
Patrice Emergy Lumumba, letzter frei gewählter Ministerpräsident der DR Kongo

Dag Hammarskjöld, UNO-Generalsekretär bis 1961
by red.cloud
Die Mannschaftsstärke der UNO-Friedenstruppen betrug bald 16.800 Mann. Grundlage aller UNO-Operationen im Kongo waren drei Resolutionen des Weltsicherheitsrates vom 14.07., 22.07. und 09.08.1960: UNO-Truppen sollten Ordnung und Gesetz im Kongo wiederherstellen, ihr Mandat gab den UNO-„Blauhelmen“ aber nur beschränkte Vollmachten, es liess keine „Einmischung in innere Angelegenheiten des Kongo“ zu. Was sollte dies bedeuten angesichts der Intervention fremder Mächte im Land? Lumumba und die Zentralregierung erwarteten von der UNO, dass sie die belgischen Soldaten nach Hause schickte und die Sezession Katangas beende. Lumumba bemühte sich indessen auch weiter um Unterstützung aus den USA. Mit dem US-amerikanischen Großinvestor Louis Edgar Detwiler hatte er einen 50-Jahresvertrag über 8,2 Mrd. US$ für Investitionen in Bildung, Technik und Verwaltung ausgehandelt („Congo International Management Corporation CIMCO“). Auf östliche Offerten war er dagegen bislang noch nicht eingegangen. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich unterdessen immer weiter. Bis Ende Juni 1960 waren 7 Mrd. 74 Mio. belgische Francs Kapital aus dem Kongo abgezogen und nach Belgien und andere Länder transferiert worden.
Generalsekretär Hammarskjöld erklärte vor dem UNO-Sicherheitsrat, die Anwesenheit belgischer Truppen im Kongo sei die Hauptgefahrenursache und forderte deren sofortigen und bedingungslosen Abzug aus dem Kongo. Der „Präsident“ der „Republik“ Katanga, Tshombe verkündete die allgemeine Mobilmachung und erklärte in einer Rundfunkansprache: „Wir werden lieber sterben, als von fremden Truppen besetzt zu werden.“ Katanga verfügte nach dem Zerfall der „Force Publique“ noch über 1000 Soldaten, welche von den Belgiern mit modernen Waffen ausgerüstet worden waren.
Am 12.08.1960 flog Hammarskjöld mit zwei Kompanien schwedischer UNO-Soldaten nach Elisabethville und wurde am Flughafen von Tshombe mit militärischen Ehren empfangen. Unerklärlicherweise schritt Hammarskjöld die Ehrenkompanie ab und grüßte sogar die Fahne des völkerrechtlich nicht anerkannten Katanga. Die Verhandlungen ergaben, dass die Armee und Polizei von Katanga ihre Waffen behalten dürften und die Kontrolle über „innere Angelegenheiten“ behielten.
Am 15.08.1960 forderte Lumumba schriftlich von Hammarskjöld, alle kongolesischen Flughäfen unter kongolesische oder andere afrikanische Kontrolle zu stellen, die Beschlagnahmung der belgischen Waffen in Katanga, sowie die Entsendung neutraler Beobachter, die die Anwendung der UNO-Sicherheitsrats-Beschlüsse überwachen sollten Auf dieses „Misstrauensvotum“ gegen die UNO erhielt Lumumba keine Antwort. Dies erzürnte ihn so, dass er von kongolesischen Soldaten Haussuchungen und Verhaftungen unter Europäern in Leopoldville durchführen liess, auch solchen mit UNO-Armbinde – ein schwerer Verstoß gegen internationales Recht. Zudem erklärte Lumumba, dass er sich notfalls auch an den Ostblock wenden werde, um Unterstützung zu erhalten, da die UNO „ihrer Aufgabe nicht nachkomme“. Dies dürfte sein entscheidener politischer Fehler gewesen sein – in der damaligen weltpolitischen Lage, in der der „kalte“ Krieg zwischen Ost- und Westblock jederzeit „heiss“ werden konnte.
Am 05.09.1960 änderte Staatspräsident Kasawubu seine Linie und erklärte im Radio Ministerpräsident Lumumba für abgesetzt. Der Generalstabschef und einstige enge Vertraute Lumumbas, Mobutu, sah sich in Loyalitätskonflikten. Er wurde bald darauf vom CIA-Agenten Larry Devlin angeworben, der ihm wiederholt Finanzmittel zur Befriedigung der Soldforderungen seiner Truppen zur Verfügung stellte. (Diese Tatsachen stützen sich sowohl auf Äußerung Devlins selbst, als auch auf den Bericht der ‚Leavenworth Commission’ an die US-Senatskommission zur Überwachung geheimdienstlicher Aktivitäten. Darüber hinaus belegt dieser Bericht, dass Präsdent Eisenhower Mitte August 1960 persönlich die Beseitigung Lumumbas anordnete. Zu diesem Zweck wurde Devlin ein Gift geliefert. Zu dessen Anwendung kam es jedoch nicht mehr.) Mobutu und Kasawubu positionierten sich prowestlich – während Lumumba und die Minister der MNC-Lumumba neutralistisch und antikolonialistisch eingestellt waren und damit – in den einfachen Denkschemata des Kalten Krieges – in die Nähe des Ostblocks rückten. Am 07. und 08.09.1960 bestätigten Unterhaus und Senat Lumumba im Amt und widersprachen damit Staatspräsident Kasawubu. Irgendwann in diesen Tagen musste in der UNO-Führung die Entscheidung gefallen sein, den aus rechtmäßigen, allgemeinen Wahlen hervorgegangenden Ministerpräsidenten zu entmachten. Über die Gründe für diesen grotesken Bruch des Völkerrechts durch die UNO kann nur spekuliert werden. UNO-Einheiten marschierten in Leopoldville ein, besetzten alle Rundfunkstationen und verbot alle Sendungen der Regierung. Wir erinnern uns, dass das UNO-Mandat eine „Einmischung in innere Angelegenheiten“ des Kongo nicht zuließ.
14.09.1960 entmachtete Mobutu Kasawubu und Lumumba in einem unblutigen Staatsstreich, setzte einen „Rat der Kommissare“ ein und verwies alle Ostblock-Diplomaten des Landes – Kasawubu kehrte kurz darauf auf seinen Posten als Staatspräsident zurück. Mobutu liess am 21.09.1960 alle Regierungsämter, das Polizeipräsidium und Radio Leopoldville besetzen, die UNO-Truppen zogen sich zurück.
Soldaten Mobutus zogen zum Amtssitz Lumumbas, welcher sich nur durch die Flucht in die Kaserne „Leopold II.“ vor dem Tod retten konnte. Er stellte sich unter Schutz der ghanesischen UNO-Brigade. Mobutu forderte am 26.09. gegenüber dem UNO-Sonderbeauftragten Dajal und dem UNO Oberkommandierenden von Horn den Abzug der ghanesischen und guinesischen UNO-Einheiten. Sein Staatsstreich wurde von Kasawubu persönlich legitimiert, mit der Amtseinführung der neuen Regierung in seinem Amtssitz – anwesend waren nur diplomatische Vertreter von 17 pro-westlichen Nationen. Die Lage in dem zersplitterten und führungslosen Kongo versclimmerte sich. Neben der „Republik“ Katanga hatte sich mit Unterstützung der belgischen Bergbaugesellschaft „Forminiere“ in Süd-Kasai ein weiterer „Staat“ abgespalten, hier regierte der 32-jährige frühere Buchhalter und jetzige „Gott-König“ Albert Kalonji; in Stanleyville, der Hauptstadt der Provinz Orientale, rief der Lumumba-Anhänger Antoine Gizenga wenig später ein Gegenregime aus. Kein Politiker kümmerte sich indes um die Lage der Menschen. Der UNO-Sonderbeauftragte Dajal: „Malaria-Erkrankungen unter der Bevölkerung sind sprunghaft in die Höhe geschnellt. Es besteht die Gefahr einer Pest- und Pockenseuche. Nur 50 von 400 Krankenhäuser im Kongo sind noch arbeitsfähig.“
Ende 1960 versuchte Lumumba mit Hilfe ghanesischer UNO-Soldaten ein letztes Mal an Macht und Einfluss zu gewinnen. Seine schwarze Limousine durchbrach den Kordon von Mobutus Soldaten und raste Richtung Luluabourg. Von dort aus wollte er nach Stanleyville fliegen, um sich mit seinem ehemaligen Stellvertreter Gizenga zu verbünden. Nach vier Tagen und 1300 km Flucht stoppten Mobutu-Elitesoldaten Lumumba, er und seine Begleiter wurden schwer misshandelt. Der Ex-Ministerpräsident wurde im Triumph auf offenem Armeelastwagen durch Leopoldville gefahren – geschlagen, mit Gewehrkolben traktiert und eingesperrt. Der ägyptische Präsident Nasser drohte, die UNO-VAR-Truppen offiziell an der Seite der pro-Lumumba-Truppen kämpfen zu lassen. Der UNO-Beauftragte Dajal nahm offen für Lumumba Partei. Am 04.01.1961 traf Hammarskjöld in Leopoldville zu einer Inspektionsreise ein – am Flughaufen schrien mehrere 1000 Kongolesen „Freiheit für Lumumba!“ Hammarskjöld erklärte öffentlich, der „absolut unmögliche Herr Lumumba“ müsse wohl bald wieder eingesetzt werden, um einen Bürgerkrieg zu verhindern.
Die Schaukelpolitik der UNO hatte im großen Maße zur Destabilisierung des Kongo beigetragen. Der britische „Observer“ berichtete unter der Überschrift „Die UNO beginnt sich dem Chaos im Kongo anzupassen“: „Die UNO scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und passt sich den Bedingungen im Kongo geschickt an. Hinsichtlich ihrer chaotischen Führung ist sie von den einheimischen Politikern bereits kaum noch zu unterscheiden […]“ Am 13.01.1961 verhandelten Mobutu und Kasawubu mit dem in Camp Hardy in Thysville inhaftierten Lumumba – sie boten ihm einen hohen Posten in ihrer Regierung an – gegen Straffreiheit. Lumumba lehnte das ab und beharrte auf der Wiedereinsetzung des Parlaments, dass ihn als Ministerpräsidenten bestätigen sollte. Kasawubu war bereit, diese Bedingungen zu akzeptieren, der alte Weggefährte Mobutu dagegen nicht. Die Macht Mobutus schien ihm unter den Händen zu zerschmelzen, selbst seine eigenen Soldaten meuterten und fügten ihrer traditionellen Forderung nach mehr Sold die Forderung nach Freilassung Lumumbas hinzu.
Am 17. Januar 1960 vermeldete die Regierung Kasawubus und Mobutus, Patrice Lumumba und zwei seiner Mitstreiter werden aus der Kaserne Thysville nach Elisabethville in Katanga verlegt. Ein Flugzeug war im Morgengrauen von Leopoldville gestartet. Mobutu und Kasawubu wollten Lumumba unbedingt loswerden. Der Innenminister Katangas nahm die drei „wertvollen Pakete“ in Empfang. Aus dem Inneren des Flugzeugs wurden drei japsende, blutige Bündel Leben gezerrt. Die drei Gefangenen waren von den Wach-Soldaten Mobutus mit Gewehrkolben fast zu Tode geprügelt worden. Unmittelbar nach der Landung in Katanga gab der belgische Hauptmann Julien Cat Lumumba den Gnadenschuss, seine Leiche wurde zerstückelt und in einer Grube mit ungelöschtem Kalk versenkt. Tshombe hatte Lumumba nicht entgegennehmen wollen, aber sein Innenminister Munongo war ihm zuvorgekommen. Man bastelte an einem Täuschungsmanöver: Am 13.02.1961 verlautbarte die katangesische Regierung, Lumumba sei tot, er sei nach einem Fluchtversuch von empörten Dorfbewohnern im Dschungel erschlagen worden. Katanga-„Innenminister“ Munongo erklärte: „Ich will offen reden. Die Leute werden uns beschuldigen, ihn ermordet zu haben. Ich sage: Beweist es!“ Schwedische UNO-Soldaten hatten bereits bei der Ankunft Lumumbas in Elisabethville schwere Mißhandlungen beobachtet – ohne einzugreifen.
Auch die internationalen Reaktionen auf die Ermordung Lumumbas zeugen von einer großen Uneinigkeit über seine Person. Chruschtschow: „Die Welt wird blutiges Verbrechen der belgischen Kolonialisten nicht vergessen.“ Nehru: „Der Mord wurde von Leuten in verantwortlichen Stellungen verübt.“ Kennedy: „Nachricht ist ein großer Schock.“ Das belgisches Finanzblatt „L’Echo de la Bourse“: „So wünschenswert man die Beseitigung Lumumbas auch finden kann, sie kommt zu sehr schlechtem Zeitpunkt.“
Am 21.02.1961 beschloss der UNO-Sicherheitsrat, Hammarskjöld alle nötigen Vollmachten zur Beendigung des Bürgerkrieges im Kongo zu geben. Hammarskjöld flog in die katangesische Stadt Ndola, um mit Tshombe zu verhandeln. Am 17.09.1961 um 18.20 Uhr startete UNO-DC 6 B von Leopoldville, um nach Ndola zu fliegen. Um 0.12 Uhr erreichte das Flugzeug Ndola, flog aber ohne ersichtliche Ursache eine Schleife Richtung Norden, 50 km nördlich von Ndola stürzte das Flugzeug brennend vom Himmel, nur ein Leibwächter Hammarskjölds überlebte. Ob es sich um einen Anschlag handelte, konnte nie geklärt werden.
Lesen Sie im vierten Teil: Politische Vorzeichen ändern sich +++ Che Guevarra und „Robespierre“ im kongolesischen „Dschungel“krieg +++ „Der große Leopard“ erreicht die absolute Macht
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