Archiv der Kategorie 'Blickpunkt Afrika'

Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.

Obama – Africa`s Pride and Hope

The US-Democrat`s candidate for US presidency Barack Obamas “Hope and Change”- campaign influenced the whole world, of course, but especially the people here in East Africa. The opportunity to have a half-East-African as the most powerful man in the world set the masses under electric voltage. You will not find one single Kenyan, Tanzanian or Ugandan who is not fanatic for Obama. Furthermore many so-called political realists call Obamas thesis too “simple” and “unrealistic” but I think millions of ordinary people all over the world understand it`s barely positive character which is including people, not excluding, which is not awaking fears against somebody to present you as a protection and not raising political profit in planting hate and primitive instincts in the minds of the own clientele. Conservatives will never be able to create a positive vision like this.

Despite the fact that now the USA is the far most hated country in the world – from Asia to Africa, from Europe to Latin America –, despite the fact that current US-Republicans are broadly recognized as the political executors of a mostly white minority, in some parts fundamental christians, in some parts with racist views, with the power of oil and other industries in the background, with no other interest in the world than defend their own property, Barack Obamas pure existence is a symbol to the world that things will may not going worse forever. Of course, Obama is charged with a lot of legendary symbolism between Martin Luther King`s movement for civil rights and John F. Kennedy`s charming and jovial aura and it will be very difficult for him to fulfill all this hopes and dreams he awakened (?) in the people. But his precursor performed so badly and his footsteps will be so small that together with the worlds deep breathe again that this guy is away Obama will have a big credit for making mistakes and find into his presidency step by step.

 I remember what a friend of mine told me about the visit of George W. Bush in Tanzania`s capital Dar Es Salaam in march 2008. He was landing on Nyerere International Airport with three planes, one of them full of security staff, the second full of armored vehicles and the third with himself. Helicopters were circling above Dar Es Salaam downtown, streets were blocked, inhabitants prohibited to enter city center, even the cellular phone network was interrupted for the duration of Bush`s stay in Dar. “What this guy thinks who he is?” my friend said, “He is coming here at the end of his presidency of eight years which clearly proves that we were not important enough for his political agenda and than he invades our capital with his security forces. We are not interested in him and we know that he only appears for bargaining permission for a US military base with our corrupt political leaders.” – “It`s the same like in Germany,” I replied, “of course he was there I think four times but all places he visits were invaded by his guards and sharp shooters, blocking the streets and force ordinary people out, changing previous peaceful locations in fortresses so that everybody knows that the world`s most hated leader is here…”

Witchcraft – Hexenglaube in Ostafrika

RIESIGE HEXENVERBRENNUNG – 11 TOTE brüllt uns der „Kölner Express“ [1] in seiner Online Augabe in RIESIGEN BUCHSTABEN entgegen, findet es

„Unfassbar! Es gibt auf der Welt tatsächlich noch Hexen-Verbrennungen.“

Und berichtet fassungslos, dass in einem Dorf im Kisii-Distrikt in Kenia am vergangenen Mittwoch 11 Frauen und Männer im Alter von 80 bis 96 Jahren brutal vom Mob ermordet wurden. Außerdem hätten zahlreiche Dorfbewohner Verständnis für die Tat geäußert, da die Polizei sie nicht vor Hexerei schützt. Als Erklärung hat das Blatt anzubieten:

„Hexenglaube ist in der Region weit verbreitet.“

Das wars. Afrika mal wieder. Tss, tss. Der „verlorene Kontinent“. Hoffnungslos. Die machen sogar noch Hexenverbrennungen, in der modernen Zeit, wo wir doch die letzte Hexe schon vor 250 Jahren verbrannten… Da schüttelt der aufgeklärte Europäer das weise Haupt, legt den „Express“ oder auch „Die Zeit“ beiseite, in der dasselbe steht, nur mit Haupt- und Nebensätzen, schaltet DSDS ein und hat dabei nicht mal den geringsten Hauch einer Ahnung davon, was in der Welt tatsächlich alles sonst noch so vor sich geht…

Eine etwas detailliertere Aufklärung aus erster Hand findet sich wieder mal nur bei der guten, alten Tante BBC und nicht der klaustrophobisch nach innen fixierten, deutschen Presse. Demnach seien 19 Dorfbewohner festgenommen worden, die das Massaker vielleicht nicht selbst durchgeführt, aber angestiftet hätten. Sie hätten eine Liste der Opfer mit angeblichen Beweisen erstellt und der Mob habe diese einzeln aus ihren Häusern gezerrt. Das Dorf sei von der Polizei besetzt, um alle Schuldigen zu verhaften und Racheaktionen zu verhindern. Es sei in der Region in der Vergangenheit mehrmals zu ähnlichen Übergriffen gekommen, bei denen angebliche Hexen ermordet oder vertrieben wurden – die hohe Zahl an Opfern sei jedoch überraschend. Die Hinterbliebenen der Opfer hielten sich versteckt – sie fürchten um ihr Leben.

Was ist nun dran an diesen „primitiven Stammeskulten“, dem „Vodoo“ oder der „witchcraft“, dem diese unverbesslichen Afrikaner immer noch in Scharen anhängen? Zunächst mal ein persönlicher Eindruck: Hexerei kommt im Alltag, zumindest hier in Tanzania nur in zahlreichen Horrorfilmen der nigerianischen Videoindustrie („Nollywood“) – und im Fußball vor, wo z. B. Amulette und Reliquien im Torraum vergraben werden. Bezüglich des beliebten Themas „witchcraft“ in Horrorfilmen gibt es soziologische Theorien darüber, dass sich Afrikaner in vielen Ländern die unfassbaren Einkommensunterschiede und Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaften nicht mehr mit Korruption erklären können, sondern mit übersinnlichen, bösen und antichristlichen Hexenkulten (z. B. „vulture occult“). Eine ausführliche Beschreibung des Problems findet sich im britischen „Independent“, in einem Artikel über Tanzania vom 28.11.2005. Korrespondent Oliver Duff berichtet aus Mwanza (Lake Victoria), dass in abgelegenen Regionen des Landes womöglich pro Jahr über 1.000 hauptsächlich alte Frauen, die keine Kinder haben, um sie zu beschützen, Hexenverfolgungen zum Opfer fallen. Er benennt Einzelschicksale: Die 70-jährige Lemi Ndaki aus dem Dorf Mwamagigisi, drei Autostunden entfernt von Mwanza, die eines Nachts vor 19 Jahren gerade noch den Arm zwischen sich und die auf sie niedersausende Machete bringen konnte, von dem durch ihre Schreie geweckten Nachbarn gerettet wurde und deshalb „nur“ den Arm verlor. Ng’wana Budodi, Kabula Lubambe, Helena Mabula, Ng’wana Ng’ombe und ihr Mann Sami aus demselben Dorf wurden erschossen, erstochen, erschlagen oder verbrannten in der angezündeten Hütte.

Betroffen seien hauptsächlich die Distrikte Mwanza, Shinyanga und Tabora, die mehrheitlich vom Sukuma-Tribe bewohnt werden, fährt Duff fort, die tanzanische Regierung tue nichts und verharmlose das Problem in ihren offiziellen Statistiken: Von 1970 bis 2003 sei es zu 3.072 Todesopfern gekommen, lautet eine Angabe, während ein Report einer Regierungskommission von 1989 allein zwischen 1970 und 1983 schon 3.593 angezeigten Todesopfer durch Hexenverfolgungen angebe und laut inoffiziellen Angaben eines Polizeibeamten eine interne Studie des Innenministeriums für die Zeit zwischen 1994 und 1998 über 5.000 Todesopfer festgestellt habe.

Dorfbewohner machten für persönliche Schicksalschläge: ein gestorbenes Kind, schlechte Ernten oder unbefriedigende Farmansiedlungen; Hexen verantwortlich und es gäbe Banden von professionellen Killern, die von Dorf zu Dorf zögen um sie zu beseitigen. Die gegenwärtige Bezahlung liege bei umgerechnet 100 US$ oder einem Rind. Manchmal breche auch der offene Lynchmob aus und die Opfer werden massakriert – oft sogar angestiftet durch eigene Familienmitglieder. Die Ursache für die Morde an angeblichen Hexen liege darin, so Duff, dass das Leben für die Bauern in diesen abgelegenen Region so hart sei und sich Nachbarn und Verwandte in einem harten Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen befinden. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt bei 330 US$, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 46 Jahren. Es gibt keine Elektrizitätsversorgung, das Wasser ist knapp und die Ernteerträge schwanken stark, die Häuser sind aus Lehm mit Strohdächern. Während der Regenzeit sind die Dörfer größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten, was auch erklärt, warum Behörden nicht viel tun können. Seuchen wie Malaria, Typhus, Polio, Dysenterie und v. a. HIV/AIDS sind für viele Bauern tödliche Schicksalsschläge bei mangelnder Hygiene, Bildung und Gesundheitsversorgung, die sie sich mit Hexenkraft erklären.

Die Problematik, dass es beim Konkurrenzkampf einer trotz allem wachsenden Bevölkerung um knappe Ressourcen zu Gewaltausbrüchen bis Bürgerkriegen kommen kann, benennt die Malthus-Theorie. Sie besagt, dass es bei grundsätzlich exponentiellem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig aber nur grundsätzlich linearem Anstieg der Nahrungsmittelproduktion[2] zu einer wachsenden Lücke zwischen beiden Kurven und damit einer wachsenden Ressourcenknappheit kommen muss. Die Theorie würde auch erklären, warum in Europa die Hexenverfolgungen mit der beginnenden Industrialisierung aufhörten. Oliver Duff bietet auch noch eine andere Erklärung für die „Hexen“-Morde im subsaharischen Afrika an: Der Zusammenbruch des traditionellen, dörflichen Stammessystems[3]: Lokale Chiefs wurden abgelöst durch weit entfernt residierende Regierungsbeamte, die nicht im Dorf sozialisiert sind. Eine Rechtsordnung besteht, die nur theoretisch ist, da sie in den weitabgelegenen, infrastrukturell unerschlossenen Dörfern nicht exekutiv durchgesetzt werden kann. In diese Autoritätslücke stoßen „traditionelle“ Heiler: „witch doctors“ – oftmals Hasadeure und Betrüger, die letzte Reste des traditionellen Glaubens für ihre geschäftlichen Machenschaften ausnutzen. Eine Hexendoktorin erklärte es Oliver Duff:

„Wenn du eine unbekannte Krankheit hast, heisst dass, Hexerei ist im Spiel. Geister erzählen mir, wer die Hexe ist, wenn ich schlafe. Das erzähle ich dann dem Patienten. Wenn dieser stirbt, wollen die Verwandten die Hexe töten. Es ist zur Sicherheit.”

Es ist also viel plausibler, dass die Hexenglaube und Hexenverfolgungen im subsaharischen Afrika nichts mit „primitiven Stammeskulten“ zu tun hat, sondern eher mit dem Zusammenbruch der traditionellen Dorfgesellschaften. Aber dies und Erklärungen wie die Malthus-Theorie gehen der deutschen Presse natürlich viel zu weit. Man beschränkt sich auf sensationsheischenden Schock-Journalismus, der wieder mal nur das Bild vom „unterbelichteten, primitiven Afrikaner“ in die Öffentlichkeit schreit und dem Eingeborenen der europäischen Überflussgesellschaft nur ein wohliges, kleines Gruseln angesichts der unheimlichen Welt vor den Toren der „Festung Europa“ über den Rücken jagt.


[1] Gefunden via POLITISCH KORREKT

[2] Wachstums-„sprünge“ in der Nahrungsmittelproduktion sind zwar möglich – etwa durch die flächendeckende Einführung der technisierten Landwirtschaft, Schädlingsbekämpfung, Düngung oder neue Anbausorten, niemals aber ein gleichmäßiger, exponentieller Anstieg.

[3] Duff macht im Fall Tanzanias den Ujamaa-Sozialismus des Staatsgründers Julius Nyerere verantwortlich – ich persönlich halte das Argument aber nicht für stichhaltig. Zwar hat die Kollektivierung und Zwangsumsiedlung von Bauern zusammen mit dem Krieg gegen Uganda (1979) Tanzanias Wirtschaft ruiniert – die sozialistische Zeit endete aber in den frühen 1980er Jahren, es gibt heutzutage kaum noch bewohnte Ujamaa-Dörfer und Hexenverfolgungen gibt es nicht nur in Tanzania, sondern auch in Ländern, die nie sozialistisch waren wie Kenia.

Populärmusik

Wenn es musikalisch etwas gibt, das noch schlimmer ist als deutsche Musik, dann ist das indische Musik. Also, die Rede ist von Populärmusik. Vor allem die aus den unsäglich seichten Bollywood-Seifenopern mit Gesichtsgünther Sharuk Khan in der Hauptrolle, die gefühlte 20 Stunden dauern, wo gefühlte alle zwei Minuten irgendeine Gruppe von 20 Leuten, die sich zufällig zusammenfinden, eine perfekt inszenierte Musical-Tanznummer hinlegen, die singenden Männer ein Timbre in der Stimme bekommen, dass es einem den Zahnschmelz von den Zähnen löst, die Frauen ihre Gesangdarbietung auf die Frequenz von Hundepfeifen hochschrauben und Sharuk Khan sich den nackten Oberkörper von Wasser bespritzen lässt. Mag man das alles noch mit kulturellen Unterschieden entschuldigen -indischen Frauen mag man sowieso alles verzeihen und man weiss ja Bescheid über das strikte indische Heiratssystem, wo die Familien das Paarungsverhalten ihrer Kindeer untereinander geschäftlich regeln und wahre Liebe so gut wie ausgeschlossen ist, also bleibt für Romantik nur eine Traumwelt- das wirkliche künstlerischen Verbrechen fängt spätestens bei den unsäglich flachen Skripten an: Jedermann ist reich und glücklich und ist vielleicht jemand nicht ganz so reich und glücklich, so wird er es spätestens sein, wenn der Zuschauer den ganzen Film durchlitten hat. Bollywood-Massenware (es gibt, natürlich, auch sehr sehr gute indische Filme) wird sowieso nur produziert, um die entsprechenden Soundtrack-CDs zu verkaufen, man hat den Eindruck, die gesamte südliche Hemisphäre ist davon verseucht, du kannst einfach nicht entkommen und selbst wenn du dich in nicht-elektrifizierten Gegenden aufhälst, so plärren Bollywood-Songs aus batteriebetriebenen Radios.

 

Wenn es aber auf der Welt etwas gibt, was noch schlimmer ist als indische Popmusik, dann ist das ostafrikanische Popmusik und wirklich am furchtbarsten: ostafrikanische christliche Popmusik. Junge, hier hört wirklich die Musik auf und fängt die chinesische Wasserfolter an. Wer zur Hölle hat eigentlich den Kongolesen, die das ganze vor ungefähr 40 Jahren erfunden haben, erzählt, ein guter Popsong darf höchstens zwei Akkorde enthalten, sollte das Tempo eines durchschnittlichen Eselskarrens nicht überschreiten und keinesfalls länger als 40 Minuten dauern? Und verdient eigentlich jemand Tantiemen daran, dass jede einzelne Note jedes einzelnen Arpeggios jedes einzelnen Songs genau gleich ist? Wisst ihr vielleicht nicht, dass man Gitarren verdammt noch mal auch verzerren kann und schläft dieser verdammte Drummer etwa beim Spielen? Wie soll ich denn den Song verstehen, wenn es überhaupt keine Struktur: Strophe-Bridge-Refrain oder ähnliches gibt und warum muss an jeder Straßenecke die letzte und ausgeleiertste Kassette mit voller Lautstärke durchgenudelt werden, oder macht das auch schon keinen Unterschied mehr?

 

Wenn du dir allerdings ein Video im Fernsehen oder noch besser einen Live-Auftritt einer ostafrikanischen Band anguckst, brauchst du gar nicht anderes mehr und Beschwerden kommen auch nicht mehr über deine Lippen. Was uns hier rettet sind wieder mal die Frauen, genauer gesagt, die Tänzerinnen. Junge, können die mit dem Hintern wackeln, das ist schlicht und ergreifend eine eigene, ausdrucksstarke Kunstform. Sie bringen es tatsächlich fertig, ein einziges Körperteil in zwei gegenläufigen Kreisbewegungen umeinander rotieren zu lassen. Unbeschreibbar. Du solltest nicht aus diesem Leben scheiden, ohne eine ostafrikanische Tänzerin in der Ausübung ihrer Kunst gesehen zu haben.

Bezness: Betrügen „orientalische Romeos“ europäische Touristinnen oder betrügen diese sich selbst?

Während einer Odyssee durch das Internet entdeckte ich die Website 1001geschichte.de des Vereins „Community of Interests against Bezness (CIB e. V.)“. Laut Selbstbeschreibung:

„[...] In den letzten Jahren [hat sich] in einigen Urlaubsländern ein neuer Geschäftszweig entwickelt, der sich BEZNESS nennt. Diese Bezeichnung steht in orientalischen Ländern für das Geschäft mit den Gefühlen europäischer Frauen. Tausendfach verlieren hauptsächlich Frauen [...] nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut, weil sie den gespielten Liebesschwüren und betrügerischen, schauspielerischen Höchstleistungen ihrer Urlaubslieben aus Unkenntnis verfallen. [...]„

widmet sich der Verein der Information und dem Kampf gegen ebenjenes „bezness“. Was mir zunächst mal sauer aufstösst ist die Aussage auf der Homepage: „Bezness verstößt gegen die Menschenrechte“. Zynisch könnte ich darauf erwidern: Da Dummheit zweifellos eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, kann sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen, q.e.d. Moralisch will ich dem gegenüber stellen: Armut verstößt gegen die Menschenrechte. „Bezness“ (wie auch Sextourismus) ist eine Folge von Armut bei gleichzeitigem Tourismus „reicher“ Europäer in diese Länder. Betroffene Frauen werden also im abstrakten Sinne Opfer dieser Armut.

Die auf der Homepage veröffentlichen Erlebnisberichte sind emotional packend und ich als versuchender Frauenversteher (god loves the tryer) las sie mit großem Interesse. Ich kann mich in die einzelnen Geschichten sehr wohl hineinversetzen, das Gefühlschaos, den Scham gegenüber dem Umfeld und den finanziellen Ruin. Ich weiss auch wie es ist, jemanden zu lieben und einfach nur zu lieben, wie eine schlimme Krankheit, obwohl das gesamte Umfeld, das die Hintergründe kennt, einfach nur noch den Kopf schüttelt. Was ich nicht verstehe sind 2 Haltungen, die hinter vielen der Geschichten stecken:

1. „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“

Gut, da ist diese Verliebtheitsphase am Anfang jeder Beziehung, wie ein süß-klebriger, rosaroter Drogenrausch, während der man eigentlich als partiell unzurechnungsfähig eingestuft werden sollte, die allerdings nicht länger als ein halbes Jahr andauert (Quelle: eigene Evaluierung). Dann jener entscheidende Knackpunkt, wo Verliebtheit in Liebe, Neues in Vertrautes und eine Affäre in eine Beziehung übergeht (oder eben nicht). So. Bei sämtlichen der Geschichten handelt es sich um längere Beziehungen über mehrere Jahre, mit Zuzug in das eine oder andere Land und Heirat. Was denkt sich so eine Frau, die in einen orientalischen Mann verliebt ist, an diesem Punkt? Klar, der ist 20-30 Jahre in der patriarchalisch-traditionalen Kultur Tunesiens/Marokkos/Nigerias/Kenyas sozialisiert. Aber jetzt hat er schließlich MICH getroffen und wird sich zweifellos innerhalb der nächsten anderthalb Jahre zu einem emanzipierten Mann erziehen lassen und mir alle Freiheiten einräumen, die ich mit meiner europäischen Sozialisation gewohnt bin, zusätzlich aber ein kleines bisschen seiner Exotik und archaischen Männlichkeit behalten, die mich von Anfang an so faszinierte?

2. Der Opfer-Habitus

„Er sagte mir knallhart, dass es eben etwas kosten würde, sich einen jüngeren und gutaussehenden Mann im Bett zu halten und wenn ich das weiter so haben wollte, dann sollte ich gefälligst ruhig sein und ihn nie wieder nach Geld fragen.“ (Quelle)

Es ist zweifellos obszön und erniedrigend so etwas zu einer Frau zu sagen. Andererseits, wenn ich als Mann 40 wäre und eine landschaftlich beeindruckende, etwa 10-20 Jahre jüngere Frau machte mir Avancen, würde es sich bei obigen „business agreement“ schon fast um einen gesellschaftlich akzeptierten Normalfall handeln. Nur das hier eher der Mann „der Böse“ ist – tatsächlich schildern sehr viele der Autorinnen, vorher von ihrem Mann für eine jüngere verlassen worden zu sein. Klarer Fall also: Mann kauft Frau, Schuld: der Mann – Frau kauft Mann, Schuld: der Mann? Und das nennt sich dann „Gleichberechtigung“?

Mir geht v. a. diese unerträgliche Opfer-isierung auf die Nerven – nicht nur hier, es scheint mir mittlerweile fast schon ein gesellschaftlicher Trend zu sein: Ich armes, hilfloses Opfer habe natürlich überhaupt keinen Einfluss auf mein Leben und was mit mir passiert, Schuld sind die anderen. Niemand -ausgenommen hilflose Personen wie Kinder- ist jemals zu 100% nur Opfer. Meine Damen, Sie sind alle volljährig, in den meisten Fällen ungefähr 40, geschieden und z. T. mit Kindern, also durchaus schon durch einige Höhen und Tiefen des Lebens gewandert. Als westliche Frau sehen Sie sich als vergleichsweise emanzipiert und relativ gleichberechtigt an – aber (wirkliche) Emanzipation heisst auch: Sie sind selbstständig, verantwortlich für Ihr Leben und nicht mehr in einer abhängigen und hilflosen Position, wie dies im 19. Jahrhundert noch der Fall war. Kurz gesagt, Emanzipation bedeutet auch, keine (totale) Opferrolle mehr einnehmen zu können.

„Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat- meine Selbstachtung, mein Vertrauen in Menschen, viele Personen in meinem Leben, mein hart verdientes Geld.“ (Quelle)

Natürlich verstehe ich so eine Aussage unter dem Schock der Ereignisse. In der reflexiven Nachbetrachtung Jahre später muss es aber lauten: „Er hat mir alles genommen was mir was bedeutet hat und ich habe mir alles nehmen lassen… D. h. ich bin zu mindestens 50% mit Schuld an dem, was mir passiert ist.“

In jedem Reiseführer der entsprechend stark betroffenen Länder wird vor männlichen Prostitutions-Trickbetrügern gewarnt, die 20-30 sind und sich an 10-20 Jahre ältere Frauen ranmachen. Wenn Sie es fertig bringen, auch nur einmal den Fuß vor Ihr Touristen-Resort zu setzen, werden Sie vermutlich bemerken, wie arm die Menschen dort relativ zu Ihnen sind bzw. im Umkehrschluss wie unendlich reich Sie den Einheimischen vorkommen müssen (die z. B. nichts über unsere hohen Lebenshaltungskosten wissen). Wenn Sie über Einfühlungsvermögen verfügen, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass einige Menschen alles zu tun bereit sind, um der Armut zu entfliehen, sobald sie einmal in Kontakt mit der europäischen „Wohlstandsinsel“ kommen. Und Sie hinterfragen es trotzdem nicht, wenn sich ein junger, athletischer Romeo mit großen braunen Kulleraugen und lustigem Kraushaar sich an Sie heranmacht? Warum stellen Sie sich nicht gleich auf einen Basar in Djerba, halten ein dickes Bündel mit 100 €-Scheinen zwischen zwei Fingern in die Luft und beschweren sich hinterher darüber, beklaut worden zu sein? Vielleicht ist diese Kritik etwas harsch und etwas unfair. V. a. dann, wenn die Frauen in einigen Situationen Opfer (hilflos, da meist körperlich unterlegen) von Vergewaltigung (in den Geschichten allerdings selten) und/oder körperlicher Gewalt (deutlich häufiger) wurden.

Dennoch glaube ich, dass ich im Groben richtig liege – denn was wäre die Konsequenz der Opfer- und „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“- Haltung?

„Mädels, wacht auf und lasst wirklich die Finger von Nigerianern. Das rate ich euch allen Ernstes. In Nigeria hab ich gesehen, was läuft und erfahren, was die Devise ist, egal ob Männlein oder Weiblein: Abzocke, Geld, Frauen schlecht behandeln, was anderes können und wollen die nicht. Es war mir eine Lehre. Aber, wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ (Quelle)

Und, was ist das jetzt, Mädel? Feministischer Rassismus?

„Selbstkritische Artikelreflexion…“

Simbabwe kämpft: Ein Augenzeugenbericht

novaexpress Das Volk wie ein Körper, der fiebernd gegen den Malariaparasiten Mugabe kämpft? Schon wärs. Man fragt sich oft, insbesondere beim Blick auf Afrika, wie – zur Hölle – könnt ihr das so lange mit euch machen lassen? Wie könnt ihr die Idi Amins, die Bokassas, die Mobutus, die Tourès und die Mugabes dieses Kontinents 20, 30 Jahre lang aushalten? Ein Volk scheint nicht die biologische Vernunft eines kranken Körpers zu besitzen… Insbesondere, wenn sich das Volk eines Landes gar nicht als ein Volk begreift… wenn sich die nach Ende des Kolonialismus in relativ willkürlicher Landesgrenzziehung plötzlich vereinten Volksgruppen durch Tribalismus und Korruption spalten und von äußeren Interessen manipulieren lassen. „Teile und Herrsche“, das alte koloniale Requiem, spielten auch die neuen Machthaber – und ihre Geldgeber – perfekt auf der Klaviatur der Macht.

Der schon seit mindestens 20 Jahren im absoluten Machtrausch durchgedrehte Despot Simbabwes, Robert Mugabe (83), scheint es in seinem Altersstarrsinn unbedingt bis zum Letzten treiben zu wollen. Ein Robert Mugabe gibt nicht auf, gerade hat er sich seine Amtszeit noch über 2008 hinaus verlängern lassen. Ein Robert Mugabe macht auch niemals Fehler. Schuld an der desatrösen Lage Simbabwes sind natürlich immer die anderen: die weissen Farmer, die Homosexuellen, die Slumbewohner, der „Westen“, der Mugabes „revolutionäre“ Politik bestrafen will. Ein merkwürdiges „Double Thinking“, dass er sich da entwickelt hat: irgendwie scheint jede noch so kleine Opponentengruppe, die er identifiziert, einen viel höheren Einfluss auf Simbabwe zu besitzen als er selbst – schließlich stieg die Inflationsrate des Simbabwe-Dollars gerade auf über 1.700 %.

Am letzten Sonntag fand in einem Vorort von Simbabwes Hauptstadt Harare eine lange geplante Kundgebung der vereinigten Oppositionsbewegung MDC („Movement for Democratic Change“) statt. Mugabe hatte vorsorglich ein dreiwöchiges Demonstrationsverbot verhängen lassen, die sich seit Dezember im Dauerstreik befindlichen Regimegegner lassen sich jedoch davon nicht mehr aufhalten. Der Augenzeuge „John“ berichtete der BBC an einem geheimen Ort in Harare, was geschah, als die Polizei eingriff:

„Aus meiner Gegend waren 60 Leute dabei… die Polizei war schon da, als wir ankamen. Als Morgan Tsvangirai (Führer der MNC) eintraf, waren mehr als 1.000 von uns Jungen da, alle sangen wir… Er hob seine Arme und jeder feierte es, den Oppositionsführer lebendig zu sehen. Das war als das Chaos begann, weil er zu uns sprechen wollte und sie (die Polizei) versuchte, ihn von uns zu trennen. Die Situation heizte sich auf – Tsvangirai diskutierte mit der Polizei und wir fuhren fort, zu singen und zu rufen, lauter und lauter und lauter. Insgesamt waren da nur 30 Polizisten und wir waren mehr als 1.000 – zu viele für sie. Sie konnten nicht kontrollieren, was passierte. Sie begannen, Tränengas in die Menge zu feuern. Einige (Polizisten) nahmen Tsvangirai und die MDC-Vertreter, die mit ihm waren, fest und zwangen sie in ihre Autos. Sie fuhren weg. Viele Leute flohen vor dem Tränengas, aber einige von uns blieben und sangen – ihnen zum Trotz. Dann begannen wir, zurückzuschlagen. Wir warfen Steine gegen sie und als sie begannen, gegen uns anzustürmen, begannen wir zu kämpfen, denn wir wollten unsere Freiheit und wir wollten unseren Führer herausholen. Sie wussten, sie könnten nicht gewinnen und begannen, auf uns zu schiessen. Einer war sofort tot… mein Freund Gift Tandare… als wir das richtig begriffen, wurde alles immer dramatischer… wir fürchteten nicht einmal mehr um unser Leben. Da war viel Action und als wir Faustschläge austeilten, schrien wir „Ngatirwirei rusununguko! Ngatirwirei rusununguko!“ (“Lasst uns für unsere Freiheit kämpfen!”) Als sie (die Polizei) realisierte, das jemand erschossen wurde, versuchten sie aus der Gegend abzuhauen. Sie hatten Pick-ups, aber nicht alle schafften es rechtzeitig, da hinaufzukommen, bevor die wegfuhren. Sechs oder acht blieben zurück. Als sie wegrannten, verloren einige ihre Schlagstöcke… wir benutzen sie, um auf sie einzuschlagen. Die Polizei wurde böse zugerichtet. Einer unserer Jugendführer (der MDC) begann, die Situation zu beruhigen. Er wusste, wenn wir so weitermachen… würden wir sie töten. Wenn das passierte, würde würde es massive Probleme geben. Wir liessen die Polizisten am Straßenrand zurück und rannten weg. Es war etwa 13.00 Uhr… wir fürchteten, dass mehr Polizei kommen könnte. Die Polizei sagt, sie hätte die Unruhen am Sonntag nicht erwartet, aber sie waren die Ursache. Sie haben einen von uns erschossen. Was am Sonntag passierte, als wir zurückschlugen, das war das erste Mal für mich und viele Leute die ich kenne. Da sind viele Gründe – das Land ist nicht länger stabil, die Preise für alle Waren steigen, jeden Tag. Wir haben nicht mal genug Geld, um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Und die Amtsverlängerung (Mugabes) bis zu den Wahlen 2010 ist jetzt zuviel – die Leute fühlen, dass sie nicht länger warten können und die ganze Zeit leiden… Wir verstecken uns. Die Polizei nahm Videos auf, wir können nicht sicher sein, dass sie unsere Gesichter haben… Ich bin auch von dem Tränengas angegriffen und hab jetzt erkältungsähnliche Symptome davon… Ich kann mich damit nicht sehen lassen, oder jeder weiss, dass ich auf der Kundgebung war.“

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Unruhen in Highfield bei Harare; Quelle: kubatana.net

Gegen MNC-Führer Morgan Tsvangirai wurde am Montag Anklage erhoben, er erschien zur Anhörung mit Spuren schwerer Folterungen am Körper und Schädelfrakturen. Er wirkte benommen und konnte sich zur Anklage kaum äußern. Er wurde später in ein Krankenhaus gebracht, wo er sich bis heute (15/03) befindet. Laut den Ärzten sei er „…außer Gefahr und werde keine dauerhaften Schäden zurückbehalten.“ Unterdessen beschuldigte die Regierung den „bewaffneten Arm“ der MDC, einen Bombenanschlag auf eine Polizeistation verübt zu haben, bei dem zwei Polizisten verletzt wurden. Mugabe sagte, die MDC habe Gewalt angestiftet, die zu den Verhaftungen und Folterungen ihrer Führer geführt habe. Die westlichen Länder beraten eine Ausweitung der Sanktionen gegen Simbabwe als Reaktion auf die Gewalt im Land. Nach einem diplomatischen Treffen mit Tanzanias Präsident Jakaya Kikwete, der am Donnerstag (15/03) eine diplomatische Initiative der AU („African Union“) einleitete, äußerte Mugabe, es habe keine Kritik des Westens an der MDC gegeben, welche mit den Unruhen begonnen habe. „Wenn sie die Regierung kritisieren, weil diese die Gewalt eindämmen und die Provokateure bestrafen will, nehmen wir die Position ein, das sie gehen und sich hängen lassen können.“ sagte Mugabe und fügte hinzu, dass er humanitäre Hilfe des Westen weiterhin akzeptieren würde, so lange es nicht in seine Politik eingreife…

Darauf fällt auch dem Autor nichts mehr ein.

BBC News 13/03; 15/03

www.kubatana.net

 

Simbabwe: Die Vorhölle des greisen Diktators Mugabe

novaexpress Robert Mugabe galt einstmals als einer der großen Hoffnungsträger Afrikas. Bei der Beendigung des Apartheidsregimes Ian Smith’ im ehemaligen Rhodesien war er eine der Schlüsselfiguren, als Volkstribun der zahlenmäßig größten Tribes, der Shona (82% der Bevölkerung), und der ZANU-Partei. Bei den ersten freien Wahlen 1980 wurde er mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Aber Mugabe wandelte sich vom Dr. Jekyll zu Mr. Hyde: Ein Aufstand des zweitgrößten Tribes, der Ndebele (14% der Gesamtbevölkerung), wurde 1987 brutalstmöglich niedergeworfen, Justiz und Presse gleichgeschaltet sowie Versammlungs- und Redefreiheit drastisch beschnitten. Das parlamentarische System wurde Schritt für Schritt in eine faktische Ein-Parteien-Herrschaft der ZANU umgewandelt. Seit Anfang der 1990er Jahre regierte Robert Mugabe als absoluter Autokrator. Von seiner – zu diesem Zeitpunkt „originellen“ – Idee, Simbabwe verfassungsmäßig in eine „sozialistische“ Volksrepublik umzuwandeln, musste er 1992 wieder Abstand nehmen, als das südliche Afrika von einer der schlimmsten Dürreperioden der Geschichte erschüttert wurde und er auf westliche Hilfen und damit auf die Bedingungen des IWF angewiesen war.

CIA World Factbook Zimbabwe(Quelle: CIA World Factbook)

In der jüngeren Vergangenheit kristallisierte sich die vereinigte Oppositionsbewegung „Movement for Democratic Change (MDC)“ als schärfster Widersacher Mugabes heraus. Viele MDC-Mitglieder wurden von Mugabes Geheimpolizei inhaftiert, gefoltert und ermordet. In diesem Zusammenhang ist auch die populistische Kampagne der Enteignung der weißen Farmer seit dem Jahr 2000 zu sehen. Nach BBC-Angaben lebten im Jahre 2000 noch etwa 270.000 Weiße in Zimbabwe – von insgesamt 12,2 Mio. Einwohnern. Heute sind es wohl nur noch etwa 100.000. 4.500 weiße Farmerfamilien gehörten ursprünglich 70% des nutzbaren Farmlandes, heute harren noch rund 600 Familien auf ihren Farmen aus und hoffen, nicht enteignet zu werden. Mugabe machte unter den weißen Farmern und v. a. ihren schwarzen Angestellten die Hauptklientel der Oppositionsgruppe MDC aus. Um ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen erfand der greise Diktator die „beschleunigte Landreform“, die in teilweise rassistische Gewaltexzesse von Schwarzen an Weißen (wahrlich eine Singularität der Geschichte!) ausartete. Das Farmland der weißen Familien wurde sogen. Kriegsveteranen übereignet, die zumeist nicht das Geringste von Landwirtschaft verstehen. Die Weißen, die das Land verlassen konnten, flohen, ihre Landarbeiter wurden in Armut und Elend gestürzt und die meisten Farmen, die einstmals den Großteil des Bruttosozialproduktes des Landes erwirtschafteten, liegen seitdem brach. Simbabwe geriet in eine galoppierende Wirtschaftskrise.

Doch damit nicht genug: Gleich vielen autokratischen, absolutistischen Herrschern steigerte sich Mugabe weiter in seine Paranoia hinein und wähnt sich von Feinden umgeben. In ewig gleichbleibender Rhetorik beschuldigt er tatsächliche oder vermeintliche Opponenten als „Handlanger des Westens“. Um diese auszuschalten, erfand er weitere, widerliche Kampagnen: Nach seinem “Wahlsieg” in den Präsidentenwahlen 2002 kam es wiederholt zu regelrechten Hungerrevolten unter den Armen, vor allem in den städtischen Vorort-Slums Harares und Bulawayos. Anstatt den Hunger zu bekämpfen, entschied sich der „Landesvater“, die Hungernden zu bekämpfen. Mit der „Operation Murambatsvina“ (=„Müllentsorgung“) rückten Bulldozer gegen die Slumviertel vor und walzten sie platt. Über 700.000 Menschen wurden obdachlos und verloren das letzte Bisschen ihrer Habe und ihres Lebensunterhalts. Schon Mitte der 1990er Jahre hatte der Präsident „Homosexualität“ als eines der größten Probleme Simbabwes erkannt und tausende „unafrikanische“ vermeintliche Homosexuelle „die widerlicher als Schweine sind“ in seinen Foltergefängnissen verschwinden lassen. Ein ganz besonders perfides und abartiges Regierungsprogramm (mir gehen langsam die Superlative aus) beschreibt dieser Artikel der BBC-Afrika-Korrespondentin Hilary Anderson von 2004: In sogen. „job training centres“ wird die Jugend Simbabwes in Folter und Mord an Regimegegnern ausgebildet, „am lebenden Objekt“. Eine ehemalige Rekrutin des Lagers berichtete der BBC, sie wäre entführt und in ein solches Lager gesteckt worden, wo das Training begann: Mit ihrer mehrfachen Vergewaltigung durch ältere Rekruten. Auch Schläge, Essenszug und schließlich Alkohol und Drogen würden eingesetzt, um die Jugendlichen gefügig zu machen und in ihrer „Mission“ auszubilden – Präsident Mugabe an der Macht zu halten. Fertig ausgebildet nennt sich diese Jugendmiliz „die grünen Bomber“, nach ihren grünen Uniformen und terrorisiert jeden, der in den Verdacht gerät, ein „Staatsfeind“ zu sein.

Ende Februar 2007 beging Robert Mugabe seinen 83. Geburtstag. Im Stadion seiner Geburtsstadt Gweru fanden sich Schulkinder und tausende Anhänger seiner Partei ZANU ein um für den Präsidenten zu tanzen, zu singen und ihn zu feiern. Anschließend servierte der greise Staatschef für sich und seine Funktionäre ein oppulentes Festmahl. Indes kletterte die Inflationsrate des Simbabwe-Dollars auf über 1.600%. Mehr als 80% als Simbabwier sind arbeitlos, also vermutlich fast alle bis auf die korrupte Staatselite, Parteifunktionäre, Beamtenapparat, Geheimpolizei und Armee. Der IWF hat seine Sanktionen gegen das Land ausgeweitet, sämtliche finanziellen und technischen Hilfeleistungen wurden ausgesetzt, da die Regierung „nicht die geringsten Anstalten zeige, die Krise zu entschärfen“. Der öffentliche Sektor des Landes streikt und ist komplett lahmgelegt: Krankenhäuser, Schulen und Universitäten (siehe auch: Simbabwe kurz vor dem Zusammenbruch?). Seit 28.02. ist ein absolutes Demonstrationsverbot in Kraft, die Polizei liefert sich Straßenschlachten mit Streik-Unterstützern. Seit dem 05.03. verschwanden Dutzende Angehörige der Studentengewerkschaft „Zimbabwe National Association of Student Unions (ZINASU)“, des Gewerkschaftsbundes „Zimbabwe Congress of Trade Unions (ZCTU)“ und der Oppositionspartei MDC im Polizeigewahrsam. Unterdessen ist sich die Staatsführung selbst der regionalen Armee- und Polizeikommandanten nicht mehr sicher: Der Geheimdienst CIO („Central Intelligence Organisation“) berichtete dem Sicherheitsminister Didymus Mutasa über „Sicherheitslücken“ und „sensible Informationen“, die offenbar an die Oppositionsbewegung MDC geflossen seien. In einer konzentrierten Aktion vom 05.03.- 21.03. werde deshalb der Geheimdienst die Provinz- und Destriktbehörden des Militärs und der Polizei gezielt unterwandern…

BBC News: Country Profile Zimbabwe
CIA World Factbook Zimbabwe
reuters.com 24/02
Zimbabwe Independent (Harare) 09/03
zimonline.co.za 09/03
The Zimbabwean Pundit – The world as seen from the eyes of a zimbabwean (Weblog)

 

Simbabwe kurz vor dem Zusammenbruch?

novaexpress Wie die BBC berichtet, erreichte die Inflationsrate im Januar 2007 eine Rekordmarke von 1.593,6%. Getrieben wird die Abwertung des Simbabwe-Dollars von den hohen Preisen für Energie- und Ölimporte. Zwar legt die Zentralbank Simbabwes des offiziellen Wechselkurs nach wie vor bei 250 Simbabwe Dollar je 1 US$ fest, was allerdings keiner der Handelspartner des Landes akzeptiert. Auf dem „Parallelmarkt“ werden 5.000 Simbabwe Dollar je US$ gezahlt. Nahrungsmittel, Konsumgüter, Gebühren für medizinische Versorgung und den öffentlichen Transport sind für die meisten Einwohner Simbabwes kaum noch zu bezahlen. Die „Arbeitslosenrate“, sofern es überhaupt noch Sinn macht, sie anzugeben, beträgt 80%. Eine „originelle“ Lösung für das Problem, dass die Wirtschaft des Landes die Grundversorgung der Bevölkerung nicht mehr leisten kann, kündigte der Handelsminister Simbabwes an: Er drohte den Händlern, die „überhöhte“ Preise für Grundnahrungsmittel verlangen, mit Gefängnis. Die Polizei verhaftete letzte Woche zwei Geschäftsführer der „Blue Ribbon Food Company“, da sie illegal des Mehlpreis erhöht hätten. Tatsächlich sind die Händler gezwungen, die Preise ihrer Waren aufgrund der galoppierenden Geldentwertung täglich zu erhöhen.

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Robert Mugabe – Starrsinniger Diktatoren-Greis, notfalls auch über eine verhungernde Bevölkerung (Quelle: worldpress.org)

Die Hauptstadt Harare und die zweitgrößte Stadt Bulawayo sind in Aufruhr. Der öffentliche Sektor streikt seit Dezember: Krankenhauspersonal, Lehrer und Universitätsmitarbeiter. Sie fordern eine Steigerung ihrer Gehälter. Die Lebenshaltungskosten einer durchschnittlichen Familie (6 Mitglieder) haben sich allein von Anfang Dezember bis Ende Januar fast verdoppelt und liegen jetzt bei 450.000 Simbabwe Dollars. Der Druck der Strasse führte zur Entlassung von Mugabes Finanzminister Murerwa, den dieser für die Inflation verantwortlich machte. Am Wochenende drohte auch die größte Gewerkschaft „Apex Council“, der „Beamtenbund“ Simbabwes, dass, sollten keine Verhandlungen über eine Anpassung der Beamtengehälter an die Geldentwertung stattfinden, würden die „erregten“ Beamten sich dem Streik anschliessen. Die 180.000 Beamten fordern eine Einkommenssteigerung um mindestens 400%.

Der Staatsapparat ist der größte Arbeitgeber im Land, er dient, wie in vielen anderen afrikanischen Ländern, hauptsächlich der Alimentierung der Klientel des jeweiligen Machthabers – lässt sich also aus der Drohung der Beamtengewerkschaft endlich ein Zeichen erkennen, dass Diktator Robert Mugabe die Machtbasis wegbricht? Den alten Mann indes ficht das alles nicht an. Er bleibt stur bei seiner Propaganda-Rhetorik: Auf die Kritik, dass seine Politik der Isolation und insbesondere der Vertreibung der weißen Farmer und populistische Übereignung des Landes an in Fragen der Landwirtschaft eher unbedarfte „verdiente Veteranen“ die derzeitige Wirtschaftskrise verschuldet habe, antwortete er, die westlichen Staaten hätten Simbabwes Wirtschaft sabotiert – um das Land für die Farmenteignungen zu bestrafen. Der Mann ist fast 83, die Lebenserwartung „seiner“ Bürger liegt bei weniger als der Hälfte (40,4 Männer, 38,2 Frauen).

Business in Africa (Johannesburg, South Africa); 12.02.07
BBC online; 12 February 2007

Völkermord in Rwanda: Das Todespendel (Teil II)

by red.cloud

Rwanda, „das Land der tausend Hügel“, ein ungeheures Grasland dass von Osten nach Westen allmählich von 1500 auf 2500 Meter über Normalnull ansteigt. Das gewässerreiche Land bietet mit fruchtbaren Böden und gemäßigtem Klima so günstige Lebensbedingungen, dass Rwanda das am dichtesten besiedelte Land ganz Ostafrikas ist. Die 8 Mio. Einwohner leben auf einer Fläche von 26340 km², d. h. die Bevölkerungsdichte ist mit über 300 Einwohner/km² größer als die Deutschlands. Ursprünglich lebten in diesem Landstrich die Wahutu, Ackerbauern, die die fruchtbaren Berghänge besiedelten und die Twa, ein Pygmäenvolk, die ein Jäger- und Sammlerdasein in den Wäldern führten. Im 16. Jahrhundert tauchten, von Nordosten aus Richtung Äthiopiens kommend, die Watussi auf, ein kriegerisches Hirtenvolk, die sich das ganze Gebiet um den heutigen Victoriasee und Tanganyikasee unterwarfen. Von dieser Zeit an lebten die Hutu über hunderte von Jahren als Leibeigene der Tutsi, die in Rwanda ebenso wie im Nachbarland Burundi zwei streng hierarchisch organisierte Königreiche errichteten.

In Rwanda und Burundi setzt sich die Bevölkerung zu 85 % aus Hutu und 14 % aus Tutsi zusammen. Die Hutu sind ein Bantu-Volk, denen üblicherweise ein gedrungener Wuchs und negroide Gesichtszüge zugeschrieben werden. Die Tutsi werden den hamitischen Hirtenvölkern zugerechnet, man erkennt sie angeblich an ihrer Körpergröße, Hagerkeit, kantigen, semitischen Gesichtszüge, sowie ihren „Langnasen“. Einem externen Beobachter in Afrika wird es für gewöhnlich sehr schwer fallen, anhand dieser „rassischen“ Merkmale die ethnische Zugehörigkeit zu bestimmen. Die beiden Völker leben seit Jahrhunderten eng zusammen und sprechen eine gemeinsame Sprache, die Merkmale sollten sich verwischt haben. Afrikaner sagen jedoch von sich, die Stammes-Zugehörigkeit sofort zu erkennen. Der ‚Tribe’ eines Individuums ist jedoch in vielen afrikanischen Ländern behördlich registriert.

Die beiden Tutsi-Königreiche Rwanda und (B)Urundi „gehörten“ seit 1885 (Berliner Afrika-Konferenz) dem deutschen Kaiserreich. Heute wird veschiedentlich kolportiert, die Deutschen hätten systematisch die repressive Tutsi-Vorherrschaft begünstigt, der Einfluss der Deutschen (politischer Repräsentant am Königshof) dürfte viel zu gering gewesen sein, um die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse in Rwanda anzukratzen. Die deutsche Anwesenheit endete 1916, als die überlegene belgische Kolonialtruppe einmarschierte. Nach dem ersten Weltkrieg erhielten die Belgier ein Völkerbundmandat über Rwanda, das 1946 in ein „Trusteeship“ der UN umgewandelt wurde. In dieser Zeit leiteten die Belgier ebensowenig Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Hutu ein.

Im Laufe der 1950er Jahre begann der Unabhängigkeitsgedanke sich auch in Ostafrika auszubreiten. Von den alten Kolonialmächten erkannte nur Großbritannien die Zeichen der Zeit und begann seine Kolonien bzw. Mandatsgebiete schrittweise auf die Eigenstaatlichkeit vorzubereiten, um in Zukunft im Commonwealth einen indirekteren Einfluss auszuüben. Die USA verkündeten das Recht der afrikanischen Länder auf Selbstbestimmung und Demokratie. In Rwanda unterstützen die Belgier Bildung politischer Parteien, entsprechend der archaischen Gesellschaftstruktur entwickelte sich eine Hutu- und eine Tutsi-Partei. Es war klar, dass sich im Falle freier Wahlen eine erdrückende Mehrheit für die Hutu ergeben würde. Was immer sich dann aus der Republik Rwanda entwickeln würde, mit Demokratie hätte es wohl sehr wenig zu tun. Bis heute wurde der fatale Irrtum nicht eingesehen, dass das System der westlichen repräsentativen Demokratie einfach nur jeglicher beliebiger Gesellschaftsform übergestülpt werden kann.

Der Tutsi-König Matara III. von Rwanda starb 1959, sein Nachfolger wurde Kigeli V., der unter dem Einfluss radikaler Tutsi stand, die ihre Vormachtstellung durch gezielte Morde an prominenten Hutu-Führern durchsetzen wollten. Schließlich brach der Aufstand der Hutu wie ein Buschfeuer los, der auch auf das benachbartes Burundi übergriff. Ausländische Journalisten verglichen die Hutu-Revolte mit dem europäischen Bauernkrieg: nach hunderten Jahren Leibeigenschaft hackten die Hutu den langen Tutsi die Beine ab. „They were cutting them back to normal size“. Etwa 100000 Tutsi fielen den Massakern zum Opfer. In Rwanda und Burundi begann ein grausames Todespendel zu schlagen.

Die ersten freien Wahlen 1962 endeten mit einer überwältigenden Mehrheit der Partei „Parmehutu“, die Republik Rwanda wurde unabhängig. Ministerpräsident wurde der Hutu Gregoire Kayibanda, ein frommer Katholik, als Kommunistengegner genoss er die Unterstützung der USA und des Westens. Eine Tutsi-Guerilla verunsicherte nun eine Region im Osten Rwandas, gestützt auf Waffenlieferungen aus der UdSSR und China. Im Nachbarland Burundi hatten die Wahlen ein ähnliches Ergebnis zugunsten der Partei der Bevölkerungsmehrheit der Hutu ergeben. Nach der Unabhängigkeitserklärung weigerte sich der dortige „Mwami“ Mwambutsa jedoch, einen Hutu als Regierungschef zu akzeptieren, dabei stützte er sich auf seine Armee. Es kam zum Bürgerkrieg, Mwambutsa floh in Schweiz.

Nach mehreren blutigen Regierungswechseln holte die Tutsi-Militär-Junta 1972 zum großen Schlag aus: damit die Hutu nicht mehr über Wahlen an der feudalen Gesellschaftsordnung rütteln konnten, wurden 200000 Hutus der gebildeteren Schichten ermordet. Alle späteren internationalen Vermittlungsbemühungen um einen ethnischen Ausgleich scheiterten am abgrundtiefen Hass zwischen Hutus und Tutsis. Noch im Juni 1993 kam es auf internationalen Druck zu Wahlen in Burundi, welche die Hutu-Partei gewann, kurz danach wurde der bereits ernannte Hutu-Regierungschef Melchior Ndadaye durch revoltierende Tutsi-Militärs erschossen. Es kam zu einem Massaker an den Hutu, die Opferzahlen wurden die registriert, aber 400000 Hutus flohen nach Rwanda.

Völkermord in Rwanda: Zeugin Nummer Sieben (Teil 1)

by red.cloud

In Rwanda fand 1994 ein straff organisierter Völkermord statt. Binnen 2 Monaten starben etwa 800.000 Menschen, hauptsächlich Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsis und Hutu-„Verräter“. Sie wurden erschlagen von einem aufgehetzten Mob, ihren eigenen Nachbarn, Kollegen, Freunden und Ehepartnern. Die „kleinen“ Täter, etwa 130.000rwanda-map.jpg Hutus, die vielleicht nur 10-20 Menschen, ermordeten, wurden vor Dorf- und Kommunalgerichte vor Ort gestellt. Aufgabe des UN-Tribunals ist es, die politischen Führer und Organisatoren des Genozids zu ermitteln und zu verurteilen.

Das „UN Criminal Tribunal for Rwanda“ tagt in Arusha, einer Stadt im Nordosten Tanzanias. Die UN versucht hier seit 10 Jahren zu demonstrieren, dass Begriffe wie Menschenrecht, Gesetz und Zivilisation ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Doch mit jeder Zeugenaussage, jedem grauenhaften Detail, dass ans Licht gezerrt wird, sitzt auch die UN bzw. ihre Führungsnationen auf der Anklagebank. Das UN-Tribunal tagt im schwerbewachten „Arusha International Conference Center“. Die Gerichtsverhandlungen sind grundsätzlich öffentlich. Gegen Abgabe des Passes und nach einer Sicherheitskontrolle erhält man einen Besucherausweis, der einen begrenzten Zugang ermöglicht. Das Gericht tagt in einem Raum im nichtöffentlichen Teil des Gebäudes, man kann sich aber in den Presseraum setzen und durch große Glasscheiben und über Kopfhörer die Verhandlung verfolgen.

Ich gebe einen Teil der Zeugenanhörung wieder, wie ich sie mir mitschrieb (September 2005):

Anklägerin: „Madam Witness, wie erklären Sie sich, dass Ihnen nichts passierte?“
Zeugin: „Ich war nur Zeuge, wenn sie mich hätten töten wollen, hätten sie es getan.“
Anklägerin: „Woher konnten sie wissen, dass sie Sie nicht töten wollten?“
Zeugin:„Ich habe es Ihnen mehrmals erklärt…“
Anklägerin: „Sie haben Sie nicht angegriffen, weil Sie Hutu sind, ist das richtig?“

A: „Ihre Familie ist auch Hutu, war sie an dem Konflikt beteiligt?“
Z: „Ich war damals 15 Jahre alt…“

A: „Was passierte am 7. April, als der Präsident starb?“
A (zeigt Liste mit Namen): „Können sie diese Killer identifizieren?“
Z: (nennt Namen)

A: „Wer waren die Anführer?“
Z: „Ein großer, schwarzgekleideter Mann mit Sonnenbrille, ich hörte er lebe jetzt in Brazzaville.“
A. „Können Sie diese Namen auf diesem Papier lesen? Kennen Sie diese Person?“
Z: „Nein… kann den Namen nicht lesen…“
A: „Antworten Sie ja oder nein!“

Z: „Ich kenne drei Personen dieses Namens, aber ich weiß nicht, welche gemeint ist.“
A:„Ist Ihr Bruder eine dieser drei Personen mit diesem Namen?“
Z:„Ja…“

A: „Ich schreibe zwei Namen auf diesen Zettel… kennen Sie die Personen?“
Z: „Ich kenne 10 Personen diesen Namens und weiss nicht, welche gemeint ist.“
A: „Wie ist Ihre Beziehung zur Person Nummer zwei?“
Z: „Ich habe keine Beziehung zu ihm und kenne ihn nicht.“

A: „Sie kommen aus einem schönen Land, stimmen Sie zu?“
Z: „Verstehe die Frage nicht… es ist ein schönes Land und ich komme von daher.“
A. „Warum sind Sie jetzt nicht mehr dort?“
Z: „Ich verließ es vor langer Zeit…“

A: „Sie erzählten uns von Kindern, die in ihrem Heimatdorf Gishita getötet wurden. Welcher Stammeszugehörigkeit waren sie?“
Z: „Die Väter Tutsi und die Mütter Hutu.“
A: „Die Stammesangehörigkeit vererbt sich durch den Vater…? Wer waren die getöteten Frauen?“
Z: „Hutu, die mit Tutsi verheiratet waren.“

Richter: „Madam Witness, als Mikkas Kind am 9. April starb, waren Sie und Ihre Mutter da in seinem Haus?“
Z: „Ja, zwischen 6 p.m. und 8 a.m., wie viele andere Leute auch.“
A: „Hörten Sie von Übergriffen in dieser Zeit?“
Z: „Den anderen Leuten schenkte ich keine Aufmerksamkeit.“
A: „Verließen Sie diesen Haus zum Essen?“
Z: „Nein, Mikkas Frau brachte das Essen.“
A: „Sie kochte für all diese Gäste? Hatte Ihre Familie eine Beziehung zu der von Mikka?“
Z: „Nein, keine besondere Beziehung, Mikka war nur Nachbar.“

A: „Haben Sie das, was sie heute dem Gericht erzählt haben, schon jemandem anderen erzählt? Vielleicht einem den von Ihnen identifizierten Personen?“
Z: „Da waren zwei Männer, die mich besuchten, denen erzählte ich alles, was ich wusste, unterschrieb aber nichts…“
A: „Haben sie ihnen dies alles erzählt?“

Fakten und Hintergründe zum Rwanda-Genozid erscheinen im zweiten und dritten Teil der Serie in den nächsten Tagen.

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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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