Als ich ein kleiner Junge war, betrachtete ich Journalisten als Helden. Ja, eines Tages wollte ich selbst einer von ihnen sein. Ich sah sie als Intellektuelle in leicht abgeschabten Tweed-Anzügen, die kettenrauchend an ihrem Schreibtisch saßen und die Wahrheit in ihre kleinen schwarzen Schreibmaschinen hämmerten, die sich von nichts und niemandem aufhalten liessen in ihrem sisyphos-haften Kampf für das Gute und Gerechte in dieser Welt. Dabei lebten sie gefährlich, schufen sie sich doch mit Diktatoren, Geheimdiensten, Politikern, Konzernbossen, der Mafia und anderen Verbrechern mächtige Feinde. Das alles taten sie im Auftrag der Öffentlichkeit, der vierten Instanz im Staate, die, einmal aufgeklärt über die dunklen Machenschaften im Hintergrund, dafür sorgte, dass diese Verbrecher auf dem Müllhaufen der Geschichte landeten… Und der unbesungene Held, der Journalist, lächelte leicht, zündete sich eine neue Pfeife an und wandte sich dem nächsten Thema zu. Aber die Heldenverehrung eines kleinen Jungen zerbrach, wie so viele andere kindliche Illusionen auch. War ich noch als 12-,13-jähriger begeisterter SPIEGEL-Leser, der angeblich MEHR wusste, so änderte sich das, unmittelbar als ich lernte, im Kontext zu lesen. Und plötzlich war das schwarze gedruckte Wort auf weissem Hintergrund, an dass ich so unverbrüchlich geglaubt hatte, (fast) nichts mehr wert. Im SPIEGEL standen Dinge über „uns“ undankbare Ossis, die ich so nicht bestätigen konnte. Beinahe alle Zeitungen, quer durch die Bank, redeten Mitte der 1990er Jahre einen neoliberalen Markttotalitarismus herbei, in dem Gier, Profitsucht und Egoismus – die niedrigsten Instinkte – plötzlich zu den edelsten menschlichen Werten erklärt wurden. „Sozialismus funktioniert nicht“, „das Ende der Geschichte“ sei erreicht, es gäbe nur noch ein überlebendes System, dass sich quasi-evolutionär durchgesetzt habe – und dem man sich jetzt bedingunslos unterordnen müsse, so tönte es damals. In der Rückbetrachtung könnte man angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise jetzt mit einem simplen Schulterzucken erwidern: „Kapitalismus wohl auch nicht. Zumindest nicht so. Und zumindest nicht nur. Vielleicht ist es Zeit für etwas Neues?“
In der deutschen politischen Landschaft wird letztere Position wohl am ehesten von der Linken und ihrer „Galionsfigur“ Oskar Lafontaine vertreten. Doch das darf nicht sein,im Wahlkampfjahr, so scheint es. Denken verboten, Hinterfragen verboten und gar die Systemfrage zu stellen in unseren Tagen, das… das ist infam. Und das muss mit allen Mitteln verhindert werden. Deshalb dominiert seit Monaten in seltener Einhelligkeit von der „linksliberalen“ FR und „Zeit“ über das ZDF bis in Springers „Welt“ die Darstellung von Lafontaine und „der Linken“ als wirre Spinner, Populisten, aggressive Demokratiefeinde, Linksnazis. Die Saarbrücker Online Zeitung über das „ZDF-Sommerinterview“ mit Lafontaine:
Einen wirkungsvollen Auftakt bildete das ZDF-Interview mit dem Leiter des Hauptstadtbüros Berlin, Peter Frey am 12. Juli 09 in Saarbrücken. Dieser machte es praktisch unmöglich, sich von den Argumenten der Linken ein Bild zu machen, indem er unablässig die Person seines Gesprächspartners angriff. Der ZDF-Interviewer sprach anschliessend von Lafontaine als “dünnhäutig”, “verunsichert” , aus der “Fassung” geraten, als einem Mann der “kaum ruhig stehen kann”. Ähnlich fielen z.B. Organe der WAZ-Gruppe nach dem ZDF-Sommerinterview über Lafontaine her: er ist “umstritten”, “angefressen”, er “giftet”, “meckert” mit “gefrorenem Lächeln”, er “poltert”, er “mault”, ist “immer aufgeregter” und er ist “erkennbar angeschlagen”.
Die „Süddeutsche Zeitung“ unter der Überschrift „Gift und Galle“ (die Lafontaine spucke, natürlich) über dasselbe Interview:
Dem Linken-Chef bereitete es sichtlichen Verdruss, mit welcher Hartnäckigkeit Frey auf seinem Rücktritt als Bundesfinanzminister im Jahr 1999 herumritt. „Wenn es brenzlig wird, wirft er hin“, laute ein gängiges Urteil über ihn, hielt Frey Lafontaine vor. Man solle doch „nicht so dämlich von hinschmeißen reden“, regte sich der sich auf. Mehrfach raunzte Lafontaine den Interviewer an: „Unterbrechen Sie mich nicht ständig“ und bügelte Fragen rüde ab: „Sie wissen doch, dass das ein Witz ist.“ [...] Als Lafontaine, dem das Rechthaben schon immer sehr wichtig war, davon sprach, dass es inzwischen auch „anständige Journalisten“ gebe, die ihm attestierten, richtig gelegen zu haben [...]
Die „Frankfurter Runschau“ schreibt über die ZDF-Wahlkampfsendung „Illner Intensiv“ unter dem Titel „Surreale Verschwörungstheorien“ (Lafontaines, selbstverständlich):
Auch Einspielfilmchen gehören zu „Illner Intim“ (oder so). Da tanzen Marx, Lenin, DDR-Funktionäre und Linke-Personal als Zombies zu Michael Jacksons „Thriller“ über die Gräber. Da werden Linke-Forderungen vor rosa Hintergrund als Seifenblasen auf den Schirm gepustet. [...]
Und der [Lafontaine] holt zur ganz großen Verschwörungstheorie aus: Die Medien in Deutschland, sagt er ungestört in einem deutschen Medium, seien ja in den Händen von zehn reichen Familien, und in deren Interesse liege es nun mal, die Linke klein zu halten. Jetzt muss er nur noch von jüdischen Familien reden, dann darf er bei der NPD eintreten, die redet genauso.
Damit hat der Saarkasper denn auch das Mitleid verspielt, das angesichts der ZDF-Inszenierung aufkommen könnte. Denn mit ein paar Höhenmetern Abstand, schon von der alleruntersten Metabene, sieht „Illner intrigant“ ganz, ganz hässlich aus. Zombie-Filme, DDR-Gesichter, wertend inszenierte Umfragen [...]
Der saarländische Napoleon-Imitator in seiner grenzenlosen Gier nach Aufmerksamkeit quält sich sogar noch ein falsches Lachen ab [...] Nicht, dass wir bei dem Herrn ein Rückgrat vermutet hätten – aber jeden Blödsinn muss man nicht mitmachen, selbst um der Sache willen nicht, falls die bei dem Herrn noch eine Rolle spielt.
Die „Welt“ (na gut, „die Welt“…) hat Lafontaine gar gleich als Verfassungsfeind entlarvt und berichtet über dieselbe „Illner Intensiv“-Sendung unter der Überschrift „Lafontaine stellt bei Illner die Demokratie in Frage“:
Irgendwie war „Illner Intensiv“ nur noch die Ein-Mann-Show des Oskar Lafontaine. Selbst wenn er gar nicht gefragt war, antwortete der Partei-Chef der Linken auf das Fragen-Bombardement der Moderatorin Maybrit Illner. Er stellte dabei aber nicht nur die Existenz der demokratischen Ordnung in Deutschland in Frage, sondern vor allem die Regierungsfähigkeit seiner Partei.
Angesichts der sinkenden Umfragewerte scheint die Linkspartei am Ende der Wirtschaftskrise in eine Parteikrise zu taumeln [...]
Lafontaine dagegen spricht lieber davon, dass das Programm, das unter anderem ein staatliches Ausgabenpaket von 300 Milliarden Euro pro Jahr vorsieht, kompromisslos ist. „Ein Parteiprogramm orientiert sich nicht an Kompromissen, sondern stellt die Positionen der Partei dar“, sagte er. Das klingt zwar ein bisschen besser, sagt aber auch nur, dass sich die Linken mit ihrem Programm selbst nicht als regierungsfähig betrachten.
Bei Linkspartei geht es mittlerweile offenbar nur noch um Protest pur. Sie präsentieren sich fast wie tanzende Partei-Zombies, wie die Illner-Redaktion in einem Einspieler zeigte, der mit der Musik von Michael Jacksons Thriller untermalt war. [...]
Ist es wirklich eine „surreale Verschwörungstheorie“ Oskar Lafontaines, dass die Mainstream-Medien offenbar kein großes Interesse an einer objektiven Berichterstattung über seine Person und „die Linke“ hätten? Es ist m. E. deutlich, dass sich viele Medien in einem „Klassenkampf“ um die gescheiterte neoliberale Ideologie sehen, die sie vor wenigen Jahren noch im Brustton der Überzeugung heraustrompeteten, womit nicht zuletzt sie auch eine Mitverantwortung an der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise tragen.

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