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Short Story Express: Die Frau aus Glas (I)

Karakorum/Pakistan: Es war atemberaubend. Zwischen zwei rundlichen Bergkuppen tauchte plötzlich diese furchterregende dreiseitige Gipfelpyramide auf. Der Wind stäubte den Schnee von ihren Flanken. Majestätisch stand der Berg da und degradierte alles in seiner Umgebung durch seine schiere Größe zu Staub. Er stieß die Trekkingstöcke in den harten Boden und schaute nach oben. Er war plötzlich aufgeregt, es war, als fühlte bei diesem Anblick sein Leben in den Knien zittern. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Es war nicht mehr als die instinktive Angst des Lebewesens vor etwas Drohendem, was auf es zukam. Der Tod. Sein Tod. Er liess den schweren Rucksack von den Schultern gleiten, es klirrte leicht auf den Steinen und tastete unwillkürlich nach der schmerzenden Stelle zwischen den Schulterblättern. Er war da, sein erstes Ziel hatte er, nach einer fünfwöchigen Trekkingtour, erreicht. Nun stand er hier und schaute auf die Spitze des Berges. Es sah einfach nicht so aus, als könnte man da heraufklettern. Aber er, würde es tun, oder bei dem Versuch sterben. Es war Wahnsinn, aber es hatte Methode. Niemand wusste, dass er hier war. Er hatte keinen Permit, keinen Guide und keine Träger. Seine Ausrüstung war unzureichend, er hatte vermutlich nicht einmal genügend Lebensmittel. Er verfügte über nicht viel bergsteigerische Erfahrung, aber trotzdem war es nicht so, dass er leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzte. Im Gegenteil, ihm war es nur recht, hier Schluss zu machen.

Auf einem Schotterbett, an einem kleinen gefrorenen Bach, der hier aus großer Höhe herunterkam, gut gedeckt gegen neugierige Blicke, stand eine kleine blaue Kuppel aus Nylon. Davor saß er und kaute lustlos an seinem Essen und nutzte das letzte Licht des Tages dazu, sein Schuhwerk zu richten. Aber er war nicht bei der Sache. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Es gab jede Menge Leute, die ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf die Berge projizierten und dann, da die Berge mächtig und unbarmherzig und in keinster Weise an den Träumen der auf ihnen herumkrabbelnden Menschlein interessiert sind, abstürzten, erfroren, Höhenödeme bekamen oder sich schlimmste Verstümmelungen zuzogen. Zu diesen Leuten zählte er nicht. Er wollte nichts erreichen oder gewinnen dadurch, dass er den Berg bestieg. Er war hier, weil ihm nicht anderes mehr zu tun blieb. Es wurde sehr schnell empfindlich kalt und bei dem Versuch, die Steigeisen an den Schuh anzupassen, rutschte er ab und verletzte sich an der Hand. Ausdrucklos beobachtete er, wie sich das Blut in der großen, aber nicht sehr tiefen Wunde sammelte. Schließlich schmierte er Jod darauf und band eine Gazèbinde lose darum. Vor der Kälte zog er sich ins Zeltinnere zu Daunenschlafsack und Gaskocher zurück.

 

Es schlief sich sehr schlecht auf über viertausend Metern. Er wälzte sich hin und her, dachte, an was er nicht denken sollte, er stöhnte sogar einen Namen, den er nie wieder aussprechen wollte. Er träumte von einer schmalen Frauenhand, die die Kordel eines seidenen Oberteils aufzog, von schmalen Lippen, ausdrucksstark verzogen, hellblaue, große Augen blickten ihn an, nein, blickten direkt in sein Herz. Dann hörte er wieder ihre Stimme am Telefon, kalt und desinteressiert, wie sie -nein sagte und immer wieder –nein, nein, nein, es echote in seinem Kopf, er liess den Hörer fallen und hockte auf dem Boden, die Hände vor dem Gesicht. Er liebte sie und sie hatte ihn verlassen – nichts besonders aufregendes oder ungewöhnliches, aber er… er war damit nicht klar gekommen, es war, als hätte irgendwas in seinem normalerweise kühl berechnenden Verstand ausgesetzt. Als er schweissgebadet und wach dalag, wusste er eine ganze Zeit nicht, wo er eigentlich war. Dann dachte er, es müsse an der klaren und dünnen Höhenluft liegen, dass man sich hier nicht selbst belügen konnte. Aber ganz egal, ob er sich selbst belog oder nicht, die Chance war vertan, die Chance auf ein glückliches Leben, offensichtlich gehörte er zu denjenigen Menschen, die in einer normalen sozialen Umwelt nicht mehr lebensfähig waren.

Es war noch dunkel, als er eilig sein Zelt abbaute, die Ausrüstung verstaute und aufbrach. Wie eine plötzliche Todessehnsucht hatte es ihn gepackt. Er stapfte los, Kies knirschte unter seinen Schuhen, an seiner Jacke bildete sich glitzernder Raureif. Er atmete rythmisch und der Lichtkegel seiner Stirnlampe strich über den Boden wie die eines Tiefseetauchers. Was konnte man im Leben lieben, ausser einen Fuß vor den anderen zu setzen und irgendwann irgendwo anzukommen und dabei an nichts zu denken? Bald erreichte er das erste Schneefeld, wo es sich lohnte, die Steigeisen anzuschnallen. Sie passten nicht richtig auf die Sohle und die Clips rasteten nicht ein, schließlich nahm er die Spitze des Eispickels zu Hilfe. Es war alter Schnee, steinhart gefroren und unbequem zu laufen. Mehrmals strauchelte er, fing sich aber noch mit dem Eispickel ab. Er hatte ein mehrere Kilometer langes Tal zu durchqueren, um an den Fuß des Berges zu kommen.


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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