Archiv der Kategorie 'Die Arglosen im Ausland'

Selbstkritische Artikelreflektion: „Bezness“ – Selber schuld oder nicht?

Da ich aufgrund einer schlechten Erfahrung trackbacks zu meinen Artikeln sporadisch zurückverfolge und es mich auch oft freut, wenn mein Geschreibsel reflektiert, diskutiert und/oder weiterverarbeitet wird, stieß ich neulich auf dieses schweizer (?) „bezness“-Diskussionsforum. Und ich war so angenehm überrascht, wie es in der Bloggosphäre selten vorkommt.

Tatsächlich, wie auch eine der Damen bemerkte, der Artikel ist verdammt provokant und „bezness“-Betroffene können sich beim oberflächlichen Lesen davon persönlich angegriffen fühlen – auch wenn ich an einer Stelle äussere, dass ich es mir nicht herausnehme, Leidensgeschichten auf einer persönlichen Ebene anzugreifen – was hiermit nochmal betont sein soll. Allerdings ist Provokation oder eine gewisse „Zänkischkeit“ nicht nur der Bloggosphäre immanent (in der jeder einsam hinter seinem Rechner sitzt und sich für den Größten hält) sondern darüber hinaus eine grundlegende Eigenschaft des Mannes.

Ich stehe aber zu meinem Artikel, denn: Erstens, der unerträglich selbstgerechte Ton auf dieser speziellen Webseite 1001geschichte.de („Bezness verstößt gegen die Menschenrechte!!!“), der geht nicht an und kann nicht unkommentiert bleiben, weil man, zweitens, in der Lage sein sollte, soweit von der eigenen Person abstrahieren zu können, dass man persönliche, subjektive Erfahrungen nicht auf ganze Länder oder Erdteile überträgt (man lese nur mal den zitierten Kommentar am Ende meines Artikels) und, drittens, weil sowas dazu führt, dass man sich in seine Opferrolle zurückzieht, diese anzieht wie einen alten, gemütlichen Mantel und genau das einer/einem bei der Verarbeitung eines solchen Erlebnisses nicht weiterhilft. Im Gegenteil, das Eingeständnis, dass man mitschuld ist, wenn man betrogen/überfallen/ausgeraubt/entführt wurde, ist fundamental dafür, mental mit diesen Erlebnissen abzuschliessen und weiterzumachen. Dass sich festnageln auf die Opferrolle führt dazu, dass ein Arsch einer/einem das ganze Leben versaut.

Letzteres ist für mich der entscheidene Punkt. Was ich aber in dem Artikel getan habe, ist, die durch die Webseite 1001geschichte.de vermittelte Haltung auf alle „bezness“-Betroffenen zu projizieren. Das man das nicht tun kann/darf, das beweisen die Diskutantinnen des besagten „bezness“-Diskussionsforums. Fühlen die sich etwa angegriffen von der provokanten „Hülle“ des Artikels, von dem ich-bin-der-Größte-Brustgetrommel des Mannes im Autoren? Nein, ohne irgendwelche Umschweife stoßen sie zum Kern des Artikels vor, ganz so wie ich es gemeint, aber vielleicht nicht direkt genug gesagt hatte. Deswegen blogge ich.

Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.

Obama – Africa`s Pride and Hope

The US-Democrat`s candidate for US presidency Barack Obamas “Hope and Change”- campaign influenced the whole world, of course, but especially the people here in East Africa. The opportunity to have a half-East-African as the most powerful man in the world set the masses under electric voltage. You will not find one single Kenyan, Tanzanian or Ugandan who is not fanatic for Obama. Furthermore many so-called political realists call Obamas thesis too “simple” and “unrealistic” but I think millions of ordinary people all over the world understand it`s barely positive character which is including people, not excluding, which is not awaking fears against somebody to present you as a protection and not raising political profit in planting hate and primitive instincts in the minds of the own clientele. Conservatives will never be able to create a positive vision like this.

Despite the fact that now the USA is the far most hated country in the world – from Asia to Africa, from Europe to Latin America –, despite the fact that current US-Republicans are broadly recognized as the political executors of a mostly white minority, in some parts fundamental christians, in some parts with racist views, with the power of oil and other industries in the background, with no other interest in the world than defend their own property, Barack Obamas pure existence is a symbol to the world that things will may not going worse forever. Of course, Obama is charged with a lot of legendary symbolism between Martin Luther King`s movement for civil rights and John F. Kennedy`s charming and jovial aura and it will be very difficult for him to fulfill all this hopes and dreams he awakened (?) in the people. But his precursor performed so badly and his footsteps will be so small that together with the worlds deep breathe again that this guy is away Obama will have a big credit for making mistakes and find into his presidency step by step.

 I remember what a friend of mine told me about the visit of George W. Bush in Tanzania`s capital Dar Es Salaam in march 2008. He was landing on Nyerere International Airport with three planes, one of them full of security staff, the second full of armored vehicles and the third with himself. Helicopters were circling above Dar Es Salaam downtown, streets were blocked, inhabitants prohibited to enter city center, even the cellular phone network was interrupted for the duration of Bush`s stay in Dar. “What this guy thinks who he is?” my friend said, “He is coming here at the end of his presidency of eight years which clearly proves that we were not important enough for his political agenda and than he invades our capital with his security forces. We are not interested in him and we know that he only appears for bargaining permission for a US military base with our corrupt political leaders.” – “It`s the same like in Germany,” I replied, “of course he was there I think four times but all places he visits were invaded by his guards and sharp shooters, blocking the streets and force ordinary people out, changing previous peaceful locations in fortresses so that everybody knows that the world`s most hated leader is here…”

Short Story Express: Die Frau aus Glas (I)

Karakorum/Pakistan: Es war atemberaubend. Zwischen zwei rundlichen Bergkuppen tauchte plötzlich diese furchterregende dreiseitige Gipfelpyramide auf. Der Wind stäubte den Schnee von ihren Flanken. Majestätisch stand der Berg da und degradierte alles in seiner Umgebung durch seine schiere Größe zu Staub. Er stieß die Trekkingstöcke in den harten Boden und schaute nach oben. Er war plötzlich aufgeregt, es war, als fühlte bei diesem Anblick sein Leben in den Knien zittern. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Es war nicht mehr als die instinktive Angst des Lebewesens vor etwas Drohendem, was auf es zukam. Der Tod. Sein Tod. Er liess den schweren Rucksack von den Schultern gleiten, es klirrte leicht auf den Steinen und tastete unwillkürlich nach der schmerzenden Stelle zwischen den Schulterblättern. Er war da, sein erstes Ziel hatte er, nach einer fünfwöchigen Trekkingtour, erreicht. Nun stand er hier und schaute auf die Spitze des Berges. Es sah einfach nicht so aus, als könnte man da heraufklettern. Aber er, würde es tun, oder bei dem Versuch sterben. Es war Wahnsinn, aber es hatte Methode. Niemand wusste, dass er hier war. Er hatte keinen Permit, keinen Guide und keine Träger. Seine Ausrüstung war unzureichend, er hatte vermutlich nicht einmal genügend Lebensmittel. Er verfügte über nicht viel bergsteigerische Erfahrung, aber trotzdem war es nicht so, dass er leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzte. Im Gegenteil, ihm war es nur recht, hier Schluss zu machen.

Auf einem Schotterbett, an einem kleinen gefrorenen Bach, der hier aus großer Höhe herunterkam, gut gedeckt gegen neugierige Blicke, stand eine kleine blaue Kuppel aus Nylon. Davor saß er und kaute lustlos an seinem Essen und nutzte das letzte Licht des Tages dazu, sein Schuhwerk zu richten. Aber er war nicht bei der Sache. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Es gab jede Menge Leute, die ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf die Berge projizierten und dann, da die Berge mächtig und unbarmherzig und in keinster Weise an den Träumen der auf ihnen herumkrabbelnden Menschlein interessiert sind, abstürzten, erfroren, Höhenödeme bekamen oder sich schlimmste Verstümmelungen zuzogen. Zu diesen Leuten zählte er nicht. Er wollte nichts erreichen oder gewinnen dadurch, dass er den Berg bestieg. Er war hier, weil ihm nicht anderes mehr zu tun blieb. Es wurde sehr schnell empfindlich kalt und bei dem Versuch, die Steigeisen an den Schuh anzupassen, rutschte er ab und verletzte sich an der Hand. Ausdrucklos beobachtete er, wie sich das Blut in der großen, aber nicht sehr tiefen Wunde sammelte. Schließlich schmierte er Jod darauf und band eine Gazèbinde lose darum. Vor der Kälte zog er sich ins Zeltinnere zu Daunenschlafsack und Gaskocher zurück.

 

Es schlief sich sehr schlecht auf über viertausend Metern. Er wälzte sich hin und her, dachte, an was er nicht denken sollte, er stöhnte sogar einen Namen, den er nie wieder aussprechen wollte. Er träumte von einer schmalen Frauenhand, die die Kordel eines seidenen Oberteils aufzog, von schmalen Lippen, ausdrucksstark verzogen, hellblaue, große Augen blickten ihn an, nein, blickten direkt in sein Herz. Dann hörte er wieder ihre Stimme am Telefon, kalt und desinteressiert, wie sie -nein sagte und immer wieder –nein, nein, nein, es echote in seinem Kopf, er liess den Hörer fallen und hockte auf dem Boden, die Hände vor dem Gesicht. Er liebte sie und sie hatte ihn verlassen – nichts besonders aufregendes oder ungewöhnliches, aber er… er war damit nicht klar gekommen, es war, als hätte irgendwas in seinem normalerweise kühl berechnenden Verstand ausgesetzt. Als er schweissgebadet und wach dalag, wusste er eine ganze Zeit nicht, wo er eigentlich war. Dann dachte er, es müsse an der klaren und dünnen Höhenluft liegen, dass man sich hier nicht selbst belügen konnte. Aber ganz egal, ob er sich selbst belog oder nicht, die Chance war vertan, die Chance auf ein glückliches Leben, offensichtlich gehörte er zu denjenigen Menschen, die in einer normalen sozialen Umwelt nicht mehr lebensfähig waren.

Es war noch dunkel, als er eilig sein Zelt abbaute, die Ausrüstung verstaute und aufbrach. Wie eine plötzliche Todessehnsucht hatte es ihn gepackt. Er stapfte los, Kies knirschte unter seinen Schuhen, an seiner Jacke bildete sich glitzernder Raureif. Er atmete rythmisch und der Lichtkegel seiner Stirnlampe strich über den Boden wie die eines Tiefseetauchers. Was konnte man im Leben lieben, ausser einen Fuß vor den anderen zu setzen und irgendwann irgendwo anzukommen und dabei an nichts zu denken? Bald erreichte er das erste Schneefeld, wo es sich lohnte, die Steigeisen anzuschnallen. Sie passten nicht richtig auf die Sohle und die Clips rasteten nicht ein, schließlich nahm er die Spitze des Eispickels zu Hilfe. Es war alter Schnee, steinhart gefroren und unbequem zu laufen. Mehrmals strauchelte er, fing sich aber noch mit dem Eispickel ab. Er hatte ein mehrere Kilometer langes Tal zu durchqueren, um an den Fuß des Berges zu kommen.

Bezness: Betrügen „orientalische Romeos“ europäische Touristinnen oder betrügen diese sich selbst?

Während einer Odyssee durch das Internet entdeckte ich die Website 1001geschichte.de des Vereins „Community of Interests against Bezness (CIB e. V.)“. Laut Selbstbeschreibung:

„[...] In den letzten Jahren [hat sich] in einigen Urlaubsländern ein neuer Geschäftszweig entwickelt, der sich BEZNESS nennt. Diese Bezeichnung steht in orientalischen Ländern für das Geschäft mit den Gefühlen europäischer Frauen. Tausendfach verlieren hauptsächlich Frauen [...] nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut, weil sie den gespielten Liebesschwüren und betrügerischen, schauspielerischen Höchstleistungen ihrer Urlaubslieben aus Unkenntnis verfallen. [...]„

widmet sich der Verein der Information und dem Kampf gegen ebenjenes „bezness“. Was mir zunächst mal sauer aufstösst ist die Aussage auf der Homepage: „Bezness verstößt gegen die Menschenrechte“. Zynisch könnte ich darauf erwidern: Da Dummheit zweifellos eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, kann sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen, q.e.d. Moralisch will ich dem gegenüber stellen: Armut verstößt gegen die Menschenrechte. „Bezness“ (wie auch Sextourismus) ist eine Folge von Armut bei gleichzeitigem Tourismus „reicher“ Europäer in diese Länder. Betroffene Frauen werden also im abstrakten Sinne Opfer dieser Armut.

Die auf der Homepage veröffentlichen Erlebnisberichte sind emotional packend und ich als versuchender Frauenversteher (god loves the tryer) las sie mit großem Interesse. Ich kann mich in die einzelnen Geschichten sehr wohl hineinversetzen, das Gefühlschaos, den Scham gegenüber dem Umfeld und den finanziellen Ruin. Ich weiss auch wie es ist, jemanden zu lieben und einfach nur zu lieben, wie eine schlimme Krankheit, obwohl das gesamte Umfeld, das die Hintergründe kennt, einfach nur noch den Kopf schüttelt. Was ich nicht verstehe sind 2 Haltungen, die hinter vielen der Geschichten stecken:

1. „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“

Gut, da ist diese Verliebtheitsphase am Anfang jeder Beziehung, wie ein süß-klebriger, rosaroter Drogenrausch, während der man eigentlich als partiell unzurechnungsfähig eingestuft werden sollte, die allerdings nicht länger als ein halbes Jahr andauert (Quelle: eigene Evaluierung). Dann jener entscheidende Knackpunkt, wo Verliebtheit in Liebe, Neues in Vertrautes und eine Affäre in eine Beziehung übergeht (oder eben nicht). So. Bei sämtlichen der Geschichten handelt es sich um längere Beziehungen über mehrere Jahre, mit Zuzug in das eine oder andere Land und Heirat. Was denkt sich so eine Frau, die in einen orientalischen Mann verliebt ist, an diesem Punkt? Klar, der ist 20-30 Jahre in der patriarchalisch-traditionalen Kultur Tunesiens/Marokkos/Nigerias/Kenyas sozialisiert. Aber jetzt hat er schließlich MICH getroffen und wird sich zweifellos innerhalb der nächsten anderthalb Jahre zu einem emanzipierten Mann erziehen lassen und mir alle Freiheiten einräumen, die ich mit meiner europäischen Sozialisation gewohnt bin, zusätzlich aber ein kleines bisschen seiner Exotik und archaischen Männlichkeit behalten, die mich von Anfang an so faszinierte?

2. Der Opfer-Habitus

„Er sagte mir knallhart, dass es eben etwas kosten würde, sich einen jüngeren und gutaussehenden Mann im Bett zu halten und wenn ich das weiter so haben wollte, dann sollte ich gefälligst ruhig sein und ihn nie wieder nach Geld fragen.“ (Quelle)

Es ist zweifellos obszön und erniedrigend so etwas zu einer Frau zu sagen. Andererseits, wenn ich als Mann 40 wäre und eine landschaftlich beeindruckende, etwa 10-20 Jahre jüngere Frau machte mir Avancen, würde es sich bei obigen „business agreement“ schon fast um einen gesellschaftlich akzeptierten Normalfall handeln. Nur das hier eher der Mann „der Böse“ ist – tatsächlich schildern sehr viele der Autorinnen, vorher von ihrem Mann für eine jüngere verlassen worden zu sein. Klarer Fall also: Mann kauft Frau, Schuld: der Mann – Frau kauft Mann, Schuld: der Mann? Und das nennt sich dann „Gleichberechtigung“?

Mir geht v. a. diese unerträgliche Opfer-isierung auf die Nerven – nicht nur hier, es scheint mir mittlerweile fast schon ein gesellschaftlicher Trend zu sein: Ich armes, hilfloses Opfer habe natürlich überhaupt keinen Einfluss auf mein Leben und was mit mir passiert, Schuld sind die anderen. Niemand -ausgenommen hilflose Personen wie Kinder- ist jemals zu 100% nur Opfer. Meine Damen, Sie sind alle volljährig, in den meisten Fällen ungefähr 40, geschieden und z. T. mit Kindern, also durchaus schon durch einige Höhen und Tiefen des Lebens gewandert. Als westliche Frau sehen Sie sich als vergleichsweise emanzipiert und relativ gleichberechtigt an – aber (wirkliche) Emanzipation heisst auch: Sie sind selbstständig, verantwortlich für Ihr Leben und nicht mehr in einer abhängigen und hilflosen Position, wie dies im 19. Jahrhundert noch der Fall war. Kurz gesagt, Emanzipation bedeutet auch, keine (totale) Opferrolle mehr einnehmen zu können.

„Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat- meine Selbstachtung, mein Vertrauen in Menschen, viele Personen in meinem Leben, mein hart verdientes Geld.“ (Quelle)

Natürlich verstehe ich so eine Aussage unter dem Schock der Ereignisse. In der reflexiven Nachbetrachtung Jahre später muss es aber lauten: „Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat und ich habe mir alles nehmen lassen… D. h. ich bin zu mindestens 50% mit Schuld an dem, was mir passiert ist.“

In jedem Reiseführer der entsprechend stark betroffenen Länder wird vor männlichen Prostitutions-Trickbetrügern gewarnt, die 20-30 sind und sich an 10-20 Jahre ältere Frauen ranmachen. Wenn Sie es fertig bringen, auch nur einmal den Fuß vor Ihr Touristen-Resort zu setzen, werden Sie vermutlich bemerken, wie arm die Menschen dort relativ zu Ihnen sind bzw. im Umkehrschluss wie unendlich reich Sie den Einheimischen vorkommen müssen (die z. B. nichts über unsere hohen Lebenshaltungskosten wissen). Wenn Sie über Einfühlungsvermögen verfügen, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass einige Menschen alles zu tun bereit sind, um der Armut zu entfliehen, sobald sie einmal in Kontakt mit der europäischen „Wohlstandsinsel“ kommen. Und Sie hinterfragen es trotzdem nicht, wenn sich ein junger, athletischer Romeo mit großen braunen Kulleraugen und lustigem Kraushaar sich an Sie heranmacht? Warum stellen Sie sich nicht gleich auf einen Basar in Djerba, halten ein dickes Bündel mit 100 €-Scheinen zwischen zwei Fingern in die Luft und beschweren sich hinterher darüber, beklaut worden zu sein? Vielleicht ist diese Kritik etwas harsch und etwas unfair. V. a. dann, wenn die Frauen in einigen Situationen Opfer (hilflos, da meist körperlich unterlegen) von Vergewaltigung (in den Geschichten allerdings selten) und/oder körperlicher Gewalt (deutlich häufiger) wurden.

Dennoch glaube ich, dass ich im Groben richtig liege – denn was wäre die Konsequenz der Opfer- und „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“- Haltung?

„Mädels, wacht auf und lasst wirklich die Finger von Nigerianern. Das rate ich euch allen Ernstes. In Nigeria hab ich gesehen, was läuft und erfahren, was die Devise ist, egal ob Männlein oder Weiblein: Abzocke, Geld, Frauen schlecht behandeln, was anderes können und wollen die nicht. Es war mir eine Lehre. Aber, wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ (Quelle)

Und, was ist das jetzt, Mädel? Feministischer Rassismus?

„Selbstkritische Artikelreflexion…“

Der ewige Antisemitismus Maulkorb

novaexpress Eine einwöchige „Pilgerreise“ der 27 deutschen katholischen Bischöfe nach Israel – die eigentlich als „Geste der Versöhnung“ gemeint war – endete heute mit einem Eklat. Die Bischöfe hatten im Verlauf ihrer Reise die Schoa-Gedenkstätte in Jad Vaschem besucht und am selben Tag die eigentlich palästinensisch-autonome, aber von der israelischen Armee besetzte Stadt Ramallah in der Nähe von Jerusalem. Dort in Ramallah sagte nun der Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke vor Journalisten: „Morgens in Jad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem doch der Deckel hoch.“ Auch der Augsburger Bischof Walter Mixa sprach von einer „Ghettoisierung“ der Araber mit beinahe rassistischen Zügen. Nachdem diese Äußerungen, die angesichts persönlicher Eindrücke im besetzten Ramallah fielen, durch die Nachrichtenticker liefen, liessen die „Beissreflexe“ von offizieller israelischer Seite und von jüdischen Verbänden in Deutschland natürlich nicht lange auf sich warten. Israels Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, reagierte „entsetzt“: Wer die israelische Politik mit dem Warschauer Ghetto in Beziehung setze, der habe „nichts gelernt oder moralisch versagt“, sagte er. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden, und ihr Stellvertreter Dieter Graumann zeigten sich „enttäuscht“ ob der „Entgleisungen“ der Bischöfe „am Rande des Antisemitismus“, nachdem doch eigentlich die Pilgerreise ihre Erwartungen positiv übertroffen habe. Bischof Hanke reagierte umgehend auf die Kritik, er habe nur „seine persönliche Betroffenheit artikuliert“ und keine Vergleiche zwischen dem Holocaust und der Behandlung der Palästinenser durch Israel ziehen wollen. Auch die deutsche Bischofskonferenz bedauerte den Vorfall: „…aus der emotionalen Betroffenheit Einzelner heraus (seien) einige wenige sehr persönliche Bemerkungen gefallen…“ „…die bereits selbstkritisch richtiggestellt wurden…“

Aber auch andere Stimmen liessen sich vernehmen. Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, sagte, sie sei dagegen, den Begriff des Antisemitismus überzustrapazieren. Es sei sogar die Pflicht, nach einem Besuch von Jad Vaschem die heutigen Zustände in Ramallah anzuprangern. Auch Avi Primor, unter Präsident Jitzchak Rabin israelischer Botschafter in Deutschland nannte die Kritik an Israels Besatzungspolitik notwendig – wenngleich Vergleiche mit der Nazi-Zeit unerträglich seien. Der Chefhistoriker des Vatikans, Walter Brandmüller, bekräftigte er die Kritik an der israelischen Politik. Im „Deutschlandfunk“ sagte er: „Man kann doch nicht in Jad Vaschem erschüttert sein und dann über das Elend, das man in Ramallah vor Augen hat, einfach zur Tagesordnung übergehen. Das Warschauer Getto ist leider nicht mehr ungeschehen zu machen, aber Ramallah könnte wohl geändert werden.“

hna.de (Hessische/Niedersächsische Allgemeine) 07/03
SpOn 07/03

Auch der Autor hat die Schoa-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem vor vielen Jahren besucht und kennt das tiefe, eine körperliche Übelkeit auslösende Schamgefühl, das sich dort einstellt, weil man als Deutscher diesem Tätervolk angehört. Und ich fuhr durch die „besetzen Gebieten“ der Westbank, was damals, vor Ausbruch der zweiten Intifada zumindest tagsüber noch relativ ungefährlich möglich war. „Die Gebiete“ sind Slums, vergleichbar mit den vollgemüllten endlosen Slum-Vorstädten afrikanischer Großstädte. Ihre arabischen Bewohner, die „Palästinenser“ sind weitestgehend recht- und staatenlos, eigentlich noch Staatsangehörige des osmanischen Reiches, ihnen ist jede Entwicklungsmöglichkeit genommen. Nach dem Rechtsruck der israelischen Politik sind sie dem israelischen Militär und ihrer eigenen, korrupten und vom Westen protegierten Fatah-Autonomiebehörde ausgeliefert und auf ihrem Rücken kochen „Hamas“, „islamischer Dschihad“ und wie sie alle heissen und ihre Hintermänner aus dem Iran, Syrien und Saudi-Arabien ihre Giftsuppe aus Politik, vorgeblicher sozialer Wohlfahrt und Terrorismus. Hat das eine, ich meine die Schoa, und das andere, die „besetzten Gebiete“, etwas miteinander zu tun? Ja und Nein: Der Westen (der die Schoa geschehen liess), insbesondere Deutschland (das Land der Täter), schulden Israel die uneingeschränkte Garantie seines Existenzrechts aufgrund der Geschichte des jüdischen Volkes. Mit den palästinensischen Arabern hat diese Geschichte allerdings nicht das Geringste zu tun. Im Grunde genommen wurde hier also ein zentraleuropäischer (Gewissens-) Konflikt an den Rand der europäischen Einflusszone verlagert.

Ist Israel ein Apartheidsstaat? Ja… wenngleich hier Israel keine rassistische Motivation einer „Rassentrennung“ unterstellt werden kann, wie es linksextremistische Kreise mit ihren „vom Opfervolk zum Tätervolk“-Begründungsmustern tun. Israel ist ein Apartheidsstaat weil es nicht anders geht: Weder kann sich Israel vom besetzten Westjordanland und seinen Wasserreservoirs trennen und diese einem potentiellen palästinensischen Staatsgebilde übereignen, noch kann es der Masse der Palästinenser als Staatsangehörige Israels anerkennen, weil dann, aufgrund der Demographie, der jüdische Staat kein jüdischer Staat mehr wäre. Was nützen in einer solcherart verfahrenen Situation die üblichen, dummen Schwarz-Weiss-Denkschemen? Wer soll der Gute und wer der Böse sein? Macht vergangenes oder gegenwärtiges Leiden das eine Volk über das andere erhaben? Was bringt dieser ständige, beschissene Streit um die Opferrolle und was der trägt dieser inszwischen automatisierte Antisemitismus-Beissreflex zur Lösung des Problems bei?

Völkermord in Rwanda: Zeugin Nummer Sieben (Teil 1)

by red.cloud

In Rwanda fand 1994 ein straff organisierter Völkermord statt. Binnen 2 Monaten starben etwa 800.000 Menschen, hauptsächlich Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsis und Hutu-„Verräter“. Sie wurden erschlagen von einem aufgehetzten Mob, ihren eigenen Nachbarn, Kollegen, Freunden und Ehepartnern. Die „kleinen“ Täter, etwa 130.000rwanda-map.jpg Hutus, die vielleicht nur 10-20 Menschen, ermordeten, wurden vor Dorf- und Kommunalgerichte vor Ort gestellt. Aufgabe des UN-Tribunals ist es, die politischen Führer und Organisatoren des Genozids zu ermitteln und zu verurteilen.

Das „UN Criminal Tribunal for Rwanda“ tagt in Arusha, einer Stadt im Nordosten Tanzanias. Die UN versucht hier seit 10 Jahren zu demonstrieren, dass Begriffe wie Menschenrecht, Gesetz und Zivilisation ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Doch mit jeder Zeugenaussage, jedem grauenhaften Detail, dass ans Licht gezerrt wird, sitzt auch die UN bzw. ihre Führungsnationen auf der Anklagebank. Das UN-Tribunal tagt im schwerbewachten „Arusha International Conference Center“. Die Gerichtsverhandlungen sind grundsätzlich öffentlich. Gegen Abgabe des Passes und nach einer Sicherheitskontrolle erhält man einen Besucherausweis, der einen begrenzten Zugang ermöglicht. Das Gericht tagt in einem Raum im nichtöffentlichen Teil des Gebäudes, man kann sich aber in den Presseraum setzen und durch große Glasscheiben und über Kopfhörer die Verhandlung verfolgen.

Ich gebe einen Teil der Zeugenanhörung wieder, wie ich sie mir mitschrieb (September 2005):

Anklägerin: „Madam Witness, wie erklären Sie sich, dass Ihnen nichts passierte?“
Zeugin: „Ich war nur Zeuge, wenn sie mich hätten töten wollen, hätten sie es getan.“
Anklägerin: „Woher konnten sie wissen, dass sie Sie nicht töten wollten?“
Zeugin:„Ich habe es Ihnen mehrmals erklärt…“
Anklägerin: „Sie haben Sie nicht angegriffen, weil Sie Hutu sind, ist das richtig?“

A: „Ihre Familie ist auch Hutu, war sie an dem Konflikt beteiligt?“
Z: „Ich war damals 15 Jahre alt…“

A: „Was passierte am 7. April, als der Präsident starb?“
A (zeigt Liste mit Namen): „Können sie diese Killer identifizieren?“
Z: (nennt Namen)

A: „Wer waren die Anführer?“
Z: „Ein großer, schwarzgekleideter Mann mit Sonnenbrille, ich hörte er lebe jetzt in Brazzaville.“
A. „Können Sie diese Namen auf diesem Papier lesen? Kennen Sie diese Person?“
Z: „Nein… kann den Namen nicht lesen…“
A: „Antworten Sie ja oder nein!“

Z: „Ich kenne drei Personen dieses Namens, aber ich weiß nicht, welche gemeint ist.“
A:„Ist Ihr Bruder eine dieser drei Personen mit diesem Namen?“
Z:„Ja…“

A: „Ich schreibe zwei Namen auf diesen Zettel… kennen Sie die Personen?“
Z: „Ich kenne 10 Personen diesen Namens und weiss nicht, welche gemeint ist.“
A: „Wie ist Ihre Beziehung zur Person Nummer zwei?“
Z: „Ich habe keine Beziehung zu ihm und kenne ihn nicht.“

A: „Sie kommen aus einem schönen Land, stimmen Sie zu?“
Z: „Verstehe die Frage nicht… es ist ein schönes Land und ich komme von daher.“
A. „Warum sind Sie jetzt nicht mehr dort?“
Z: „Ich verließ es vor langer Zeit…“

A: „Sie erzählten uns von Kindern, die in ihrem Heimatdorf Gishita getötet wurden. Welcher Stammeszugehörigkeit waren sie?“
Z: „Die Väter Tutsi und die Mütter Hutu.“
A: „Die Stammesangehörigkeit vererbt sich durch den Vater…? Wer waren die getöteten Frauen?“
Z: „Hutu, die mit Tutsi verheiratet waren.“

Richter: „Madam Witness, als Mikkas Kind am 9. April starb, waren Sie und Ihre Mutter da in seinem Haus?“
Z: „Ja, zwischen 6 p.m. und 8 a.m., wie viele andere Leute auch.“
A: „Hörten Sie von Übergriffen in dieser Zeit?“
Z: „Den anderen Leuten schenkte ich keine Aufmerksamkeit.“
A: „Verließen Sie diesen Haus zum Essen?“
Z: „Nein, Mikkas Frau brachte das Essen.“
A: „Sie kochte für all diese Gäste? Hatte Ihre Familie eine Beziehung zu der von Mikka?“
Z: „Nein, keine besondere Beziehung, Mikka war nur Nachbar.“

A: „Haben Sie das, was sie heute dem Gericht erzählt haben, schon jemandem anderen erzählt? Vielleicht einem den von Ihnen identifizierten Personen?“
Z: „Da waren zwei Männer, die mich besuchten, denen erzählte ich alles, was ich wusste, unterschrieb aber nichts…“
A: „Haben sie ihnen dies alles erzählt?“

Fakten und Hintergründe zum Rwanda-Genozid erscheinen im zweiten und dritten Teil der Serie in den nächsten Tagen.

Die Auswirkungen der Höhenkrankheit auf das Tagebuchschreiben: Uhuru Peak (Mt. Kilimanjaro)

by red.cloud

Aus einem Gefühl bitteren, bitteren Fernwehs veröffentliche ich hier mal folgenden Erfahrungsbericht. Ist zwar schon drei bis vier Jahre her, aber ich kann ja dieses Jahr nicht weg, aus Diplomarbeitsschreibensgründen…

kilimanjaro_sunrise_sm.jpg

(nicht von mir sondern von hier: http://antwrp.gsfc.nasa.gov/ – Billig-Digicams scheinen bei minus 23 °C nicht zu funktionieren)

 

Kibo-Huts (4720 m)

 

 

Jetzt bin ich also hier. Nach vier Tagen Aufstieg. Ich sitze direkt um Fuß des Kilimanjaro-Kraters. Die Schneekuppe, die ich für den Gipfel halte, erscheint so nahe, dass man die Hand austrecken und danach greifen möchte, aber das täuscht wahrscheinlich. Die Kibo-Hut ist ein flacher Gebäudekomplex mit vier großen Schlafsälen. Kein Wasser hier, aber im Verwaltungsbüro kann man zu horrenden Preisen Cola kaufen. Direkt vor der Hütte liegt der aufsteigende braune Hang, mit Steinschutt und großen Felsblöcken übersät. Ich laufe etwa 200 m weit hoch, bis zu einer senkrechten Wand und klettere zwischen den Felsen herum. Man kann nur etwa 10 Schritte laufen, bis man ausser Atem ist. Ich stehe auf den 10 Meter hohen zerklüfteten Brocken, atme und verschlinge die phantastische weite Landschaft. Immer wieder fällt der Blick auf den im Sonnenschein glitzernden Gipfelgletscher, als könnte man ihn hypnotisieren. Bis hier war alles nur Spiel, Vorspiel, bloßer Auftakt für heute nacht. Ein Kampf wird das, ein Kampf gegen die übermächtige Natur, ein Kampf gegen mich selbst. Aber irgendwie erscheint es mir so, als würde morgen früh alles anders sein, wenn ich erst auf dem Gipfel stehe. Kein Stechen in der Brust, keine Kopfschmerzen, nur müde.

 

 

Ich zwinge große Mengen Tee in mich hinein. Nachmittags lege ich mich hin, der Schlafsaal ist mit 10 sehr engen Doppelstockbetten ausgestattet. Zum erstenmal überhaupt schlafe ich richtig gut, aber wir werden schon nach einer Stunde zum Abendessen wieder geweckt. Das Essen will überhaupt nicht runter und ich lege mich direkt wieder hin. Aber dann sind da eine Ansammlung von vielleicht 40 bis 50-jährigen Briten, die einfach ihren Sabbel nicht halten können. Die alten Knaben sind dermaßen ausgelassen, wie ein Schulklasse pubertierender Mädchen. Dazu sind sie unglaublich hart, wie man jedenfalls an ihren Reden und ihrer kurzen und männlichen Lache zwischendurch hören kann. Ich kriege richtig Hass. -Schnauze, Schnauze, Schnauze! schreie ich innerlich und beiße fast in meinen Schlafsack vor unterdrückter Mordlust. -Ihr schafft es nicht! verfluche ich sie… Meine Kletterkollegin Pip (eine schottische Studentin) meldet sich zu allem Überfluss auch noch.

 

 

 

 

 

 

Es dunkelt und draussen heult ein Sturm, die Außentür schlägt auf und zu und natürlich mache ich die ganze Zeit kein Auge zu. Die Briten schlafen und geben ein mehrstimmiges Schnarchkonzert von sich. Ich bin total aufgeregt, wälze mich auf dem Nachtlager, kann mich auf nichts konzentrieren. Es ist wirklich schlimm. Ich kämpfe mich nach draussen zum Klo, blicke nach dem klaren Sternenhimmel und dem mit seinen Schatten drohenden Berg. Zweifel bohren sich aus dem tiefsten Inneren nach oben. Was ist bloß, wenn ich es nicht schaffe? Diese quälende Unruhe macht mich noch fertig. Um 23.00 Uhr schließlich werden alle anderen geweckt, wir starten erst eine Stunde später. Selbstverständlich machen sie Licht und ihre Anzieherei und Packerei geht nicht ohne Lärm und allerlei witzige Kommentare vonstatten. Ich bin ein zitterndes Nervenbündel, als sie endlich abziehen. Endlich Ruhe… Um 0.30 kommt schließlich unser Guide Alex herein. Er lächelt beruhigend und weist uns an, wie wir uns anzuziehen haben. Zwei Hosen übereinander, zwei Fleece-Jackets, Trekkingjacke, Skihandschuhe, Wasserflasche. Es ist sehr kalt auf dem Gipfel, sagt er, minus 20 Grad. Meine Lampe ist hinüber, ich greife die Stöcke und gehe nach draussen. Ich bin einfach nur müde und das Schlucken fällt mir schwer: In der Kehle sitzt ein dicker Kloß der Aufregung.

Es geht los, wir stehen am Hang, den Weg nach oben habe ich gestern schon gesehen. Es ist 1.00 Uhr, dunkel und sehr kalt, aber heller Vollmondschein. Vor uns Ketten von Stirnlampen. Es sieht seltsam aus. Bin dick eingewickelt und versuche, mich nur aufs Atmen zu konzentrieren. Ich gucke nur nach unten auf den schwarzen Boden und sehe Pips Scheinwerferstrahl und ihre Füße. Ich muss es schaffen! Ich bin so müde. Einen Fuß vor den anderen, es geht auf losem, körnigen Untergrund in Serpentinen den Kraterwall hoch. Die Stöcke bewahren mich mehrmals vor dem Taumeln. Niemals den Blick heben, nur konzentrieren. Jeder Stich in der Brust halte ich für das erste Anzeichen von Höhenkrankheit. Mir ist schwindlig. Trotzdem geht es mir irgendwie großartig, nur anders. In Pausen hocken wir auf dunklem Sand, etwas windgeschützt zwischen Steinen. Das Seitenstechen verschwindet. Die schwarz-schartigen Ränder der Felsen, die aus dem Sand ragen und hinter denen die Sterne scheinen, sind wie Burgmauern. Gelbliche Lichterketten am Berg, in Wirklichkeit sind wir auf dem Meeresboden. Alle Geräusche gedämpft und verzerrt, allgegenwärtig nur der Wind. Der Mond scheint so hell, dass er den ganzen Hang in fahles Licht taucht. Darunter ist unendliche Schwärze, wir kriechen an einer Wand entlang, die über dem Vakuum pendelt. Es geht nur nach oben, keine andere mögliche Richtung. Alex benimmt sich so seltsam. Er macht komische Geräusche, lautes Gähnen und lässt sich manchmal einfach zu Boden fallen. Er fragt wie es mir geht und ich verstehe nichts, dann sage ich -Great! und er bemerkt irgendetwas Spöttisches zu Auguste. Hans Meyer Cave, 5000 m, hausgroße Felsen mit einen schwarzen Loch in der Mitte. Erst? Ist mir ganz egal. Die Kälte kriecht in Zehen und Finger, ich kann sie kaum noch bewegen.

 

-5150 m. sagt Alex. Wir kriechen wie die Schnecken, aber überholen ständig die vor uns gehenden Leute. Der Pfad ist sehr schmal und kurvenreich. Konzentration, das mit dem Gleichgewicht ist schon manchmal schwierig. Ich atme und stelle mir vor, wie es sein wird, auf dem Gipfel zu stehen. Es wird immer steiler und steiler, beinahe senkrecht müssen wir zwischen den Felsen hochklettern. Ich schaue zum Rand des Kraters, es sieht so nah aus, aber wir erreichen ihn nicht. Wir haben kein Licht mehr an, der Mond ist hell genug. Das Knirschen der Schritte und schnaufender Atem hallt im Kopf wieder. Unbarmherzig ist die schwarze Umgebung und kalt, alles erscheint mir feindlich. Ich bewege Finger und Zehen, damit nichts einfriert. -Ich brauche euch nicht, ihr könnt mich alle, will ich schreien, aber ich weiss nicht wieso. Meine Füße wühlen sich durch die Asche, das Herz pocht rasend schnell bis zum Hals. Im lockeren Boden rutscht man oft wieder einen halben Schritt zurück.

 

 

 

 

Wie in einem Kaleidoskop rotieren verworrene Bilder im Bewusstsein. Wie weit und unendlich fern ist die Wirklichkeit, solange sich alles auf diesen einen Punkt konzentriert. Irgendwann werde ich lernen, mit dem Leben fertig zu werden, aber immer wird man zuletzt allein im dunklen Zimmer hocken. Depression und verdammte Unsicherheit. Und man wird verzweifelt um sich schlagen, aber es gibt kein Licht. Nur nicht daran denken und sich in bunten Illusionen wiegen, sich durch eine Welt träumen, in der es keinen Platz gibt. Blind auf einen Abgrund zu taumeln, der von allen Seiten näherkommt. Ich stemme mich gegen den Wind, wie gegen die Widrigkeiten des Lebens. Man kann nur machen, was andere wollen. Meine Füße sind schwer und heben sich kaum vom Boden. Der gelbe Lampenkegel tanzt vor mir über den losen Sand. Noch einen Schritt und noch einen. Jeder bringt mich näher heran, wenn nur die Finger nicht erfrieren. Alles müsste so einfach sein.

Uhuru Peak (5895 m)

 

 

Lacht nur, so lange ihr noch könnt… und dann ist da kein Berg mehr, kein Wind und keine Kälte, verschwommen kommt eine Gestalt auf mich zu, schwimmend im Nichts, groß und sehr schlank. Das Gesicht länglich, mit hoher Stirn und hohen Wangenknochen, große graue Augen, schmale Nase, ihr Mund ist klein und die Ohren rot. Dunkelblonde Haare im Nacken zum Zopf gedreht. Ihr Blick abwesend und schräg nach oben gerichtet, die Gesichtszüge verträumt. Unbeschreibliches Lächeln, mit den Augen und in den Mundwinkeln angedeutet. Ich versuche in ihren Gesicht etwas zu lesen, und scheitere. Es ist unergründlich und diszipliniert, sie lässt sich nicht in die Karten schauen. Sie ist wunderschön… Sie ging, und für mich brach die Welt zusammen… es ist die Höhenkrankheit. Ein extrem steiles Stück auf losem Untergrund zwischen monolithenhaft in die Höhe ragenden schwarzen Felsen, dann schaue ich plötzlich verständnislos auf den Kraterrand. Ein kleines Schild: Gillmans Point 5680 m. Es ist 4.30, Alex und Auguste (der assistant guide) umarmen uns. Wir lagern in der kleinen Senke zwischen den Felsen.

 

 

Die Wasserflasche an meinem Gürtel ist zu einem Klumpen Eis gefroren. Unter uns bewegt sich eine Kette von Glühwürmchen langsam hinauf, wir haben sie alle überholt. Wir waren schnell hier, fast mache ich mir Sorgen, zu früh für den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu sein. Man sieht nur dunklen Boden und von der Umgebung bläuliche Finsternis. Wir müssen jetzt nur noch auf dem Kraterrand entlang gehen, etwa 300 Höhenmeter. Keine Höhenprobleme, nur kalt. Ich weiss jetzt sicher, dass ich es schaffe. Pip schneidet ein böses Gesicht, aber das steht ihr. Sie ist wohl nur fertig.

 

 

Wir wandeln auf schmalen Pfaden zwischen zerklüfteten Lavaformationen hindurch. Rechts geht es steil hinunter, ein paar 100 m in den Krater, aber das lässt sich in der Dunkelheit nur erahnen. Starker Wind. Immer wieder müssen wir an schwarzen Felsen entlangklettern. Hinauf und hinunter. Kalt. Es geht über vereinzelte, kleine Schneefelder. Man läuft wie im Inneren einer großen Seifenblase, kriegt kaum irgendetwas mit. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Der Weg steigt leicht, aber kontinuierlich an. Dann über ein Feld von großen, losen Steinbrocken. Uns begegnen Leute, die schreien und jubeln. -Was wollt ihr von mir? Ist es nicht mehr weit? Wir lassen uns zu Boden fallen, aber hier stürmt es, es zieht richtig im Gesicht.

Vor uns, auf breitem Wall steigt es an wie ein Rampe. Langsam. Am Rand türmt sich erstarrte Lava in die Höhe. Nach links und rechts gehts runter, auf einmal kann man ungehindert nach beiden Seiten sehen. Ach, wir sind ja wohl ziemlich hoch, fällt mir ein. Die Schwärze bekommt plötzlich helle Streifen. Der Wind pfeift über die Ebene, der kleine Gletscherschild taucht am Rand auf, von unten her mit Licht erfüllt und schimmernd. Die Eissschicht ist dick, nach innen gewölbt und hebt sich deutlich vom dunklen Untergrund ab. Ich bleibe abrupt stehen und drehe mich um. Wir schwimmen auf einer schwarzen Insel, mitten im unendlichen, weißen Wolkenmeer. Die ganze Horizontlinie brennt in gelb-oranger Glut. Der Himmel über uns ist eine schwarze Glocke, unten aber wird er schon strahlend blau. Ich weiß nicht wie, aber plötzlich spüre ich, wie sich mein Gesicht zu einem schmerzhaften, breiten Grinsen verzerrt. Da ist eine kleine runde, Felskuppe. Der Gipfel? Der Wind brüllt. Wir gehen ganz langsam, da Pip immer wieder stehenbleibt, als wollten wir zusammen oben ankommen. Ich gehe rückwärts, um den Horizont zu sehen und stolpere dauernd, dabei erkläre ich Auguste, wie großartig das hier alles ist. Langsam und nebeneinander, die Fläche vor uns ist jetzt breit, bewegen wir uns wie erschöpfte Helden. Hinter uns breitet sich das Licht aus. Ein vorher ungekanntes Glücksgefühl kribbelt von Kopf bis Fuß. Mein Gott… das ist besser als Sex… ich will mich jetzt wirklich nicht grinsen sehen. Es geht immer noch höher hinauf und dann, irgendwann ist da eine schräge Fläche aus nacktem, grauen Fels.

Am äußersten Rand das Schild: -Congratulations. You are now at UHURU PEAK… Es ist 6.00. Alles ist unglaublich. Der seltsam geformte Gletscherschild, der das rötlichblaue Lichtspiel des feurigen Horizonts zurückwirft, die Wolken, die gigantische dunkle Masse unter uns, die klare und eiskalte Luft. Ein ganzer Kontinent liegt unter meinen Füßen. Überall wuseln Leute herum, mit Skimasken und fahl im Gesicht. Glücklich und erschöpft. Wir fallen unseren Guides um den Hals. -Thank you, Mr. Alex… stammle ich. Pip umarmt mich. -Tolle Frau, denke ich, und dann: -oh, ich bin ja auch toll! Pips Digitalkamera versagt bei den minus 23 Grad, aber ich treffe einen gut ausgerüsteten Deutschen, der das obligatorische Beweisphoto macht. Wenn ich meinen Arm hebe, ist der der höchste Punkt Afrikas…
Und was jetzt?


…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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