicans“ wie Newt Gingrich und Karl Rove versuchen, mit den religiös Rechten eine strukturelle republikanische Mehrheit aufzubauen – gegen die mehrheitlich die „Democrats“ unterstützenden Großstädte der Ostküste und die starken Minderheiten der Latein- und Afroamerikaner. Auf der Seite der religiös Rechten fundamentalisierten und politisierten sich viele evangelikale Gemeinden zunehmend an Themen wie Rückbesinnung auf christliche Werte, Kampf gegen Abtreibung, Evolutionstheorie und dem klassischen Bild der Familie als Kern der Gesellschaft (was u. a. die Ablehnung der „Homo-Ehe“ beinhaltet).

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Demonstration evangalikaler Fundamentalisten gegen die Verbreitung der Evolutionstheorie (MSNBC, abfotografiert)

Die Basis des Glaubens fundamentalistischer Evangelikaler ist die wörtliche Auslegung der Bibel, da die Bibel „Gottes Wort“ (imho nicht von Menschen verfasst) sei. Daraus ergibt sich ein entsprechendes schwarz-weisses Weltbild: Man kann für oder gegen „Jesus“ sein, das bedeutet mit oder gegen uns, die Welt befindet sich in einem Kampf „Gut gegen Böse“. Die Evangelikalfundamentalisten (selbstverständlich gibt es auch nicht-fundamentalistische evangelikale Freikirchen) erwarten dementsprechend von der Politik ihres Präsidenten, sich in dieser „Gut-Böse-Frontstellung“ klar zu positionieren („moralische Klarkeit“). Eine weitere politische Grundhaltung der Fundamentalisten ist die Auffassung von den USA als „gods own country“, dass die Mission habe, als „auserwähltes“ Land Gottes Willen in der Welt zu vollstrecken. Auf diese Grundeinstellungen der Stammwählerschaft der „Republicans“ lassen sich viele politische Weichenstellungen G. W. Bushs zurückführen. So etwa die „Achse des Bösen“-Doktrin oder auch die im Vorfeld des Irak-Krieges geäußerte Behauptung Bushs, Amerika müsse „…die Fackel der Freiheit in die Welt tragen…“ – aka Präventivkriege zur Duchsetzung moralischer Werte führen.

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Andacht im Weissen Haus

 

Die Forderung nach „moralischer Klarheit“ (nicht nur) der evangelikalfundamentalistischen Wählerklientel an ihre politische Führung stellt dabei nicht nur die „Democrats“ bei ihrem Kampf um die Rückkehr ins Weisse Haus vor große Probleme, sondern auch die „Republicans“ selbst: Abgesehen von Worthülsen ihrer Vertreter kann sich Politik selbstverständlich niemals an „Gut-Böse“-Schemen halten. Wenn Politik Erfolge erzielen will, muss sie in der „Mitte“ nach Kompromisslösungen suchen. In der Realpolitik laufen die „Republicans“ also ständig Gefahr, ihre Stammwähler zu verprellen. Daneben bleibt es für die Partei ein auch Balanceakt, in der Kommunikation ihrer politischen Ziele und Wertmaßstäbe einerseits auf die Evangelikalfundamentalisten einzugehen, ohne die Unterstützung moderater wertekonservativer Stammwähler zu verlieren.

Für die deutlich säkular ausgerichteten „Democrats“ ist die Herausforderung durch die Evangelikalen deutlich größer. Die verlorene Präsidentschaftswahl 2004 wurde u. a. damit begründet wurde, dass John Kerrys „moralische Klarheit“ im Vergleich zu George W. Bush unzureichend kommuniziert wurde. (Zwar war John Kerry ein hochdekorierter Vietnamkriegsveteran, der sich freiwillig an die Front gemeldet hatte – während George W. Bush in einer Fliegerstaffel daheim Texas gegen die Nord-Vietnamesen verteidigte – Kerry hatte jedoch nach seiner Rückkehr aus Vietnam an Antikriegsdemonstrationen teilgenommen.) Führende Parteistrategen der „Democrats“ sahen deutlichen Nachholbedarf in den Themen innere Sicherheit und der Verteidigung US-amerikanischer Ideale nach außen. Diese Themenfelder dürften für die liberalen „Democrats“ allerdings nicht gegen die „Republicans“ zu gewinnen sein und es besteht die Gefahr, nur als „Nachahmer“ gesehen zu werden. Mit dem 11. September 2001, den G. W. Bush als Anschlag auf den gottgegebenen „american way of life“ interpretierte, um sich dann als starker Führer im globalen Kampf gegen den Terror aka „das Böse“ zu positionieren, verfügt er über einen starken ideologischen Strang wie aus einem Guss. Da der „globale Kampf gegen den Terror“ mit den klassischen liberalen Grundwerten der „Democrats“ kollidiert, können sie sowohl was ihre liberale Glaubwürdigkeit als auch die Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Themas „innere Sicherheit“ betrifft, eigentlich nur verlieren.

In den Vorbereitungen auf den Präsidentschaftswahlkampf 2008 ist nun aber zu beobachten, dass die drei aussichtsreichsten Bewerber um den Posten des Präsidentschaftskandidaten der „Democrats“ auffallend oft christliche Standpunkte und Positionen in ihrer öffentlichen Performance einbauen: Auf einem Diskussionsforum Anfang Juni, veranstaltet von der christlich-progressiven Organisation „The Sojourners“ an der George Washington Universität (Washington D. C.), sprach John Edwards darüber, wie Gebete ihm über den Tod seines Sohnes und die Krebs-Diagnose seiner Frau hinweghalfen. Barack Obama benutzte Bibel Zitate, als er über Armut und Ungerechtigkeit in den USA referierte. Hillary Clinton rechnete es ihrem christlichen Glauben an, dass sie die Untreue ihres Ehemanns überstand.

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Edwards – Clinton – Obama (AFP)

Ironischerweise können heute die Demokraten unbefangener über die Rolle ihres Glaubens in politischen Grundsätzen plaudern als die Republikaner. Dies bezieht sich nicht etwa auf die Lügen im Vorfeld des Irak-Krieges, Exzesse in Haditha oder Abu Ghraib oder die Frage, ob ein demokratischer Rechtsstaat foltern dürfe. Nein: Rudolph Giuliani ist Angehöriger der unter den anglikanischen Protestanten nicht sehr angesehenden Minderheit der römischen Katholiken, der darüber hinaus in dritter Ehe lebt und (noch schlimmer) liberale Positionen in sozialen Fragen vertritt. John McCain ist zwar episkopaler Anglikaner, aber auch er ist zum zweiten Mal verheiratet, darüber hinaus gilt er vielen Republikanern sowohl in sozialen Fragen als auch der Außenpolitik als viel zu liberal. (U. a. brachte er 2005 gegen US-Vizepräsident Dick Cheney einen Gesetztentwurf in den US-Senat ein, der grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlungen von Gefangenen verbietet. Gegenüber dem Fernsehsender CBS sagte er dazu: „…es geht nicht um die Terroristen, es geht um uns. Wir befinden uns in einem Kampf um die Werte, für die wir einstehen müssen. Dazu gehört die Einhaltung der Menschenrechte, wie schrecklich unsere Gegner auch sein mögen…“) Einziger aussichtsreicher Bewerber der Rechtskonservativen ist Mitt Romney. Er vertritt in entscheidenen Fragen (Abtreibung, „Homo-Ehe“, Todesstrafe) Positionen, die denen der evangelikalen Fundamentalisten entsprechen, ist nur einmal verheiratet… aber er ist als Mormome für viele Evangelikale nicht akzeptabel.

Eine der jüngsten Entwicklung in der politischen Landschaft der USA ist die Formierung der religiösen Linke, die nicht länger gewillt ist, den Rechten die „Deutungshoheit über den Altar“ allein zu überlassen. Ihre Vetreter, bspw. Jim Winkler, Generalsekretär der Methodistenvereinigung „General Board of Church and Society“, fordern etwa ein Amtsenthebungsverfahren gegen George W. Bush wegen seines „…illegalen Aggressionskrieges, der auf Lügen basiert.“ Jim Wallis, ein bekannter evangalikaler Prediger, berät Hillary Clinton in Glaubensfragen. Der ehemalige Aktivist der Studentenbewegung „Students for a Democratic Society“ und Rabbiner Michael Lerner kritisierte die „Democrats“ unlängst, viele progressive Gläubige hätten sich aufgrund der „Religionsfeindlichkeit“ der Partei von der Politik abgewandt. Er organisiert seit 2004 Netzwerke zwischen progressiven Gläubigen aller Religionen. Tatsächlich ist die religiöse Linke keine neue Erscheinung in den USA: Latein- und Afroamerikanische Gemeinden, Friedensaktivisten, Umweltschützer und Bürgerrechtler hatten immer schon politische Ziele, die sie auch mit ihrem Glauben begründeten. Statt gegen Abtreibung, „Homo-Ehe“, Evolutionstheorie und den Verfall der Werte zogen sie gegen Armut, Krieg, Rassentrennung und Umweltverschmutzung. Laut Studien der „University of Akron“ lassen sich 27 % der US-Bevölkerung der religiösen Linken zuordnen – kleiner als die religiöse Rechte mit 38 %, aber größer als die „Weltlichen“ mit nur 21 %. Auch ist der Organisationsgrad der religiösen Linken viel kleiner als der der Rechten, was in „strukturellen Barrieren“ begründet liegt: Ihr Spektrum überschreitet nicht nur konfessionelle Grenzen (Katholiken und Protestanten, Freikirchen), sondern auch die der Religionen (Christen, Juden und Muslime).

Die Mobilisierung einer „religiös linken“ Wählerklientel für die „Democrats“ steht erst am Anfang. Die Zeichen sind jedoch vielversprechend – nicht zuletzt wegen der gegenwärtigen Führungsschwäche der „Republicans“, die bislang nicht einmal einen (aus ihrer Sicht) überzeugenden Präsidentschaftskandidaten präsentieren können. Bleibt zu hoffen, das die Ära der unsäglichen Neocons 2008 endlich zu Ende geht. Für dieses Ziel würden wohl viele, selbst „weltliche“ Linke anfangen, zu beten.

Quellen:

Josef Braml: „Die religiöse Rechte in den USA“ (2005; pdf-Dokument)

Freedomwatch-Blog (09/04/07)

The Christian Science Monitor: Can the religious left sway the ‘08 race? By Linda Feldmann (06/06/07)

Spiegel Online (04/06/07)

Locusts & Honey – Blog (23/05/06)


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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