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Der Saar-tan Lafontaine

Als ich ein kleiner Junge war, betrachtete ich Journalisten als Helden. Ja, eines Tages wollte ich selbst einer von ihnen sein. Ich sah sie als Intellektuelle in leicht abgeschabten Tweed-Anzügen, die kettenrauchend an ihrem Schreibtisch saßen und die Wahrheit in ihre kleinen schwarzen Schreibmaschinen hämmerten, die sich von nichts und niemandem aufhalten liessen in ihrem sisyphos-haften Kampf für das Gute und Gerechte in dieser Welt. Dabei lebten sie gefährlich, schufen sie sich doch mit Diktatoren, Geheimdiensten, Politikern, Konzernbossen, der Mafia und anderen Verbrechern mächtige Feinde. Das alles taten sie im Auftrag der Öffentlichkeit, der vierten Instanz im Staate, die, einmal aufgeklärt über die dunklen Machenschaften im Hintergrund, dafür sorgte, dass diese Verbrecher auf dem Müllhaufen der Geschichte landeten… Und der unbesungene Held, der Journalist, lächelte leicht, zündete sich eine neue Pfeife an und wandte sich dem nächsten Thema zu. Aber die Heldenverehrung eines kleinen Jungen zerbrach, wie so viele andere kindliche Illusionen auch. War ich noch als 12-,13-jähriger begeisterter SPIEGEL-Leser, der angeblich MEHR wusste, so änderte sich das, unmittelbar als ich lernte, im Kontext zu lesen. Und plötzlich war das schwarze gedruckte Wort auf weissem Hintergrund, an dass ich so unverbrüchlich geglaubt hatte, (fast) nichts mehr wert. Im SPIEGEL standen Dinge über „uns“ undankbare Ossis, die ich so nicht bestätigen konnte. Beinahe alle Zeitungen, quer durch die Bank, redeten Mitte der 1990er Jahre einen neoliberalen Markttotalitarismus herbei, in dem Gier, Profitsucht und Egoismus – die niedrigsten Instinkte – plötzlich zu den edelsten menschlichen Werten erklärt wurden. „Sozialismus funktioniert nicht“, „das Ende der Geschichte“ sei erreicht, es gäbe nur noch ein überlebendes System, dass sich quasi-evolutionär durchgesetzt habe – und dem man sich jetzt bedingunslos unterordnen müsse, so tönte es damals. In der Rückbetrachtung könnte man angesichts der  gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise jetzt mit einem simplen Schulterzucken erwidern: „Kapitalismus wohl auch nicht. Zumindest nicht so. Und zumindest nicht nur. Vielleicht ist es Zeit für etwas Neues?“

In der deutschen politischen Landschaft wird letztere Position wohl am ehesten von der Linken und ihrer „Galionsfigur“ Oskar Lafontaine vertreten. Doch das darf nicht sein,im Wahlkampfjahr, so scheint es. Denken verboten, Hinterfragen verboten und gar die Systemfrage zu stellen in unseren Tagen, das… das ist infam. Und das muss mit allen Mitteln verhindert werden. Deshalb dominiert seit Monaten in seltener Einhelligkeit von der „linksliberalen“ FR und „Zeit“ über das ZDF bis in Springers „Welt“ die Darstellung von Lafontaine und „der Linken“ als wirre Spinner, Populisten, aggressive Demokratiefeinde, Linksnazis. Die Saarbrücker Online Zeitung über das „ZDF-Sommerinterview“ mit Lafontaine:

Einen wirkungsvollen Auftakt bildete das ZDF-Interview mit dem Leiter des Hauptstadtbüros Berlin, Peter Frey am 12. Juli 09 in Saarbrücken. Dieser machte es praktisch unmöglich, sich von den Argumenten der Linken ein Bild zu machen, indem er unablässig die Person seines Gesprächspartners angriff. Der ZDF-Interviewer sprach anschliessend von Lafontaine als “dünnhäutig”, “verunsichert” , aus der “Fassung” geraten, als einem Mann der “kaum ruhig stehen kann”. Ähnlich fielen z.B. Organe der WAZ-Gruppe nach dem ZDF-Sommerinterview über Lafontaine her: er ist “umstritten”, “angefressen”, er “giftet”, “meckert” mit “gefrorenem Lächeln”, er “poltert”, er “mault”, ist “immer aufgeregter” und er ist “erkennbar angeschlagen”.

Die „Süddeutsche Zeitung“ unter der Überschrift „Gift und Galle“ (die Lafontaine spucke, natürlich) über dasselbe Interview:

Dem Linken-Chef bereitete es sichtlichen Verdruss, mit welcher Hartnäckigkeit Frey auf seinem Rücktritt als Bundesfinanzminister im Jahr 1999 herumritt. „Wenn es brenzlig wird, wirft er hin“, laute ein gängiges Urteil über ihn, hielt Frey Lafontaine vor. Man solle doch „nicht so dämlich von hinschmeißen reden“, regte sich der sich auf. Mehrfach raunzte Lafontaine den Interviewer an: „Unterbrechen Sie mich nicht ständig“ und bügelte Fragen rüde ab: „Sie wissen doch, dass das ein Witz ist.“ [...] Als Lafontaine, dem das Rechthaben schon immer sehr wichtig war, davon sprach, dass es inzwischen auch „anständige Journalisten“ gebe, die ihm attestierten, richtig gelegen zu haben [...]

Die „Frankfurter Runschau“ schreibt über die ZDF-Wahlkampfsendung „Illner Intensiv“ unter dem Titel „Surreale Verschwörungstheorien“ (Lafontaines, selbstverständlich):

Auch Einspielfilmchen gehören zu „Illner Intim“ (oder so). Da tanzen Marx, Lenin, DDR-Funktionäre und Linke-Personal als Zombies zu Michael Jacksons „Thriller“ über die Gräber. Da werden Linke-Forderungen vor rosa Hintergrund als Seifenblasen auf den Schirm gepustet. [...]

Und der [Lafontaine] holt zur ganz großen Verschwörungstheorie aus: Die Medien in Deutschland, sagt er ungestört in einem deutschen Medium, seien ja in den Händen von zehn reichen Familien, und in deren Interesse liege es nun mal, die Linke klein zu halten. Jetzt muss er nur noch von jüdischen Familien reden, dann darf er bei der NPD eintreten, die redet genauso.

Damit hat der Saarkasper denn auch das Mitleid verspielt, das angesichts der ZDF-Inszenierung aufkommen könnte. Denn mit ein paar Höhenmetern Abstand, schon von der alleruntersten Metabene, sieht „Illner intrigant“ ganz, ganz hässlich aus. Zombie-Filme, DDR-Gesichter, wertend inszenierte Umfragen [...]

Der saarländische Napoleon-Imitator in seiner grenzenlosen Gier nach Aufmerksamkeit quält sich sogar noch ein falsches Lachen ab [...] Nicht, dass wir bei dem Herrn ein Rückgrat vermutet hätten – aber jeden Blödsinn muss man nicht mitmachen, selbst um der Sache willen nicht, falls die bei dem Herrn noch eine Rolle spielt.

Die „Welt“ (na gut, „die Welt“…) hat Lafontaine gar gleich als Verfassungsfeind entlarvt und berichtet über dieselbe „Illner Intensiv“-Sendung unter der Überschrift „Lafontaine stellt bei Illner die Demokratie in Frage“:

Irgendwie war „Illner Intensiv“ nur noch die Ein-Mann-Show des Oskar Lafontaine. Selbst wenn er gar nicht gefragt war, antwortete der Partei-Chef der Linken auf das Fragen-Bombardement der Moderatorin Maybrit Illner. Er stellte dabei aber nicht nur die Existenz der demokratischen Ordnung in Deutschland in Frage, sondern vor allem die Regierungsfähigkeit seiner Partei.

Angesichts der sinkenden Umfragewerte scheint die Linkspartei am Ende der Wirtschaftskrise in eine Parteikrise zu taumeln [...]

Lafontaine dagegen spricht lieber davon, dass das Programm, das unter anderem ein staatliches Ausgabenpaket von 300 Milliarden Euro pro Jahr vorsieht, kompromisslos ist. „Ein Parteiprogramm orientiert sich nicht an Kompromissen, sondern stellt die Positionen der Partei dar“, sagte er. Das klingt zwar ein bisschen besser, sagt aber auch nur, dass sich die Linken mit ihrem Programm selbst nicht als regierungsfähig betrachten.

Bei Linkspartei geht es mittlerweile offenbar nur noch um Protest pur. Sie präsentieren sich fast wie tanzende Partei-Zombies, wie die Illner-Redaktion in einem Einspieler zeigte, der mit der Musik von Michael Jacksons Thriller untermalt war. [...]

Ist es wirklich eine „surreale Verschwörungstheorie“ Oskar Lafontaines, dass die Mainstream-Medien offenbar kein großes Interesse an einer objektiven Berichterstattung über seine Person und „die Linke“ hätten? Es ist m. E. deutlich, dass sich viele Medien in einem „Klassenkampf“ um die gescheiterte neoliberale Ideologie sehen, die sie vor wenigen Jahren noch im Brustton der Überzeugung heraustrompeteten, womit nicht zuletzt sie auch eine Mitverantwortung an der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise tragen.

Guter Rassismus, böser Rassismus

„Ich kenne es aus Berlin so, dass Kultur meistens von Zuzüglern herein gebracht wird, während der Urberliner ein ziemlicher Schmutzfink ist. Neulich brachte das mal ein Imam am Kottbusser Tor auf den Punkt, als er sagte, die Berliner stinken. Aber da war was los, sag ich euch“

schrieb user „mahabba“ im Forum von „politischkorrekt“ resp. „politblogger“. Und fast niemand störte sich an einer solchen Äußerung. Mich regt das auf, denn auch das ist Rassismus (ausserdem bin ich, rein zufällig, ein Ur-Berliner). Man stelle sich vor, da hätte statt „Berliner“ „Türken“, „Araber“ oder „Migranten“ gestanden – „mahabba“ wäre auf der Stelle verwarnt oder gesperrt worden. Die zitierte Äußerung des Imams vom Kottbusser Tor ist hier dokumentiert. Der „Gelehrte“ hatte Ende 2004 in seinen Predigten geäußert, die Welt hätte noch nie irgendeinen Nutzen von Deutschen gehabt, sie würden nur üblen Geruch verbreiten. Dummerweise bekam der Verfassungsschutz Wind von diesen Predigten und ermittelte gegen den Imam.

Nun mag der Rassismus von Angehörigen einer Minderheitsgesellschaft gegenüber der Mehrheitsgesellschaft keine so „schlimmen“ Konsequenzen haben wie umgekehrt – eigentlich schaden sie sich nur selbst, wenn sie etwaige Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft noch befeuern. Aber Rassismus bleibt Rassismus, egal von wem und gegenüber wem. Selbstverständlich gibt es quer durch alle Bevölkerungsgruppen Idioten wie diesen Imam oder „mahabba“, die ihr kärgliches Ego nur dadurch aufplustern können, in dem sie sich selbst künstlich überhöhen, in dem sie sich über andere Menschen erhaben dünken. Geschenkt. Was mir aber sauer aufstösst ist, dass es von normalen, aufgeklärten „politisch korrekten“ Menschen so wenig Widerspruch gegen diesen Rassismus der Minderheitsgesellschaft gegen die Mehrheitsgesellschaft gibt. Etwa bei einer Google-Suche zu diesem Thema stösst man fast ausschließlich auf Giftblätter wie „blaue Narzisse“, „Junge Freiheit“ oder „Grüne Pest“ – und denen geht es wohl kaum um die Bekämpfung von Rassismus. Überlässt man hier einen Teil der Auseinandersetzung mit dem weiten Feld „Rassismus“ nicht eigentlich Rassisten? Was ist so verboten daran, zuzugestehen, dass es in gesellschaftlichen Minderheiten auch Rassisten gibt und warum artet die Forderung nach Gleichberechtigung von Minderheiten oder depriviliegierten Gruppen (ähnlich war es beim Feminismus) so oft in einen Status der Überhöhung: „der/die ist besser weil er/sie einer Gruppe angehört, die lange Zeit unterdrückt wurde“, aus?

Oma F.’s Meinungsimperium

Zumindest bei Menschen, die auch ganze Sätzen lesen können, ist der Springer-Konzern seit 40 Jahren als spiessbürgerlich, reaktionär und manipulativ verschrien. Beispiele für diese These sind sehr zahlreich. Der Springer-Medienkonzern folgt, teils offen, teils verdeckt einer ganz klaren Agenda – was für ein „normales“ Unternehmen ja auch ok wäre, nicht jedoch für einen Medienkonzern, der sich eigentlich journalistischen Grundsätzen verpflichtet fühlen müsste. Tatsächlich haben wir in Deutschland mit Springer so etwas wie Rupert Murdochs „News Corporation“  oder Berlusconis Medienimperium – eine Medienmacht, die sich in einer Hand konzentriert, welche mit einer ganz eindeutigen politischen Ausrichtung Ziele verfolgt und unsere demokratische und pluralistische Gesellschaftsordnung bedroht.

bildautomatBildquelle (cc) mkorsokov

Erstaunlicherweise ist diese Hand bei Springer die leicht schwächliche, blaugeäderte und leberfleckige Hand einer Oma. Oma F., die vor 44 Jahren als Kindermädchen bei Axel Springer begann und es über Tisch und Bett bis zur Mehrheitsaktionärin des größten europäischen Zeitungskonzerns brachte. Damals, zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens, war Axel Cäsar Springer 30 Jahre älter als F. und in vierter Ehe verheiratet. Er richtete seiner heimlichen Geliebten eine Wohnung ein; laut F. S.s Biographin stand sie in dieser Zeit unter hohem Psycho-Druck:

„… (F.) war Axel Springer ausgeliefert [...] ständig in der Angst, womöglich irgendetwas falsch zu machen, was seinen Unmut hätte erregen können, und dann wieder verstoßen zu werden, wie so viele vor ihr [....] An der Seite Axel Springers hatte sie auch bald keine Zeit mehr, ihre alten Freundschaften zu pflegen. Sie hatte sich auf den Verleger zu konzentrieren – die Bedingung dafür, dass sie bleiben konnte. Und sie wollte es so.“

Selber sagte F. S. einmal:

„Ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe es zu: Ich bin sein Produkt.“

Nach 10 Jahren, im Januar 1978, wird F. Axel Springers fünfte Ehefrau. Axel Springer starb 1985 und F. war Haupterbin und  (zusammen mit Springers Anwalt Servatius) Testamentsvollstreckerin. Zu diesem Zeitpunkt hat der Verlagskonzern jedoch eine äußerst verzwickte Unternehmensstruktur: ein Viertel der Aktien gehören den Springer-Erben, ein weiteres Viertel dem Felix Burda-Verlag; die andere Hälfte der Aktien ist in Streubesitz und von diesen kauft Leo Kirch nach und nach 40% zusammen, um unternehmerischen Einfluss auf den Springer-Konzern zu nehmen. Ihr gelang es in den folgenden 20 Jahren, die Anteile der Axel Springer AG so zurückzukaufen, dass die unternehmerische Mehrheiten der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. zufallen (50% plus 10 Aktien der Axel Springer AG). Ihr selbst gehören dabei 90% der Gesellschaftsanteile der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. sowie weitere 5% der Aktien der Springer AG (seit 2002). Sie selbst ist stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates des Springer AG; der Vositzende Matthias Döpfner ist allerdings ausdrücklich „ein Mann ihres Vertrauens“. (Quellen: 1, 2, 3)

Die Absurdität dieser Geschichte muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine Frau, die ursprünglich offenbar weder Persönlichkeit noch eine eigene Meinung hatte, ein totales Landei, quasi wie eine leere Schachtel, die der alternde Eros und Großverleger mit Inhalt füllte, verfügt über die größte Meinungsmacht Europas… Dieses Ziel erreichte F. wohl auch mit zumindest moralisch ziemlich dubiosen Praktiken: Kurz nach Axel Springers Tod stellten F. und der Anwalt Servatius die These auf, dass der bereits sehr kranke Axel Springer kurz vor seinem Tod am 22.09.1985 in einer letzten Unterredung den Willen geäußert habe, sein Testament zu ändern. Dieser „allerletzte Wille“ fand jedoch nie eine schriftliche Entsprechung – in Springers Testament von 1983 stand nach wie vor, dass seine Frau 50 %, sein Enkel Axel Sven und Tochter Barbara jeweils 25 % seiner Aktien der Springer AG erhalten sollten. Am 31. Oktober 1985, dem Tag der Testamentsvollstreckung in der Springer-Villa in Berlin, stellte Anwalt Servatius die Sache so dar, dass der entkräftete Axel Springer keine Zeit mehr gehabt hätte, sein Testament zu korrigieren, dass eigentlich so aussehen sollte: 70 % für die Witwe, je 10 % für die beiden Kinder Nicolaus und Barbara sowie je 5 % für die Enkel Axel Sven und Ariane. Springer habe nur noch eine mündliche Erbenvereinbarung aufsetzen können, die er, Servatius, niedergeschrieben habe, so Servatius. In der 22 Jahre später von Axel Sven angestrengten zivilrechtlichen Auseinandersetzung mit F. S. und Servatius ging es u. a. um die Frage, warum Axel Cäsar Springer in jenen Tagen eine Geburtstagskarte an seinen Freund Max Schmeling schreiben konnte, aber angeblich zu schwach war, ein neues Testament zu unterschreiben.

berlin_axel-springer-hochhausSpringer-Zentrale in Berlin [Bildquelle (cc) wikimedia]

Der damals 19-jährige Gymnasiast Axel Sven, der direkt von seinem Schweizer Internat angereist war und offenkundig keine juristische Beratung hatte, akzeptierte die Erbenvereinbarung, die seinen Erbanteil um 20 % auf nur 5 % reduzierte. Ernst Cramer, einer der engsten Freunde von Axel Springer, bekundete seine „Bauchschmerzen“ darüber, dass der Springer-Enkel nicht einmal über ein großes Risiko aufgeklärt worden war, dass er mit dieser Erbenvereinbarung einging: die mögliche Zahlung einer Schenkungssteuer in Millionenhöhe. Man kann sich vorstellen, wie überfordert Axel Sven war, dem mit allen Wassern gewaschenen Juristen Servatius gegenüberzustehen. Er hatte fünf Jahre zuvor seinen Vater verloren und war auch noch wenige Monate zuvor das Opfer einer Entführung geworden. Servatius hatte nicht nur Axel Svens Mutter nicht mit eingeladen, sondern womöglich auch dafür gesorgt, dass ein Exemplar des Testaments erst so spät abgeschickt wurde, dass der Springer-Enkel es nicht mehr rechtzeitig vor der Testamentseröffnung erhielt.  „Bitte erst am 28/10 verschicken“, steht auf dem Umschlag der Testamente in der Nachlassakte, in der Handschrift eines Beamten. 22 Jahre später versicherte Servatius vor Gericht, er wisse davon nichts und habe (als Testamentvollstrecker) keinen Kontakt zu dem amtlichen Rechtspfleger gehabt.

Zu juristischen Auseinandersetzungen kam es, weil F.S. an ihrem, auch in ihrer Biographie formulierten Ziel festhielt: Die Enkel aus dem Konzern hinauszudrängen und die alleinige Kontrolle auszuüben. 1996 beendete sie die Testamentsvollstreckung, übernahm die Geschäftsführung der Familienholding und kaufte Barbara und Nicolaus Springer deren Springer AG-Anteile ab. 2001 kündigte sie den Gesellschaftervertrag mit noch am Verlag beteiligten Erben, Axel Sven und Ariane. Deren Minderheitsrechte sollen beseitigt werden, unter anderem der Anspruch, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu schicken.2002 fochten Axel Sven und Ariane die Erbschaftsvereinbarung an. 2003 wurden den Enkeln in zwei Schiedsgerichtsverfahren  Veto-Rechte in der Familienholding zugesprochen. Trotz der oben beschriebenen halbseidenen Tricks, mit denen der Springer-Enkel übers Ohr gehauen und um 80 % seines Erbes gebracht wurden, kam die endgültige juristische Niederlage für Axel Sven vor einem Jahr, am 22.01.08. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg wies die Klage gegen Servatius’ Erbschaftsvereinbarung in zweiter Instanz endgültig ab. Auch ein weiterer Vertrag, mit dem sich F. S. weitere 10 % vom ursprünglichen Anteil ihres Stiefenkels sicherte, erklärten die Richter für rechtsgültig.

Die Finanzkrise und den damit verbundenen niedrigen Börsenkurs der Springer-Aktie nutzte F. S. 2008 für weitere Auftstockungen ihrer Aktienmehrheit an der Springer AG. Insgesamt erwarb sie mit einigen Transaktionen seit Januar 08 über 600 000 Aktien erworben; rund 2 % des Gesamtunternehmens. F. S. besitzt ein Privatvermögen von rund 3,2 Milliarden US-$ und landet damit auf Platz 26 (Stand 2007) der reichsten Menschen Deutschlands. (Quellen: 1, 2, 3, 4, 5)

Für das Superwahljahr 2009 wird man erwarten können, dass „die Welt“ und „Bild“ eifrigst für F. S.’s Busenfreundin Angela Merkel trommeln werden. Eine Hand wäscht die andere, wie es heisst. Gefahren für unsere Demokratie scheinen nicht nur an den „extremistischen, äußeren Rändern der Gesellschaft“ zu lauern…

Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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