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Short Story Express: Die Frau aus Glas (I)

Karakorum/Pakistan: Es war atemberaubend. Zwischen zwei rundlichen Bergkuppen tauchte plötzlich diese furchterregende dreiseitige Gipfelpyramide auf. Der Wind stäubte den Schnee von ihren Flanken. Majestätisch stand der Berg da und degradierte alles in seiner Umgebung durch seine schiere Größe zu Staub. Er stieß die Trekkingstöcke in den harten Boden und schaute nach oben. Er war plötzlich aufgeregt, es war, als fühlte bei diesem Anblick sein Leben in den Knien zittern. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Es war nicht mehr als die instinktive Angst des Lebewesens vor etwas Drohendem, was auf es zukam. Der Tod. Sein Tod. Er liess den schweren Rucksack von den Schultern gleiten, es klirrte leicht auf den Steinen und tastete unwillkürlich nach der schmerzenden Stelle zwischen den Schulterblättern. Er war da, sein erstes Ziel hatte er, nach einer fünfwöchigen Trekkingtour, erreicht. Nun stand er hier und schaute auf die Spitze des Berges. Es sah einfach nicht so aus, als könnte man da heraufklettern. Aber er, würde es tun, oder bei dem Versuch sterben. Es war Wahnsinn, aber es hatte Methode. Niemand wusste, dass er hier war. Er hatte keinen Permit, keinen Guide und keine Träger. Seine Ausrüstung war unzureichend, er hatte vermutlich nicht einmal genügend Lebensmittel. Er verfügte über nicht viel bergsteigerische Erfahrung, aber trotzdem war es nicht so, dass er leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzte. Im Gegenteil, ihm war es nur recht, hier Schluss zu machen.

Auf einem Schotterbett, an einem kleinen gefrorenen Bach, der hier aus großer Höhe herunterkam, gut gedeckt gegen neugierige Blicke, stand eine kleine blaue Kuppel aus Nylon. Davor saß er und kaute lustlos an seinem Essen und nutzte das letzte Licht des Tages dazu, sein Schuhwerk zu richten. Aber er war nicht bei der Sache. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Es gab jede Menge Leute, die ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf die Berge projizierten und dann, da die Berge mächtig und unbarmherzig und in keinster Weise an den Träumen der auf ihnen herumkrabbelnden Menschlein interessiert sind, abstürzten, erfroren, Höhenödeme bekamen oder sich schlimmste Verstümmelungen zuzogen. Zu diesen Leuten zählte er nicht. Er wollte nichts erreichen oder gewinnen dadurch, dass er den Berg bestieg. Er war hier, weil ihm nicht anderes mehr zu tun blieb. Es wurde sehr schnell empfindlich kalt und bei dem Versuch, die Steigeisen an den Schuh anzupassen, rutschte er ab und verletzte sich an der Hand. Ausdrucklos beobachtete er, wie sich das Blut in der großen, aber nicht sehr tiefen Wunde sammelte. Schließlich schmierte er Jod darauf und band eine Gazèbinde lose darum. Vor der Kälte zog er sich ins Zeltinnere zu Daunenschlafsack und Gaskocher zurück.

 

Es schlief sich sehr schlecht auf über viertausend Metern. Er wälzte sich hin und her, dachte, an was er nicht denken sollte, er stöhnte sogar einen Namen, den er nie wieder aussprechen wollte. Er träumte von einer schmalen Frauenhand, die die Kordel eines seidenen Oberteils aufzog, von schmalen Lippen, ausdrucksstark verzogen, hellblaue, große Augen blickten ihn an, nein, blickten direkt in sein Herz. Dann hörte er wieder ihre Stimme am Telefon, kalt und desinteressiert, wie sie -nein sagte und immer wieder –nein, nein, nein, es echote in seinem Kopf, er liess den Hörer fallen und hockte auf dem Boden, die Hände vor dem Gesicht. Er liebte sie und sie hatte ihn verlassen – nichts besonders aufregendes oder ungewöhnliches, aber er… er war damit nicht klar gekommen, es war, als hätte irgendwas in seinem normalerweise kühl berechnenden Verstand ausgesetzt. Als er schweissgebadet und wach dalag, wusste er eine ganze Zeit nicht, wo er eigentlich war. Dann dachte er, es müsse an der klaren und dünnen Höhenluft liegen, dass man sich hier nicht selbst belügen konnte. Aber ganz egal, ob er sich selbst belog oder nicht, die Chance war vertan, die Chance auf ein glückliches Leben, offensichtlich gehörte er zu denjenigen Menschen, die in einer normalen sozialen Umwelt nicht mehr lebensfähig waren.

Es war noch dunkel, als er eilig sein Zelt abbaute, die Ausrüstung verstaute und aufbrach. Wie eine plötzliche Todessehnsucht hatte es ihn gepackt. Er stapfte los, Kies knirschte unter seinen Schuhen, an seiner Jacke bildete sich glitzernder Raureif. Er atmete rythmisch und der Lichtkegel seiner Stirnlampe strich über den Boden wie die eines Tiefseetauchers. Was konnte man im Leben lieben, ausser einen Fuß vor den anderen zu setzen und irgendwann irgendwo anzukommen und dabei an nichts zu denken? Bald erreichte er das erste Schneefeld, wo es sich lohnte, die Steigeisen anzuschnallen. Sie passten nicht richtig auf die Sohle und die Clips rasteten nicht ein, schließlich nahm er die Spitze des Eispickels zu Hilfe. Es war alter Schnee, steinhart gefroren und unbequem zu laufen. Mehrmals strauchelte er, fing sich aber noch mit dem Eispickel ab. Er hatte ein mehrere Kilometer langes Tal zu durchqueren, um an den Fuß des Berges zu kommen.

Deutschland – Regiert die Korruption? (Teil II): GEZ-Fortbildung im Bordell

novaexpress „Schon GEZahlt?“ mag ein Türsteher eines Kölner Edelbordells die honorigen Herren gefragt haben. Aber ja. Wenn auch nicht sie persönlich. Wofür hält der Mann die Herren? Sie sind schließlich keine kleinen Rentner, Arbeitslose, Azubis oder Studenten, denen man Drohbriefe schickt oder „Kontrolleure“ auf den Hals hetzt, um ihnen mit allerhand schmutzigen Tricks von angeblicher Denunziation durch die Nachbarn über Pseudo-Gebührenbefreiungen bis hin zu Hausfriedensbruch das Geld aus der Tasche ziehen. Nein, die Herren sind aus der Führungsetage der Schutzgelderpressungsbehörde „Gebühreneinzugszentrale“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in deren Verantwortungsbereich die Beschaffung von EDV zur Verwaltung der Personendaten ihrer Opfer liegt. „Freikarten“ für Prostituierte, Edelrestaurants, Formel 1-Rennen und Bundesligaspiele und auch „nicht ganz so große Barbeträge“ von mehreren 1.000 Euro hätten leitende GEZ-Angestellte angenommen, sagte der Wuppertaler Staatsanwalt Alfons Grevener am Dienstag (23.01.). Die Wuppertaler Computerfirma „Comparex“ habe sich so einen Auftrag der GEZ in Millionenhöhe gesichert. Die Wuppertaler Staatsanwaltsschaft sei durch eine anonyme Anzeige, möglicherweise durch einen entlassenen Mitarbeiter der Computerfirma, auf die Vorgänge aufmerksam geworden. Bei Hausdurchsuchungen von Büros und Privatwohnungen leitender GEZ-Angestellter in Köln und Umland sei Grevener „auf einige sehr interessante Dokumente“ gestoßen. Es bestehe der dringende Tatverdacht des Betrugs, der Untreue, Vorteilsgewährung und Annahme.

Die GEZ-Zentrale in Köln erfasst und verwaltet alle Daten von deutschen Radio-, Fernseher- und seit neuestem auch internetfähigen Computerbesitzer ab dem 18. Lebensjahr und kassiert im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Gebühren. Diese Gebühren werden willkürlich durch den Rundfunkrat festgelegt, gebührenpflichtig ist jeder, der „entsprechende, zum Empfang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fähige Geräte bereithält“, unabhängig davon, ob er das Programmangebot des öffentlichen Rundfunkanstalten überhaupt in Anspruch nimmt. Aus dieser Sachlage erklären sich überbezahlte Schnarchmoderatoren von ARD und ZDF wie Beckmann, Kerner, Gottschalk, Schmidt und Christiansen und klassische Bildungs-TV-Formate wie „Musikantenstadl“ und „Das Traumschiff“. 2005 zog die GEZ dafür nach eigenen Angaben 7,1 Milliarden Euro ein – 162 Millionen Euro davon kostete die Finanzierung der Behörde selbst. Seit 01.01.2007 kassiert die GEZ auch für Internetanschlüsse, logisch zu erklären dadurch, dass man über das Internet auch auf die Websiten der öffentlichen Rundfunkanstalten zurückgreifen kann. Selbstverständlich könnte man die entsprechenden Seiten auch einfach gebührenpflichtig machen, aber wer würde schon für ARD.de oder ZDF.de zahlen, wenn er BBC online oder CNN.com haben kann, wer würde sich bei „Harald Schmidt“ langweilen, wenn er „The Daily Show with John Stewart“ (jeden Tag neu, für völlig umsonst und ohne Werbung auf ComedyCentral.de) gucken kann? Vor diesem Hintergrund erscheinen die Vorwürfe der Wuppertaler Staatsanwaltschaft allerdings unberechtigt: Waren die Herren von der GEZ nicht vielleicht dienstlich im Bordell, sagen wir, um vom reichhaltigen Erfahrungsschatz von Zuhältern, Schutzgelderpressern und Drogendealern zu lernen?

Quellen:

handelsblatt.com 23.01.2007
cash-online.de 26.01.2007

Deutschland – Regiert die Korruption? (Teil I)

novaexpress Hinsichtlich der Korruption besteht für Deutschland seit dem Jahr 2006 wohl kein Grund mehr, mit dem Finger auf Entwicklungsländer in Afrika, Asien oder Südamerika zu zeigen. Bekannt gewordene Fälle bezogen sich auf deutsche Groß- und Vorzeigeunternehmen wie Deutsche Bank, Volkswagen, Siemens oder Linde und liessen doch das Ausmaß des „Sumpfes“ an Korruption und Begünstigung nur erahnen. Apart ist insbesondere der Fall Volkswagen, der sich um die Bestechung des eigenes Betriebsrates mit Millionenzahlungen, „Sachleistungen“ wie Flugreisen und Dienstleistungen von Edelprostituierten drehte. Im Mittelpunkt dieser „Schmierenkömodie“ steht ausgerechnet Prof. h. c. Peter Hartz (das h. c. steht für „honoris causa“, Herr Hartz ist kein echter, sondern „ehrenhalber“ Professor), dessen Name Millionen von Deutschen als Synonym für den beschleunigten, drohenden oder tatsächlichen, sozialen Abstieg steht. Hartz hatte dem Ex-VW-Betriebsratsvorsitzenden und „Hartz-Empfänger“ Klaus Volkert „Sonderbonuszahlungen“ in Höhe von 2 Millionen Euro zukommen lassen, darüber hinaus wurden ihm Veruntreuung von Betriebsvermögen und Begünstigung in 44 weiteren Fällen vorgeworfen. Die Strafe für Peter Hartz: 2 Jahre auf Bewährung und und eine Geldstrafe von 576.000 €. Da lacht das Herz des Hartz: Um die 3 Millionen Euro hatte er allein als Abfindung für sein Ausscheiden bei VW bekommen. Als verurteilter Krimineller büßt Peter Hartz mit dieser „Strafe“ in etwa so viel wie ein Hartz 4-Empfänger, der gerade im Lotto gewonnen hat.

Weitgehend ungeklärt sind die Vorgänge um die beiden deutschen Vorzeigeunternehmen Siemens und Linde. Die Münchner Staatsanwaltschaft entdeckte bei Siemens „schwarze Kassen“ in Höhe von einigen 100 Millionen Euro, die, laut Vermutungen der Ermittler, Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe von Auslandsaufträgen, v. a. in China, dienen sollten. Der Industriegas-Konzern Linde tauchte in den Ermittlungsakten der UN zu den Korruptionsfällen rund um das „Oil for Food“-Programm im Irak auf. Linde soll, neben 2.000 anderen Unternehmen (davon weitere 60 aus Deutschland), Schmiergelder in Millionenhöhe an Minister des Saddam Hussein-Regimes gezahlt haben. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt und Korruptions-Experte Wolfgang Schaupensteiner räumte in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ mit der Mär auf, dass es sich um „Einzelfälle“ oder „schwarze Schafe“ handele: Korruption sei „in Deutschland ein strukturelles Problem“; die Aufklärungsrate geradezu erschreckend klein. „Ich schätze, dass über 95 Prozent aller Fälle unerkannt bleiben. Vermutlich ist das sogar noch zu optimistisch, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher.“ Korruption sei „in Deutschland alltäglich, das Risiko, entdeckt zu werden, minimal“. Eine Umfrage des Forsa-Instituts habe ergeben, „dass allein im Mittelstand 150.000 Unternehmer Bestechungsgelder gezahlt haben“.

Lobbyismus als Legalisierung der Korruption?

Korruption als System, als Struktur, die die deutsche Gesellschaft bzw. ihre Elite und Entscheidungsträger durchzieht? In der Politik heisst sowas Lobbyismus und ist keineswegs illegal. Viele Bundestagsabgeordnete beziehen neben ihren Diäten zahlreiche Nebengehälter; Forderungen nach einer generellen Offenlegung ihrer Einkünfte, dem sogen. „gläsernen Abgeordneten“ werden regelmäßig von einer in dieser Weise selten einmütigen Mehrheit aller Parteien abgeschmettert. Außerdem wechseln viele Abgeordnete nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag nahtlos in die Privatwirtschaft. In einem „Die Zeit“-Artikel von 2003 beschrieb der ARD-Redakteur Joachim Wagner ein weitreichendes System, dass Lobbyisten Einfluss „wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik“ einräume. Jeder der 30 größten deutschen Konzerne betreibe in Berlin ein eigenes Lobby-Büro; darüber hinaus seien über 2.000 Lobbyverbände beim Bundestag registriert, die direkt auf Gesetzgebungsverfahren Einfluss nehmen würden. Rund 4.500 Wirtschaftsvertreter verfügten über sogen. Hausausweise, die ihnen freien Zugang zum Bundestag und den Abgeordnetenbüros einräumten. Auf 1 Bundestagsabgeordneten kommen so im Schnitt 7 Lobbyisten, um ihn „zu bearbeiten“. Aufgabe der Lobbyisten, häufig ehemalige Minister, Staatssekretäre oder Abgeordnete, die ihre alten Kontakte meistbietend verkaufen, ist die Verhinderung von Gesetzen die den Interessen ihrer Dienstherren widersprechen bzw. sogar die Neufassung von Gesetzen. Zum Teil erhielten „Lobbyisten die Rohentwürfe von Gesetzestexten früher als die Bundestagsabgeordneten“, so Wagner in dem „Zeit“-Artikel.

Das größte Ausmaß erreichen die Lobby-Tätigkeiten in der Gesundheitspolitik. Auch dem unbedarften Bürger (zu denen sich der Autor zählt) dürfte aufgefallen sein, dass wirklich effiziente Reformen des Gesundheitssektors seit Jahren immer wieder verschleppt, aufgeweicht und systematisch wieder rückgängig gemacht werden. Das dies hauptsächlich zu Lasten der Patienten geht ist das „Verdienst“ zahlreicher Lobbygruppen der Pharmaindustrie, Ärzte- und Apothekerverbände und Krankenkassen. Die Einflussnahme dieser Interessengruppen lässt sich an Zahlen messen: Der Bundesrechnungshof listet auf, dass von August 2003 bis Dezember 2004 insgesamt 55 Millionen Euro an Sponsoren-Geldern an die Bundesministerien geflossen sind, davon machen die Zahlungen an das Bundesgesundheitsministerium allein 44,5 Millionen Euro aus.

Laut der letzten Ausgabe des ARD-Magazins „Monitor“ nehmen Wirtschaftslobbyisten mittlerweile nicht nur Einfluss auf legislative Entscheidungen der Ministerien und des Bundestags, sie arbeiten direkt in den Ministerien mit. Mindestens 100 Mitarbeiter von Ministerien und Abgeordneten Büros kämen von Konzernen, so „Monitor“, darunter Siemens, DaimlerChrysler, Lufhansa und Deutsche Bank. Im Jahr 2002 etwa habe eine Angestellter DaimlerChryslers einen eigenen Schreibtisch im Bundesverkehrsministerium gehabt, zur selben Zeit, als das Ministerium den Milliardenauftrag für das LKW-Maut-System ausgeschrieben hat. Die Tatsache, dass das Bewerberkonsortium um Deutsche Telekom und DaimlerChrysler die Ausschreibung gewann: Reiner Zufall? „Monitor“ liefert weitere Beispiele für legislative Entscheidungsfindungsprozesse, an denen betroffene Konzerne selbst mitwirkten: An der Neuregelung des Gesetzes zur Netzdurchleitung von Strom, ein entscheidener Punkt bei der Liberalisierung des Energiesektors, arbeiteten die großen deutschen Stromkonzerne mit, die im Besitz der Netze sind und wenig Interesse an der Netznutzung durch Konkurrenzunternehmen haben. Den Gesetzentwurf arbeiteten Mitarbeiter der großen Stromkonzerne mit aus und „schlugen Formulierungen vor, die dann eins zu eins ins Gesetz gelangten – wörtlich übernommen von RWE, so steht es in internen Dokumenten des Wirtschaftsministeriums“ (Monitor)

Die hohe Dunkelziffer über 95% bei Korruption, die der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner nennt, und die zum großen Teil lächerlichen Strafen, die überführte Wirtschaftskriminelle wie Peter Hartz oder Joseph Ackermann treffen, offenbaren das Wesen der Korruption: Als Verbrechen gegen das gesellschaftliche Gemeinwohl findet Korruption im Bereich der gesellschaftlichen Elite statt, betrifft zum großen Teil den Gesetzgeber selbst und bewegt sich damit in einem praktisch rechtsfreien Raum. Das Ausmaß der Korruption in einem Land zeigt nach Meinung des Autors an, wie sehr sich die gesellschaftlichen Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Medien von der Gesellschaft, die sie hervorbrachte, entfernt haben.

Quellen:

LinkeZeitung.de: 31.01.2007
Wdr.de/monitor: 26.01.2007

YEALD.de – Interaktive Investorenzeitung: 03.01.2007
Wiwo.de: 04.12.2006
Zeit.de: 30.10.2003

Völkermord in Rwanda: Das Todespendel (Teil II)

by red.cloud

Rwanda, „das Land der tausend Hügel“, ein ungeheures Grasland dass von Osten nach Westen allmählich von 1500 auf 2500 Meter über Normalnull ansteigt. Das gewässerreiche Land bietet mit fruchtbaren Böden und gemäßigtem Klima so günstige Lebensbedingungen, dass Rwanda das am dichtesten besiedelte Land ganz Ostafrikas ist. Die 8 Mio. Einwohner leben auf einer Fläche von 26340 km², d. h. die Bevölkerungsdichte ist mit über 300 Einwohner/km² größer als die Deutschlands. Ursprünglich lebten in diesem Landstrich die Wahutu, Ackerbauern, die die fruchtbaren Berghänge besiedelten und die Twa, ein Pygmäenvolk, die ein Jäger- und Sammlerdasein in den Wäldern führten. Im 16. Jahrhundert tauchten, von Nordosten aus Richtung Äthiopiens kommend, die Watussi auf, ein kriegerisches Hirtenvolk, die sich das ganze Gebiet um den heutigen Victoriasee und Tanganyikasee unterwarfen. Von dieser Zeit an lebten die Hutu über hunderte von Jahren als Leibeigene der Tutsi, die in Rwanda ebenso wie im Nachbarland Burundi zwei streng hierarchisch organisierte Königreiche errichteten.

In Rwanda und Burundi setzt sich die Bevölkerung zu 85 % aus Hutu und 14 % aus Tutsi zusammen. Die Hutu sind ein Bantu-Volk, denen üblicherweise ein gedrungener Wuchs und negroide Gesichtszüge zugeschrieben werden. Die Tutsi werden den hamitischen Hirtenvölkern zugerechnet, man erkennt sie angeblich an ihrer Körpergröße, Hagerkeit, kantigen, semitischen Gesichtszüge, sowie ihren „Langnasen“. Einem externen Beobachter in Afrika wird es für gewöhnlich sehr schwer fallen, anhand dieser „rassischen“ Merkmale die ethnische Zugehörigkeit zu bestimmen. Die beiden Völker leben seit Jahrhunderten eng zusammen und sprechen eine gemeinsame Sprache, die Merkmale sollten sich verwischt haben. Afrikaner sagen jedoch von sich, die Stammes-Zugehörigkeit sofort zu erkennen. Der ‚Tribe’ eines Individuums ist jedoch in vielen afrikanischen Ländern behördlich registriert.

Die beiden Tutsi-Königreiche Rwanda und (B)Urundi „gehörten“ seit 1885 (Berliner Afrika-Konferenz) dem deutschen Kaiserreich. Heute wird veschiedentlich kolportiert, die Deutschen hätten systematisch die repressive Tutsi-Vorherrschaft begünstigt, der Einfluss der Deutschen (politischer Repräsentant am Königshof) dürfte viel zu gering gewesen sein, um die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse in Rwanda anzukratzen. Die deutsche Anwesenheit endete 1916, als die überlegene belgische Kolonialtruppe einmarschierte. Nach dem ersten Weltkrieg erhielten die Belgier ein Völkerbundmandat über Rwanda, das 1946 in ein „Trusteeship“ der UN umgewandelt wurde. In dieser Zeit leiteten die Belgier ebensowenig Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Hutu ein.

Im Laufe der 1950er Jahre begann der Unabhängigkeitsgedanke sich auch in Ostafrika auszubreiten. Von den alten Kolonialmächten erkannte nur Großbritannien die Zeichen der Zeit und begann seine Kolonien bzw. Mandatsgebiete schrittweise auf die Eigenstaatlichkeit vorzubereiten, um in Zukunft im Commonwealth einen indirekteren Einfluss auszuüben. Die USA verkündeten das Recht der afrikanischen Länder auf Selbstbestimmung und Demokratie. In Rwanda unterstützen die Belgier Bildung politischer Parteien, entsprechend der archaischen Gesellschaftstruktur entwickelte sich eine Hutu- und eine Tutsi-Partei. Es war klar, dass sich im Falle freier Wahlen eine erdrückende Mehrheit für die Hutu ergeben würde. Was immer sich dann aus der Republik Rwanda entwickeln würde, mit Demokratie hätte es wohl sehr wenig zu tun. Bis heute wurde der fatale Irrtum nicht eingesehen, dass das System der westlichen repräsentativen Demokratie einfach nur jeglicher beliebiger Gesellschaftsform übergestülpt werden kann.

Der Tutsi-König Matara III. von Rwanda starb 1959, sein Nachfolger wurde Kigeli V., der unter dem Einfluss radikaler Tutsi stand, die ihre Vormachtstellung durch gezielte Morde an prominenten Hutu-Führern durchsetzen wollten. Schließlich brach der Aufstand der Hutu wie ein Buschfeuer los, der auch auf das benachbartes Burundi übergriff. Ausländische Journalisten verglichen die Hutu-Revolte mit dem europäischen Bauernkrieg: nach hunderten Jahren Leibeigenschaft hackten die Hutu den langen Tutsi die Beine ab. „They were cutting them back to normal size“. Etwa 100000 Tutsi fielen den Massakern zum Opfer. In Rwanda und Burundi begann ein grausames Todespendel zu schlagen.

Die ersten freien Wahlen 1962 endeten mit einer überwältigenden Mehrheit der Partei „Parmehutu“, die Republik Rwanda wurde unabhängig. Ministerpräsident wurde der Hutu Gregoire Kayibanda, ein frommer Katholik, als Kommunistengegner genoss er die Unterstützung der USA und des Westens. Eine Tutsi-Guerilla verunsicherte nun eine Region im Osten Rwandas, gestützt auf Waffenlieferungen aus der UdSSR und China. Im Nachbarland Burundi hatten die Wahlen ein ähnliches Ergebnis zugunsten der Partei der Bevölkerungsmehrheit der Hutu ergeben. Nach der Unabhängigkeitserklärung weigerte sich der dortige „Mwami“ Mwambutsa jedoch, einen Hutu als Regierungschef zu akzeptieren, dabei stützte er sich auf seine Armee. Es kam zum Bürgerkrieg, Mwambutsa floh in Schweiz.

Nach mehreren blutigen Regierungswechseln holte die Tutsi-Militär-Junta 1972 zum großen Schlag aus: damit die Hutu nicht mehr über Wahlen an der feudalen Gesellschaftsordnung rütteln konnten, wurden 200000 Hutus der gebildeteren Schichten ermordet. Alle späteren internationalen Vermittlungsbemühungen um einen ethnischen Ausgleich scheiterten am abgrundtiefen Hass zwischen Hutus und Tutsis. Noch im Juni 1993 kam es auf internationalen Druck zu Wahlen in Burundi, welche die Hutu-Partei gewann, kurz danach wurde der bereits ernannte Hutu-Regierungschef Melchior Ndadaye durch revoltierende Tutsi-Militärs erschossen. Es kam zu einem Massaker an den Hutu, die Opferzahlen wurden die registriert, aber 400000 Hutus flohen nach Rwanda.

Völkermord in Rwanda: Zeugin Nummer Sieben (Teil 1)

by red.cloud

In Rwanda fand 1994 ein straff organisierter Völkermord statt. Binnen 2 Monaten starben etwa 800.000 Menschen, hauptsächlich Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsis und Hutu-„Verräter“. Sie wurden erschlagen von einem aufgehetzten Mob, ihren eigenen Nachbarn, Kollegen, Freunden und Ehepartnern. Die „kleinen“ Täter, etwa 130.000rwanda-map.jpg Hutus, die vielleicht nur 10-20 Menschen, ermordeten, wurden vor Dorf- und Kommunalgerichte vor Ort gestellt. Aufgabe des UN-Tribunals ist es, die politischen Führer und Organisatoren des Genozids zu ermitteln und zu verurteilen.

Das „UN Criminal Tribunal for Rwanda“ tagt in Arusha, einer Stadt im Nordosten Tanzanias. Die UN versucht hier seit 10 Jahren zu demonstrieren, dass Begriffe wie Menschenrecht, Gesetz und Zivilisation ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Doch mit jeder Zeugenaussage, jedem grauenhaften Detail, dass ans Licht gezerrt wird, sitzt auch die UN bzw. ihre Führungsnationen auf der Anklagebank. Das UN-Tribunal tagt im schwerbewachten „Arusha International Conference Center“. Die Gerichtsverhandlungen sind grundsätzlich öffentlich. Gegen Abgabe des Passes und nach einer Sicherheitskontrolle erhält man einen Besucherausweis, der einen begrenzten Zugang ermöglicht. Das Gericht tagt in einem Raum im nichtöffentlichen Teil des Gebäudes, man kann sich aber in den Presseraum setzen und durch große Glasscheiben und über Kopfhörer die Verhandlung verfolgen.

Ich gebe einen Teil der Zeugenanhörung wieder, wie ich sie mir mitschrieb (September 2005):

Anklägerin: „Madam Witness, wie erklären Sie sich, dass Ihnen nichts passierte?“
Zeugin: „Ich war nur Zeuge, wenn sie mich hätten töten wollen, hätten sie es getan.“
Anklägerin: „Woher konnten sie wissen, dass sie Sie nicht töten wollten?“
Zeugin:„Ich habe es Ihnen mehrmals erklärt…“
Anklägerin: „Sie haben Sie nicht angegriffen, weil Sie Hutu sind, ist das richtig?“

A: „Ihre Familie ist auch Hutu, war sie an dem Konflikt beteiligt?“
Z: „Ich war damals 15 Jahre alt…“

A: „Was passierte am 7. April, als der Präsident starb?“
A (zeigt Liste mit Namen): „Können sie diese Killer identifizieren?“
Z: (nennt Namen)

A: „Wer waren die Anführer?“
Z: „Ein großer, schwarzgekleideter Mann mit Sonnenbrille, ich hörte er lebe jetzt in Brazzaville.“
A. „Können Sie diese Namen auf diesem Papier lesen? Kennen Sie diese Person?“
Z: „Nein… kann den Namen nicht lesen…“
A: „Antworten Sie ja oder nein!“

Z: „Ich kenne drei Personen dieses Namens, aber ich weiß nicht, welche gemeint ist.“
A:„Ist Ihr Bruder eine dieser drei Personen mit diesem Namen?“
Z:„Ja…“

A: „Ich schreibe zwei Namen auf diesen Zettel… kennen Sie die Personen?“
Z: „Ich kenne 10 Personen diesen Namens und weiss nicht, welche gemeint ist.“
A: „Wie ist Ihre Beziehung zur Person Nummer zwei?“
Z: „Ich habe keine Beziehung zu ihm und kenne ihn nicht.“

A: „Sie kommen aus einem schönen Land, stimmen Sie zu?“
Z: „Verstehe die Frage nicht… es ist ein schönes Land und ich komme von daher.“
A. „Warum sind Sie jetzt nicht mehr dort?“
Z: „Ich verließ es vor langer Zeit…“

A: „Sie erzählten uns von Kindern, die in ihrem Heimatdorf Gishita getötet wurden. Welcher Stammeszugehörigkeit waren sie?“
Z: „Die Väter Tutsi und die Mütter Hutu.“
A: „Die Stammesangehörigkeit vererbt sich durch den Vater…? Wer waren die getöteten Frauen?“
Z: „Hutu, die mit Tutsi verheiratet waren.“

Richter: „Madam Witness, als Mikkas Kind am 9. April starb, waren Sie und Ihre Mutter da in seinem Haus?“
Z: „Ja, zwischen 6 p.m. und 8 a.m., wie viele andere Leute auch.“
A: „Hörten Sie von Übergriffen in dieser Zeit?“
Z: „Den anderen Leuten schenkte ich keine Aufmerksamkeit.“
A: „Verließen Sie diesen Haus zum Essen?“
Z: „Nein, Mikkas Frau brachte das Essen.“
A: „Sie kochte für all diese Gäste? Hatte Ihre Familie eine Beziehung zu der von Mikka?“
Z: „Nein, keine besondere Beziehung, Mikka war nur Nachbar.“

A: „Haben Sie das, was sie heute dem Gericht erzählt haben, schon jemandem anderen erzählt? Vielleicht einem den von Ihnen identifizierten Personen?“
Z: „Da waren zwei Männer, die mich besuchten, denen erzählte ich alles, was ich wusste, unterschrieb aber nichts…“
A: „Haben sie ihnen dies alles erzählt?“

Fakten und Hintergründe zum Rwanda-Genozid erscheinen im zweiten und dritten Teil der Serie in den nächsten Tagen.

Hintergrund: Die Wahlen in der DR Kongo (V)

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„Mzee“ Laurent Desiree Kabila, Präsident Kongos von 1997-2001 (Foto: CNN)

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Joseph Kabila (links), der gegenwärtige Ministerpräsident im Wahlkampf 2006 (Foto: BBC News)

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Das Ende des Kalten Krieges bedeutete auch für den afrikanischen Kontinent einen Epochenwechsel. US-Präsident Ronald Reagon gewann zwar den globalen Rüstungswettlauf mit der Sowjetunion und leitete damit ein neues Zeitalter mit den USA als letzter verbliebener weltweiten Hegemonialmacht ein, die in den 1980er Jahren nach oben schnellenden Rüstungsausgaben verteuerten aber die Zinsen auf den weltweiten Finanzmärkten. Eine Folge davon ist, dass die Staaten der Dritten Welt, die zum Zwecke des ohnehin gescheiterten Entwicklungskonzeptes der „nachholenden Entwicklung“ bzw. „nachholenden Industrialisierung“ bi- und multilaterale Kredite aufnahmen, nun mit einem Vielfachem der ursprünglichen Zinslast in der „Schuldenfalle“ stecken, aus der es kein Entrinnen gibt. Gab es zu Zeiten des Kalten Krieges für die neutralen Länder der Dritten Welt noch die Möglichkeit, sich diese oder jene Seite als Geldgeber auszuwählen (was sie jedoch oft genug mit „Stellvertreter-Kriegen“ auf ihrem Boden bezahlten), müssen v. a. die Länder des afrikanischen Kontinents einen Bedeutungs- und Interessenverlust seitens der industrialisierten Staaten hinnehmen – und sind als „Schuldnerländer“ von Forderungen der „Geberländer“ bzw. –organisationen abhängig. In der „neuen Weltordnung“ dominieren kurzfristige Gewinnmaximierungs-Interessen der Geber, wo früher das langfristige Ziel stand, Regionen der Dritten Welt nicht unter den Einfluss des jeweiligen anderen Blocks geraten zu lassen. Mit anderen Worten: Die Ressourcen Afrikas stehen nun unter dem Einfluss des globalen Turbokapitalismus.

In vielen afrikanischen Ländern erkannten ehemalige marxistische Rebellenführer die Zeichen der Zeit und mutierten zu „neoliberalen Reformdemokraten“, suchten und fanden die Unterstützung westlicher Geber, der Weltbank und des IWF und gaben ihre Länder zur rücksichtslosen Ressourcen-Ausbeutung frei. In der Region Ost- und Zentralafrika kam so ein verhängnisvoller Dominio-Effekt in Gang, der in 11 Jahren zwischen sechs und acht Millionen Menschenleben kosten sollte, Flüchtlingsströme angeahnter Ausmaße produzierte und eine altersschwache Diktatur zusammenbrechen liess. Yoweri Kaguta Museveni, Rebellenführer der ugandischen nationalen Widerstandsbewegung eroberte im Jahre 1986 die Hauptstadt Kampala, nachdem er 16 Jahre gegen den Despoten Idi Amin und die Präsidenten Milton Obote und Tito Okello gekämpft hatte. Er stabilisierte seine Herrschaft und leitete „marktwirtschaftliche“ Reformen ein und stand bald darauf im Fokus westlicher Entwicklungshilfe-Gelder. (Die Öffnung strukturschwacher einheimischer Märkte für hochentwickelte ausländische Importprodukte bedeutet nichts weiter, als dass lokale Produzenten in eine dauerhafte Schieflage des Marktes geraten). Als einer der engsten Vertrauten und Chef von Musevenis Geheimpolizei tat sich Ende der 1980er Jahre der rwandische Exilant Paul Kagame hervor, ein Sproß einer alten Tutsi-Adelsfamilie, die nach Übernahme der Herrschaft durch die Hutu-Bevölkerungsmehrheit im traditionell zwischen Hutu-Unterschicht und Tutsi-Oberschicht gespaltenen Nachbarland Rwanda geflohen war. Paul Kagame war in den USA ausgebildet worden, seine gute Ausbildung traf auf strategisches Talent und unter seiner Führung entwickelte sich die von Uganda aus operierende, einstmals marxistische und von der Sowjetunion und China unterstützte „Patriotic Front of Rwanda (PFR)“ zu einer der besten Truppen Zentral-/Ostafrikas.

1992 startete die PFR unter Kagame ihre Invasion Rwandas von Uganda aus. Die PFR war den Regierungstruppen Rwandas zwar zahlenmäßig weit unterlegen, aber viel besser ausgebildet, bewaffnet und geführt. Obwohl französische Fallschirmjäger mehrmals an der Seite der rwandischen Regierungstruppen in die Kämpfe eingriff, wurde schnell deutlich, dass der „Marsch“ der PFR auf die rwandische Hauptstadt Kigali nicht aufzuhalten war. Die UNO schaltete sich ab 1993 ein und handelte immer neue Waffenstillstandslinien aus – das von der PFR kontrollierte rwandische Gebiet wuchs jedoch. Die Hutu-Regierung Rwandas wusste, ihre Tagen waren gezählt. Kurz zuvor (1991) hatte das reaktionäre Tutsi-Militärregime in Rwandas „Zwillingsstaat“ Burundi ein Massaker an 10.000enden Hutus begangen. Die Flüchtlinge drängten nach Rwanda. Die Hutu-Führungsschichten stachelte die Bevölkerung auf, die sich in klaustrophobischer Spannung zwischen zwei Fronten befand. Ein Pulverfass. Dann wurde am 06.04.1994 das Flugzeug, mit dem Hutu-Präsident Habyarimana von UNO-Vermittlungsgesprächen in Tanzania zurückkehrte, bei Anflug auf Kigali abgeschossen. Angeblich von SAM 16-Luftabwehrraketen, die aus der Kriegsbeute der USA aus dem ersten Krieg gegen den Irak in die Hände der Tutsi gelangten. An diesem Tag begannen die von der extremistischen Hutu-Führungselite um die Frau Habyarimanas ursprünglich aus Fußballclubs gebildete „Interahamwe“-Miliz mit dem Genozid an der Tutsi-Minderheit im Land. Innerhalb von drei Monaten schlachteten Hutu-Rassisten schätzungsweise 800.000 Tutsis – ihre eigenen Nachbarn, Kollegen, Freunde und Ehegatten – ab.

Die UNO war mit 8.000 Soldaten in Rwanda stationiert und sah tatenlos zu. Der damalige UNO-Sicherheitsbeauftragte Kofi Annan hatte den Soldaten keinen Schießbefehl erteilt und „Einmischung in innere Angelegenheiten“ verboten, weil vor allem US-Präsident Clinton sich weigerte, die Geschehnisse als „Genozid“ zu bezeichnen. Die Einstufung als „Genozid“ hätte die UNO nach eigener Charta zum Eingreifen gezwungen – offizielle Sprechweise war daher: „Akte von Genozid“. In den Sog dieser Krise geriet auch das ungleich größere Nachbarland des Zwergenstaates Rwanda, Kongo-Zaire. Der damalige Militärdiktator Mobutu war mit dem Hutu-Staatspräsidenten von Rwanda, Habyarimana, verbündet. Im Mai und Juni stiess die PFR nach Kigali vor, tötete und vertrieb die „Interahamwe“-Milizionäre, die vielfach nur mit Macheten aus chinesischer Produktion ausgestattet waren. Schätzungsweise zwei Millionen Hutu-Zivilisten, unter denen sich zahlreiche „Interahamwe“-Milizionäre verbargen, flüchteten vor der Rache der PFR und fluteten in das Nachbarland Kongo-Zaire.

Im Kongo kamen die Hutu-Flüchtlinge in UNO-Flüchtlingslagern unter, die sich bald zu regelrechten Großstädten im Dschungel entwickelten. „Wie ein monströser Krebs wuchsen die einzelnen Lager zusammen und wucherten in das Fleisch von Ost-Zaire.“ (Michaela WRONG, US-amerikanische Journalistin im Kongo). UNO-Gelder sorgten für einen relativen Wohlstand der Lager im Vergleich zur ärmlichen Umgebung. Die „Interahamwe“ entwickelte sich bald zu einer kriminellen Führungsschicht innerhalb der Lager und unternahmen auch wieder Vorstöße auf rwandisches Territorium. In Rwanda hatte mittlerweile Oberst Paul Kagame, der PFR-Führer, die Macht ergriffen. Die Tutsi-Soldaten marschierten, unterstützt vom verbündeten ugandischen Präsidenten Museveni, auf kongolesisches Gebiet vor und vernichteten die „Interahamwe“, zwischen den Fronten starben auch über 500.000 unschuldige Hutu-Zivilisten. Darüber hinaus, erbost über die Unterstützung der Hutus durch Teile der kongolesischen Regierung, stellten sie dem kongolesischen Rebellenführer Laurent Kabila Soldaten und Waffen zur Verfügung. Kabila, der ehemalige „Simba“-Rebell, begann nun seinerseits den „langen Marsch“ auf die Kongo-Hauptstadt Kinshasa, um den todkranken DikatorMobutu, der die Kontrolle über seine Regierung und Armee längst entglitten war, zu stürzen.

Kabilas Rebellenbewegung ADFL („Allied Democratic Forces for a Liberation of Kongo-Zaire“) erreichte Kinshasa 1997 und übernahm das führungslos gewordene Land beinahe kampflos.Mobutu floh nach Marokko und starb zwei Monate später an Prostatakrebs. Laurent Kabila ernannte sich zum Präsidenten. Seine Koalition mit Uganda und Rwanda zerbrach, deren Armeen blieben jedoch im Ost-Kongo und kämpften gegeneinander um das rohstoffreiche Land. Kabila rief die Rebellenbewegung „Unita“ zu Hilfe – die nun ebenfalls in Kongobecken einmarschierte und es als Rückzugsbasis und zur Finanzierung ihrer Aktivitäten in Angola nutzte – daraufhin marschierten angolanische Regierungstruppen ebenfalls in den Kongo ein. Laurent Desire Kabila wurde 2001 von einem Angehörigen seiner eigenen Leibwache erschossen. Die Macht übernahm sein erst 29 Jahre alter Pflegesohn Joseph Kabila. Dieser wird beispielsweise von Simbabwes Staatschef Robert Mugabe und dem angolanischen Präsidenten dos Santos protegiert.

Im kongolesischen „Bürger“-Krieg von 1998-2003 kämpften ugandische, rwandische, angolanische Truppen, Paras der Rebellenbewegung „Unita“, Einheiten aus Simbabwe sowie versprengte Reste der „Interahamwe-Miliz“. Vier Millionen Zivilisten, Hutu-Flüchtlinge und kongolesische, mit den Tutsi verwandte Tribes sollen zwischen den Fronten umgekommen sein. Seit dem Jahr 2000 stehen zusätzlich ca. 17.000 UNO-Soldaten im Kongo. Im Jahre 2003 handelte die UNO einen fragilen Waffenstillstand aus und die ausländischen Truppen zogen sich – offiziell – zurück, üben aber nach wie vor Kontrolle durch diverse Rebellenbewegungen aus. US-Außenministerin Madeleine Albright bezeichnete die Ereignisse der vergangenen acht Jahre in Ost-/Zentralafrika als „afrikanischen Weltkrieg“. Das wirtschaftliche Rückrat dieses bestialischen Ausbeutungskrieges, der in vielem an den 30-jährigen Krieg erinnert, bildeten die natürlichen Ressourcen des Kongo: Gold, Diamanten, Kupfer, Uran, Coltan… Und von diesen profitierten u. a.:

De Beers – Diamantenhandel; Anglo-American – Diamantenhandel; American Diamonds – Diamantenhandel; Umicore – Nachfolgegesellschaft der Bergbaufirma „Union Miniere de Haut Katanga“; American Mineral Fields International – Bergbaufirma; Broken Hill – Bergbaufirma; Lundin Group – Bergbaufirma

 

Literatur zum Thema:

Fritz Jarschel: „Lumumba – der Kongo zwischen Kolonialismus und Unabhängigkeit; Zeitbiographischer Verlag – Kreuzweingarten/Rheinland 1965“

Thomas Kacza: „Die Kongo-Krise 1960-1965; Centaurus-Verlagsgesellschaft Pfaffenweiler 1990“

 

Peter Scholl-Latour: „Afrikanische Totenklage – der Ausverkauf des schwarzen Kontinents“; C. Bertelsmann Verlag München 2001

 

Michaela Wrong: „Auf den Spuren von Mr. Kurtz – Mobutus Aufstieg und Kongos Fall“ Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann Berlin 2002

Hintergrund: Die Wahlen in der DR Kongo (IV)

mobutu_sese_seko.png „Marschall“ Mobutu Sese Seko, Militärdiktator Kongo-Zaires bis 1997

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Mit dem Tod Lumumbas und Hammarskjölds änderten sich einige die Vorzeichen der am Kongo-Konflikt beteiligten Akteure: Wir schreiben den Dezember 1961. Die UNO-Mission im Kongon dauerte seit fast zwei Jahren an und bedeuteten ein riesiges Finanzdefizit für die Organisation, da der Kongo-Staat ohne die Einnahmen aus der ressourcenreichen Seperatisten-Provinz Katanga nicht überlebensfähig war und somit die UNO mittlerweile sogar für die Soldzahlungen an die kongolesische Armee aufkommen musste. Andererseits froren die Ostblockstaaten, allen voran die Sowjetunion, die Zahlungen ihrer Mitgliedbeiträge ein. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, erhielt deshalb alle Vollmachten sowie Kredite, Waffenlieferungen und politische Unterstützung seitens der USA, die Sezession Katangas endgültig und ein für alle mal militärisch zu beenden. In den USA hatte die Administration des neuen Präsidenten John F. Kennedy den harten Kurs Eisenhowers gegen Staaten der „3. Welt“, die angeblich oder tatsächlich drohten, in den Einflussbereich der Sowjetunion zu geraten, nicht fortgesetzt. Damit wurde von der UNO endlich umgesetzt, was Lumumba ursprünglich verlangt hatte: Die Beendigung der belgischen Agression: Des Einmarsches Belgiens in Katanga, die dort das Marionetten-Regime Tshombes errichtet hatten. In Belgien selbst war die konservative Regierung im Gefolge von Massenstreiks zurückgetreten und durch eine sozialdemokratische ersetzt worden. Die Massenstreiks waren durch Steuererhöhungen ausgelöst worden, die die Haushaltsschieflage ausgleichen sollten, die durch die wegbrechenden Einnahmen aus dem Verkauf kongolesischer Ressourcen ausgelöst worden war. Zwar hielt Belgien seinen Einfluss auf die ressourcenreiche Provinz Katanga aufrecht, der Krieg zwischen UNO-Soldaten, Lumumba-Anhängern, Mobutus Armee, den Tribes der Lunda und Baluba und den Freischärlern Katangas zerstörte auch hier die wirtschaftliche Infrastruktur.

Die neue, gemäßigte belgische Regierung zog zwar ihre regulären Soldaten ab, „Präsident“ Moise Tshombe und seiner Hintermänner (einer davon war der ehemalige belgische Major und ehemalige Angehörige der wallonischen Waffen-SS, Guy Weber) warben jedoch Söldner aus aller Herren Länder an, die den zahlenmäßig und militärisch überlegenen UNO-Truppen lange Widerstand leisteten. Unterdessen war das Pro-Lumumba-Regime, welches Antoine Gizenga in Stanleyville (Provinz Orientale) installiert hatte, unter den Einfluss des Ostblocks und v. a. Chinas geraten. Auch ein gewisser Che Guevarra tauchte in dieser Zeit im Kongo auf, um an der Seite der Rebellen zu kämpfen, verzog sich aber nach nur einigen Monaten wieder – tief verstört von Mentalität und Methoden der kongolesischen „Dschungelkrieger“. Die sogen. Simba-Rebellen unter ihrem Führer Gaston Soumialot verschmolzen den sich entwickelnden Lumumba-Mythos, die Agitation chinesischer „Volkskommissare“ und traditionelle religiöse Versatzstücke zu einer Art „Steinzeit-kommunistischer“ Ideologie, welche in Terror gegen die Zivilbevölkerung pervertierte, die stark an Robespierre erinnert. Einer der Führer der Simba-Rebellen war der junge Laurent Desiree Kabila. Die „Simbas“ terrorisierten den Norden des Landes bis 1966, tauchten während der 1970er und 80er Jahre immer wieder sporadisch auf, bis sie schließlich, Mitte der 90er Jahre mit Laurent Kabila an der Spitze und rwandischer und ugandischer Unterstützung, ihren „langen Marsch“ auf die Hauptstadt Kinshasa (früher: Leopoldville) antraten, um endgültig die Macht zur übernehmen. Da hiessen sie dann ADFL: „Allied Democratic Forces for the Liberation of Kongo-Zaire“

Die UNO zog sich 1964, nach Beendigung der Sezession Katangas und dem Rücktritt Tshombes aus dem Kongo zurück. Staatspräsident Kasawubu, der den ganzen Kongo-Konflikt aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit überstanden hatte, vollzog erneut einen geradezu grotesk anmutenden Schwenk und ernannte Moise Tshombe zum Ministerpräsidenten des Kongo. Im Dezember 1965 putschte sich Joseph Desiree Mobutu endgültig an die Macht. Seine Militärdiktatur sollte 32 Jahre lang halten. Die Wiederherstellung der Stabilität brachten Mobutu zunächst eine ungeheure Popularität in der Bevölkerung, im Lauf der nächsten Jahre wandelte er sich aber in einen unumschränkten Despoten, der von seiner eigenen Popularität überzeugt und von Ja-Sagern umgeben war. Später – im Zuge seiner afrikanischen „Authenticite“ – Bewegung nahm er den Namen „Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu Ka Za Banga“ an: „Mobutu, der allmächtige Krieger, der von Sieg zu Sieg schreitet und eine Feuerspur hinter sich lässt“; „der große Leopard“; „der große Hahn, der keine Henne unbestiegen lässt“ und benannte den Kongo in „Zaire“ um. Dieser Mann wurde von den USA, vom IWF und der Weltbank 32 Jahre lang unterstützt. Er etablierte eine System einer absolutistischen, despotischen Staats-Korruption, einer Kleptokratie, die den Kongo, eines der an Ressourcen reichsten Länder der Erde, in beispielloser Art ausblutete und erwies sich als völlig unfähig, seinen Staat auf irgendeine volkswirtschaftliche Grundlage zu stellen.

Der fünfte und letzte Teil der Serie: Zeitenwende +++ Nachbeben eines Völkermords +++ Kongolesischer Bürgerkrieg oder „afrikanischer Weltkrieg“?

Hintergrund: Die Wahlen in der DR Kongo (III)

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Patrice Emergy Lumumba, letzter frei gewählter Ministerpräsident der DR Kongo

 

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Dag Hammarskjöld, UNO-Generalsekretär bis 1961

 

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Die Mannschaftsstärke der UNO-Friedenstruppen betrug bald 16.800 Mann. Grundlage aller UNO-Operationen im Kongo waren drei Resolutionen des Weltsicherheitsrates vom 14.07., 22.07. und 09.08.1960: UNO-Truppen sollten Ordnung und Gesetz im Kongo wiederherstellen, ihr Mandat gab den UNO-„Blauhelmen“ aber nur beschränkte Vollmachten, es liess keine „Einmischung in innere Angelegenheiten des Kongo“ zu. Was sollte dies bedeuten angesichts der Intervention fremder Mächte im Land? Lumumba und die Zentralregierung erwarteten von der UNO, dass sie die belgischen Soldaten nach Hause schickte und die Sezession Katangas beende. Lumumba bemühte sich indessen auch weiter um Unterstützung aus den USA. Mit dem US-amerikanischen Großinvestor Louis Edgar Detwiler hatte er einen 50-Jahresvertrag über 8,2 Mrd. US$ für Investitionen in Bildung, Technik und Verwaltung ausgehandelt („Congo International Management Corporation CIMCO“). Auf östliche Offerten war er dagegen bislang noch nicht eingegangen. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich unterdessen immer weiter. Bis Ende Juni 1960 waren 7 Mrd. 74 Mio. belgische Francs Kapital aus dem Kongo abgezogen und nach Belgien und andere Länder transferiert worden.

Generalsekretär Hammarskjöld erklärte vor dem UNO-Sicherheitsrat, die Anwesenheit belgischer Truppen im Kongo sei die Hauptgefahrenursache und forderte deren sofortigen und bedingungslosen Abzug aus dem Kongo. Der „Präsident“ der „Republik“ Katanga, Tshombe verkündete die allgemeine Mobilmachung und erklärte in einer Rundfunkansprache: „Wir werden lieber sterben, als von fremden Truppen besetzt zu werden.“ Katanga verfügte nach dem Zerfall der „Force Publique“ noch über 1000 Soldaten, welche von den Belgiern mit modernen Waffen ausgerüstet worden waren.

Am 12.08.1960 flog Hammarskjöld mit zwei Kompanien schwedischer UNO-Soldaten nach Elisabethville und wurde am Flughafen von Tshombe mit militärischen Ehren empfangen. Unerklärlicherweise schritt Hammarskjöld die Ehrenkompanie ab und grüßte sogar die Fahne des völkerrechtlich nicht anerkannten Katanga. Die Verhandlungen ergaben, dass die Armee und Polizei von Katanga ihre Waffen behalten dürften und die Kontrolle über „innere Angelegenheiten“ behielten.

Am 15.08.1960 forderte Lumumba schriftlich von Hammarskjöld, alle kongolesischen Flughäfen unter kongolesische oder andere afrikanische Kontrolle zu stellen, die Beschlagnahmung der belgischen Waffen in Katanga, sowie die Entsendung neutraler Beobachter, die die Anwendung der UNO-Sicherheitsrats-Beschlüsse überwachen sollten Auf dieses „Misstrauensvotum“ gegen die UNO erhielt Lumumba keine Antwort. Dies erzürnte ihn so, dass er von kongolesischen Soldaten Haussuchungen und Verhaftungen unter Europäern in Leopoldville durchführen liess, auch solchen mit UNO-Armbinde – ein schwerer Verstoß gegen internationales Recht. Zudem erklärte Lumumba, dass er sich notfalls auch an den Ostblock wenden werde, um Unterstützung zu erhalten, da die UNO „ihrer Aufgabe nicht nachkomme“. Dies dürfte sein entscheidener politischer Fehler gewesen sein – in der damaligen weltpolitischen Lage, in der der „kalte“ Krieg zwischen Ost- und Westblock jederzeit „heiss“ werden konnte.

Am 05.09.1960 änderte Staatspräsident Kasawubu seine Linie und erklärte im Radio Ministerpräsident Lumumba für abgesetzt. Der Generalstabschef und einstige enge Vertraute Lumumbas, Mobutu, sah sich in Loyalitätskonflikten. Er wurde bald darauf vom CIA-Agenten Larry Devlin angeworben, der ihm wiederholt Finanzmittel zur Befriedigung der Soldforderungen seiner Truppen zur Verfügung stellte. (Diese Tatsachen stützen sich sowohl auf Äußerung Devlins selbst, als auch auf den Bericht der ‚Leavenworth Commission’ an die US-Senatskommission zur Überwachung geheimdienstlicher Aktivitäten. Darüber hinaus belegt dieser Bericht, dass Präsdent Eisenhower Mitte August 1960 persönlich die Beseitigung Lumumbas anordnete. Zu diesem Zweck wurde Devlin ein Gift geliefert. Zu dessen Anwendung kam es jedoch nicht mehr.) Mobutu und Kasawubu positionierten sich prowestlich – während Lumumba und die Minister der MNC-Lumumba neutralistisch und antikolonialistisch eingestellt waren und damit – in den einfachen Denkschemata des Kalten Krieges – in die Nähe des Ostblocks rückten. Am 07. und 08.09.1960 bestätigten Unterhaus und Senat Lumumba im Amt und widersprachen damit Staatspräsident Kasawubu. Irgendwann in diesen Tagen musste in der UNO-Führung die Entscheidung gefallen sein, den aus rechtmäßigen, allgemeinen Wahlen hervorgegangenden Ministerpräsidenten zu entmachten. Über die Gründe für diesen grotesken Bruch des Völkerrechts durch die UNO kann nur spekuliert werden. UNO-Einheiten marschierten in Leopoldville ein, besetzten alle Rundfunkstationen und verbot alle Sendungen der Regierung. Wir erinnern uns, dass das UNO-Mandat eine „Einmischung in innere Angelegenheiten“ des Kongo nicht zuließ.

14.09.1960 entmachtete Mobutu Kasawubu und Lumumba in einem unblutigen Staatsstreich, setzte einen „Rat der Kommissare“ ein und verwies alle Ostblock-Diplomaten des Landes – Kasawubu kehrte kurz darauf auf seinen Posten als Staatspräsident zurück. Mobutu liess am 21.09.1960 alle Regierungsämter, das Polizeipräsidium und Radio Leopoldville besetzen, die UNO-Truppen zogen sich zurück.

Soldaten Mobutus zogen zum Amtssitz Lumumbas, welcher sich nur durch die Flucht in die Kaserne „Leopold II.“ vor dem Tod retten konnte. Er stellte sich unter Schutz der ghanesischen UNO-Brigade. Mobutu forderte am 26.09. gegenüber dem UNO-Sonderbeauftragten Dajal und dem UNO Oberkommandierenden von Horn den Abzug der ghanesischen und guinesischen UNO-Einheiten. Sein Staatsstreich wurde von Kasawubu persönlich legitimiert, mit der Amtseinführung der neuen Regierung in seinem Amtssitz – anwesend waren nur diplomatische Vertreter von 17 pro-westlichen Nationen. Die Lage in dem zersplitterten und führungslosen Kongo versclimmerte sich. Neben der „Republik“ Katanga hatte sich mit Unterstützung der belgischen Bergbaugesellschaft „Forminiere“ in Süd-Kasai ein weiterer „Staat“ abgespalten, hier regierte der 32-jährige frühere Buchhalter und jetzige „Gott-König“ Albert Kalonji; in Stanleyville, der Hauptstadt der Provinz Orientale, rief der Lumumba-Anhänger Antoine Gizenga wenig später ein Gegenregime aus. Kein Politiker kümmerte sich indes um die Lage der Menschen. Der UNO-Sonderbeauftragte Dajal: „Malaria-Erkrankungen unter der Bevölkerung sind sprunghaft in die Höhe geschnellt. Es besteht die Gefahr einer Pest- und Pockenseuche. Nur 50 von 400 Krankenhäuser im Kongo sind noch arbeitsfähig.“

Ende 1960 versuchte Lumumba mit Hilfe ghanesischer UNO-Soldaten ein letztes Mal an Macht und Einfluss zu gewinnen. Seine schwarze Limousine durchbrach den Kordon von Mobutus Soldaten und raste Richtung Luluabourg. Von dort aus wollte er nach Stanleyville fliegen, um sich mit seinem ehemaligen Stellvertreter Gizenga zu verbünden. Nach vier Tagen und 1300 km Flucht stoppten Mobutu-Elitesoldaten Lumumba, er und seine Begleiter wurden schwer misshandelt. Der Ex-Ministerpräsident wurde im Triumph auf offenem Armeelastwagen durch Leopoldville gefahren – geschlagen, mit Gewehrkolben traktiert und eingesperrt. Der ägyptische Präsident Nasser drohte, die UNO-VAR-Truppen offiziell an der Seite der pro-Lumumba-Truppen kämpfen zu lassen. Der UNO-Beauftragte Dajal nahm offen für Lumumba Partei. Am 04.01.1961 traf Hammarskjöld in Leopoldville zu einer Inspektionsreise ein – am Flughaufen schrien mehrere 1000 Kongolesen „Freiheit für Lumumba!“ Hammarskjöld erklärte öffentlich, der „absolut unmögliche Herr Lumumba“ müsse wohl bald wieder eingesetzt werden, um einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Die Schaukelpolitik der UNO hatte im großen Maße zur Destabilisierung des Kongo beigetragen. Der britische „Observer“ berichtete unter der Überschrift „Die UNO beginnt sich dem Chaos im Kongo anzupassen“: „Die UNO scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und passt sich den Bedingungen im Kongo geschickt an. Hinsichtlich ihrer chaotischen Führung ist sie von den einheimischen Politikern bereits kaum noch zu unterscheiden […]“ Am 13.01.1961 verhandelten Mobutu und Kasawubu mit dem in Camp Hardy in Thysville inhaftierten Lumumba – sie boten ihm einen hohen Posten in ihrer Regierung an – gegen Straffreiheit. Lumumba lehnte das ab und beharrte auf der Wiedereinsetzung des Parlaments, dass ihn als Ministerpräsidenten bestätigen sollte. Kasawubu war bereit, diese Bedingungen zu akzeptieren, der alte Weggefährte Mobutu dagegen nicht. Die Macht Mobutus schien ihm unter den Händen zu zerschmelzen, selbst seine eigenen Soldaten meuterten und fügten ihrer traditionellen Forderung nach mehr Sold die Forderung nach Freilassung Lumumbas hinzu.

Am 17. Januar 1960 vermeldete die Regierung Kasawubus und Mobutus, Patrice Lumumba und zwei seiner Mitstreiter werden aus der Kaserne Thysville nach Elisabethville in Katanga verlegt. Ein Flugzeug war im Morgengrauen von Leopoldville gestartet. Mobutu und Kasawubu wollten Lumumba unbedingt loswerden. Der Innenminister Katangas nahm die drei „wertvollen Pakete“ in Empfang. Aus dem Inneren des Flugzeugs wurden drei japsende, blutige Bündel Leben gezerrt. Die drei Gefangenen waren von den Wach-Soldaten Mobutus mit Gewehrkolben fast zu Tode geprügelt worden. Unmittelbar nach der Landung in Katanga gab der belgische Hauptmann Julien Cat Lumumba den Gnadenschuss, seine Leiche wurde zerstückelt und in einer Grube mit ungelöschtem Kalk versenkt. Tshombe hatte Lumumba nicht entgegennehmen wollen, aber sein Innenminister Munongo war ihm zuvorgekommen. Man bastelte an einem Täuschungsmanöver: Am 13.02.1961 verlautbarte die katangesische Regierung, Lumumba sei tot, er sei nach einem Fluchtversuch von empörten Dorfbewohnern im Dschungel erschlagen worden. Katanga-„Innenminister“ Munongo erklärte: „Ich will offen reden. Die Leute werden uns beschuldigen, ihn ermordet zu haben. Ich sage: Beweist es!“ Schwedische UNO-Soldaten hatten bereits bei der Ankunft Lumumbas in Elisabethville schwere Mißhandlungen beobachtet – ohne einzugreifen.

Auch die internationalen Reaktionen auf die Ermordung Lumumbas zeugen von einer großen Uneinigkeit über seine Person. Chruschtschow: „Die Welt wird blutiges Verbrechen der belgischen Kolonialisten nicht vergessen.“ Nehru: „Der Mord wurde von Leuten in verantwortlichen Stellungen verübt.“ Kennedy: „Nachricht ist ein großer Schock.“ Das belgisches Finanzblatt „L’Echo de la Bourse“: „So wünschenswert man die Beseitigung Lumumbas auch finden kann, sie kommt zu sehr schlechtem Zeitpunkt.“

Am 21.02.1961 beschloss der UNO-Sicherheitsrat, Hammarskjöld alle nötigen Vollmachten zur Beendigung des Bürgerkrieges im Kongo zu geben. Hammarskjöld flog in die katangesische Stadt Ndola, um mit Tshombe zu verhandeln. Am 17.09.1961 um 18.20 Uhr startete UNO-DC 6 B von Leopoldville, um nach Ndola zu fliegen. Um 0.12 Uhr erreichte das Flugzeug Ndola, flog aber ohne ersichtliche Ursache eine Schleife Richtung Norden, 50 km nördlich von Ndola stürzte das Flugzeug brennend vom Himmel, nur ein Leibwächter Hammarskjölds überlebte. Ob es sich um einen Anschlag handelte, konnte nie geklärt werden.

 

 

Lesen Sie im vierten Teil: Politische Vorzeichen ändern sich +++ Che Guevarra und „Robespierre“ im kongolesischen „Dschungel“krieg +++ „Der große Leopard“ erreicht die absolute Macht

Hintergrund: Die Wahlen in der DR Kongo (II)

 

 

 

 

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Belgische Fallschirmjäger in Katanga; Juli 1960 (Quelle: www.lubumbashi.be)

 

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Bei den ersten und bis heute letzten freien Wahlen im Kongo (Hinweis: Zwei Länder tragen den Namen des Kongo-Flusses. Kongo-Kinshasa, das ehemalige Belgisch-Kongo, nennt sich „Demokratische Republik Kongo“ und das ungleich kleinere Nachbarland Kongo-Brazzaville, die ehemalige französische Kolonie, „Republik Kongo“), die von April bis Mai 1960 abgehalten wurden, errang die MNC mit ihrem Parteichef Lumumba eine einfache Mehrheit von 33 von insgesamt 137 Sitzen im Unterhaus des Parlaments. Das Unterhaus des Parlaments bestand aus landesweit gewählten Abgeordneten von 14 Parteien, im Oberhaus (Senat) saßen dagegen die Vertreter der Regionalregierungen der sechs Kongo-Provinzen. Entsprechend dominierten die regionalen Tribe-Parteien zwar den Senat, Lumumba gelang jedoch die Aufstellung einer Koalitionsregierung, die 74 von 137 Mandate im Unterhaus und 60 von 84 Stimmen im Senat erreichte. Er selbst wurde zum Ministerpräsidenten und Verteidigunsminister gewählt, Staatspräsident wurde jedoch sein Rivale Joseph Kasawubu.

Kurz nachdem die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit des Kongo abgeschlossen waren, begann der Kampf um den Einfluss auf die 25.000 Mann starke belgische Kolonialarmee „Force Publique“, des wichtigsten Machtinstruments des neuen, nicht zivilgesellschaftlich verankerten Staates. Der Verteidigungsminister Lumumba kämpfte gegen den belgischen Einfluss, der von den weißen Offizieren und dem kommandierenden General Emile Janssen beherrschten Truppen. Bereits seit 1959 waren belgische Kapitalien in der Größenordnung von Milliarden belgischer Francs aus dem Kongo abgezogen worden, die Bergbaugesellschaft „Union miniere de Haut Catanga“ etwa schüttete 1959 Dividenden auf jede Aktie von 34 % aus, um so Kapital ins Ausland zu bringen. Die wirtschaftliche Grundlagen der neuentstandenen Kongo-Republik waren unterhöhlt. Die schwarzen Soldaten der unteren Ränge der „Force Publique“ forderten höheren Sold und Möglichkeiten zur Beförderung, dies lehnte General Janssen ab, der bei einem Briefing seiner Soldaten „Nach der Unabhängigkeit = Vor der Unabhängigkeit“ an die Tafel schrieb.

Am 07. Juli 1960 kam es zu einer landesweiten Meuterei der einfachen Soldaten der „Force Publique“. Der Aufstand erfasste die Kaseren in Thysville, Stanleyville, Elisabethville und Matadi, die enthemmte Soldateska zog durch die Straßen und überfiel Schwarze und Weisse, auch Leopoldville war bald von Soldaten besetzt. Die westliche Presse berichtete unter Schlagzeilen wie: „Neger-Meuterer jagen und schänden weiße Frauen“ (BILD Zeitung Hamburg 09.07.1960) und trug damit zu einer panischen Massenflucht von Belgiern und ihrem Kapital bei. Dass Zentren des Aufstandes in 1000 Kilometer voneinander entfernten Landesteilen lagen, nahm der zeitgenössische Autor Fritz JARSCHEL zum Anlass für die Vermutung, dass die Unruhen von den belgischen Offizieren provoziert wurden: Das Nachrichtenwesen lag selbstverständlich in den Händen der Offiziere. Staatspräsident Kasawubu und Ministerpräsident Lumumba entliessen General Janssen und benannten die „Force publique“ in ‚nationale Streitkräfte’ um. Generalstabschef wurde der ehemalige Gedreite und enge Vertraute von Patrice Lumumba, Joseph-Desire Mobutu. Ihm gelang es durch Vesprechen höheren Soldes, die Meuterer vorläufig in die Kasernen zurückzuschicken.

Am 10. Juli 1960 landeten 1.000 belgische Fallschirmjäger in Elisabethville der Hauptstadt der Katanga-Provinz, bis zum 15. waren etwa 10.000 belgische Soldaten im Land. Belgien müsse seine Staatsbürger und ihr Eigentum schützen, erklärte die belgische Regierung. Am 11. Juli 1960 rief Moise Tshombe, der Chef derLunda-Tribe-Partei CONAKAT, den Seperatstaat „Republik Katanga“ aus. In seiner „Regierungserklräung“ bat er Belgien die Gewährung technischer, finanzieller und militärischer Hilfe und bemühte sich (ohne Erfolg) um die internationale Anerkennung. Die belgischen Truppen übernahmen den Schutz der Einrichtungen der Bergbaugesellschaft „Union Miniere de Haut Catanga“. In Katanga blieb der koloniale Verwaltungsapparat in Takt, die belgischen Beamten kehrten nach kurzer Abwesenheit zurück.

Mit der Sezession Katangas verlor der Kongo-Staat auf einen Schlag den größten Teil seiner vermarktbaren Bodenschätze und damit die finanzielle Grundlage des Staatshaushaltes. Staatspräsident Kasawubu und Ministerpräsident Lumumba schickten am 12.07.1960 ein Telegramm an den UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, mit der Bitte um eine Intervention der UNO im Kongo, da nach UNO-Charta das militärische Eingreifen Belgiens den Tatbestand der Aggression erfüllte. Nach Beschluss des UNO-Sicherheitsrates vom 14.07.1960 landeten UNO-Polizeitruppen neutraler (blockfreier) und afrikanischer Staaten unter Kommando des Schweden Carl von Horn bereits einen Tag später im Kongo.

 

 

Lesen Sie morgen den dritten Teil der Serie: Die UNO bricht das Völkerrecht und die eigenen Resolutionen +++ US-amerikanische und belgische Mordpläne gegen Lumumba +++ Lumumbas Tod und der Tod des UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld

Hintergrund: Die Wahlen in der DR Kongo (I)

 

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Am Sonntag, 30. Juli, sind Wahlen im Kongo. Es sind die erste freien Wahlen des Ministerpräsidenten und der beiden Kammern des Parlaments seit 46 Jahren, seit 1960, als die „Demokratische Republik“ Kongo von Belgien unabhängig wurde. Damals hieß der Gewinner der Wahl und damit der erste und bis heute einzige frei gewählte kongolesische Ministerpräsident Patrice Emergy Lumumba. Der sogenannte Unabhängigkeitsprozess des Belgisch-Kongo von der Kolonialmacht erwies sich von Anfang an als Farce. Noch 1955 war in Belgien ein „30-Jahres-Plan zur politischen Emanzipation Belgisch-Afrikas“ ausgearbeitet worden. Unter dem Druck der neuen, bipolaren Nachkriegsordnung sahen sich die alten europäischen Kolonialmächte veranlasst, ihre Kolonien schnell in die Eigenstaatlichkeit zu „entlassen“. Vor allem die USA als neuer Hegemon des westlichen Blocks suchte die europäischen Bündnispartner in diese Richtung zu drängen. Die afrikanischen Kolonien, die überwiegend als willkürliche territoriale Zusammenfassungen auf dem europäischen „Reißbrett“ (wie auf der Berliner Afrika-Konferenz 1885) entstanden waren, wurden innerhalb weniger Jahre zu neuen Staaten. Besonders überstürzt und unvorbereit wurde Belgisch-Kongo unabhängig – der Prozess spielte sich im wesentlichen während des Jahres 1960 ab. Ein Argument hierfür trug später der stellvertretende UNO-Generalsekretär Ralph Bunche vor, der erklärte: „Kein Volk ist jemals so schlecht auf die Unabhängigkeit vorbereitet worden. Ungeheuerlich, dass von 14 Mio. Kongolesen nur 17 eine akademische Ausbildung haben.“

Von Januar bis Februar 1960 fand in Brüssel eine Konferenz zwischen belgischen Regierungsvertretern und Führern kongolesischer Regionalparteien statt. Die Parteienlandschaft im Land richtete sich im wesentlichen an den traditionellen Tribe-Strukturen aus: Die Ethnie der Bakongo organisierte sich in der Partei ABAKO, die Lunda in der CONAKAT, die Baluba in BALUBAKAT, die Bangala in der PUNA, die Mongo in der UNIMO usw. Die tribalistische Zersplitterung des Politik-Feldes ist im wesentlichen bis heute so zu beobachten – nicht nur im Kongo, sondern in vielen afrikanischen Staaten. Da die Wähler eine Partei nicht nach ihrem politischen Programm sondern nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit wählen, erweist sich das System der parlamentarischen Demokratie in solchen Staaten sehr oft als realitätsfernes Konstrukt und mitnichten als stabilisierender Faktor. Damals, auf der Brüsseler Kongo-Konferenz nahm jedoch eine einzige kongolesische Nationalpartei teil. Die MNC (Mouvement National de Congolaise) des Patrice Emergy Lumumba. Ergebnisse der Konferenz waren: Dem neuen Kongo-Staat sollten alle sechs Provinzen Belgisch-Kongos angehören, von April bis Mai landesweite Wahlen stattfinden und am 30.06.1960 würde die belgische Kolonialverwaltung die volle Souveränität an das neu zusammengetretene kongolesische Parlament übergeben. Im Gegenzug sollte die Kongo-Republik die Rechte der rund 100.000 im Lande verbleibenden Belgier schützen sowie für die belgischen Kapitalien garantieren.

Eingangs wurde die Behauptung aufgestellt, die Unabhängigkeit des Kongo sei von Anfang an eine Farce gewesen. Dies stützt sich im wesentlichen auf drei Tatsachen: Die belgische Kolonialarmee „Force publique“ wurde nach wie vor von belgischen Offizieren kommandiert. Die großen Bergbaugesellschaften – allen voran die „Union miniere du Haut Katanga“ und die Industriebetriebe verblieben in belgischem Besitz. Der belgische Staatshaushalt sah keinerlei Überbrückung für die aus der Kolonie erwirtschafteten Einnahmen vor – diese hätten ja als Steuereinnahmen der Kongo-Republik zufließen müssen. Es mag dem außenstehenden Betrachter wie ein schlechter Witz vorkommen, aber im krassen Gegensatz zur Verelendung seiner Bewohner ist das Kongobecken eine der reichsten Regionen der Erde. Der Rohstoffreichtum v. a. der Provinz Katanga sowie die einmalige Reinheit der dort aufzufindenen Minerale verblüfft Geologen und Bergbauingenieure. Im Kongo finden sich u. a. Kupfer, Gold, Diamanten, Uran, Cobalt und so seltene Mineralien wie die Legierung Coltan, die auf dem Weltmarkt höchste Preise erzielen. Eine Hauptursache des Kongo-Krieges 1997-2003 lag darin, dass sich die Armeen und Paramilitärs der umliegenden ost- und zentralafrikanischen Länder mit der Ausbeutung kongolesischer Bodenschätze die finanziellen Mittel verschafften, um die Bürgerkriege in ihren eigenen Staaten zu finanzieren bzw. um mit Geld und Waffenkäufen ihre Machtpostion zu stärken. Dies macht deutlich, warum eine Stabilisierung des riesigen Kongo-Staates eine so entscheidene Rolle für die Befriedung der ganzen Region spielt.

 

Lesen Sie morgen Teil II: Das sechs Tage alte Land zerfällt +++ Belgische Truppen besetzen Katanga +++ Die kongolesische Regierung ruft die UNO ins Land


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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