Archiv der Kategorie 'Globaler Tellerrand'

Selbstkritische Artikelreflektion: „Bezness“ – Selber schuld oder nicht?

Da ich aufgrund einer schlechten Erfahrung trackbacks zu meinen Artikeln sporadisch zurückverfolge und es mich auch oft freut, wenn mein Geschreibsel reflektiert, diskutiert und/oder weiterverarbeitet wird, stieß ich neulich auf dieses schweizer (?) „bezness“-Diskussionsforum. Und ich war so angenehm überrascht, wie es in der Bloggosphäre selten vorkommt.

Tatsächlich, wie auch eine der Damen bemerkte, der Artikel ist verdammt provokant und „bezness“-Betroffene können sich beim oberflächlichen Lesen davon persönlich angegriffen fühlen – auch wenn ich an einer Stelle äussere, dass ich es mir nicht herausnehme, Leidensgeschichten auf einer persönlichen Ebene anzugreifen – was hiermit nochmal betont sein soll. Allerdings ist Provokation oder eine gewisse „Zänkischkeit“ nicht nur der Bloggosphäre immanent (in der jeder einsam hinter seinem Rechner sitzt und sich für den Größten hält) sondern darüber hinaus eine grundlegende Eigenschaft des Mannes.

Ich stehe aber zu meinem Artikel, denn: Erstens, der unerträglich selbstgerechte Ton auf dieser speziellen Webseite 1001geschichte.de („Bezness verstößt gegen die Menschenrechte!!!“), der geht nicht an und kann nicht unkommentiert bleiben, weil man, zweitens, in der Lage sein sollte, soweit von der eigenen Person abstrahieren zu können, dass man persönliche, subjektive Erfahrungen nicht auf ganze Länder oder Erdteile überträgt (man lese nur mal den zitierten Kommentar am Ende meines Artikels) und, drittens, weil sowas dazu führt, dass man sich in seine Opferrolle zurückzieht, diese anzieht wie einen alten, gemütlichen Mantel und genau das einer/einem bei der Verarbeitung eines solchen Erlebnisses nicht weiterhilft. Im Gegenteil, das Eingeständnis, dass man mitschuld ist, wenn man betrogen/überfallen/ausgeraubt/entführt wurde, ist fundamental dafür, mental mit diesen Erlebnissen abzuschliessen und weiterzumachen. Dass sich festnageln auf die Opferrolle führt dazu, dass ein Arsch einer/einem das ganze Leben versaut.

Letzteres ist für mich der entscheidene Punkt. Was ich aber in dem Artikel getan habe, ist, die durch die Webseite 1001geschichte.de vermittelte Haltung auf alle „bezness“-Betroffenen zu projizieren. Das man das nicht tun kann/darf, das beweisen die Diskutantinnen des besagten „bezness“-Diskussionsforums. Fühlen die sich etwa angegriffen von der provokanten „Hülle“ des Artikels, von dem ich-bin-der-Größte-Brustgetrommel des Mannes im Autoren? Nein, ohne irgendwelche Umschweife stoßen sie zum Kern des Artikels vor, ganz so wie ich es gemeint, aber vielleicht nicht direkt genug gesagt hatte. Deswegen blogge ich.

Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.

Obama – Africa`s Pride and Hope

The US-Democrat`s candidate for US presidency Barack Obamas “Hope and Change”- campaign influenced the whole world, of course, but especially the people here in East Africa. The opportunity to have a half-East-African as the most powerful man in the world set the masses under electric voltage. You will not find one single Kenyan, Tanzanian or Ugandan who is not fanatic for Obama. Furthermore many so-called political realists call Obamas thesis too “simple” and “unrealistic” but I think millions of ordinary people all over the world understand it`s barely positive character which is including people, not excluding, which is not awaking fears against somebody to present you as a protection and not raising political profit in planting hate and primitive instincts in the minds of the own clientele. Conservatives will never be able to create a positive vision like this.

Despite the fact that now the USA is the far most hated country in the world – from Asia to Africa, from Europe to Latin America –, despite the fact that current US-Republicans are broadly recognized as the political executors of a mostly white minority, in some parts fundamental christians, in some parts with racist views, with the power of oil and other industries in the background, with no other interest in the world than defend their own property, Barack Obamas pure existence is a symbol to the world that things will may not going worse forever. Of course, Obama is charged with a lot of legendary symbolism between Martin Luther King`s movement for civil rights and John F. Kennedy`s charming and jovial aura and it will be very difficult for him to fulfill all this hopes and dreams he awakened (?) in the people. But his precursor performed so badly and his footsteps will be so small that together with the worlds deep breathe again that this guy is away Obama will have a big credit for making mistakes and find into his presidency step by step.

 I remember what a friend of mine told me about the visit of George W. Bush in Tanzania`s capital Dar Es Salaam in march 2008. He was landing on Nyerere International Airport with three planes, one of them full of security staff, the second full of armored vehicles and the third with himself. Helicopters were circling above Dar Es Salaam downtown, streets were blocked, inhabitants prohibited to enter city center, even the cellular phone network was interrupted for the duration of Bush`s stay in Dar. “What this guy thinks who he is?” my friend said, “He is coming here at the end of his presidency of eight years which clearly proves that we were not important enough for his political agenda and than he invades our capital with his security forces. We are not interested in him and we know that he only appears for bargaining permission for a US military base with our corrupt political leaders.” – “It`s the same like in Germany,” I replied, “of course he was there I think four times but all places he visits were invaded by his guards and sharp shooters, blocking the streets and force ordinary people out, changing previous peaceful locations in fortresses so that everybody knows that the world`s most hated leader is here…”

Indian Love, oder: Der Preis ist heiss

Eine Warnung vorweg: Dieser Text ist völlig subjektiv

Gut, ich kann das beurteilen, ich war ja gar nicht in Indien, sondern in Bangladesh (das als Provinz Bengalen bis 1949 das Armenhaus Indiens war und bis 1971 als Ost-Pakistan das Armenhaus Pakistans und nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg heute nur noch ein Armenhaus ist). Aber ich habe eng mit einer indischen Kollegin zusammengearbeitet, bis auf die letzten Tage unseres Aufenthaltes, wo wir nicht mehr gearbeitet haben (falls jemand nicht versteht was ich damit meine, nähere Erläuterungen dazu gibt es nicht). Nun kann ich mir ja schon aus professionellen Gründen keine „eurozentristische“ Einstellung anderen Kulturkreisen gegenüber leisten und will das auch gar nicht, aber was mir Miss G. von dem doppelmoralischen indischen Zwangs-Heiratsregime erzählt hat, dessen sie sich ausgesetzt sieht, lässt mich an meinen Grundsätzen zweifeln… Die meisten werden ja Indien – wenn überhaupt – hauptsächlich aus Bollywood-Filmen kennen und wie hier schon angemerkt, ahnt man beim Betrachten der ganzen bunten und in unseren Augen zweifellos unsäglich kitschigen Bilder – es geht immer nur um Liebe, Liebe, Liebe und am Ende wird geheiratet (Augenrollen) – gar nicht, wie verlogen das alles ist. Für die durchschnittliche Inderin ist es nämlich völlig ausgeschlossen, sich verlieben und den Auserwählten dann zu heiraten (traurig, aber wahr, liebe Männer, normalerweise sind es nicht wir, die auswählen). Es sei denn, alle Bedingungen stimmen zufällig und beide Familien, hauptsächlich die des Mannes, sind einverstanden. Oder sie gehört der neuen Yuppie-Generation von Programmierern (der indische Programmierer ist, tatsächlich, kein Klischee) in Mumbay oder Delhi an und verdient das 150-fache Einkommen ihrer übrigen Familienmitglieder – aber das sind natürlich meistens Männer. Und die besagten Bedingungen sind eine Menge: eine gute Familie muss es sein und das orientiert nicht etwa am Charakter sondern am Status im offiziell verbotenen indischen Kastensystem, möglichst wohlhabend muss die Familie sein, aus der gleichen Region kommen, eine möglichst helle Hautfarbe haben, der gleichen Religion/Konfession (hinduistisch, buddhistisch, muslimisch, römisch-katholisch, koptisch oder protestantisch) angehören und, der entscheidene Punkt: Der Preis ist heiss. Der Preis, den die Familie der Frau bereit ist zu zahlen, damit sie den Mann heiraten darf. Ja, lieber Leser, du hast dich nicht verguckt:

Das indische Heiratsregime zwingt junge Frauen um Mitte 20 auf einen Markt, ausgestaltet in Zeitungsannoncen oder Internetanzeigen, auf dem die Familie der Frau z. T. astronomische Summen dafür bezahlen muss, ihr Kind verheiratet zu kriegen.

Und nicht nur wenn ich mir überlege, was meine künftige Frau alles wird mit mir durchmachen müssen, ist das eine völlige Verquerung der Verhältnisse. Natürlich ist es laut indischem Gesetz verboten, dass Bargeld gezahlt wird, genauso wie das Kastensystem verboten ist und es immer noch alltäglich sein soll, dass ein Brahmane einem Unberührbaren nicht die Hand gibt – er könnte sich ja „beschmutzen“. Tatsächlich sind solche gesellschaftlichen Apartheidssysteme wohl so tief verankert, dass ein Unberührbarer selbst einem Brahmanen nicht die Hand geben würde, weil er fürchtet, ihn zu „beschmutzen“ bzw. dass ein indischer Mann und eine indische Frau, die einander in tiefer Liebe verfallen sind, sich sagen: oh – das geht ja nicht, er/sie hat eine andere Religion, anderen Kastenstatus, sie kann nicht genug zahlen/ist nicht mindestens drei Jahre jünger als er… Deshalb bringen 10 oder 20 Jahre alte Gesetze gegen ein archaisches Gesellschaftssystem, das viele 1.000 Jahre alt ist, nichts. Weil Bargeld also verboten ist, nimmt die Familie des Mannes also „Geschenke“ an: Haustiere, Gold, Hauseinrichtungen, Golde, Kühlschränke, Fernseher, Stereoanlagen, Gold bis hin zu Autos.

Das indische Verheiratungsregime, bei dem der Preis von Frauen steigt, nur weil sie über 30 sind, das ganze Gegenteil von einem nett lächelnden, ruhigen Püppchen sind (tatsächlich kann Miss G. einem über den Mund fahren, dass von einem nur noch die Schuhe übrigbleiben), weil sie Topmanagerinnen mit drei Universitätsabschlüssen sind, ist eine verdammte Schande. Echte Männer nehmen kein Geld dafür, dass sie eine Frau heiraten – ist das nicht ein Art Prostitution oder auch Bezness[1]? Wahrscheinlich haben die Inder der späten Bronzezeit herausgefunden, dass sie – verglichen mit ihren Frauen – im Durchschnitt ziemlich unansehnlich sind[2] und deshalb einen Ausgleich geschaffen, weil ihnen sonst Ausländer alle ihre Frauen wegschnappen würden. Ich denke, wir Nicht-Inder sollten genau das tun und deshalb, meine Herren, wenn schon heiraten, dann Inderinnen!


[1] Dieser Begriff ist tatsächlich eine Wortbildung aus dem arabischen Wort für Geschlechtsverkehr und business – wie mir eine Kollegin mittlerweile erklärte

[2] Selbst heute noch gilt in Indien ja ein Sharuk Khan, der in etwa so schön ist wie die gemeine afrikanische Tüpfelhyäne, als Sexsymbol

Witchcraft – Hexenglaube in Ostafrika

RIESIGE HEXENVERBRENNUNG – 11 TOTE brüllt uns der „Kölner Express“ [1] in seiner Online Augabe in RIESIGEN BUCHSTABEN entgegen, findet es

„Unfassbar! Es gibt auf der Welt tatsächlich noch Hexen-Verbrennungen.“

Und berichtet fassungslos, dass in einem Dorf im Kisii-Distrikt in Kenia am vergangenen Mittwoch 11 Frauen und Männer im Alter von 80 bis 96 Jahren brutal vom Mob ermordet wurden. Außerdem hätten zahlreiche Dorfbewohner Verständnis für die Tat geäußert, da die Polizei sie nicht vor Hexerei schützt. Als Erklärung hat das Blatt anzubieten:

„Hexenglaube ist in der Region weit verbreitet.“

Das wars. Afrika mal wieder. Tss, tss. Der „verlorene Kontinent“. Hoffnungslos. Die machen sogar noch Hexenverbrennungen, in der modernen Zeit, wo wir doch die letzte Hexe schon vor 250 Jahren verbrannten… Da schüttelt der aufgeklärte Europäer das weise Haupt, legt den „Express“ oder auch „Die Zeit“ beiseite, in der dasselbe steht, nur mit Haupt- und Nebensätzen, schaltet DSDS ein und hat dabei nicht mal den geringsten Hauch einer Ahnung davon, was in der Welt tatsächlich alles sonst noch so vor sich geht…

Eine etwas detailliertere Aufklärung aus erster Hand findet sich wieder mal nur bei der guten, alten Tante BBC und nicht der klaustrophobisch nach innen fixierten, deutschen Presse. Demnach seien 19 Dorfbewohner festgenommen worden, die das Massaker vielleicht nicht selbst durchgeführt, aber angestiftet hätten. Sie hätten eine Liste der Opfer mit angeblichen Beweisen erstellt und der Mob habe diese einzeln aus ihren Häusern gezerrt. Das Dorf sei von der Polizei besetzt, um alle Schuldigen zu verhaften und Racheaktionen zu verhindern. Es sei in der Region in der Vergangenheit mehrmals zu ähnlichen Übergriffen gekommen, bei denen angebliche Hexen ermordet oder vertrieben wurden – die hohe Zahl an Opfern sei jedoch überraschend. Die Hinterbliebenen der Opfer hielten sich versteckt – sie fürchten um ihr Leben.

Was ist nun dran an diesen „primitiven Stammeskulten“, dem „Vodoo“ oder der „witchcraft“, dem diese unverbesslichen Afrikaner immer noch in Scharen anhängen? Zunächst mal ein persönlicher Eindruck: Hexerei kommt im Alltag, zumindest hier in Tanzania nur in zahlreichen Horrorfilmen der nigerianischen Videoindustrie („Nollywood“) – und im Fußball vor, wo z. B. Amulette und Reliquien im Torraum vergraben werden. Bezüglich des beliebten Themas „witchcraft“ in Horrorfilmen gibt es soziologische Theorien darüber, dass sich Afrikaner in vielen Ländern die unfassbaren Einkommensunterschiede und Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaften nicht mehr mit Korruption erklären können, sondern mit übersinnlichen, bösen und antichristlichen Hexenkulten (z. B. „vulture occult“). Eine ausführliche Beschreibung des Problems findet sich im britischen „Independent“, in einem Artikel über Tanzania vom 28.11.2005. Korrespondent Oliver Duff berichtet aus Mwanza (Lake Victoria), dass in abgelegenen Regionen des Landes womöglich pro Jahr über 1.000 hauptsächlich alte Frauen, die keine Kinder haben, um sie zu beschützen, Hexenverfolgungen zum Opfer fallen. Er benennt Einzelschicksale: Die 70-jährige Lemi Ndaki aus dem Dorf Mwamagigisi, drei Autostunden entfernt von Mwanza, die eines Nachts vor 19 Jahren gerade noch den Arm zwischen sich und die auf sie niedersausende Machete bringen konnte, von dem durch ihre Schreie geweckten Nachbarn gerettet wurde und deshalb „nur“ den Arm verlor. Ng’wana Budodi, Kabula Lubambe, Helena Mabula, Ng’wana Ng’ombe und ihr Mann Sami aus demselben Dorf wurden erschossen, erstochen, erschlagen oder verbrannten in der angezündeten Hütte.

Betroffen seien hauptsächlich die Distrikte Mwanza, Shinyanga und Tabora, die mehrheitlich vom Sukuma-Tribe bewohnt werden, fährt Duff fort, die tanzanische Regierung tue nichts und verharmlose das Problem in ihren offiziellen Statistiken: Von 1970 bis 2003 sei es zu 3.072 Todesopfern gekommen, lautet eine Angabe, während ein Report einer Regierungskommission von 1989 allein zwischen 1970 und 1983 schon 3.593 angezeigten Todesopfer durch Hexenverfolgungen angebe und laut inoffiziellen Angaben eines Polizeibeamten eine interne Studie des Innenministeriums für die Zeit zwischen 1994 und 1998 über 5.000 Todesopfer festgestellt habe.

Dorfbewohner machten für persönliche Schicksalschläge: ein gestorbenes Kind, schlechte Ernten oder unbefriedigende Farmansiedlungen; Hexen verantwortlich und es gäbe Banden von professionellen Killern, die von Dorf zu Dorf zögen um sie zu beseitigen. Die gegenwärtige Bezahlung liege bei umgerechnet 100 US$ oder einem Rind. Manchmal breche auch der offene Lynchmob aus und die Opfer werden massakriert – oft sogar angestiftet durch eigene Familienmitglieder. Die Ursache für die Morde an angeblichen Hexen liege darin, so Duff, dass das Leben für die Bauern in diesen abgelegenen Region so hart sei und sich Nachbarn und Verwandte in einem harten Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen befinden. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt bei 330 US$, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 46 Jahren. Es gibt keine Elektrizitätsversorgung, das Wasser ist knapp und die Ernteerträge schwanken stark, die Häuser sind aus Lehm mit Strohdächern. Während der Regenzeit sind die Dörfer größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten, was auch erklärt, warum Behörden nicht viel tun können. Seuchen wie Malaria, Typhus, Polio, Dysenterie und v. a. HIV/AIDS sind für viele Bauern tödliche Schicksalsschläge bei mangelnder Hygiene, Bildung und Gesundheitsversorgung, die sie sich mit Hexenkraft erklären.

Die Problematik, dass es beim Konkurrenzkampf einer trotz allem wachsenden Bevölkerung um knappe Ressourcen zu Gewaltausbrüchen bis Bürgerkriegen kommen kann, benennt die Malthus-Theorie. Sie besagt, dass es bei grundsätzlich exponentiellem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig aber nur grundsätzlich linearem Anstieg der Nahrungsmittelproduktion[2] zu einer wachsenden Lücke zwischen beiden Kurven und damit einer wachsenden Ressourcenknappheit kommen muss. Die Theorie würde auch erklären, warum in Europa die Hexenverfolgungen mit der beginnenden Industrialisierung aufhörten. Oliver Duff bietet auch noch eine andere Erklärung für die „Hexen“-Morde im subsaharischen Afrika an: Der Zusammenbruch des traditionellen, dörflichen Stammessystems[3]: Lokale Chiefs wurden abgelöst durch weit entfernt residierende Regierungsbeamte, die nicht im Dorf sozialisiert sind. Eine Rechtsordnung besteht, die nur theoretisch ist, da sie in den weitabgelegenen, infrastrukturell unerschlossenen Dörfern nicht exekutiv durchgesetzt werden kann. In diese Autoritätslücke stoßen „traditionelle“ Heiler: „witch doctors“ – oftmals Hasadeure und Betrüger, die letzte Reste des traditionellen Glaubens für ihre geschäftlichen Machenschaften ausnutzen. Eine Hexendoktorin erklärte es Oliver Duff:

„Wenn du eine unbekannte Krankheit hast, heisst dass, Hexerei ist im Spiel. Geister erzählen mir, wer die Hexe ist, wenn ich schlafe. Das erzähle ich dann dem Patienten. Wenn dieser stirbt, wollen die Verwandten die Hexe töten. Es ist zur Sicherheit.”

Es ist also viel plausibler, dass die Hexenglaube und Hexenverfolgungen im subsaharischen Afrika nichts mit „primitiven Stammeskulten“ zu tun hat, sondern eher mit dem Zusammenbruch der traditionellen Dorfgesellschaften. Aber dies und Erklärungen wie die Malthus-Theorie gehen der deutschen Presse natürlich viel zu weit. Man beschränkt sich auf sensationsheischenden Schock-Journalismus, der wieder mal nur das Bild vom „unterbelichteten, primitiven Afrikaner“ in die Öffentlichkeit schreit und dem Eingeborenen der europäischen Überflussgesellschaft nur ein wohliges, kleines Gruseln angesichts der unheimlichen Welt vor den Toren der „Festung Europa“ über den Rücken jagt.


[1] Gefunden via POLITISCH KORREKT

[2] Wachstums-„sprünge“ in der Nahrungsmittelproduktion sind zwar möglich – etwa durch die flächendeckende Einführung der technisierten Landwirtschaft, Schädlingsbekämpfung, Düngung oder neue Anbausorten, niemals aber ein gleichmäßiger, exponentieller Anstieg.

[3] Duff macht im Fall Tanzanias den Ujamaa-Sozialismus des Staatsgründers Julius Nyerere verantwortlich – ich persönlich halte das Argument aber nicht für stichhaltig. Zwar hat die Kollektivierung und Zwangsumsiedlung von Bauern zusammen mit dem Krieg gegen Uganda (1979) Tanzanias Wirtschaft ruiniert – die sozialistische Zeit endete aber in den frühen 1980er Jahren, es gibt heutzutage kaum noch bewohnte Ujamaa-Dörfer und Hexenverfolgungen gibt es nicht nur in Tanzania, sondern auch in Ländern, die nie sozialistisch waren wie Kenia.

Clash of Religions, oder: Gegenaufklärung

Eigentlich wollte ich ja einen Artikel schreiben über die Ausbreitung des evangelikal-fundamentalistischen Christentums hier in Tanzania, die v. a. durch US-amerikanische und europäische „Freikirchen“ forciert wird, wie die Leute angelockt werden und was es in meinen Augen für ein anti-aufklärerisches Verbrechen darstellt, „arme“ Tanzanier mit dem Versprechen eines besseren Himmelsreichs in die Irre zu führen. Beim Herumsurfen im Internet, wobei natürlich auch der allseits bekannte und beliebte islam-„kritische“ Blog PI nicht fehlen durfte (du kannst traurig sein, du kannst müde sein, PI zaubert immer wieder ein sarkastisches Lächeln auf deine Lippen) stieß ich dann auf den Artikel: „Ist Europa zum Bürgerkrieg verurteilt?“ Ohoh, dachte ich, was ist passiert, auf was für einen Kontinent kehre ich wohl zurück? PI, das den seriösen Quellen nicht traut, stützt sich auf die Analyse eines gewissen Daniel Pipes, der ja für seine objektive Sichtweise auf den Islam bekannt ist. Ist ja auch völlig logisch, wenn man der gleichgeschalteten linksfaschistischen Mainstreampresse nicht glauben darf, dann macht das die Objektivität von Einzelpersonen natürlich viel glaubwürdiger. Analytiker Pipes hat jedenfalls scharf nachgedacht und sich hoffentlich dabei nicht verletzt, er kommt in seiner Analyse auf folgende Formel: Es gäbe für Europa drei wahrscheinliche Szenarien:

1.    Die Macht in Europa wird von den Muslimen übernommen

2.    Die Christen wehren sich gegen die Machtübernahme der Muslime

3.    Christen und Muslime leben nebeineinander in Europa (nachgeschaltete Bemerkung Pipes`: Dieses Szenario hält er für äußerst unwahrscheinlich)

Was mit der doch recht großen Gruppe der europäischen Atheisten passiert, verrät uns Herr Pipes übrigens nicht. Mit der jeweiligen Bewertung von Herrn Pipes`scharfer Analyse lasse ich den Leser nun allein und wende mich direkt einigen Kommentaren zu, die beim Abenteuer PI-lesen ja immer den größten Spaß machen.

„Nicht die Christen werden etwas gegen Europa unternehmen, Jesus Christus selbst wird das tun. Vorher aber wird es ganz furchtbar duster in Europa und der Welt. Dann gibt es aber keine Jünger Jesu mehr auf der Erde, da diese entrückt worden sind. Die einzige Möglichkeit dem Tier (der kommende Herrscher Europas) zu entgehen, besteht darin, jetzt Buße zu Gott zu tun und an den Herrn Jesus als Herrn und Erlöser zu glauben. Ich weiß, daß das nicht besonders populär ist, aber so sieht der Gott der Bibel die Dinge. Es ist nicht die Ummah, es ist Europa selbst, von dem das Übel und allergrößte Gefahr ausgehen.“

schrieb ein gewisser „boanerges“ am 23. Mai um 17.21. Nicht die Christen, Herr Pipes, Christus selber wird sich an die Spitze der islam-„kritischen“ Bewegung stellen! Das haben Sie in Ihrer Analyse nämlich nicht bedacht! Allerdings steht Jesus dann ziemlich alleine da, seine Jünger sind dann nämlich „entrückt“. Beim aufmerksamen Lesen der PI-Kommentarspalte schleicht sich dem kritischen Betrachter allerdings der Verdacht anheim, das viele Kommentatoren jetzt schon „entrückt“ sind. Aber immerhin weiss Herr „boanerges“ dass seine Sicht der Dinge „nicht besonders populär ist“ – aber wen stört das schon, wenn der Gott der Bibel die Dinge genauso sieht?

Ein anderer „entrückter“ PI-Kommentator namens „CA“ greift „boanerges“ Kritik an Pipes`Analyse auf und ergänzt sie um einige weitere scharf beobachtete Anmerkungen:

„[...] Der jetzt kommende große Krieg der Religionen, was so “schön” neudeutsch “clash of civilizations” heißt, wird natürlich nach entsprechenden Zerstörungen und Verlusten an Menschenleben (und wenn man sich dabei an der Bibel orientiert, werden diese nicht im Mio. sondern im Mrd. Bereich liegen) dazu führen, daß am Ende die “eine Weltregierung” also dann wohl die Laberkastenbande vom East River sprich UNO , alle Religionen “verbieten” wird und damit dann natürlich auch letzten des Gott verbieten will – dann wird sich auch zeigen wer richtig gelegen haben wird – diejenigen die eh jedes göttliche als nicht existent ansehen oder die “anderen” denn wenn die “anderen” “recht” haben sollten (ich gehe natürlich davon aus) wird sich Gott wohl kaum verbieten lassen.“

Daniel Pipes und Samuel Huntington haben in ihren jeweiligen Theorien die normative Kraft des Faktischen der Bibel sträflich vernachlässigt. Wenn Gott tatsächlich existiert, wird er sich weder von der UN noch von sonst irgendjemandem verbieten lassen, womit der Beweis erbracht sein wird, dass er existiert und „CA“ immer schon „recht“ hatte…

Die Herren Analytiker Daniel Pipes, „boagernes“, Samuel Huntington und „CA“ haben aber ihren scharfen Analysen den esoterischen-ganzheitlichen Ansatz völlig vergessen. Frau oder Herr „kochbuch“ sieht das schon ganz richtig und schreibt:

„Der “Herr Jesus als Erlöser” ist die progredierende Zeit und damit die zeitzyklische Wiederkehr geschichtsrelevanter Konstellationen.
So wie es nach 24 Stunden wieder erneut tagt, so wird nach 2.400 Jahren eine Hochkulmination der Ereignisse und Entwicklungen einen neuen Zeitbeginn bedeuten: Das ist “Der Herr Jesus”.

Es handelt sich bei den drei Ringen Judentum, Christentum und Islam und die drei Saatkörner ein- und desselben Gedankens, zu verschiedenen Zeiten eingepflanzt und zu verschiedenen Gestalten emporgewachsen. Es ist vorauszusehen, daß – wie im Pflanzenreich – dramatische organische Entwicklungen analog in den Geschichtskörpern stattfinden werden.

Die Bibel ist eine Sammlung hochspiritueller Botschaften hinter purem Puppentheater, eine Vison aus der Geschichte, entsprechend dem gnostisch-hermetischen Prinzip: “Wie oben so unten”. Die stellaren Rhythmen finden ihre terrestrischen Abbildungen in der sog. Geschichte der Völker.”

Yep. Nur eine Frage, Herr/Frau Kochbuch: Es tagt ja nicht nach 24 h „erneut wieder“, sondern nach 12-10 h – ganzjährlich in den Tropen und zwischen 4 und 20 h (je nach Standort und Jahreszeit) in den Ektropen. Somit wäre eine „Hochkulmination geschichtlicher Ereignisse“ Ihrer Theorie zufolge nach zwischen 1.000 bis 1.200 Jahren bzw. zwischen 400 und 2.000 Jahren zu erwarten? Ganz davon abgesehen, dass ein Tag nicht 24 Stunden dauert, sondern umgekehrt eine Stunde der 24. Teil eines Tages ist und das ganze kein „stellarer Rhythmus“, sondern der sogen. gregorianische Kalender ist. Ihre Anspielung auf Lessings Ringparabel ist dagegen außerordentlich begrüßenswert, in einem Blog wie PI aber wohl verschwendete Zeit.  

Ehrlich, Länder wie Tanzania haben bloß ein schlechtes Schulsystem und eine hohe Analphabetenrate. Bevor ich mich –siehe Artikelanfang- darüber erhaben dünke, dass Leute die mehrheitlich in unabgesicherten Lebenssituationen stecken, die wir Europäer uns nicht einmal mehr vorstellen können, nach vielleicht dem letzten Strohhalm einer fundamentalistischen Religionsauslegung greifen, sollte ich erst mal vor die eigene Haustür gucken. PI lesen bildet eben doch – irgendwie.

Populärmusik

Wenn es musikalisch etwas gibt, das noch schlimmer ist als deutsche Musik, dann ist das indische Musik. Also, die Rede ist von Populärmusik. Vor allem die aus den unsäglich seichten Bollywood-Seifenopern mit Gesichtsgünther Sharuk Khan in der Hauptrolle, die gefühlte 20 Stunden dauern, wo gefühlte alle zwei Minuten irgendeine Gruppe von 20 Leuten, die sich zufällig zusammenfinden, eine perfekt inszenierte Musical-Tanznummer hinlegen, die singenden Männer ein Timbre in der Stimme bekommen, dass es einem den Zahnschmelz von den Zähnen löst, die Frauen ihre Gesangdarbietung auf die Frequenz von Hundepfeifen hochschrauben und Sharuk Khan sich den nackten Oberkörper von Wasser bespritzen lässt. Mag man das alles noch mit kulturellen Unterschieden entschuldigen -indischen Frauen mag man sowieso alles verzeihen und man weiss ja Bescheid über das strikte indische Heiratssystem, wo die Familien das Paarungsverhalten ihrer Kindeer untereinander geschäftlich regeln und wahre Liebe so gut wie ausgeschlossen ist, also bleibt für Romantik nur eine Traumwelt- das wirkliche künstlerischen Verbrechen fängt spätestens bei den unsäglich flachen Skripten an: Jedermann ist reich und glücklich und ist vielleicht jemand nicht ganz so reich und glücklich, so wird er es spätestens sein, wenn der Zuschauer den ganzen Film durchlitten hat. Bollywood-Massenware (es gibt, natürlich, auch sehr sehr gute indische Filme) wird sowieso nur produziert, um die entsprechenden Soundtrack-CDs zu verkaufen, man hat den Eindruck, die gesamte südliche Hemisphäre ist davon verseucht, du kannst einfach nicht entkommen und selbst wenn du dich in nicht-elektrifizierten Gegenden aufhälst, so plärren Bollywood-Songs aus batteriebetriebenen Radios.

 

Wenn es aber auf der Welt etwas gibt, was noch schlimmer ist als indische Popmusik, dann ist das ostafrikanische Popmusik und wirklich am furchtbarsten: ostafrikanische christliche Popmusik. Junge, hier hört wirklich die Musik auf und fängt die chinesische Wasserfolter an. Wer zur Hölle hat eigentlich den Kongolesen, die das ganze vor ungefähr 40 Jahren erfunden haben, erzählt, ein guter Popsong darf höchstens zwei Akkorde enthalten, sollte das Tempo eines durchschnittlichen Eselskarrens nicht überschreiten und keinesfalls länger als 40 Minuten dauern? Und verdient eigentlich jemand Tantiemen daran, dass jede einzelne Note jedes einzelnen Arpeggios jedes einzelnen Songs genau gleich ist? Wisst ihr vielleicht nicht, dass man Gitarren verdammt noch mal auch verzerren kann und schläft dieser verdammte Drummer etwa beim Spielen? Wie soll ich denn den Song verstehen, wenn es überhaupt keine Struktur: Strophe-Bridge-Refrain oder ähnliches gibt und warum muss an jeder Straßenecke die letzte und ausgeleiertste Kassette mit voller Lautstärke durchgenudelt werden, oder macht das auch schon keinen Unterschied mehr?

 

Wenn du dir allerdings ein Video im Fernsehen oder noch besser einen Live-Auftritt einer ostafrikanischen Band anguckst, brauchst du gar nicht anderes mehr und Beschwerden kommen auch nicht mehr über deine Lippen. Was uns hier rettet sind wieder mal die Frauen, genauer gesagt, die Tänzerinnen. Junge, können die mit dem Hintern wackeln, das ist schlicht und ergreifend eine eigene, ausdrucksstarke Kunstform. Sie bringen es tatsächlich fertig, ein einziges Körperteil in zwei gegenläufigen Kreisbewegungen umeinander rotieren zu lassen. Unbeschreibbar. Du solltest nicht aus diesem Leben scheiden, ohne eine ostafrikanische Tänzerin in der Ausübung ihrer Kunst gesehen zu haben.

Resignation? Nein. Eine Replik.

Ich las Franks Artikel „Baby Resignation“ auf Citronengras dieser Tage und fühlte mich bemüßigt, selbst hier, aus dem heissen Süden Tanzanias, eine Antwort darauf zu schreiben. Die Antwort, wenn auch sehr subjektiv ausgefallen, ist: Nein.

 

Ich verstehe Franks Resignationsgefühl, wie sicher viele Blogger und auch Journalisten, oder allgemeiner gesagt: Idealisten; die sich (noch)nicht an die Industrie oder eine Ideologie verkauft haben…  Angesichts der unzähligen großen und kleinen Schweinereien, die auf einen einstürmen, am Schreibtisch sitzend und versuchend, dagegen anzuschreiben – aussichtslos, aussichtslos – da ist Resignation vorprogrammiert. Aber geht es nicht in Wirklichkeit eher darum, sich selbst und seinen Idealen treu zu bleiben, sich selbst gegenüber integer zu sein, statt zu glauben, man müsste, man könnte und man sollte die Welt verändern in einem einsamen Kampf David gegen Goliath oder besser gesagt, gegen eine vielköpfige Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf viele neue wachsen? Ist es nicht auch möglich, sich etwa im täglichen, persönlichen Leben mit seinen vielen, kleinen Entscheidungen immer wieder neu an seinen Idealen zu messen? Ist es nicht vielleicht schon gar ein Wert an sich, 40, 50 oder 60 Jahre alt zu werden und sich nicht in einen von links- auf rechtsgewendeten Neocon vom Schlage der Schilys, Broders, Giordanos und Biermanns dieser Welt verwandelt zu haben?

 

Die Welt ist groß, bunt, verwirrend und erfüllt mit den unterschiedlichsten Pfaden, Wegen und Entwicklungen. Es mag einem oft so vorkommen, als sei etwa die globale Markttotalisierung eine übermächtige Woge, die über uns allen zusammenschlagen und nichts als Verwüstung hinterlassen wird – aber die Welt ist zu vielfältig und jede Entwicklung verursacht eine ganze Kette unterschiedlicher Gegenbewegungen, als das dies wirklich realistisch wäre. Was weiss denn schon ein feister Roman Herzog von den Lebensumständen indischer, bengalischer oder ostafrikanischer Bauern, wie lange würde wohl Bert Rürup und der deutsche Rat der Wirtschaftsweisen mit all seiner Weisheit in einem Dorf in der weiten Savanne Tanzanias überleben können, wenn man ihn dahin versetzen würde? Was ist schon die verkniffene Lügnervisage eines Hanns-Olaf Henkel gegen das Lächeln einer bestrickend schönen Inderin? Was bedeutet schon die ständige Hartz 4-Drohung, der wir dieser Tage ausgesetzt sind – wenn du siehst, wie Dorf-Familien in Ostafrika in Hütten aus Laub und Wurzelholz leben, von der Art, die du dir selbst als Kind gebaut hast? Was ist die Bahn-Privatisierung, wenn Du in einem mit Menschen vollgestopften, nur noch von Rost zusammengehaltenen, „dalla dalla“ genannten Kleinbus sitzt und dir denkst, eigentlich habe ich dieses Leben doch ganz gern – und ich würde es wirklich außerordentlich begrüßen, Gott oder was auch immer, nicht in diese tiefe Schlucht linker Hand zu stürzen… Sollen sich doch die Leute von Bild, Bohlen und Broder verblöden lassen und so engstirnig werden, als trügen sie den Kopf in einem Goldfischglas, obwohl sie wirklich alle Möglichkeiten hätten, über den Tellerrand zu schauen – die Hauptsache ist doch, dass DU zu den Leuten gehörst, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, auch in ganzen Sätzen lesen und denken zu können.  Und kannst du dir vielleicht vorstellen, wie unbeschreiblich lächerlich sich das konzentrierte Kleinbürgertum ausnimmt, das billigste Weltverschwörungstheorien in einen Weblog wie PI ejakuliert, gelesen zur gelegentlichen Erheiterung – in einem Land wie Bangladesh?

 

Natürlich ist Deutschland verglichen mit fast allen Regionen der Welt größtenteils harmlos und man könnte sich auf den Standpunkt stellen: DU da im Hort des Friedens und des Reichtums, DU resignierst? Guck dir mal den kongolesischen Kleinbauern an, dessen Familie im afrikanischen Weltkrieg (Madeleine Albright) 1997-2003 umgebracht wurde, von dem du noch nicht mal was mitbekommen hast und der trotzdem jeden Morgen auf sein karges Feld geht um sein letztes verbliebenes Kind zu ernähren. Guck dir mal die verkrüppelten Elendsgestalten an, die tagtäglich durch Dhaka wanken oder die zahllosen jungen Männer in Dar Es Salaam, die nichts anderes zu tun haben, als von morgens bis abends am Straßenrand rumzulungern, in einem Land mit einer Arbeitslosenrate von über 80 % wie Tanzania. Aber das hilft dir auch nicht, es sind ja gerade diese Zustände und keine Besserung in Sicht, die dich krank machen. Und das ist gerade das, was dich sympathisch macht.

 

Doch inmitten aller ökonomischen und ökologischen Desaster, von Korruption, Krieg, Seuchen, Analphabetismus und Überbevölkerung, da wächst es eben doch -es ist alles andere als ein zartes Pflänzchen- und es kommt ausgerechnet aus einem gebeutelten Land wie Bangladesh: Da ist die Grameen Bank, die Kleinkredite ausschließlich an die arme Landbevölkerung und fast ausschließlich an Frauen vergibt – diesen ihr Menschenrecht, als ökonomische Subjekte wahrgenommen zu werden zurückgibt und vier Millionen Menschen durch die Investition in lokale Kleingewerbe über die Armutsschwelle geholfen hat. Da sind hunderte von Mikrofinanzorganisationen weltweit, die diese Idee mittlerweile adaptiert haben. Da ist Grameen Shakti, das 200.000 ländliche Haushalte mit Solarsystemen elektrifiziert hat. Beides non-profit-Unternehmen, die wirtschaftlich nachhaltig und unabhängig operieren, nur ohne Rattenschwanz an parasitären shareholdern, für die der value quartalsmäßig erhöht werden muss, koste es was es wolle, weil sie sonst Amok laufen. Die schlichte Idee eines Ökonomieprofessors, der seine Ideale nicht vergessen hat: arme Menschen nicht aus dem wirtschaftlichen Kreislauf auszuschließen. Da ist -auf individueller Ebene- der strenggläubige Muslim Mr. Ahmed, der junge Frauen im ländlichen Raum als Technikerinnen ausbildet und die in Heimarbeit Hochtechnologie-Komponenten für Grameen Shaktis Solarsysteme produzieren. Da sitzt du mit zwei Kollegen aus zwei weit entfernten Kontinenten und entwickelst Projektpläne und schliesst tiefe Freundschaften über alle Kulturkreisgrenzen hinweg. Da verstehen Bauern im südlichen Tanzania plötzlich deine Idee, die deine Kollegen und du zwei Jahre lang nur theoretisch entwickelt haben und eine alte Frau dankt dir mit Tränen in den Augen – und sie kriegen nichts geschenkt, nein, sie müssen dafür zahlen.

 

Resignation? Nein. Denn die würde dich doch nur daran hindern, zu erleben – mit allen guten und schlechten Seiten – was die Welt sonst noch so zu bieten hat.

 

 

Bezness: Betrügen „orientalische Romeos“ europäische Touristinnen oder betrügen diese sich selbst?

Während einer Odyssee durch das Internet entdeckte ich die Website 1001geschichte.de des Vereins „Community of Interests against Bezness (CIB e. V.)“. Laut Selbstbeschreibung:

„[...] In den letzten Jahren [hat sich] in einigen Urlaubsländern ein neuer Geschäftszweig entwickelt, der sich BEZNESS nennt. Diese Bezeichnung steht in orientalischen Ländern für das Geschäft mit den Gefühlen europäischer Frauen. Tausendfach verlieren hauptsächlich Frauen [...] nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut, weil sie den gespielten Liebesschwüren und betrügerischen, schauspielerischen Höchstleistungen ihrer Urlaubslieben aus Unkenntnis verfallen. [...]„

widmet sich der Verein der Information und dem Kampf gegen ebenjenes „bezness“. Was mir zunächst mal sauer aufstösst ist die Aussage auf der Homepage: „Bezness verstößt gegen die Menschenrechte“. Zynisch könnte ich darauf erwidern: Da Dummheit zweifellos eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, kann sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen, q.e.d. Moralisch will ich dem gegenüber stellen: Armut verstößt gegen die Menschenrechte. „Bezness“ (wie auch Sextourismus) ist eine Folge von Armut bei gleichzeitigem Tourismus „reicher“ Europäer in diese Länder. Betroffene Frauen werden also im abstrakten Sinne Opfer dieser Armut.

Die auf der Homepage veröffentlichen Erlebnisberichte sind emotional packend und ich als versuchender Frauenversteher (god loves the tryer) las sie mit großem Interesse. Ich kann mich in die einzelnen Geschichten sehr wohl hineinversetzen, das Gefühlschaos, den Scham gegenüber dem Umfeld und den finanziellen Ruin. Ich weiss auch wie es ist, jemanden zu lieben und einfach nur zu lieben, wie eine schlimme Krankheit, obwohl das gesamte Umfeld, das die Hintergründe kennt, einfach nur noch den Kopf schüttelt. Was ich nicht verstehe sind 2 Haltungen, die hinter vielen der Geschichten stecken:

1. „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“

Gut, da ist diese Verliebtheitsphase am Anfang jeder Beziehung, wie ein süß-klebriger, rosaroter Drogenrausch, während der man eigentlich als partiell unzurechnungsfähig eingestuft werden sollte, die allerdings nicht länger als ein halbes Jahr andauert (Quelle: eigene Evaluierung). Dann jener entscheidende Knackpunkt, wo Verliebtheit in Liebe, Neues in Vertrautes und eine Affäre in eine Beziehung übergeht (oder eben nicht). So. Bei sämtlichen der Geschichten handelt es sich um längere Beziehungen über mehrere Jahre, mit Zuzug in das eine oder andere Land und Heirat. Was denkt sich so eine Frau, die in einen orientalischen Mann verliebt ist, an diesem Punkt? Klar, der ist 20-30 Jahre in der patriarchalisch-traditionalen Kultur Tunesiens/Marokkos/Nigerias/Kenyas sozialisiert. Aber jetzt hat er schließlich MICH getroffen und wird sich zweifellos innerhalb der nächsten anderthalb Jahre zu einem emanzipierten Mann erziehen lassen und mir alle Freiheiten einräumen, die ich mit meiner europäischen Sozialisation gewohnt bin, zusätzlich aber ein kleines bisschen seiner Exotik und archaischen Männlichkeit behalten, die mich von Anfang an so faszinierte?

2. Der Opfer-Habitus

„Er sagte mir knallhart, dass es eben etwas kosten würde, sich einen jüngeren und gutaussehenden Mann im Bett zu halten und wenn ich das weiter so haben wollte, dann sollte ich gefälligst ruhig sein und ihn nie wieder nach Geld fragen.“ (Quelle)

Es ist zweifellos obszön und erniedrigend so etwas zu einer Frau zu sagen. Andererseits, wenn ich als Mann 40 wäre und eine landschaftlich beeindruckende, etwa 10-20 Jahre jüngere Frau machte mir Avancen, würde es sich bei obigen „business agreement“ schon fast um einen gesellschaftlich akzeptierten Normalfall handeln. Nur das hier eher der Mann „der Böse“ ist – tatsächlich schildern sehr viele der Autorinnen, vorher von ihrem Mann für eine jüngere verlassen worden zu sein. Klarer Fall also: Mann kauft Frau, Schuld: der Mann – Frau kauft Mann, Schuld: der Mann? Und das nennt sich dann „Gleichberechtigung“?

Mir geht v. a. diese unerträgliche Opfer-isierung auf die Nerven – nicht nur hier, es scheint mir mittlerweile fast schon ein gesellschaftlicher Trend zu sein: Ich armes, hilfloses Opfer habe natürlich überhaupt keinen Einfluss auf mein Leben und was mit mir passiert, Schuld sind die anderen. Niemand -ausgenommen hilflose Personen wie Kinder- ist jemals zu 100% nur Opfer. Meine Damen, Sie sind alle volljährig, in den meisten Fällen ungefähr 40, geschieden und z. T. mit Kindern, also durchaus schon durch einige Höhen und Tiefen des Lebens gewandert. Als westliche Frau sehen Sie sich als vergleichsweise emanzipiert und relativ gleichberechtigt an – aber (wirkliche) Emanzipation heisst auch: Sie sind selbstständig, verantwortlich für Ihr Leben und nicht mehr in einer abhängigen und hilflosen Position, wie dies im 19. Jahrhundert noch der Fall war. Kurz gesagt, Emanzipation bedeutet auch, keine (totale) Opferrolle mehr einnehmen zu können.

„Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat- meine Selbstachtung, mein Vertrauen in Menschen, viele Personen in meinem Leben, mein hart verdientes Geld.“ (Quelle)

Natürlich verstehe ich so eine Aussage unter dem Schock der Ereignisse. In der reflexiven Nachbetrachtung Jahre später muss es aber lauten: „Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat und ich habe mir alles nehmen lassen… D. h. ich bin zu mindestens 50% mit Schuld an dem, was mir passiert ist.“

In jedem Reiseführer der entsprechend stark betroffenen Länder wird vor männlichen Prostitutions-Trickbetrügern gewarnt, die 20-30 sind und sich an 10-20 Jahre ältere Frauen ranmachen. Wenn Sie es fertig bringen, auch nur einmal den Fuß vor Ihr Touristen-Resort zu setzen, werden Sie vermutlich bemerken, wie arm die Menschen dort relativ zu Ihnen sind bzw. im Umkehrschluss wie unendlich reich Sie den Einheimischen vorkommen müssen (die z. B. nichts über unsere hohen Lebenshaltungskosten wissen). Wenn Sie über Einfühlungsvermögen verfügen, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass einige Menschen alles zu tun bereit sind, um der Armut zu entfliehen, sobald sie einmal in Kontakt mit der europäischen „Wohlstandsinsel“ kommen. Und Sie hinterfragen es trotzdem nicht, wenn sich ein junger, athletischer Romeo mit großen braunen Kulleraugen und lustigem Kraushaar sich an Sie heranmacht? Warum stellen Sie sich nicht gleich auf einen Basar in Djerba, halten ein dickes Bündel mit 100 €-Scheinen zwischen zwei Fingern in die Luft und beschweren sich hinterher darüber, beklaut worden zu sein? Vielleicht ist diese Kritik etwas harsch und etwas unfair. V. a. dann, wenn die Frauen in einigen Situationen Opfer (hilflos, da meist körperlich unterlegen) von Vergewaltigung (in den Geschichten allerdings selten) und/oder körperlicher Gewalt (deutlich häufiger) wurden.

Dennoch glaube ich, dass ich im Groben richtig liege – denn was wäre die Konsequenz der Opfer- und „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“- Haltung?

„Mädels, wacht auf und lasst wirklich die Finger von Nigerianern. Das rate ich euch allen Ernstes. In Nigeria hab ich gesehen, was läuft und erfahren, was die Devise ist, egal ob Männlein oder Weiblein: Abzocke, Geld, Frauen schlecht behandeln, was anderes können und wollen die nicht. Es war mir eine Lehre. Aber, wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ (Quelle)

Und, was ist das jetzt, Mädel? Feministischer Rassismus?

„Selbstkritische Artikelreflexion…“

Homer Simpson for President!

Anlässlich des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos äußerte sich der Soziologe und Reichtumsforscher Prof. Hans Jürgen Krysmanski im stern.de-Interview über Netzwerke des Geldes und der Macht und den Diskurs der Eliten.

„Das World Economic Forum ist etwas Besonderes geworden, weil dort Spitzenmanager mit Vertretern anderer Eliten in Berührung kommen. Das ist ja gar nicht selbstverständlich. [...] aufstrebende Politiker aus Afrika auf, die Musiklegende Brian Eno [...], Hollywoodstar Angelina Jolie [...] Wissenschaftler [...] alle verständigen sich selbstverständlich über Fragen, die jeden Menschen auf der Welt betreffen, aber es ist ein Diskurs unter Eliten für Eliten. Wenn dabei etwas für die Massen „abfällt“, ist das eher Zufall. „

„Davos ist ein Symbol für die Privatisierung der Macht. Schon längst sind große transnationale Konzerne mächtiger als die meisten Regierungen [...] Politische Macht ist abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die über informelle Netzwerke weltweit politisch wirksam wird. [...] Dieser Primat der Politik aber wird derzeit in einem erschreckenden und noch gar nicht begriffenen Ausmaß ausgehöhlt. [...] gerade auch in den Bollwerken der westlichen Demokratie [...]„

„Wir sprechen von tausend bis zweitausend Milliardären, von hundert- bis zweihunderttausend Personen mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von je über 30 Millionen Dollar weltweit. Das ist eine winzige Gruppe. Und doch scheint der auf dieser Welt produzierte Reichtum in diese Richtung zu fließen [...]„

Wie ist vor diesem Hintergrund das Wahlspektakel in den USA zu bewerten?

„Politische Macht ist unsichtbar geworden und zugleich weiß jedermann, dass es sie gibt,“

sagt Krysmanski (bezugnehmend auf Davos).

„Deshalb wird diese neue Form der Macht in prächtigen Schaubildern inszeniert.“

Dieser Eindruck drängt sich beim US-Vorwahlkampf allerdings auch auf. Sind Politiker als vom Volk gewählte Repräsentanten inzwischen mehr oder weniger Polit-Darsteller auf der Bühne der öffentlichen Aufmerksamkeit? Kaum mehr als Comic-Figuren, auf die sich Träume und Hoffnungen von Millionen marginalisierter Bürger projizieren?

homer_for_president.jpgobama_superman.jpg
Welchen dieser Kandidaten würden Sie wählen? (Quelle 1, 2)

Die schon immer – diesmal aber besonders starke – Art der Personalisierung mag ja dem ganzen Schauspiel die Spannung einer Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft verleihen, lassen wir uns davon aber nicht allzusehr mitreissen und vergessen über den ganzen bunten Bildchen die wirklich wichtigen Fragen zu stellen? Wer zahlt und v. a. warum zahlt jemand für das ganze Spektakel? Laut der „Federal Election Commission“ könnte der gesamte Präsidentschaftswahlkampf diesmal nicht nur die 1-Mrd.-US$-Schallmauer durchbrechen, sondern direkt die 2-Mrd-US$-Schwelle erreichen. Lagen die Kosten der Präsidentschaftswahl 2004 insgesamt noch bei 693 Mio. US$, wurden bis jetzt -obwohl die eigentliche Präsidentenwahl erst am 04. November stattfindet- schon fast 600 Mio. US$ an Spenden eingesammelt. Und diesmal liegen die demokratischen Präsidentschaftsbewerber mit ihren „Kriegskassen“ weit in Führung – obwohl die Republikaner gemeinhin als Vertreter der US-Großindustrie betrachtet werden: Hillary Clinton sammelte 118 Mio. US$, Barack Obama 104 Mio., gefolgt von Mitt Romney mit 90 Mio., John McCain mit 42 und Mike Huckabee mit nur 9 Mio. US$. (Quelle) Wer immer die noblen Spender sind -von Obama heisst es, das hauptsächlich kleine Spender zu seiner Wahlkampfkasse beitragen würden und er Geld von „der Wall Street“ ablehne und von Romney, dass er einen Großteil aus seinem eigenen Multi-Millionen Doller-Vermögen eingebracht habe- zeichnet sich hier bereits eine Entscheidung um das Präsidentenamt ab?

Für das Geld wird uns aber auch eine perfekt inszenierte Multmedia-Show geboten, bei der mich (natürlich) insbesondere Barack Obamas Kampagne beeindruckt: „Change – we can believe in“: Partizipation, gelebte Demokratie, eine bessere Zukunft und ein neues Amerika. Der USA-Korrespondent der „Wirtschaftswoche“, Dieter Schnaas, berichtet über eine Wahlkampfveranstaltung in South Carolinas Hauptstadt Columbia am 25. Januar, dem Tag vor den Vorwahlen:

Amerika steht vor dem Ruin, ruft Obama, die Regierung sei ein Synonym für Korruption und Vetternwirtschaft, Washington ein Sammelbegriff für die Herrschaft von Lobbyismus und Unternehmensinteressen, Amerikas internationale Reputation durch eine bornierte Klimapolitik und dumme Kriege dahin […] [Aber eine Wandel ist möglich], durch eine nationale Anstrengung, [...] im Namen aller Amerikaner [...] durch ein Ende der alten Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern, durch einen neuen Anfang und eine überparteiliche Politik des gesunden Menschenverstandes, die zum Beispiel nicht wollen kann, dass 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert sind.

„Hoffnung“, ruft Obama, „bedeutet nicht, dass man sich etwas wünscht, sondern dass man sich Ziele setzt, um sie kämpft, sich für sie abrackert – und manchmal auch für sie stirbt“.

Einen Tag seinem Vorwahlsieg in South Carolina erhält Obama Unterstützung durch die liberalen Säulenheiligen Amerikas, den Kennedy-Clan:

„Ich habe keinen Präsidenten erlebt, der mich so inspiriert hat, wie mein Vater andere Menschen inspiriert hat“, schreibt John F. Kennedys Tochter Caroline in der „New York Times“, „und ich glaube, in Barack Obama den Menschen gefunden zu haben, der dieser Präsident sein könnte…“

Die anderen Präsidentschaftskandidaten konnten sich dem Sog von Obamas „Change“-Kampagne nicht entziehen: Hillbilly R. Clinton predigt den „cleverern Wandel“ und John Edwards (im Achtelfinale ausgeschieden) „wirklichen Wandel“, auch die republikanischen Kandidaten präsentieren sich als Erneuerer und der amtierende Präsident George W. Bush könnte, um einen von ihnen zu bestrafen, auf dessen Wahlkampfveranstaltung auftreten.

Ach, ist das schöööööööön, und es könnte dem Autor die Tränen in die Augen treiben – wenn, ja wenn ich religiös wäre. Ich glaube nicht an Erlöser. Politische Heilsversprechen mit dem Potenzial, dass sich alles von nun an in Richtung einer anderen, besseren Welt bewegen wird, dass der Zeiger einer Richterskala nach all den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu weit ausgeschlagen ist und sich nun wieder zurückbewegen muss, hat es schon zu oft gegeben – man denke etwa an Präsident Lula in Brasilien oder Nelson Mandela in Südafrika. Und Präsidentschaftskampagnen, die hunderte Millionen Dollar kosten, können nicht die „Interessen des kleinen Mannes“ gegen die Strukturen und Netzwerke des „großen Geldes“ vertreten. Millionensummen würden nicht fliessen, wenn Unterstützer nicht ein „Shareholder Value“ des entsprechenden Kandidaten nach Antritt der Präsidentschaft erwarten würden.

Vorbehaltlos unterstützte ich deshalb nur eine einzige Kandidatur, die Homer Simpsons, welche er hier in der „Late Show with David Letterman“ ankündigt.

[Den besten Punkt der Top-Ten-Liste "Gründe, warum Homer Präsident werden sollte" finde ich No. 8: "FOX News (welches "The Simpsons" in den USA ausstrahlt) hätte ich in jedem Fall auf meiner Seite."]

Verwandte Artikel:

„Gottesstaat“ USA: Die Präsidentschaftswahl 2008 und der Kampf um die Deutungshoheit über dem Altar

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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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