by red.cloud
Aus einem Gefühl bitteren, bitteren Fernwehs veröffentliche ich hier mal folgenden Erfahrungsbericht. Ist zwar schon drei bis vier Jahre her, aber ich kann ja dieses Jahr nicht weg, aus Diplomarbeitsschreibensgründen…

(nicht von mir sondern von hier: http://antwrp.gsfc.nasa.gov/ – Billig-Digicams scheinen bei minus 23 °C nicht zu funktionieren)
Kibo-Huts (4720 m)
Jetzt bin ich also hier. Nach vier Tagen Aufstieg. Ich sitze direkt um Fuß des Kilimanjaro-Kraters. Die Schneekuppe, die ich für den Gipfel halte, erscheint so nahe, dass man die Hand austrecken und danach greifen möchte, aber das täuscht wahrscheinlich. Die Kibo-Hut ist ein flacher Gebäudekomplex mit vier großen Schlafsälen. Kein Wasser hier, aber im Verwaltungsbüro kann man zu horrenden Preisen Cola kaufen. Direkt vor der Hütte liegt der aufsteigende braune Hang, mit Steinschutt und großen Felsblöcken übersät. Ich laufe etwa 200 m weit hoch, bis zu einer senkrechten Wand und klettere zwischen den Felsen herum. Man kann nur etwa 10 Schritte laufen, bis man ausser Atem ist. Ich stehe auf den 10 Meter hohen zerklüfteten Brocken, atme und verschlinge die phantastische weite Landschaft. Immer wieder fällt der Blick auf den im Sonnenschein glitzernden Gipfelgletscher, als könnte man ihn hypnotisieren. Bis hier war alles nur Spiel, Vorspiel, bloßer Auftakt für heute nacht. Ein Kampf wird das, ein Kampf gegen die übermächtige Natur, ein Kampf gegen mich selbst. Aber irgendwie erscheint es mir so, als würde morgen früh alles anders sein, wenn ich erst auf dem Gipfel stehe. Kein Stechen in der Brust, keine Kopfschmerzen, nur müde.
Ich zwinge große Mengen Tee in mich hinein. Nachmittags lege ich mich hin, der Schlafsaal ist mit 10 sehr engen Doppelstockbetten ausgestattet. Zum erstenmal überhaupt schlafe ich richtig gut, aber wir werden schon nach einer Stunde zum Abendessen wieder geweckt. Das Essen will überhaupt nicht runter und ich lege mich direkt wieder hin. Aber dann sind da eine Ansammlung von vielleicht 40 bis 50-jährigen Briten, die einfach ihren Sabbel nicht halten können. Die alten Knaben sind dermaßen ausgelassen, wie ein Schulklasse pubertierender Mädchen. Dazu sind sie unglaublich hart, wie man jedenfalls an ihren Reden und ihrer kurzen und männlichen Lache zwischendurch hören kann. Ich kriege richtig Hass. -Schnauze, Schnauze, Schnauze! schreie ich innerlich und beiße fast in meinen Schlafsack vor unterdrückter Mordlust. -Ihr schafft es nicht! verfluche ich sie… Meine Kletterkollegin Pip (eine schottische Studentin) meldet sich zu allem Überfluss auch noch.
Es dunkelt und draussen heult ein Sturm, die Außentür schlägt auf und zu und natürlich mache ich die ganze Zeit kein Auge zu. Die Briten schlafen und geben ein mehrstimmiges Schnarchkonzert von sich. Ich bin total aufgeregt, wälze mich auf dem Nachtlager, kann mich auf nichts konzentrieren. Es ist wirklich schlimm. Ich kämpfe mich nach draussen zum Klo, blicke nach dem klaren Sternenhimmel und dem mit seinen Schatten drohenden Berg. Zweifel bohren sich aus dem tiefsten Inneren nach oben. Was ist bloß, wenn ich es nicht schaffe? Diese quälende Unruhe macht mich noch fertig. Um 23.00 Uhr schließlich werden alle anderen geweckt, wir starten erst eine Stunde später. Selbstverständlich machen sie Licht und ihre Anzieherei und Packerei geht nicht ohne Lärm und allerlei witzige Kommentare vonstatten. Ich bin ein zitterndes Nervenbündel, als sie endlich abziehen. Endlich Ruhe… Um 0.30 kommt schließlich unser Guide Alex herein. Er lächelt beruhigend und weist uns an, wie wir uns anzuziehen haben. Zwei Hosen übereinander, zwei Fleece-Jackets, Trekkingjacke, Skihandschuhe, Wasserflasche. Es ist sehr kalt auf dem Gipfel, sagt er, minus 20 Grad. Meine Lampe ist hinüber, ich greife die Stöcke und gehe nach draussen. Ich bin einfach nur müde und das Schlucken fällt mir schwer: In der Kehle sitzt ein dicker Kloß der Aufregung.
Es geht los, wir stehen am Hang, den Weg nach oben habe ich gestern schon gesehen. Es ist 1.00 Uhr, dunkel und sehr kalt, aber heller Vollmondschein. Vor uns Ketten von Stirnlampen. Es sieht seltsam aus. Bin dick eingewickelt und versuche, mich nur aufs Atmen zu konzentrieren. Ich gucke nur nach unten auf den schwarzen Boden und sehe Pips Scheinwerferstrahl und ihre Füße. Ich muss es schaffen! Ich bin so müde. Einen Fuß vor den anderen, es geht auf losem, körnigen Untergrund in Serpentinen den Kraterwall hoch. Die Stöcke bewahren mich mehrmals vor dem Taumeln. Niemals den Blick heben, nur konzentrieren. Jeder Stich in der Brust halte ich für das erste Anzeichen von Höhenkrankheit. Mir ist schwindlig. Trotzdem geht es mir irgendwie großartig, nur anders. In Pausen hocken wir auf dunklem Sand, etwas windgeschützt zwischen Steinen. Das Seitenstechen verschwindet. Die schwarz-schartigen Ränder der Felsen, die aus dem Sand ragen und hinter denen die Sterne scheinen, sind wie Burgmauern. Gelbliche Lichterketten am Berg, in Wirklichkeit sind wir auf dem Meeresboden. Alle Geräusche gedämpft und verzerrt, allgegenwärtig nur der Wind. Der Mond scheint so hell, dass er den ganzen Hang in fahles Licht taucht. Darunter ist unendliche Schwärze, wir kriechen an einer Wand entlang, die über dem Vakuum pendelt. Es geht nur nach oben, keine andere mögliche Richtung. Alex benimmt sich so seltsam. Er macht komische Geräusche, lautes Gähnen und lässt sich manchmal einfach zu Boden fallen. Er fragt wie es mir geht und ich verstehe nichts, dann sage ich -Great! und er bemerkt irgendetwas Spöttisches zu Auguste. Hans Meyer Cave, 5000 m, hausgroße Felsen mit einen schwarzen Loch in der Mitte. Erst? Ist mir ganz egal. Die Kälte kriecht in Zehen und Finger, ich kann sie kaum noch bewegen.
-5150 m. sagt Alex. Wir kriechen wie die Schnecken, aber überholen ständig die vor uns gehenden Leute. Der Pfad ist sehr schmal und kurvenreich. Konzentration, das mit dem Gleichgewicht ist schon manchmal schwierig. Ich atme und stelle mir vor, wie es sein wird, auf dem Gipfel zu stehen. Es wird immer steiler und steiler, beinahe senkrecht müssen wir zwischen den Felsen hochklettern. Ich schaue zum Rand des Kraters, es sieht so nah aus, aber wir erreichen ihn nicht. Wir haben kein Licht mehr an, der Mond ist hell genug. Das Knirschen der Schritte und schnaufender Atem hallt im Kopf wieder. Unbarmherzig ist die schwarze Umgebung und kalt, alles erscheint mir feindlich. Ich bewege Finger und Zehen, damit nichts einfriert. -Ich brauche euch nicht, ihr könnt mich alle, will ich schreien, aber ich weiss nicht wieso. Meine Füße wühlen sich durch die Asche, das Herz pocht rasend schnell bis zum Hals. Im lockeren Boden rutscht man oft wieder einen halben Schritt zurück.
Wie in einem Kaleidoskop rotieren verworrene Bilder im Bewusstsein. Wie weit und unendlich fern ist die Wirklichkeit, solange sich alles auf diesen einen Punkt konzentriert. Irgendwann werde ich lernen, mit dem Leben fertig zu werden, aber immer wird man zuletzt allein im dunklen Zimmer hocken. Depression und verdammte Unsicherheit. Und man wird verzweifelt um sich schlagen, aber es gibt kein Licht. Nur nicht daran denken und sich in bunten Illusionen wiegen, sich durch eine Welt träumen, in der es keinen Platz gibt. Blind auf einen Abgrund zu taumeln, der von allen Seiten näherkommt. Ich stemme mich gegen den Wind, wie gegen die Widrigkeiten des Lebens. Man kann nur machen, was andere wollen. Meine Füße sind schwer und heben sich kaum vom Boden. Der gelbe Lampenkegel tanzt vor mir über den losen Sand. Noch einen Schritt und noch einen. Jeder bringt mich näher heran, wenn nur die Finger nicht erfrieren. Alles müsste so einfach sein.
Uhuru Peak (5895 m)
Lacht nur, so lange ihr noch könnt… und dann ist da kein Berg mehr, kein Wind und keine Kälte, verschwommen kommt eine Gestalt auf mich zu, schwimmend im Nichts, groß und sehr schlank. Das Gesicht länglich, mit hoher Stirn und hohen Wangenknochen, große graue Augen, schmale Nase, ihr Mund ist klein und die Ohren rot. Dunkelblonde Haare im Nacken zum Zopf gedreht. Ihr Blick abwesend und schräg nach oben gerichtet, die Gesichtszüge verträumt. Unbeschreibliches Lächeln, mit den Augen und in den Mundwinkeln angedeutet. Ich versuche in ihren Gesicht etwas zu lesen, und scheitere. Es ist unergründlich und diszipliniert, sie lässt sich nicht in die Karten schauen. Sie ist wunderschön… Sie ging, und für mich brach die Welt zusammen… es ist die Höhenkrankheit. Ein extrem steiles Stück auf losem Untergrund zwischen monolithenhaft in die Höhe ragenden schwarzen Felsen, dann schaue ich plötzlich verständnislos auf den Kraterrand. Ein kleines Schild: Gillmans Point 5680 m. Es ist 4.30, Alex und Auguste (der assistant guide) umarmen uns. Wir lagern in der kleinen Senke zwischen den Felsen.
Die Wasserflasche an meinem Gürtel ist zu einem Klumpen Eis gefroren. Unter uns bewegt sich eine Kette von Glühwürmchen langsam hinauf, wir haben sie alle überholt. Wir waren schnell hier, fast mache ich mir Sorgen, zu früh für den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu sein. Man sieht nur dunklen Boden und von der Umgebung bläuliche Finsternis. Wir müssen jetzt nur noch auf dem Kraterrand entlang gehen, etwa 300 Höhenmeter. Keine Höhenprobleme, nur kalt. Ich weiss jetzt sicher, dass ich es schaffe. Pip schneidet ein böses Gesicht, aber das steht ihr. Sie ist wohl nur fertig.
Wir wandeln auf schmalen Pfaden zwischen zerklüfteten Lavaformationen hindurch. Rechts geht es steil hinunter, ein paar 100 m in den Krater, aber das lässt sich in der Dunkelheit nur erahnen. Starker Wind. Immer wieder müssen wir an schwarzen Felsen entlangklettern. Hinauf und hinunter. Kalt. Es geht über vereinzelte, kleine Schneefelder. Man läuft wie im Inneren einer großen Seifenblase, kriegt kaum irgendetwas mit. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Der Weg steigt leicht, aber kontinuierlich an. Dann über ein Feld von großen, losen Steinbrocken. Uns begegnen Leute, die schreien und jubeln. -Was wollt ihr von mir? Ist es nicht mehr weit? Wir lassen uns zu Boden fallen, aber hier stürmt es, es zieht richtig im Gesicht.
Vor uns, auf breitem Wall steigt es an wie ein Rampe. Langsam. Am Rand türmt sich erstarrte Lava in die Höhe. Nach links und rechts gehts runter, auf einmal kann man ungehindert nach beiden Seiten sehen. Ach, wir sind ja wohl ziemlich hoch, fällt mir ein. Die Schwärze bekommt plötzlich helle Streifen. Der Wind pfeift über die Ebene, der kleine Gletscherschild taucht am Rand auf, von unten her mit Licht erfüllt und schimmernd. Die Eissschicht ist dick, nach innen gewölbt und hebt sich deutlich vom dunklen Untergrund ab. Ich bleibe abrupt stehen und drehe mich um. Wir schwimmen auf einer schwarzen Insel, mitten im unendlichen, weißen Wolkenmeer. Die ganze Horizontlinie brennt in gelb-oranger Glut. Der Himmel über uns ist eine schwarze Glocke, unten aber wird er schon strahlend blau. Ich weiß nicht wie, aber plötzlich spüre ich, wie sich mein Gesicht zu einem schmerzhaften, breiten Grinsen verzerrt. Da ist eine kleine runde, Felskuppe. Der Gipfel? Der Wind brüllt. Wir gehen ganz langsam, da Pip immer wieder stehenbleibt, als wollten wir zusammen oben ankommen. Ich gehe rückwärts, um den Horizont zu sehen und stolpere dauernd, dabei erkläre ich Auguste, wie großartig das hier alles ist. Langsam und nebeneinander, die Fläche vor uns ist jetzt breit, bewegen wir uns wie erschöpfte Helden. Hinter uns breitet sich das Licht aus. Ein vorher ungekanntes Glücksgefühl kribbelt von Kopf bis Fuß. Mein Gott… das ist besser als Sex… ich will mich jetzt wirklich nicht grinsen sehen. Es geht immer noch höher hinauf und dann, irgendwann ist da eine schräge Fläche aus nacktem, grauen Fels.
Am äußersten Rand das Schild: -Congratulations. You are now at UHURU PEAK… Es ist 6.00. Alles ist unglaublich. Der seltsam geformte Gletscherschild, der das rötlichblaue Lichtspiel des feurigen Horizonts zurückwirft, die Wolken, die gigantische dunkle Masse unter uns, die klare und eiskalte Luft. Ein ganzer Kontinent liegt unter meinen Füßen. Überall wuseln Leute herum, mit Skimasken und fahl im Gesicht. Glücklich und erschöpft. Wir fallen unseren Guides um den Hals. -Thank you, Mr. Alex… stammle ich. Pip umarmt mich. -Tolle Frau, denke ich, und dann: -oh, ich bin ja auch toll! Pips Digitalkamera versagt bei den minus 23 Grad, aber ich treffe einen gut ausgerüsteten Deutschen, der das obligatorische Beweisphoto macht. Wenn ich meinen Arm hebe, ist der der höchste Punkt Afrikas…
Und was jetzt?
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