Archiv der Kategorie 'Bloggosphäre'

Guter Rassismus, böser Rassismus

„Ich kenne es aus Berlin so, dass Kultur meistens von Zuzüglern herein gebracht wird, während der Urberliner ein ziemlicher Schmutzfink ist. Neulich brachte das mal ein Imam am Kottbusser Tor auf den Punkt, als er sagte, die Berliner stinken. Aber da war was los, sag ich euch“

schrieb user „mahabba“ im Forum von „politischkorrekt“ resp. „politblogger“. Und fast niemand störte sich an einer solchen Äußerung. Mich regt das auf, denn auch das ist Rassismus (ausserdem bin ich, rein zufällig, ein Ur-Berliner). Man stelle sich vor, da hätte statt „Berliner“ „Türken“, „Araber“ oder „Migranten“ gestanden – „mahabba“ wäre auf der Stelle verwarnt oder gesperrt worden. Die zitierte Äußerung des Imams vom Kottbusser Tor ist hier dokumentiert. Der „Gelehrte“ hatte Ende 2004 in seinen Predigten geäußert, die Welt hätte noch nie irgendeinen Nutzen von Deutschen gehabt, sie würden nur üblen Geruch verbreiten. Dummerweise bekam der Verfassungsschutz Wind von diesen Predigten und ermittelte gegen den Imam.

Nun mag der Rassismus von Angehörigen einer Minderheitsgesellschaft gegenüber der Mehrheitsgesellschaft keine so „schlimmen“ Konsequenzen haben wie umgekehrt – eigentlich schaden sie sich nur selbst, wenn sie etwaige Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft noch befeuern. Aber Rassismus bleibt Rassismus, egal von wem und gegenüber wem. Selbstverständlich gibt es quer durch alle Bevölkerungsgruppen Idioten wie diesen Imam oder „mahabba“, die ihr kärgliches Ego nur dadurch aufplustern können, in dem sie sich selbst künstlich überhöhen, in dem sie sich über andere Menschen erhaben dünken. Geschenkt. Was mir aber sauer aufstösst ist, dass es von normalen, aufgeklärten „politisch korrekten“ Menschen so wenig Widerspruch gegen diesen Rassismus der Minderheitsgesellschaft gegen die Mehrheitsgesellschaft gibt. Etwa bei einer Google-Suche zu diesem Thema stösst man fast ausschließlich auf Giftblätter wie „blaue Narzisse“, „Junge Freiheit“ oder „Grüne Pest“ – und denen geht es wohl kaum um die Bekämpfung von Rassismus. Überlässt man hier einen Teil der Auseinandersetzung mit dem weiten Feld „Rassismus“ nicht eigentlich Rassisten? Was ist so verboten daran, zuzugestehen, dass es in gesellschaftlichen Minderheiten auch Rassisten gibt und warum artet die Forderung nach Gleichberechtigung von Minderheiten oder depriviliegierten Gruppen (ähnlich war es beim Feminismus) so oft in einen Status der Überhöhung: „der/die ist besser weil er/sie einer Gruppe angehört, die lange Zeit unterdrückt wurde“, aus?

Der Neocon und die Grenzen der Empathie

Durch Zufall entdeckte ich diese kurze Notiz auf „shifting reality“, bereits vom 05.11.08. „Momorulez“ würdigt unter der Überschrift „Der letzte Pro-Bush-Blogger: Ich hab ihn lieb!“ Paul13, Betreiber des Blogs „No blood for sauerkraut“, und zwar

„Wirklich. Ganz ironiefrei. Das liest sich einmal mehr wirklich lustig, und es ist wie immer auch was dran (und zitiert aus einem Kommentar Paul13′ zur Wahl Obamas):“

“Aber letztlich ist all das fast egal, denn mit dem Wechsel vom verhaßtesten, bösesten, dümmsten und häßlichsten zum beliebtesten, gütigsten, klügsten und bestaussehendsten US-Präsidenten – sprich von Teufel und Beelzebub in einer Person zum ultimativen Erlöser des 3. Jahrtausends – wird leider auch jene schaurig-schöne Phase zu Ende gehen, in der sich von Politikern über Medien und Intellektuelle bis hin zum einfachen Volk alle in selten gekannter Eintracht als grenzdebile Volltrottel entlarvt haben.”

(ich erspare dem Leser den Rest von Paul13′ Artikel, der hier nachzulesen ist)

Nun steht “momorulez“ selbstverständlich unbenommen das Recht zu, zu würdigen, wen er will und witzisch zu finden, was er will. Und auch „Paul13s’ “ Recht auf seine Meinung und politische Ansichten steht für mich in keiner grundsätzlichen Weise in Frage. Ist denn aber „Paul13″ selbst dazu bereit, anderen dasselbe zuzugestehen? Offensichtlich nein, zumindest wenn man obiges Zitat genauer betrachtet, das aussagt:

1. Alle Obama-Unterstützer laufen einer absurden Erlöser-Illusion hinterher und sind daher eigentlich nicht zurechnungsfähig
2. Obamas Vorgänger Bush wurde von seinen politischen Gegnern gnadenlos demagogisch und selbstverständlich vollkommen ungerechtfertigt niedergemacht – so etwa standen weder die USA noch die Welt am Ende der Amtszeit eines Präsidenten jemals besser da als genau jetzt
3. Alle Bush-Kritiker, quer durch alle Bevölkerungsschichten, sind „grenzdebile Volltrottel“

-Schön, mag man sagen. Präsident Bushs weltweite Beliebtheit bewegt sich zwar irgendwo zwischen Irans Rumpelstilzchen Ahmahdinedjad und dem „lieben Führer“ Nord-Koreas, Kim Jong Ill, aber rund 67% der Weltbevölkerung sind ja, laut „Paul13″, „grenzdebile Volltrottel“:

wpo_leaders_jun08_graph2Weltweites Vertrauen in Bushs Weltpolitik, oder mit den Worten von „Paul13″: Weltweite Dichte „grenzdebiler Volltrottel“

In einem anhängigen Kommentar zu seinem Post bricht sich „momorulez“ ‘ Begeisterung endgültig Bann:

„Paul, ich finde Deine Standfestigkeit super! Das muß ich ja doch hier mal loswerden, und das kommt wirklich von Herzen! Zudem mir ja auch dieser Irak-Krieg viel Probleme bereitet hat als anderen Linken, ich konnte immer gar nicht so richtig gegen den wettern und bin da lieber auf die Abstraktion ausgewichen [...]„

Der liebe „momorulez“ tut in treuteutonischer Tradition gerade so, als wäre „Standfestigkeit“ ein Wert an sich. „Deine Ehre heisst Treue“ – oder was? An einem alten, unverbesserlichen Nazi-Onkel in der Familie bewundert man ja auch nicht seine „Standfestigkeit“ (wobei das hier kein auf-dieselbe-Stufe-stellen sein soll). „Paul13″ mag persönlich ein netter Mensch sein; die von ihm vetretende Neocon-Ideologie enthält aber u. a. folgende „Bonmots“:

Demokratie und Marktwirtschaft westlichen Zuschnitts haben sich quasi sozialdarwinististisch historisch als beste aller Gesellschaftsordnungen durchgesetzt und sind daher nicht hinterfragbar (Fukuyama, Bush-Doktrin)

Archaische Gesellschaftsentwürfe – also alle anderen außer der westlichen – sind beständige Quelle von Konflikten, Gewalt und Bedrohung der US-amerikanischen Sicherheitsinteressen; daher muss die westliche Konzeption von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit, notfalls mit Gewalt, verbreitet werden (Huntington, Bush-Doktrin)

Die USA sind das wichtigste Land der ganzen Welt, ein leuchtendes Vorbild für dieselbe und par quasi-natürlichem Recht Hegemon („America first!“)

Es ist wichtig und richtig, dass politische Eliten „ihrem“ Volk einen Mythos als „notwendige Illusion“ vermitteln, an den der kleine Mann glauben kann. Das ist deshalb notwendig, weil der schädliche Liberalismus den kleinen Mann dazu bringt, alles anzuzweifeln, was die Grundlagen der Gesellschaft zerstört. Die Elite selbst muss nicht notwendigerweise selbst an diesen Mythos glauben (Leo Strauss).

In diesem Artikel geht es nicht eigentlich um „momorulez“ und „paul13″; sie dienen nur als Aufhänger. Es geht auch nicht um eine Kritik am Neokonservativismus – unnötig, denn selten dürfte jemand in nur acht Jahren so derartig und in jeglicher (ökonomisch, moralisch, militärisch, politisch) Hinsicht abgewirtschaftet haben wie die Neocons. Es geht um etwas, was ich den typischen linken „Egalismus“ nennen will. Es gibt unter „den Linken“ im allgemeinen (fast) keinen „Korpsgeist“, kein „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, nicht mal ein ausgesprochenes „Wir-Gefühl“. Und das ist ja auch in Ordnung so. ABER: Die Folgen der oben angedeuteten Neocon-Ideologie; das und das, das, das und das, das, das, das und dasDAS sollten und dürfen „wir“ den Neocons niemals vergessen. Und es niemals wieder soweit kommen lassen…

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„Laden Sie Neocons hier ab“, (Quelle)

PI-entology – die politisch inkorrekte Religionsausübung

Was ist los bei den „politisch inkorrekten“ Damen und Herren von pi-news.net? Da verwechselt man, absichtlich oder nicht, zwei Zeitungsartikel aus der Welt und strickt sofort eine gewaltige Verschwörungstheorie daraus:

„Die Exekution dreier moslemischer Massenmörder in Indonesien hat nicht nur unter den Frommen des Landes, sondern auch in der Redaktion der Welt für Unruhe gesorgt. [...] die Mutter eines der hingerichteten Bali-Terroristen (bekannte) wahrheitsgemäß [...], ihr Sohn habe nur getan, was der Islam verlange, nämlich Ungläubige zu töten. Das war der Wahrheit zu viel. Am Montag morgen wurde der Artikel gelöscht und durch eine begradigte Darstellung ersetzt, die die Friedfertigkeit der fiktiven Mehrheit der Muslime betont. Ganz kann man aber doch den Jubel zahlreicher Einzelfälle zum Eingang der Massenmörder ins muslimische Paradies nicht unter den fliegenden Teppich kehren.“

Ganz besonders apart finde ich übrigens die Wendung „…unter den fliegenden Teppich kehren.“ Hier wird der PI-Autor Opfer seiner Phrasendrescherei, denn man kehrt etwas unter den Teppich, um es zu verstecken, in der Hoffnung, dass dieser nie angehoben wird; was für einen Sinn sollte es haben, so etwas mit einem „fliegenden Teppich“ zu versuchen?

Die Gefolgschaft der PI-Eiferer im Kommentarbereich ergänzt natürlich sofort:

#75 Zallaqa (10. Nov 2008 21:43) „Der Islam ist gefährlicher als jede andere Weltanschauung. Wenn man die kulturellen Unterschiede zwischen den Wüstengegenden aus dem der Gründer des Terrorismus Mohamend entstammt und der Inselwelt Indonesiens betrachtet dann kann man nur sagen: Nicht die Menschen sind das Problem sondern der Islam ist das Problem; überall wo diese Weltanschauung Anhänger findet und sich ausbreiten kann herrscht Mord und Totschlag. Wann werden Moslems bzw. der Islam endlich verboten. Das ist keine Religion sondern einfach ein Terrorkonzept!“

#77 KarlMiller   (10. Nov 2008 23:31) „Das ist in Deutschland doch seit eh und je Sitte, die Nachrichten immer auch gleich schon in mit der dazugehörigen “richtigen” Deutung zu übermitteln.“

#78 ComebAck   (11. Nov 2008 02:37) “ ‘Selbstverständlich wäre der Terror zu vermeiden, indem man ihn konsequent verbannt. Alles uslime ausweisen und Mauer um Europa. Fertig!’ ich darf ergänzen:Der Einsatz nicht konventioneller Munition an ganz bestimmten Brennpunktes des Terrors sollte auch in Erwägung gezogen werden.“

#79 danton   (11. Nov 2008 06:39) „Der sogenannte Presserat und der unsägliche Pressekodes, dieses Manipulationsinstrument, das dem Lug und Trug Tür und Tor öffnet, gehören sofort ersatzlos abgeschafft!
Unser Recht auf vollständige, unverfälschte und objektive Information sowie auf Meinungsfreiheit wird durch diese verlogenen Presserat-Jakubiner völlig ad absurdum geführt!“

#80 byzanz   (11. Nov 2008 09:50) „Die Wahrheit lässt sich auf Dauer NIE verbergen. Auch wenn die volkspädagogischen Vernebelungsversuche noch so massiv sind: Die “Ungläubigen” in Europa registrieren mehr und mehr, dass der Islam eine faschistische, gewaltverliebte, intolerante und gemeingefährliche Ideologie ist. Wer was anderes behauptet, ist ein LÜGNER. Punkt.“

Der Islam ist keine Religion, sondern eine terroristische Ideologie (und der, der festlegt, was Religion sein darf und was nicht, das bin ich, ich, ich) und der Moslem an sich gehört verboten. Die gutmenschlich- linksgrünmuselfaschistische Dhimmi-Mainstreampresse verschweigt und verfälscht Nachrichten und handelt damit im volkspädagogischen Auftrag auf Anordnung der übergeordneten Eurabia-Weltverschwörung, weil Politiker und Wirtschaftsführer – aus welchen Gründen auch immer – den Plan gefasst haben, Europa zu islamisieren… Blablabla. Mantra-artig wiederholt die PI-Sekte ihre Glaubensbekenntnisse, die auch der kritische PI-Leser schon seit Jahren kennt und vorwärts und rückwärts kotzen könnte. Und das völlig unbeeinflusst von der Realität: Da die heilige PI-bel unzweifelhaft immer recht hat – immerhin nur ein von Amteuren geschriebener Weblog – muss es die gesamte Außenwelt sein, die sich gegen die tapfere kleine Schar der letzten Aufrechten und einzig wahren Hüter der einzig wahren Wahrheit verschworen hat.

Die PI-linge sollten begreifen, dass die meisten Leser PI nur als Unterhaltungsmedium begreifen und sich königlich über diesen billigen Verschwörungsmatsch und die Leute, die das ernst nehmen, amüsieren. Es bliebe nur zu hoffen, dass dann möglichst viele der PI-linge den Ausstieg aus ihrer Parallelwelt wieder schaffen.

Schwanengesang eines Neocon

Angesichts der überwältigenden Sieges Barack Obamas bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen und des beispiellosen moralischen und wirtschaftlichen Bankrotts der Neokonservativen kann man sich als Linker einer gewissen Schadenfreude kaum enthalten. Wirklich selten war es goldiger und herzerwämender als dieser Tage unser aller Lieblings-Hass- und Hetzblog „Politically Incorrect (PI) “ zu lesen, das verzweifelt vor dem Verfall seiner „pro-amerikanischen Werte“ in ihrem Mutterland vor einem Scherbenhaufen steht. Das ideologische Gerüst wackelt und seit Tagen windet man sich in Erklärungsversuchen:

„Woher kommt nun dieser Linksruck?“

„Man folgt offenbar dem Trend aus dem alten Europa.“

PI bemüht gar eine „Totalherrschaft von Massenwahn und Popkultur“ als einzig mögliche Erklärung, dass etwa 64 Millionen Bewohner der gottgleichen USA für einen „vermuselten“, „schwarzen Rassisten“ Barack Obama gestimmt haben. Das einzige, was ihnen bleibt ist

„Eine kulturpessimistische Polemik.“

Hä Hä Hä. Es sei erhellend, meint der PI-Gastautor Lion Edler, die heutige Situation in den USA mit Deutschland nach 1945 zu vergleichen:

„Die Durchdringung der deutschen Gesellschaft mit linker Propaganda begann, weil man aufgrund des totalen Zusammenbruchs 1945 tief im Inneren glaubte, das mit dem eigenen Volk etwas nicht stimmte, dass es nur aus Versagern und Verbrechern bestünde.“

Das ewige braune Gegreine vom „deutschen Schuldkomplex“ also. Wirklich erhellend.

„Die USA haben nach dem Irakkrieg etwas Ähnliches erlebt, nur nicht so extrem. Aus allen Ländern der Welt wurde Amerika unablässlich eingeredet, [...] dass sie nur Leid und Unglück über die Welt brächten. Das penetrante Einreden dieses schlechten Gewissens hat letztlich gefruchtet, auch die Amerikaner haben jetzt ihren Schuld-Komplex.“

Wenn „alle Länder der Welt“ der Meinung sind, der Irakkrieg sei von den USA ungerechtfertigt oder jedenfalls aus den falschen Motiven heraus begonnen worden, dann könnte ja vielleicht etwas dran sein? Nur so theoretisch? Nicht natürlich, wenn man von seiner göttlichen, unfehlbaren Mission überzeugt ist…

„Deswegen war es so eminent wichtig, dass George W. Bush direkt nach den Anschlägen des 11.September das Signal in die Welt sandte: Wir bleiben stolz auf Amerika, und wir lassen uns von den Feinden der Freiheit nicht unterkriegen, der amerikanische Traum wird auch weiterhin verteidigt.“

Es hapert offenbar nicht nur mit Logik und Demokratieverständnis, sondern sogar schon mit dem Verständnis einfachster zeitlicher Zusammenhänge: Weil die Welt aufgrund des Irakkriegs (Beginn März 2003) den USA permanent ein schlechtes Gewissen einredete, war es so wichtig, dass Bush ein Signal am 11.09.2001 sandte. Wenn es noch eines endgültigen Beweises bedurfte, dass Bush ein Messias ist bzw. war, dann ist er hiermit wohl erbracht.

„Bislang war Amerika immer ein geistiger Rebell und Einzelgänger. Egal, was der verprollte weltweite Mainstream wie eine “coole” Schulhof-Clique über das gemobbte Amerika sagte, Amerika ließ sich nichts einreden und ging wie ein einsamer Cowboy seinen Weg, und zeigte dem erbärmlichen Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks völlig zu Recht den Mittelfinger.“

So „einsam“ kann der „Cowboy“ mit negativer Außenhandelsbilanz, dessen Staatsverschuldung, die Verschuldung des Privatsektors und der Konsumentenhaushalte das BIP um mindestens das Dreifache übersteigt und dessen Finanzsektor gerade kollabiert, wohl nicht sein, denn ohne den „verprollten weltweiten Mainstream“ wäre er längst konkurs gegangen.

„Amerika lässt sich langsam aber sicher herunterziehen auf das primitive geistige Niveau Europas, auf das sozialistische und selbstgerechte, überhebliche Mainstream-Denken.“

Das muss die Erklärung für die Wahl Obamas sein: Europa zieht Amerika auf sein „primitives geistiges Niveau“ herunter. Amerikaner selbst wären sonst nämlich gar nicht in der Lage gewesen überhaupt auf die Idee zu kommen, etwas anderes als die Republikaner zu wählen.

„Und was sollte diesen Weg der Welt in den Sozialismus ändern? [...] So könnte das gewissermaßen tatsächlich “das Ende der Geschichte” sein, allerdings anders, als Fukuyama sich das dachte, nämlich ein sozialistisches Ende.“

Weine nur nächtelang in dein Kissen, mein Mitleid kriegst du trotzdem nicht, du heulsusiger Neocon.

„Nein, ich will nicht alle Obama-Fans von vornherein als dumm oder als Mitläufer bezeichnen.“

Ach nein?

„Man stelle sich vor, jemand würde an der Uni oder in der Schule sich zu Bush bekennen. Man kann leise erahnen, was passieren würde.“

Man würde denjenigen komisch ansehen, weil er hoffnungslos in der Vergangenheit lebt?

„Dieser überhebliche Konformismus und die Stigmatisierung Andersdenkender ist es, der auch Angst machen muss bei der europäischen Sicht auf Obama, und nicht etwa Obamas politische Ansichten selbst. Über die werden einige rot-grüne Spinner in Europa noch ganz schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn Obama erstmal harte außenpolitische Forderungen an Europa stellt.“

Auf der einen Seite fürchtet der Autor als einziger Obama-Gegner stigmatisiert zu werden, auf der anderen Seite wird die Politik Obamas ganz bestimmt dafür sorgen, dass viele seine europäischen Fans sich von ihm abwenden? Die Logik als tragisches Opfer der Rechthaberei…

„Das Studentenportal “studivz” führte vor Kurzem eine Umfrage durch, für welchen Präsidentschafts-Kandidaten man denn die Daumen drücken würde. 91,4% stimmten für Obama, bei über 900.000 abgegebenen Stimmen. Wahlergebnisse fast wie in der DDR also, man fühlt sich etwas einsam beim Lesen dieser Zahlen. [...] Dazu präsentiert “studivz” als Symbol eine Comic-Zeichnung mit McCain und Obama im Boxkampf gegeneinander. Auch das ist natürlich nicht gerade neutral: Soll es doch offenbar suggerieren, dass es bei der US-Wahl darauf ankommt, wer der “fittere” und “hipper” ist. Aber es fällt wahrscheinlich kaum noch auf, was für ein krankes Denken da ohnehin dahinter steckt: Der US-Wahlkampf als Boxkampf, als Show-Ereignis für die Spaßgesellschaft, anstatt als ernsthaftes politisches Thema. [...]“

„Denn das ist der zweite Trend, der durch die Wahl Obamas zementiert wird: Der Weg in die weltweite Herrschaft der dekadenten, entarteten Popkultur-Ochlokratie. Das Anstandslose und Primitive, das Entartete wird zum gesellschaftlichen Mainstream, die Geisteskranken werden allmählich zur Mehrheit. Geschichtsbewusstsein und geschichtliches Schwärmen werden ersetzt durch gleichgültige Geschichtslosigkeit und blinder Fortschrittsgläubigkeit, durch seichtes “I have a dream”, “Yes we can” und “Change”-Geschwafels.
Schon jetzt kann man in größeren Städten doch nirgendswo eine U-Bahn betreten, ohne sofort den Anblick eines Haufens Gestörter und Irrer ertragen zu müssen.

Zunächst beweist uns Herr Lion Edler eindrucksvoll anhand einer Umfrage im StudiVZ und derer graphischen Darstellung wie „dekadent und entartet“ der Pöbel doch sei, der unverschämterweise via freie Wahlen über die Regierung bestimmt. Warum gehste nicht nach Saudi-Arabien oder Nord-Korea, wenn dir die „Pöbelherrschaft“ so stinkt? Ein Demokrat redet nicht so.Und das Edler mit dem ÖPNV in Großstädten nicht klar kommt beweist nur, dass er ein Mahlower Landei ist. Bezüglich der „Geisteskranken“, die „zur Mehrheit werden“ sei nur an ein altes englisches Sprichwort erinnert: „The one man in the world who never believes he is mad is the mad man.“

„Wer die Nase voll von dieser abartigen und gestörten Fortschrittsgesellschaft hat, der ist ein “Ewiggestriger”, oder “engstirnig”, “verbohrt”“, er vertritt “Schwarz-Weiß-Denken”, und – natürlich – er ist “unfähig, mit den modernen Anforderungen einer komplexen Welt zu recht zu kommen”. So einfach ist das, warum auch nachdenken. Die Konservativen haben es in Deutschland immer noch nicht verstanden: Parteien und Politiker haben kaum noch Einfluss, sie sind zunehmend Sklaven eines abstoßenden Medien-Zirkus.“

Oh oh, die Welt geht unter, weil „der Pöbel“ den falschen Präsidentschaftskandidaten gewählt hat. Zivilisationsgedanke und gesellschaftlicher Fortschritt sind seit dem 05.11.2008 ausser Kraft gesetzt und Obamas Wahl der endgültige Beweis für das bevorstehende Armageddon.

„Wir müssen Konsequenzen ziehen. Von Parteien ist im Moment nicht viel Besserung zu erwarten. Wir müssen diesen abartigen, kranken Event-, Trash- und Porno-Apparat von “taz” bis “BILD” endlich unterwandern und gnadenlos aushöhlen, indem wir vor allem auch auf das Internet setzen (schon wieder etwas Fortschrittliches, welch Ironie…). Anstatt Kampagnen durchzuführen darüber, ob der Mindestlohn richtig ist oder nicht, sollte lieber über die Gehirnwäsche der nationalen Front der Linksmedien aufgeklärt werden.“

Die Springer-Presse reiht sich natürlich nahtlos ein in die „nationale Front der Linksmedien“… Die Konsequenzen, die eine solche „Unterwanderung“ und „gnadenlose Aushöhlung“ für unser Bildungssystem hätte, beweist Edler in seiner ganzen Pracht quasi im Selbstversuch im letzten Abschnitt:

„Und wir müssen dafür Sorgen, dass über die Lehrpläne in den Schulen nicht mehr nur rot-grüne Vollpfosten entscheiden, sodass zwischen all dem Böll-, Grass- und Brecht-Krempel zwischendurch auch noch was Vernünftiges kommt. Wir müssen Lehrkräfte durchsetzen, die ihre Aufgabe in Bildung und Wissensvermittlung sehen statt in politischer und ethischer Umerziehung und Indoktrinierung. Ansonsten wird man konstatieren müssen: Die Menschheit hat ihre kulturelle Höchstphase bereits seit Jahrhunderten hinter sich. Seit circa 300 Jahren ist ehrlicherweise kaum noch etwas passiert, was die herausragende Stellung gegenüber anderen Arten rechtfertigt, und die totale Obamisierung war dafür wieder ein besonders trauriges Beispiel. Sie reden von einem angeblich zu dämmenden “Raubtierkapitalismus” und “sozialer Gerechtigkeit”. In Wirklichkeit ist der Obama-Mob die Speerspitze einer in rein ökonomischen Kategorien denkenden Konsumgesellschaft, von dem sich nicht nur Karl Marx wohl angewidert abgewandt hätte.“

Wie wärs, an den Schulen ein paar Texte von Lion Edler zu bringen? Man hat ja sonst nicht viel zu lachen: Seit ca. 300 Jahren ist nichts mehr passiert, dass die besondere Stellung des Menschen gegenüber dem Tier rechtfertig?! Aufklärung, Wissenschaft, industrielle Revolution, Massenkommunikation, Technologisierung, Verfünffachung der Weltbevölkerung, Verdoppelung der Lebenserwartung, Luftfahrt, Raumfahrt, Demokratisierung, Globalisierung… Ja, auf welchem Ast hockt der denn, der Steinzeitkonservative?! Gott schütze uns vor der neokonservativen Unterwanderung unserer Medien und Lehrpläne, bleibt da nur zu konstatieren. Mit einem derartigen Rotzen auf alles, was unsere Gesellschaft ausmacht, bloß weil der demokratische Souverän in den USA anders entschieden hat, als er es gerne hätte, disqualifiziert sich der Neocon nur selbst. Es bleibt dem amüsierten Beobachter nur übrig, sein Taschentuch hervorzuziehen, um die Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen und dem Neocon ein leises „farewell“ zu winken. Und mach die Tür deiner Höhle hinter dir zu.

P.S. Der Text wäre nur ganz und gar amüsant, wenn es sich bei Lion Edler nur um einen dummen Jungen handeln würde. Allerdings möchte dieser sich offenbar mit dem Hoher-Teltower CDU-Ortsverband vom „entarteten, geisteskranken, popkulturellen Pöbel“ aus dem „erbärmlichen, geistig primitiven Europa“ in die Gemeindevertretung wählen lassen (Link via PK). Man fragt sich wirklich, mit was für einer Chuzpe dieser Typ ausgestattet ist…

Selbstkritische Artikelreflektion: „Bezness“ – Selber schuld oder nicht?

Da ich aufgrund einer schlechten Erfahrung trackbacks zu meinen Artikeln sporadisch zurückverfolge und es mich auch oft freut, wenn mein Geschreibsel reflektiert, diskutiert und/oder weiterverarbeitet wird, stieß ich neulich auf dieses schweizer (?) „bezness“-Diskussionsforum. Und ich war so angenehm überrascht, wie es in der Bloggosphäre selten vorkommt.

Tatsächlich, wie auch eine der Damen bemerkte, der Artikel ist verdammt provokant und „bezness“-Betroffene können sich beim oberflächlichen Lesen davon persönlich angegriffen fühlen – auch wenn ich an einer Stelle äussere, dass ich es mir nicht herausnehme, Leidensgeschichten auf einer persönlichen Ebene anzugreifen – was hiermit nochmal betont sein soll. Allerdings ist Provokation oder eine gewisse „Zänkischkeit“ nicht nur der Bloggosphäre immanent (in der jeder einsam hinter seinem Rechner sitzt und sich für den Größten hält) sondern darüber hinaus eine grundlegende Eigenschaft des Mannes.

Ich stehe aber zu meinem Artikel, denn: Erstens, der unerträglich selbstgerechte Ton auf dieser speziellen Webseite 1001geschichte.de („Bezness verstößt gegen die Menschenrechte!!!“), der geht nicht an und kann nicht unkommentiert bleiben, weil man, zweitens, in der Lage sein sollte, soweit von der eigenen Person abstrahieren zu können, dass man persönliche, subjektive Erfahrungen nicht auf ganze Länder oder Erdteile überträgt (man lese nur mal den zitierten Kommentar am Ende meines Artikels) und, drittens, weil sowas dazu führt, dass man sich in seine Opferrolle zurückzieht, diese anzieht wie einen alten, gemütlichen Mantel und genau das einer/einem bei der Verarbeitung eines solchen Erlebnisses nicht weiterhilft. Im Gegenteil, das Eingeständnis, dass man mitschuld ist, wenn man betrogen/überfallen/ausgeraubt/entführt wurde, ist fundamental dafür, mental mit diesen Erlebnissen abzuschliessen und weiterzumachen. Dass sich festnageln auf die Opferrolle führt dazu, dass ein Arsch einer/einem das ganze Leben versaut.

Letzteres ist für mich der entscheidene Punkt. Was ich aber in dem Artikel getan habe, ist, die durch die Webseite 1001geschichte.de vermittelte Haltung auf alle „bezness“-Betroffenen zu projizieren. Das man das nicht tun kann/darf, das beweisen die Diskutantinnen des besagten „bezness“-Diskussionsforums. Fühlen die sich etwa angegriffen von der provokanten „Hülle“ des Artikels, von dem ich-bin-der-Größte-Brustgetrommel des Mannes im Autoren? Nein, ohne irgendwelche Umschweife stoßen sie zum Kern des Artikels vor, ganz so wie ich es gemeint, aber vielleicht nicht direkt genug gesagt hatte. Deswegen blogge ich.

Dümmliches Herumgebroder

Es gibt Leute wie Henryk M. Broder, die erreichen viel öffentliche Aufmerksamkeit auch für den geringsten Verbaldünnschiss. Broder bietet eigentlich nur noch Reibungsfläche ohne Substanz und sonnt sich in der generierten Aufmerksamkeit wie ein Frührentner, dessen Lebensinhalt darin besteht, seine Nachbarn zu terrorisieren.  Für mich ist er außerdem ein Symbol für den zum Neocon mutierten früheren linksliberalen Intellektuellen, der mal Ideale und was zu sagen hatte, dann aber aus persönlicher Eitelkeit und/oder des Geldes wegen der Versuchung erlag, den Mächtigen nach dem Mund zu reden. Und so salbadert Broder heute von den Gefahren eines „Einknickens“ vor der „islamischen Weltverschwörung“, um von den tatsächlichen Gefahren des Herausfallens ganzer Erdteile bzw. Bevölkerungsschichten aus dem Weltwirtschaftssystem abzulenken, dem kleinbürgerlichen Globalisierungsverlierer was zum Hassen zu geben – und dem „präventiven“ Sicherheitsstaat publizistische Unterfütterung, damit der dann notfalls sein Arsenal an polizeilichen bzw. weltpolizeilichen Maßnahmen gegen das Millionenheer der Marginalisierten auffahren kann. Außerdem symbolisiert er m. E. wie anerkannte neokonservative Intellektuelle ohne Zögern tief ins hinterste versiffte Plumpsklo der Medienlandschaft greifen, wenn das ihren Zielen dient. Und so bringt er es nicht einmal fertig, sich mehr als nur halbherzig vom Hass- und Hetzblog PI zu distanzieren.

Wegen der Ankündigung des Vorsitzenden des Innenausschusses des Bundestages, SPD-MdB Sebastian Edathy auf „Spiegel Online“, den Verfassungschutz auf PI aufmerksam machen zu wollen, schreibt Broder auf „Die Achse des Guten“ über PI könne man

„…sehr geteilter Meinung sein, vieles spricht dafür, dass es sich um eine Internet-Sekte handelt, die extrem monothematisch ausgerichtet ist.“

Über eine Webseite, die gerade in letzter Zeit durch eindeutig rassistische Artikel seine Kommentatoren aufhetzte und Spam-Email-„Fatwas“ gegen mißliebige Meinungen verhängt, ist er „geteilter Meinung“, weil „vieles dafür spricht“, dass sie „extrem monothematisch ausgerichtet“ ist. Aha. Aber eigentlich ist diese „Kritik“ schon zu hart, denn

 „…davon gibt es im Internet die Hülle und die Fülle, vom sog. Palästina-Portal eines westfälischen Frührentners, der es sich vorgenommen hat, den Nahostkonflikt zu lösen, bis zum BILD-Blog [...]“

Das BILD-Blog, welches Fehler in der Berichterstattung der größten deutschen Tages-„Zeitung“ mit BELEGEN richtigstellt und so oft genug tendenziöse Berichterstattung aufzeigt; und PI, das eine euro-islamische Weltverschwörung, die Unterwanderung unserer Gesellschaft durch Muslime, Quasi-Bürgerkriege in unseren Städten, eine grün-linke Dauerbeeinflussung der Mainstreampresse (z. B. BILD) usw. ohne irgendwelche glaubhaften Belege (die es ja nicht geben kann, weil die Mainstreampresse uns das alles verschweigt) wiederholt, wiederholt und immer wieder wiederholt, stehen also auf einer „extrem monothematisch ausgerichteten“ Stufe. Das Broder das ABC des Journalismus schon lange vergessen hat, kann man ja auch in seinen Büchern nachlesen.

Laut Broder sei es von PI auch

„…sicher keine gute Idee, sich mit einer obskuren Gruppe wie der JTF einzulassen. [...] auch wenn sie zufällig wie man selbst der Meinung sind, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht.“

Der „Jewish Task Force“ steht der wegen Terroranschlägen auf verschiedene sowjetische „weiche“ Ziele in New York 1987 in den USA zu 10 Jahren Haft verurteilte Victor Vancier vor, der seine Taten bis heute verteidigt. Gegenwärtig fährt die „JTF“ die Kampagne „Jews against Obama“, in denen der demokratische Präsidentschaftsbewerber als „5. Kolonne der Islamisten in den USA“ bezeichnet wird. Vielleicht sind sie aber auch, wie Broder, der Meinung, dass die Sonne im Osten auf- und Westen untergeht.

Im Anschluss präsentiert Broder der Öffentlichkeit seinen Email-Schlagabtausch mit besagtem Herrn Edathy.

„… [Im] zusammenhang (mit der von Edathy empfohlenen Verfassungsschutz-Beobachtung PIs – Anm. d. A.) [würde es mich] interessieren, ob sie den verfassungsschutz auch darum gebeten haben, websites wie z.b. “muslimmarkt.de”  zu beobachten, weil dort antisemitische propaganda betrieben wird,“

fragt er an und Edathy antwortet:

„Darf ich Ihre Email so verstehen, dass Sie die Seite pi-news.net als unproblematisch erachten [...]? Wenn dem so ist, leite ich Ihre Email und diese Antwort gerne an die Mitglieder des Innenausschusses des Deutschen Bundestages weiter – gerade mit Blick auf die öffentliche Ausschuss-Anhörung am 16.06.2008 [...]“

Die Verbindung Broder-PI ist kein Geheimnis. Ausserdem würde jeder normalsterbliche Bundesbürger zu einer Frage, die ihn in der Sache interessiert, eine Google-Recherche machen, auf den Verfassungsschutzbericht stoßen oder den später noch zu erwähnenden Wikipedia-Eintrag. Natürlich ist Broder kein Normalsterblicher und das macht er Edathy jetzt erstmal klar. Er ist nämlich

„[...] der steuerzahler [...],“

und damit, Herr Edathy

„[...] ihr arbeitgeber [...]“. 

„ich [erwarte] deswegen, wie von jedem angestellten, [...] dass sie ihre arbeit machen und sich nicht in rabulistik üben.“

Darüber hinaus wird der Chef bald auch mal persönlich vorbeikommen, und:

„[...] ihre nicht-antwort auf meine anfrage bei der ausschuss-anhörung am 16.6. den mitgliedern des ausschusses zu präsentieren, als illustration für den extrem sensiblen umgang mit antisemitischen randerscheinungen.“

Das hat gesessen. Har har har. Der schlicht mit „b.“ unterschreibene Chef von Herrn Edathy wird also bei der Anhörung eine Nicht-Antwort als Illustration präsentieren, wo man ihm – wahrscheinlich rein interessehalber, wie das wohl anstellen mag – dann selbstverständlich auch Redezeit einräumt. Der Art, wie Herr „b.“ die Begriffe „Arbeitgeber“ und „Angestellte“ definiert, ist übrigens ausgesprochen dehnbar: Als jahrelanger „Spiegel“-Abonnent und „Spiegel“-Online-Leser, der mit meinen Zahlungen Ihren Lebensunterhalt mitfinanzierte, Herr Broder, erwarte ich, dass Sie sich endlich mal rasieren und aufhören, so einen Schwachsinn zu fabrizieren, jawohl!

Herr Edathy gibt in seiner neuerlichen Antwort nun zu bedenken, dass

„…meines Wissens die Internetseite muslim-markt.de vom Verfassungsschutz ausgewertet wird. Bezüglich der Seite pi-news.net bin ich mir diesbezüglich nicht sicher.“

Und hängt einen Wikipedia-Link an seine Mail, dass „muslimmarkt.de“ im Verfassungsschutz-Bericht schon ab 2005 erwähnt wird. Da Herr „b.“aber schon die Definitionsmacht darüber besitzt dass „1,3 Mrd. Muslime in aller Welt zum chronischen Beleidigtsein neigen“, der Unterschied zwischen Islam und Islamismus feinsinnig ist“ usw., ist es für ihn auch ein Leichtes seine, sagen wir mal, etwas phantasielose Erwiderung als geistreiche Pointe zu definieren:

„ich bin zutiefst beruhigt, dass der vorsitzende des innenausschusses des bundestages sich über die aktivitäten des verfassungsschutzes aus wikipedia informiert.“

Dass übrigens der Herr SPD-MdB Edathy ein gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit zu haben scheint, steht auf einem anderen Blatt: hier bei Herrn Hoff und hier die ganze Geschichte, wie Edathy die Nichtweiterbeschäftigung der Journalistin Susanne Härpfer bei „Zeit“-Online erwirkte. Es gab mal Zeiten, da beschäftigten sich Journalisten mit solchen Themen…

Clash of Religions, oder: Gegenaufklärung

Eigentlich wollte ich ja einen Artikel schreiben über die Ausbreitung des evangelikal-fundamentalistischen Christentums hier in Tanzania, die v. a. durch US-amerikanische und europäische „Freikirchen“ forciert wird, wie die Leute angelockt werden und was es in meinen Augen für ein anti-aufklärerisches Verbrechen darstellt, „arme“ Tanzanier mit dem Versprechen eines besseren Himmelsreichs in die Irre zu führen. Beim Herumsurfen im Internet, wobei natürlich auch der allseits bekannte und beliebte islam-„kritische“ Blog PI nicht fehlen durfte (du kannst traurig sein, du kannst müde sein, PI zaubert immer wieder ein sarkastisches Lächeln auf deine Lippen) stieß ich dann auf den Artikel: „Ist Europa zum Bürgerkrieg verurteilt?“ Ohoh, dachte ich, was ist passiert, auf was für einen Kontinent kehre ich wohl zurück? PI, das den seriösen Quellen nicht traut, stützt sich auf die Analyse eines gewissen Daniel Pipes, der ja für seine objektive Sichtweise auf den Islam bekannt ist. Ist ja auch völlig logisch, wenn man der gleichgeschalteten linksfaschistischen Mainstreampresse nicht glauben darf, dann macht das die Objektivität von Einzelpersonen natürlich viel glaubwürdiger. Analytiker Pipes hat jedenfalls scharf nachgedacht und sich hoffentlich dabei nicht verletzt, er kommt in seiner Analyse auf folgende Formel: Es gäbe für Europa drei wahrscheinliche Szenarien:

1.    Die Macht in Europa wird von den Muslimen übernommen

2.    Die Christen wehren sich gegen die Machtübernahme der Muslime

3.    Christen und Muslime leben nebeineinander in Europa (nachgeschaltete Bemerkung Pipes`: Dieses Szenario hält er für äußerst unwahrscheinlich)

Was mit der doch recht großen Gruppe der europäischen Atheisten passiert, verrät uns Herr Pipes übrigens nicht. Mit der jeweiligen Bewertung von Herrn Pipes`scharfer Analyse lasse ich den Leser nun allein und wende mich direkt einigen Kommentaren zu, die beim Abenteuer PI-lesen ja immer den größten Spaß machen.

„Nicht die Christen werden etwas gegen Europa unternehmen, Jesus Christus selbst wird das tun. Vorher aber wird es ganz furchtbar duster in Europa und der Welt. Dann gibt es aber keine Jünger Jesu mehr auf der Erde, da diese entrückt worden sind. Die einzige Möglichkeit dem Tier (der kommende Herrscher Europas) zu entgehen, besteht darin, jetzt Buße zu Gott zu tun und an den Herrn Jesus als Herrn und Erlöser zu glauben. Ich weiß, daß das nicht besonders populär ist, aber so sieht der Gott der Bibel die Dinge. Es ist nicht die Ummah, es ist Europa selbst, von dem das Übel und allergrößte Gefahr ausgehen.“

schrieb ein gewisser „boanerges“ am 23. Mai um 17.21. Nicht die Christen, Herr Pipes, Christus selber wird sich an die Spitze der islam-„kritischen“ Bewegung stellen! Das haben Sie in Ihrer Analyse nämlich nicht bedacht! Allerdings steht Jesus dann ziemlich alleine da, seine Jünger sind dann nämlich „entrückt“. Beim aufmerksamen Lesen der PI-Kommentarspalte schleicht sich dem kritischen Betrachter allerdings der Verdacht anheim, das viele Kommentatoren jetzt schon „entrückt“ sind. Aber immerhin weiss Herr „boanerges“ dass seine Sicht der Dinge „nicht besonders populär ist“ – aber wen stört das schon, wenn der Gott der Bibel die Dinge genauso sieht?

Ein anderer „entrückter“ PI-Kommentator namens „CA“ greift „boanerges“ Kritik an Pipes`Analyse auf und ergänzt sie um einige weitere scharf beobachtete Anmerkungen:

„[...] Der jetzt kommende große Krieg der Religionen, was so “schön” neudeutsch “clash of civilizations” heißt, wird natürlich nach entsprechenden Zerstörungen und Verlusten an Menschenleben (und wenn man sich dabei an der Bibel orientiert, werden diese nicht im Mio. sondern im Mrd. Bereich liegen) dazu führen, daß am Ende die “eine Weltregierung” also dann wohl die Laberkastenbande vom East River sprich UNO , alle Religionen “verbieten” wird und damit dann natürlich auch letzten des Gott verbieten will – dann wird sich auch zeigen wer richtig gelegen haben wird – diejenigen die eh jedes göttliche als nicht existent ansehen oder die “anderen” denn wenn die “anderen” “recht” haben sollten (ich gehe natürlich davon aus) wird sich Gott wohl kaum verbieten lassen.“

Daniel Pipes und Samuel Huntington haben in ihren jeweiligen Theorien die normative Kraft des Faktischen der Bibel sträflich vernachlässigt. Wenn Gott tatsächlich existiert, wird er sich weder von der UN noch von sonst irgendjemandem verbieten lassen, womit der Beweis erbracht sein wird, dass er existiert und „CA“ immer schon „recht“ hatte…

Die Herren Analytiker Daniel Pipes, „boagernes“, Samuel Huntington und „CA“ haben aber ihren scharfen Analysen den esoterischen-ganzheitlichen Ansatz völlig vergessen. Frau oder Herr „kochbuch“ sieht das schon ganz richtig und schreibt:

„Der “Herr Jesus als Erlöser” ist die progredierende Zeit und damit die zeitzyklische Wiederkehr geschichtsrelevanter Konstellationen.
So wie es nach 24 Stunden wieder erneut tagt, so wird nach 2.400 Jahren eine Hochkulmination der Ereignisse und Entwicklungen einen neuen Zeitbeginn bedeuten: Das ist “Der Herr Jesus”.

Es handelt sich bei den drei Ringen Judentum, Christentum und Islam und die drei Saatkörner ein- und desselben Gedankens, zu verschiedenen Zeiten eingepflanzt und zu verschiedenen Gestalten emporgewachsen. Es ist vorauszusehen, daß – wie im Pflanzenreich – dramatische organische Entwicklungen analog in den Geschichtskörpern stattfinden werden.

Die Bibel ist eine Sammlung hochspiritueller Botschaften hinter purem Puppentheater, eine Vison aus der Geschichte, entsprechend dem gnostisch-hermetischen Prinzip: “Wie oben so unten”. Die stellaren Rhythmen finden ihre terrestrischen Abbildungen in der sog. Geschichte der Völker.”

Yep. Nur eine Frage, Herr/Frau Kochbuch: Es tagt ja nicht nach 24 h „erneut wieder“, sondern nach 12-10 h – ganzjährlich in den Tropen und zwischen 4 und 20 h (je nach Standort und Jahreszeit) in den Ektropen. Somit wäre eine „Hochkulmination geschichtlicher Ereignisse“ Ihrer Theorie zufolge nach zwischen 1.000 bis 1.200 Jahren bzw. zwischen 400 und 2.000 Jahren zu erwarten? Ganz davon abgesehen, dass ein Tag nicht 24 Stunden dauert, sondern umgekehrt eine Stunde der 24. Teil eines Tages ist und das ganze kein „stellarer Rhythmus“, sondern der sogen. gregorianische Kalender ist. Ihre Anspielung auf Lessings Ringparabel ist dagegen außerordentlich begrüßenswert, in einem Blog wie PI aber wohl verschwendete Zeit.  

Ehrlich, Länder wie Tanzania haben bloß ein schlechtes Schulsystem und eine hohe Analphabetenrate. Bevor ich mich –siehe Artikelanfang- darüber erhaben dünke, dass Leute die mehrheitlich in unabgesicherten Lebenssituationen stecken, die wir Europäer uns nicht einmal mehr vorstellen können, nach vielleicht dem letzten Strohhalm einer fundamentalistischen Religionsauslegung greifen, sollte ich erst mal vor die eigene Haustür gucken. PI lesen bildet eben doch – irgendwie.

Bezness: Betrügen „orientalische Romeos“ europäische Touristinnen oder betrügen diese sich selbst?

Während einer Odyssee durch das Internet entdeckte ich die Website 1001geschichte.de des Vereins „Community of Interests against Bezness (CIB e. V.)“. Laut Selbstbeschreibung:

„[...] In den letzten Jahren [hat sich] in einigen Urlaubsländern ein neuer Geschäftszweig entwickelt, der sich BEZNESS nennt. Diese Bezeichnung steht in orientalischen Ländern für das Geschäft mit den Gefühlen europäischer Frauen. Tausendfach verlieren hauptsächlich Frauen [...] nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut, weil sie den gespielten Liebesschwüren und betrügerischen, schauspielerischen Höchstleistungen ihrer Urlaubslieben aus Unkenntnis verfallen. [...]„

widmet sich der Verein der Information und dem Kampf gegen ebenjenes „bezness“. Was mir zunächst mal sauer aufstösst ist die Aussage auf der Homepage: „Bezness verstößt gegen die Menschenrechte“. Zynisch könnte ich darauf erwidern: Da Dummheit zweifellos eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, kann sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen, q.e.d. Moralisch will ich dem gegenüber stellen: Armut verstößt gegen die Menschenrechte. „Bezness“ (wie auch Sextourismus) ist eine Folge von Armut bei gleichzeitigem Tourismus „reicher“ Europäer in diese Länder. Betroffene Frauen werden also im abstrakten Sinne Opfer dieser Armut.

Die auf der Homepage veröffentlichen Erlebnisberichte sind emotional packend und ich als versuchender Frauenversteher (god loves the tryer) las sie mit großem Interesse. Ich kann mich in die einzelnen Geschichten sehr wohl hineinversetzen, das Gefühlschaos, den Scham gegenüber dem Umfeld und den finanziellen Ruin. Ich weiss auch wie es ist, jemanden zu lieben und einfach nur zu lieben, wie eine schlimme Krankheit, obwohl das gesamte Umfeld, das die Hintergründe kennt, einfach nur noch den Kopf schüttelt. Was ich nicht verstehe sind 2 Haltungen, die hinter vielen der Geschichten stecken:

1. „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“

Gut, da ist diese Verliebtheitsphase am Anfang jeder Beziehung, wie ein süß-klebriger, rosaroter Drogenrausch, während der man eigentlich als partiell unzurechnungsfähig eingestuft werden sollte, die allerdings nicht länger als ein halbes Jahr andauert (Quelle: eigene Evaluierung). Dann jener entscheidende Knackpunkt, wo Verliebtheit in Liebe, Neues in Vertrautes und eine Affäre in eine Beziehung übergeht (oder eben nicht). So. Bei sämtlichen der Geschichten handelt es sich um längere Beziehungen über mehrere Jahre, mit Zuzug in das eine oder andere Land und Heirat. Was denkt sich so eine Frau, die in einen orientalischen Mann verliebt ist, an diesem Punkt? Klar, der ist 20-30 Jahre in der patriarchalisch-traditionalen Kultur Tunesiens/Marokkos/Nigerias/Kenyas sozialisiert. Aber jetzt hat er schließlich MICH getroffen und wird sich zweifellos innerhalb der nächsten anderthalb Jahre zu einem emanzipierten Mann erziehen lassen und mir alle Freiheiten einräumen, die ich mit meiner europäischen Sozialisation gewohnt bin, zusätzlich aber ein kleines bisschen seiner Exotik und archaischen Männlichkeit behalten, die mich von Anfang an so faszinierte?

2. Der Opfer-Habitus

„Er sagte mir knallhart, dass es eben etwas kosten würde, sich einen jüngeren und gutaussehenden Mann im Bett zu halten und wenn ich das weiter so haben wollte, dann sollte ich gefälligst ruhig sein und ihn nie wieder nach Geld fragen.“ (Quelle)

Es ist zweifellos obszön und erniedrigend so etwas zu einer Frau zu sagen. Andererseits, wenn ich als Mann 40 wäre und eine landschaftlich beeindruckende, etwa 10-20 Jahre jüngere Frau machte mir Avancen, würde es sich bei obigen „business agreement“ schon fast um einen gesellschaftlich akzeptierten Normalfall handeln. Nur das hier eher der Mann „der Böse“ ist – tatsächlich schildern sehr viele der Autorinnen, vorher von ihrem Mann für eine jüngere verlassen worden zu sein. Klarer Fall also: Mann kauft Frau, Schuld: der Mann – Frau kauft Mann, Schuld: der Mann? Und das nennt sich dann „Gleichberechtigung“?

Mir geht v. a. diese unerträgliche Opfer-isierung auf die Nerven – nicht nur hier, es scheint mir mittlerweile fast schon ein gesellschaftlicher Trend zu sein: Ich armes, hilfloses Opfer habe natürlich überhaupt keinen Einfluss auf mein Leben und was mit mir passiert, Schuld sind die anderen. Niemand -ausgenommen hilflose Personen wie Kinder- ist jemals zu 100% nur Opfer. Meine Damen, Sie sind alle volljährig, in den meisten Fällen ungefähr 40, geschieden und z. T. mit Kindern, also durchaus schon durch einige Höhen und Tiefen des Lebens gewandert. Als westliche Frau sehen Sie sich als vergleichsweise emanzipiert und relativ gleichberechtigt an – aber (wirkliche) Emanzipation heisst auch: Sie sind selbstständig, verantwortlich für Ihr Leben und nicht mehr in einer abhängigen und hilflosen Position, wie dies im 19. Jahrhundert noch der Fall war. Kurz gesagt, Emanzipation bedeutet auch, keine (totale) Opferrolle mehr einnehmen zu können.

„Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat- meine Selbstachtung, mein Vertrauen in Menschen, viele Personen in meinem Leben, mein hart verdientes Geld.“ (Quelle)

Natürlich verstehe ich so eine Aussage unter dem Schock der Ereignisse. In der reflexiven Nachbetrachtung Jahre später muss es aber lauten: „Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat und ich habe mir alles nehmen lassen… D. h. ich bin zu mindestens 50% mit Schuld an dem, was mir passiert ist.“

In jedem Reiseführer der entsprechend stark betroffenen Länder wird vor männlichen Prostitutions-Trickbetrügern gewarnt, die 20-30 sind und sich an 10-20 Jahre ältere Frauen ranmachen. Wenn Sie es fertig bringen, auch nur einmal den Fuß vor Ihr Touristen-Resort zu setzen, werden Sie vermutlich bemerken, wie arm die Menschen dort relativ zu Ihnen sind bzw. im Umkehrschluss wie unendlich reich Sie den Einheimischen vorkommen müssen (die z. B. nichts über unsere hohen Lebenshaltungskosten wissen). Wenn Sie über Einfühlungsvermögen verfügen, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass einige Menschen alles zu tun bereit sind, um der Armut zu entfliehen, sobald sie einmal in Kontakt mit der europäischen „Wohlstandsinsel“ kommen. Und Sie hinterfragen es trotzdem nicht, wenn sich ein junger, athletischer Romeo mit großen braunen Kulleraugen und lustigem Kraushaar sich an Sie heranmacht? Warum stellen Sie sich nicht gleich auf einen Basar in Djerba, halten ein dickes Bündel mit 100 €-Scheinen zwischen zwei Fingern in die Luft und beschweren sich hinterher darüber, beklaut worden zu sein? Vielleicht ist diese Kritik etwas harsch und etwas unfair. V. a. dann, wenn die Frauen in einigen Situationen Opfer (hilflos, da meist körperlich unterlegen) von Vergewaltigung (in den Geschichten allerdings selten) und/oder körperlicher Gewalt (deutlich häufiger) wurden.

Dennoch glaube ich, dass ich im Groben richtig liege – denn was wäre die Konsequenz der Opfer- und „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“- Haltung?

„Mädels, wacht auf und lasst wirklich die Finger von Nigerianern. Das rate ich euch allen Ernstes. In Nigeria hab ich gesehen, was läuft und erfahren, was die Devise ist, egal ob Männlein oder Weiblein: Abzocke, Geld, Frauen schlecht behandeln, was anderes können und wollen die nicht. Es war mir eine Lehre. Aber, wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ (Quelle)

Und, was ist das jetzt, Mädel? Feministischer Rassismus?

„Selbstkritische Artikelreflexion…“

Sexually Correct

Dieser Blog versteht sich ja durchaus als politisch korrekt, d. h. weder von Inhalt und Sprache der Beiträge sollen sich bestimmte Personengruppen verletzt fühlen – es sei denn, sie haben es verdient. Wie man aber bei bestem Wissen und Gewissen in seinen hehren Absichten scheitern kann, dass wurde mir beim Lesen dieses Beitrages im mädchenblog bewusst (auf den ich durch Arne Hoffmanns genderama-Blog aufmerksam wurde, den ich in letzter Zeit begeistert lese, ich ahnte nämlich bislang gar nicht, dass auch ich einer unterdrückten Klasse angehöre – man lernt nie aus.)

Wie allein die zweimalige Verwendung des Wortes „man“ im vorherigen Absatz zeigt, reicht politisch korrekter Sprachgebrauch nämlich allein nicht aus – das Wort ist ja eine verallgemeinerte Personalisierung – menschIn muss sorgfältiger werden und Sprache auch „sexuell korrekt“ verwenden, schliesslich lesen auch Frauen dieses Blog. Entschuldigung.

Wobei „menschIn“ darob auch wieder nicht geht, denn wie das mädchenblog erklärt:

„[...] die schreibweise mit dem großen I, was auch binnen-I genannt wird. was ist aber mit personen, die sich weder als männlich noch als weiblich einordnen lassen oder wollen? die können von der sprache nicht so gut benannt werden. das sieht man auch daran, dass für die bezeichnung von personen nur “er” oder “sie” zur auswahl stehen [...]„

Das stimmt. Da kann man menschIn mal sehen… Daran ist zu erkennen wie sehr jemand durch den kulturellen Diskurs vorgeprägt wird. Ich möchte mich daher ausdrücklich bei allen

„[...] fällen von intersexualität, bekannter ist der begriff “zwitter” [bei denen], von den ärzt_innen und den eltern entschieden [wurde], welches geschlecht das kind haben soll,

entschuldigen. Ferner möchte ich mich bei

„[...] menschen, die als jugendliche oder erwachsene merken, dass sie sich in der geschlechtskategorie, in der sie aufgewachsen sind, nicht wohl fühlen. sicherlich habt ihr schon mal von transsexuellen gehört [...]„

entschuldigen, sowie bei

„[...] menschen, die sich in ihrem geburts-geschlecht nicht wohl fühlen, aber keine lust haben, ihren körper durch eine operation zu verändern. dafür gibt es den begriff transgender.“

Tut mir echt leid. Es ist nämlich so:

„da die menschen, die sich weder als männlich noch als weiblich einordnen, meistens auch von der sprache nicht berücksichtig werden, muss man auch die sprache verändern, wenn man diese einteilung in nur zwei geschlechter verändern will. ein vorschlag dazu ist die verwendung des unterstrichs, der praktisch eine leerstelle in der sprache anzeigt.“

Das ist die Lösung, mit der mensch_in nicht nur kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, sondern die noch weitere unschätzbare Vorteile birgt:

„wenn nun die aufteilung in genau zwei geschlechter etwas durcheinander gebracht wird, ist das nicht nur besser für diejenigen, die sich keiner der kategorien mann und frau zuordnen wollen. auch diejenigen, die trotzdem gerne mann oder frau sein wollen, könnten so größere spielräume innerhalb ihrer geschlechtskategorie haben. zum beispiel wenn ein junge einfach gerne mal einen rock anziehen möchte, oder ein mädchen ene krawatte. [...]„

Wer nun denkt, sie, es oder er könne sich nun beruhigt von dem Artikel abwenden und fröhlich pfeifend ihr oder sein Leben weiterleben, die, das oder der irrt. Denn im Kommentarbereich werden berechtigte Zweifel laut, ob nicht selbst diese vorgeschlagene Version diskriminierend ist:

soe:
„interessanterweise gibt es zu “unterstrich” oder “großes-I” umgedreht die gleiche interpretation [...] d.h. der unterstrich betont erst die differen(z) zwischen “weiblich” und “männlich” [...] meine präferenz ist ja */frau/man in sich stets abwechselnden reihenfolgen. [...] bei der unterstrich variante [wird] zwangsläufig zuerst das “männliche”, dann dass dazwischen und zum schluss erst das “weibliche” [genannt]. als gegenstrategie wird [...] in feministischen zeitungen und blogs entweder in einer rein “weiblichen” form oder aber zumindest in einer das “weibliche” zu erstnennenden form geschrieben. [...]„

schnabeltasse:
„Eigentlich wollte ich nur einbringen, dass ein Unterstrich denkbar ungeeignet ist, die bestehenden sexuellen Herrschaftsformen zu kritisieren. Der Unterstrich steht vielmehr symbolhaft für die Darstellung des Phallus. [...]„

admin:
„schnabeltasse, mal ganz assoziativ – was ist phallischer: _ oder I?“

schnabeltasse:
„Das kommt zum einen auf das Auge des Betrachters, zum anderen sicherlich auf den Zustand des Phallus an. In der Mythologie wird häufig ein horizontoler Strich als Phallussymbol und ein Kreis als Symbol für eine Scheide verwendet. [...]„

Ich finde diesen Aspekt beachtenswert, neige aber -rein assoziativ- dazu, der Administratorin zuzustimmen. Vielleicht haben ja auch beide recht, denn da die sexuell korrekte Stellung des Mannes ganz sicher die in 180° liegende Position darstellt, ergibt sich:

„I“: potenter Zustand des Phallus
„_“: impotent
er Zustand des Phallus

Und auch „soes“ Präferenz bietet unter dieser Annahme keine Lösung, denn
„/“ könnte bedeuten:
ER: Sowas ist mir noch nie passiert… (gelogen); SIE: Das macht doch nichts, dass kann jedem mal passieren… (auch gelogen)

Geradezu obszön ist unter dieser Annahme übrigens der griechische Buchstabe Phi Φ …

Einen praktischen Vorschlag macht die oder das oder der Kommentierende „ch“:

„am besten assen wr gech ae buchstaben, de aussehen we pensse, ganz weg. dann wrd das auge ncht mehr beästgt von wederchen geschechtsteen, de ohnehn nemand sehen w. doroborhonoos soton wor oo vokoo dorch schöno os orsotzon, om doo woobochkoot zo botonon [...]„

Phrasenverbrechen

Eine Phrase, die mir jedesmal auffällt, wenn ich Blogs lese -sei es in Artikeln oder Kommentaren- ist: „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.“ Ganz abgesehen davon, dass das mittlerweile schon so abgedroschen ist, das jedesmal denke: Ooooh, noch so ein Langweiler, der seine Zeit vor dem Rechner verbringt um die virtuelle Welt zu langweilen, weil in der realen Welt schon jedermann flieht sobald er den Raum betritt – … handelt es sich dabei um den Ausspruch des deutsch-jüdischen Malers Max Liebermann, getätigt 1933, als ein Fackelzug der SA nach der Machtergreifung an seinem Haus vorbeizog. Alles klar?! Nun sehe ich das so, liebe Blogautoren und -kommentatoren: Hat irgendeiner von euch schon mal eine Situation erlebt, die auch nur im entferntesten damit zu vergleichen wäre, dass ein Angehöriger eines Kulturkreises seine Todfeinde und späteren Massenmörder dieses Kulturkreises im Triumph nach der Machtergreifung martialisch an seinem Haus vorbeimarschieren sieht? Hat irgendeiner der Zusammenhänge, in denen dieses Liebermann-Zitat gebraucht wird: Politiker X hat dieses, Prominenter Y jenes gesagt, das mir nicht passt, eine Fernsehsendung wurde abgesetzt, gestern ist in der Stadt Z etwas passiert, was einfach nicht in mein Weltbild passt… – auch nur annähernd eine solche magenverdrehende und angseinflössende Drohkulisse wie der Kontext in den das Zitat gehört? Nein?! Dann solltet ihr spätestens bei „Ich kann gar nicht soviel…“ einen arthritischen Schreibkrampf in den Fingern bekommen.

Für mich ist der inflationäre, unpassende Gebrauch des Liebermann-Zitats eine Zeichen für die Hysterisierung der Sprache, ähnlich Dosenpfand-Chaos (griech: „Das Ende aller Ordnungen“) oder Hühner-Holocaust (unsägliche PETA-Tierschutz-Kampagne). Sprache ist das wichtigste Symbolsystem sozialer Interaktion, wobei die Deutungszuweisungen der Symbole sich im ständigen (re-)interpretativen Prozess befinden und mit der Zeit wandeln. Die Hysterisierung der Sprache geschieht im wesentlichen im Kampf um Aufmerksamkeit in Politik, Medien und Wirtschaft (Werbung): Mag sein, dass ich ein fürchterlichen, plattdummen, reisserischen Dünnschiss an die öffentliche Plakatwand klebe, bei dem jeder halbwegs nachdenkende Mensch sich an den Kopf fasst, für den ich mich in zwei Wochen schäme und möglicherweise sogar entschuldigen muss, aber ich bin zwei Sekunden im Focus der öffentlichen Aufmerksamkeit – wenn ich Glück habe regt sich vielleicht sogar jemand darüber auf und ich bin für vier Sekunden im Focus… Ähnliches gilt offenbar oft auch für die recht seltsame Parallelwelt „Bloggosphäre“, konstituiert von zänkischen Menschen, die in langen Nächten vor ihren Computern sitzen und glauben, sie würden mit der Welt kommunizieren… Wo soll diese sprachliche Hysterisierung enden? Wird in 20 Jahren ein Frau, deren Mann sich verspätet, ihn vorwurfsvoll anblicken und sagen: „Mach nie wieder so einen Holocaust mit mir, du Nazi?“

Update: 3 Genervte – ein Gedanke, siehe auch Bla bla, Plattitüden sowie Franks Kommentar im Craplog…

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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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