Eine Geschichte voller Missverständnisse: Ministerin Schröder und die Wissenschaft

Frau Dr. Schröder, Familienministerin, hat eine wissenschaftliche Studie absichtlich fehlinterpretiert. Das ist nicht das erste Mal. Das erste Mal fiel das bei der ehemaligen Hinterbänklerin und ehemaligen Frau Dr. Köhler in der „Panorama“-Sendung vom 24. Januar 2008 auf:

Wir stellen fest, dass es in Deutschland zunehmend auch eine deutschenfeindliche Gewalt von Ausländern gegenüber Deutschen gibt, […] Was wir mitbekommen, ist, dass dieses Phänomen in immer mehr Fällen eine Rolle spielt. Das sagen uns Polizisten, das sagen uns Staatsanwälte, das sagen uns Richter.“

Panorama“ befragt einen Staatsanwalt:

Wir haben keine Belege dafür, dass die deutschfeindlichen Gewalttaten zugenommen haben.“

und einen Richter:

Die unsinnigsten Anlässe führen dazu, dass im schwersten Maße Gewalttaten begangen werden. Dass das Motiv aber Deutschenhass wäre, das können wir kaum feststellen.“

Schröder, damals noch Köhler, nennt eine weitere Quelle:

Da handelt es sich um Professor Pfeiffer, ein bekannter Kriminologe […]“

Panorama“ befragt Pfeiffer dazu:

Ich werte es als Missbrauch unserer Thesen, unserer wissenschaftlichen Befunde. […] zu politischen Zwecken. Dagegen möchten wir uns dann doch verwahren. Es gibt keine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung, die belegen würde, dass die Deutschfeindlichkeit zunimmt.“

Im November 2010 gibt Ministerin Schröder die Ergebnisse zweier von ihrem Ministerium in Auftrag gegebenen Studien so wieder:

“Da scheint es einen Zusammenhang zu geben, dass eine erhöhte islamische Religiosität korreliert mit einer erhöhten Zustimmung zu Männlichkeitsnormen, die Gewalt legitimieren.”

Der Autor einer der beiden Studien, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak sagt dazu (in derselben Pressekonferenz, nachdem die Ministerin diese verlassen hat):

Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben […] Religion und Männlichkeit werden dann interessant, wenn die soziale Lage prekär ist. [Sie] […] könnten auch zur Gewalt führen, aber nicht zwangsläufig.” (Quelle)

Nun stellte Ministerin eine Studie zum Thema Zwangsehen in Deutschland vor. Um der Gefahr zu entgehen, dass ihr die Autoren noch in derselben Pressekonferenz widersprechen, schreibt sie einen Tag vor der Veröffentlichung der Studie in der FAZ vom 8.11.11:

3443 Fälle von Zwangsverheiratungen haben die Beratungsstellen in Deutschland für das Jahr 2008 registriert.“

Nach Angaben der Betroffenen sind 83,4 Prozent der Eltern Muslime, […] Aus gutem Grund warnen viele Wissenschaftler vor […] zu einfachen Kausalketten. Trotzdem darf uns der religiöse Aspekt nicht kalt lassen. […] dieser Zusammenhang [wird] in Hinblick auf den Islam oft verleugnet […] Wir müssen erreichen, dass islamische Autoritäten in Deutschland es noch stärker als ihre Aufgabe begreifen, Zwangsverheiratungen zu verweigern […]“

Der wissenschaftliche Beirat ihres eigenen Ministerium und die Teilnehmer des Workshops zur Erstellung der Studie äußern sich dazu in einer Stellungnahme:

Dass ausgerechnet die Auftraggeberin der Studie verzerrende Interpretationen wichtiger Befunde in der Öffentlichkeit verbreitet, ist für alle Beteiligten, die viel ehrenamtliche Arbeit […] investiert haben, mehr als bedauerlich.“

Die Wissenschaftler äußern sich explizit zu den oben zitierten Punkten:

Die Studie hat herausgefunden, dass „3.443 Personen im Jahr 2008 in insgesamt 830 Beratungsstellen erfasst“ wurden. Hiervon sind „60% angedrohte und 40% vollzogene Zwangsverheiratungen“ (Kurzfassung Studie S. 7).“

in Ministerin Schröders Darstellung

[…] werden angedrohte Straftaten mit tatsächlich stattgefundenen gleichgesetzt. Ebenso […] [beinhaltet] diese Zahl Mehrfachnennungen […]“

Ebenso sei die Behauptung, 83,4 Prozent der Eltern von Zwangsverheirateten seien Muslime

[…] schlichtweg falsch, denn Betroffene von Zwangsverheiratung sind zu keiner Zeit […] direkt befragt worden. […] [Es ist] das Ergebnis einer Befragung von Menschen, die in Beratungseinrichtungen tätig sind […] Wer solche Differenzen als beiläufig abtut, spricht empirischen Studien implizit jeden Sinn ab. […] Darüber hinaus […] sagt nichts darüber aus, welchen Stellenwert Religion im Alltag bzw. im Handeln gespielt hat. So ist es durchaus möglich und wahrscheinlich, dass […] die Religion der Täter/-innen hier lediglich Scheinkorrelationen abbildet.“

Es mag Wahnsinn sein, doch es hat Methode. Frau Dr. Schröder ist nämlich der „Manchurian Candidate“ neurechter Geschichtsrevisionisten, der Vertreter der sogen. Totalitarismustheorie, wie die Professoren Eckehard Jesse, Uwe Backes und der Betreuer der umstrittenen Doktorarbeit Schröders, Prof. Falter. Diese definieren Konservatismus als Mitte der Gesellschaft, Rechts- und Linksextremismus als praktisch dasselbe, nämlich Totalitarismus und bestreiten damit historische Tatsachen, nämlich das Rassismus, Antisemitismus und Nationalsozialismus sehr wohl breite Unterstützung aus „bürgerlichen Kreisen“ fanden und heute noch finden können. In Amt und Würden gelangt, mit einem beeindruckenden Qualifikationsprofil für eine Familienministerin,

Sie ist aus Hessen.“ (Michael Spreng)

spult sie denn auch gleich ihr Programm ab. Als Familienministerin verantwortlich für die Fördermittel für zivilgesellschaftliche Projekte gegen Rechtsextremismus plant sie eine Kürzung der Mittel gegen Rechtsextremismus über eine Zusammenlegung aller Töpfe gegen Extremismus. Darüber hinaus müssen Empfänger von Fördermitteln eine sogen. Demokratie-Erklärung unterschreiben, dass sowohl sie selbst als auch ihre Kooperationspartner auf dem Boden der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ stehen. Vereine und Initiativen gegen Rechtsextremismus können das selbstverständlich für sich selbst tun, viele sehen sich aber damit überfordert, in „Sippenhaftung“ für ihre Partner genommen zu werden. Dies gilt um so mehr als Ministerin Schröder bereits der Jugendorganisation der Partei „Die Linke“ als verfassungsfeindlich einstuft.

Um mir nach soviel Kritik an der armen Familienministerin keine mangelnde Ausgewogenheit vorwerfen lassen zu müssen, sollen auch lobende Stimmen zu Wort kommen. Auf „PI News“ schreibt der nachgewiesene Verfassungsfreund Michael Stürzenberger unter der Überschrift „Die öffentliche Demontage der Kristina S.“:

[…] die linksgrüne Meinungsguerilla in der deutschen Presselandschaft [versucht,] eine Politikerin zu zerlegen […], die es wagt, sich auch nur ansatzweise politisch inkorrekt gegen die rote Gesinnungsdiktatur zu verhalten.“

Wie wir alle wissen, ist die linksgrüne Weltverschwörung so durch und durch verdorben, dass sie nicht nur eine „rote Gesinnungsdiktatur“ errichtet hat, sondern gleichzeitig auch noch die Guerilla unterwanderte.

Kristina Schröder hat […] ihren gesunden Menschenverstand angewendet und aus einer aktuellen Studie […] die Tatsache herausgelesen, dass [Zwangsehen] hauptsächlich religiös motiviert sind. Aber eine solche Annahme könnte ja “antiislamische Ressentiments schüren”, und so fahren die dunkelroten Zensurwächter der SZ alle Geschütze auf […]“

Kristina Schröder hat Dinge aus der Studie heraus gelesen, die da nicht drin standen. Dafür hat sie, laut Stürzenberger, ihren „gesunden Menschenverstand“ benutzt. Die Behauptung war dem Beweis nämlich schon immer überlegen. Und die „Süddeutsche Zeitung“ hat erst versucht, die Ministerin an ihrer Meinungsäußerung zu hindern, dann die Ausgabe der FAZ vom 8.11. zu beschlagnahmen und als all dies fehlschlug, die Verfasser der Studie bestochen, damit sie diese heimlich abändern und sie sich später gegen Schröder stellen. Ist es das, was Stürzenberger mit „dunkelrote Zensurwächter“ meint? Nein, er meint mit „Zensur“ die Tatsache, dass eine Zeitung ein Regierungsmitglied kritisiert. Stürzl, du bist echt der König von Absurdistan.

Es war nicht die

„…linksgrüne Medienmafia…“

oder die Süddeutsche mit ihrem Redakteur Thorsten Denkler,

„…der bisher nicht unbedingt für eine islamkritische Haltung aufgefallen ist…“,

was ihn für Stürzl offenbar als Menschen insgesamt disqualifiziert. Es war der wissenschaftliche Beirat und Teilnehmer des Workshops, die die Studie erstellt haben, welche eine Stellungnahme mit harscher Kritik an den Äußerungen der Ministerin veröffentlichten. Darauf geht Stürzl mit keinem Wort ein. Stattdessen bringt er streng wissenschaftliche Gegenargumente. Er zitiert aus 1000 Jahre alten Märchenbüchern:

[Mohammed führte] …die Zwangsehe eindrucksvoll… [vor], indem er als 53-jähriger eine sechsjährige ehelichte und den Geschlechtsakt vollzog, als sie neun war.“

Er beweist die Parteilichkeit des wissenschaftlichen Beirats damit, dass das zwei Namen von Beiratsmitgliedern fremdländisch klingen:

Hier die Namen der Beiratsmitglieder: Heiner Bielefeldt, Yildiz Demirer, Nivedita Prasad und Monika Schröttle. Offensichtlich wurde die Auswahl mit hoher interkultureller Kompetenz vorgenommen.“

Und er nimmt sich den Feind direkt vor. Namentlich einen Autor des „Migazins“, Coskun Canan und die Kolumne „Heymat“. Der zeigt er es schon mal. Eisenhart.

Es ist ja schon eine Unverschämtheit an sich, dass die deutsche Sprache von Menschen mit ausländischen Wurzeln regelrecht vergewaltigt wird, dazu noch ein so wertbehaftetes Wort wie “Heimat”. Dadurch wird die künftige Landnahme der türkischen Kolonisten schon in der Sprachverhunzung vorweggenommen. Eigentlich müsste man sich dies als Beleidigung des deutschen Sprachschatzes verbieten lassen.“

Zwar drückt sich Canan in seiner Kolumne missverständlich aus: aus der Aussage der Wissenschaftler, ein Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und Zwangsehen ist nicht bewiesen, folgt nicht, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zwangsehen und Religionszugehörigkeit gibt (oder geben kann). Es ist vielmehr so, dass zwischen den Merkmalen „Religionszugehörigkeit“ und „Zwangsehe“ eine Vielzahl unbestimmter Faktoren liegt, wie „Stellenwert der Religion im Alltag“, so dass keine Aussage gemacht werden kann und nicht klar ist, ob hier lediglich ein Scheinzusammenhang besteht. (s. Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats)

Ein solche sachliche Kritik ist dem „König von Absurdistan“, Stürzl, aber nicht, nun, absurd genug:

Hier tritt ein Moslem an, um der deutschen Bevölkerung ganz bewusst Sand in die Augen zu streuen. “Scheinzusammenhänge”, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Merke: Der Islam hat nichts mit dem Islam zu tun.“

Empört entlarvt Stürzl die Aussage Canans, dass es in der Türkei bald eine TV-Serie zum Thema Zwangsehen geben werde, als Versuch

[…] uns […] glauben machen zu wollen, wie kritisch man auch in der Türkei mit dem Thema Zwangsverheiratung umgehe“

und den Vorschlag Canans an Ministerin Schröder, sich diese doch einmal anzusehen, allerdings sei sie auf türkisch:

Jetzt wird einer deutschen Ministerin schon vorgeworfen, keine türkischen Sprachkenntnisse zu besitzen. Wenn diese türkischstämmigen Personen in Zukunft immer stärker in unsere Gesellschaft einsickern und dort ihre nationalistisch-islamischen Vorstellungen penetrieren, sekundiert von linksgrünen Kräften, […] stehen uns dunkle Zeiten bevor.“

Am Schluss seiner Abrechnung mit der „linksgrünen Weltverschwörung“ die seine Lieblingsministerin zensieren wollen, folgt das Glaubensbekenntnis, dass alle PImaten jeden Abend beten müssen:

Wir leben in einem Land, in dem […] linksgrüne Meinungsterroristen […] ein ideologisch motiviertes Zwangsdenken installiert haben, das […] nichts mehr mit gesundem Menschenverstand zu tun hat.“

Zur Stürzl-Definition von „gesundem Menschenverstand“ siehe weiter oben.

Und solange sich Politiker diesem irren “Zeitgeist” unterwerfen, haben sie es nicht mehr verdient, dieses Land zu führen. Jeder, der sich diesem Gesinnungsterror […] widersetzte, […] [wurde von] der Political Correctness zermürbt. […] jetzt ist Kristina Köhler dran…“

Du meinst Schröder, Kristina Schröder. Sie ist verheiratet, Stürzl.

So sehr sich die SZ-Propagandisten auch anstrengen, die Wahrheit zu vertuschen, […], sie werden am Ende nicht die Oberhand behalten. Denn das Volk ist nicht so bescheuert, wie diese Gesinnungswächter der Politischen Korrektheit glauben.“

Wer ist denn das Volk, Stürzl? Du? Wieviel Prozent hatte deine islam- „kritische“ Partei „Die Freiheit“ bei der Berlinwahl nochmal errungen? 0,9%?

Wenn das das Lager ist, aus dem die Ministerin Schröder Beifall erhält, sollte sie dringend anfangen, sich ernsthaft zu hinterfragen. 

About these ads

17 Responses to “Eine Geschichte voller Missverständnisse: Ministerin Schröder und die Wissenschaft”


  1. 1 cangrande Dezember 6, 2011 um 12:36 nachmittags

    Für eine detaillierte Textanalyse der Kritiken an Frau Schröder und ihrer Widerspiegelung in der Presse (außer in der SZ sehr prominent – und fehlerhaft – auch im Handelsblatt, dagegen neutraler bei SPON) vgl.auch meinen Blog-Eintrag “Vorkämpfer der Finsternis: Wissenschaftsskandal um Studie über Zwangsverheiratungen oder: Wie Ideologen und Legastheniker Ministerin Schröder kritisieren” (http://beltwild.blogspot.com/2011/12/vorkampfer-der-finsternis.html).

  2. 2 Holden Glass Dezember 6, 2011 um 2:56 nachmittags

    cangrande: Eine ausgewogene und sachliche Textanalyse der Kritiken an Frau Ministerin Schröder finden Sie auf meinem Blog: “Warum die Kritiker von Frau Schröder alles Vollidioten sind.”

    In meinem Artikel kommen Kritiker gar nicht vor, Her/Frau “cangrande”, sondern ausschließlich die jeweiligen Autoren der Studien, aus denen Schröder angeblich zitiert. Die Leseschwäche liegt eindeutig auf Ihrer Seite.

    • 3 cangrande Dezember 6, 2011 um 4:39 nachmittags

      Verstehe ich Ihre Replik?
      Eher nicht!

      Mein Blog-Eintrag (in meinem Kommentar ist von “Leseschwäche” nicht die Rede, vom selbstreferentiellen Zitat meines Titels abgesehen) beschäftigt sich in keinster Weise mit Ihrem Artikel.
      Nur halt mit dem gleichen Sachverhalt, der, teilweise, auch Ihrem Blogposting zu Grunde liegt.

  3. 4 Holden Glass Dezember 6, 2011 um 6:22 nachmittags

    Meine Replik bezog sich auf die kognitive Dissonanz zwischen Ihrer Behauptung eine ausgewogene “Textanalyse der Kritiken an Frau Schröder” vorzunehmen und der Überschrift Ihres Blogartikels.

    Es ist vollständig in Ordnung, dass sich Ihr Artikel nicht mit meinem beschäftigt. Ihr Kommentar sollte das allerdings schon tun, es sei denn, sie wollen hier nur Eigenwerbung betreiben. Wenn Ihrem Artikel, wie Sie sagen, der teilweise gleiche Sachverhalt zu Grunde liegt wie meinem, dann müssen Sie sich auch mit der Frage beschäftigt haben, warum die Autoren der wissenschaftlichen Studien sich von der Äußerungen der Ministerin distanzieren, die angeblich auf ebenjenen Studien beruhen. Diese Tatsache ist ja auch der Kern der von Ihnen genannten Zeitungsartikel, die Sie ja analysiert haben. Und, wie steht es damit?

  4. 5 cangrande Dezember 6, 2011 um 6:54 nachmittags

    Von einer ausgewogenen und sachlichen Analyse ist in meinem Kommentar nicht die Rede (das mögen die Leser selbst entscheiden), sondern von einer “detaillierten” Textanalyse.

    Dass ich Eigenwerbung betreiben wollte, vermuten Sie völlig richtig.
    Die Frage ist freilich, ob der Hinweis auf einen anderen Text, der sich mit der Debatte um das Gutachten auseinander setzt, Ihnen und evtl. Lesern Ihrer Webseite nützt oder schadet.
    Wenn Sie der Meinung sind, dass unbefleckte Seelen in meinem Aufsatz Sachen lesen könnten, die ihre intellektuelle Unschuld in Gefahr bringen, können Sie meine Kommentare ja löschen. Ist ja immerhin ihr Blog.

    Und eine Löschung würden ich sogar mit einem Link belohnen – in meinem Zensur-Artikel (http://beltwild.blogspot.com/2011/10/wir-sind-die-guten-zensoren-was.html).

  5. 6 Holden Glass Dezember 6, 2011 um 7:57 nachmittags

    Der Begriff “Analyse” impliziert aber eine unvoreingenommene und ausgewogene Betrachtung eines Gegenstandes. Warum analysiere ich sonst, wenn das Ergebnis schon von vorneherein feststeht. Was Sie machen, ist Polemik. An einer “Auseinandersetzung mit der Debatte um das Gutachten” (???) ist Ihnen offensichtlich gar nicht gelegen – sonst könnten Sie auf meine Frage eingehen, wie Sie dazu stehen, dass die Autoren der Ministerin widersprechen.

    Und dann fordern Sie mich erst zur Löschung Ihrer Kommentare auf, um dann “Zensur” schreien zu können, das finde ich regelrecht arm. Was anderes fällt Ihnen nicht ein? Nein, bislang jedenfalls sehe ich meine “intellektuelle Unschuld” von Ihnen gewiss nicht gefährdet.

  6. 7 cangrande Dezember 6, 2011 um 9:25 nachmittags

    Sehen Sie es mir nach, Herr Glass, aber Ihre Auseinandersetzung mit dem Text von Hr. Stürzl mag ich nicht Zeile für Zeile lesen; das schweift für mich allzu sehr ab, wenn ich mir Gedanken darüber machen soll, was Hr. Stürzl denkt, was die Beiratsmitglieder gesagt haben … .
    Er mag nun Recht oder Unrecht haben, aber ggf. nachzuprüfen, wo Hr. Stürzl Unrecht hat, ist für mich doch eher Zeitverschwendung; dafür ist er für die breite Öffentlichkeit einfach zu unbedeutend.

    Wenn Sie meinen Text als Polemik ansehen, okay. Auf jeden Fall setzt er sich – er ist ja auch entsprechend lang – sehr klein-klein, also detailliert, mit einzelnen Passagen der Kritiker auseinander. Und gelesen haben Sie ihn nicht, sonst hätten Sie die folgende Frage nicht gestellt:
    Wie ich “dazu stehe, dass die Autoren der Ministerin widersprechen”.

    Darauf gibt es zwei mögliche Antworten, nämlich eine auf den Wortlaut Ihrer Frage, und eine auf den Sinn.
    Die erste Frage ist leicht zu beantworten:
    Die Autoren der Studie haben der Ministerin NICHT widersprochen.
    Mit diesem Irrtum sind Sie aber nicht allein: Auch der Handelsblatt-Autor Dietmar Neuerer stellt diese Falschbehauptung auf.

    Sie selbst sollten es allerdings besser wissen, denn in Ihrem o. a. Text schreiben Sie, dass
    “Der wissenschaftliche Beirat ihres eigenen Ministerium und die Teilnehmer des Workshops zur Erstellung der Studie”
    widersprochen hätten. So steht es, glaube ich, in der SZ; das ist ist ein wenig richtiger, aber falsch ist es immer noch:
    Von 10 Beiratsmitgliedern haben nämlich lediglich 4 die fragliche Stellungnahme unterzeichnet, also eine Minderheit, und von den 7 Teilnehmern des wissenschaftlichen Workshops sogar nur 2.
    Das, unter anderem, steht alles detailliert in meinem Aufsatz.

    Was soll ich zu der Tatsache sagen, dass es diese Kritik gibt – außer eben, dass es sie gibt? Der Umstand, dass die Kritik eben nicht von den Autoren kam, nimmt ihrer Frage jegliche Brisanz und Bedeutung.

    Wie ich inhaltlich zu der Kritik stehe, ergibt sich schon aus meiner Überschrift: “Vorkämpfer der Finsternis”. Wegen der weiteren Einzelheiten, insbesondere zur Begründung meiner Kritik der (Minderheits-)Kritiker erlauben Sie mir den Verweis auf meinen Blog-Eintrag; Sie möchten doch sicher nicht, dass ich meinen ganzen Text hier einkopiere?

    Zur Zensur aufgefordert habe ich Sie auch nicht; lediglich auf die Möglichkeit hingewiesen. Und freilich auch darauf, dass ich solche Sachverhalte gelegentlich in einem Blog-Eintrag thematisiere.

    Im Übrigen können Sie selbstverständlich gern auch in einem Leserkommentar zu meinem Eintrag auf Ihr Blogposting hinweisen (dafür werben).
    Ich würde sogar selbst einen einschlägigen Hinweis an meinen Artikel dranhängen, wenn ich der Meinung wäre, meinen Leserinnen und Lesern damit einen (Informations-)Mehrwert bieten zu können.

    Aber, sehen Sie es mir nach, für mich ist Ihr Eintrag zu unfokussiert. Mir geht es nicht um die Familienministerin, was sie ggf. in der Vergangenheit (falsch) zitiert hat, und schon gar nicht um einen obskuren Hr. Stürzl: Mir geht es um die Frage, ob die Kritik Hand und Fuß hatte (“nein”) und ob ich in der Art der Einwendungen Gefahren für das Wissenschaftsethos sehe (“ja”).
    Außerdem habe ich (insoweit ein wenig Ihrer Stürzl-Rezension ähnlich) die öffentliche Debatte analysiert und kommentiert, allerdings die Veröffentlichungen in drei (Online-)Zeitungen. Auch da ließ, besonders bei dem Handelsblatt-Autor, die journalistische Sorgfalt erheblich zu wünschen übrig. Auch der SZ-Artikel war nicht frei von vermeidbaren Fehlern und war tendenziös, beides aber nicht ganz so krass wie im HB, Ziemlich objektiv war der SPON-Bericht .

  7. 8 Holden Glass Dezember 7, 2011 um 6:04 nachmittags

    Das sehe ich Ihnen nach, Herr cangrande. Stürzenbergers Artikel fand ich einfach lustig und erschreckend in seiner Pseudo-Rhetorik, deswegen habe ich eine Replik darauf angehängt. Gegenstand einer ernsthaften Debatte kann er sicherlich nicht sein.

    In zwei Dingen haben Sie Recht. Erstens, ich habe Ihren Artikel nicht gelesen – und kann daher auch nur die Überschrift als zu polemisch für eine Analyse kritisieren. Zweitens, in der Tat, die Stellungnahme zu den Äußerungen der Ministerin ist nicht von den Autoren der Studie unterschrieben, sondern von vier Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats und zwei Teilnehmern des Workshops. Aus dieser Tatsache zu schließen, dass die Autoren der Studie, die restlichen drei Mitglieder des Beirats und die übrigen Teilnehmer des Workshops sich die Stellungnahme NICHT zu eigen machen, ist aber nur Ihre Deutung und zwar schon eine ziemlich spitzfindige. Am Ende der Stellungnahme heißt es nämlich:

    “Dass ausgerechnet die Auftraggeberin der Studie verzerrende Interpretationen wichtiger Befunde in der Öffentlichkeit verbreitet, ist für _alle_ Beteiligten, die viel ehrenamtliche Arbeit in die Beratung der Studie investiert haben, mehr als bedauerlich.”

    Sicherlich könnten die Verfasser und Unterzeichner das so nicht formulieren, wenn sich die anderen Beteiligten der Stellungnahme ausdrücklich nicht angeschlossen hätten. Ich gehe daher davon aus, dass die Stellungnahme im Namen des Beirats und des Workshops formuliert wurde und ja, auch im Namen der Autoren. Die hätten sicherlich widersprochen, wenn die Stellungnahme einfach über ihre Köpfe hinweg veröffentlicht worden wäre, und, angenommen, sie teilten die Deutung der Studie durch die Ministerin, einfach ihre Ergebnisse verzerrt.

    Schließlich und endlich sind beide Argumente der Stellungnahme gegen Schröders Deutung der Zwangsheirats-Studie, völlig korrekt. Erstens, die Fallzahl, die von Schröder aus 60% angedrohten und 40% vollzogenen Zwangsheiraten einfach zu 100% Zwangsheiraten zusammengefasst wurde. Zweitens, die viel zu kurze Kausalkette, die Schröder zwischen “Zwangsheirat” und “islamischer Kulturkreis” zieht. Die in der Studie veröffentlichte Zahl von 83% Angehörige des islamischen Kulturkreises beruht nur auf einer Einschätzung der Berater und sagt nichts darüber aus, welchen Einfluss die Religion auf das tägliche Handeln der Eltern der Opfer und drohenden Opfer hat. Ohne ein schlüssiges, verbindendes Element ist eine Korrelation noch kein Beweis (wie war das doch mit den Störchen und den Babys?).

  8. 9 cangrande Dezember 7, 2011 um 8:01 nachmittags

    “… die Stellungnahme zu den Äußerungen der Ministerin ist nicht von den Autoren der Studie unterschrieben, sondern von vier Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats und zwei Teilnehmern des Workshops. Aus dieser Tatsache zu schließen, dass die Autoren der Studie, die restlichen drei Mitglieder des Beirats und die übrigen Teilnehmer des Workshops sich die Stellungnahme NICHT zu eigen machen, ist aber nur Ihre Deutung …”

    Wo habe ich das behauptet? Alles, was man mit Sicherheit über den Vorgang sagen kann ist, dass er von einer Minderheit des Beirats, und einer noch kleineren Minderheit der Workshopteilnehmer unterschrieben wurde. Das sagt weder positiv noch negativ etwas über die Positionierung der Autoren, und der anderen Teilnehmer aus.

    Spitzfindig ist Ihre Schlussfolgerung, dass, weil die Unterzeichner Behauptungen über andere (Autoren? Datenlieferanten aus den Beratungsstellen?) anstellen, diese mit der Meinung der Unterzeichner einverstanden sein müssten. Na, also …

    Die 60/40-Sache hat Frau Schröder auch in meinen Augen falsch dargestellt, okay. Aber für die Dimension der Problematik ist natürlich schon die Gesamtzahl der Zwangsverheiraten + der Zwangsheiratsbedrohten wichtig; insofern kann ihr ein fairer Beobachter in einem politischen (und mithin nicht wissenschaftlichen!) Diskurs daraus keinen Strick drehen.

    Die Prozentzahl der islamischen Zwangsheiraten/~bedrohten trifft in der Größenordnung (80% plus/minus) mit Sicherheit zu. Das wissen die Kritiker selbst nur allzu gut, und eben weil sie das wissen, wollten sie diese, ihnen offenbar unangenehme, Zahl nicht in der Studie sehen. Wer solche Fakten unterdrücken will, hat ganz gewiss nicht das Schaffen von Wissen im Sinne, sondern ist ein(e) Feind(in) der Wissenschaft, ein(e) Obskurantist(in).
    Vor dem Hintergrund, dass die Kritiker (mindestens eine kommt selbst aus der Beratungspraxis) sehr genau wissen, was Sache ist, ist es eine Unverschämtheit, wenn sie sich wegen einer solchen Lappalie (Daten indirekt statt direkt erhoben) aufblasen wie die Frösche. Im Wissenschaftsdiskurs ist das okay; im politischen Diskurs nicht.
    Ein (kurzer) Aufsatz über eine Studie ist nun einmal keine Studie, wer es ganz genau wissen will, muss die 56 Seiten (der Kurzfassung!) halt selber lesen (s. Link bei mir).

    Und warum stoßen sich die Kritiker nicht auch an der Erhebung der Nationalität (wo die Türken natürlich an der Spitze liegen)? Insoweit kann man die gleichen Argumente anführen: nur Korrelation, keine Kausalität, und die Kenntnis der Zahlen könnte die Türkenfeindlichkeit der Deutschen fördern. Aber das wäre wahrscheinlich ohnehin der nächste Kritikpunkt, wenn man die “Wissenschaftler” mit der Wissensunterdrückung i. S. Religionskorrelation durchkommen lässt.
    Und welche Daten soll eine solche Studie dann überhaupt noch erfassen?

    Einen Kausalzusammenhang zwischen Religion und Zwangsheiraten hat Frau Schröder nie behauptet, sondern die Frage im Gegenteil ausdrücklich offen gelassen. Wenn Kritiker ihr das dennoch explizit oder implizit unterstellen, kritisieren sie einen Popanz, nicht Frau Schröder. Eine solche Täuschung der Leser ist absolut inakzeptabel.

  9. 10 Holden Glass Dezember 12, 2011 um 11:51 vormittags

    Aber, aber Herr Cangrande. Jetzt müssen wir aber aufpassen, dass wir nicht total den Faden verwirren:

    1. Die Stellungnahme ist vom Beirat des Instituts, das die Studie erarbeitet hat, verfasst und unterschrieben worden. Das steht im Text und ist von mir zitiert worden. Das nicht alle Mitglieder des Beirats unterschrieben haben, bedeutet nicht, dass sie damit nicht einverstanden waren. Das dies so sein könnte, diesen Anschein wollen Sie erwecken. Selbiges gilt für die Teilnehmer des Workshops.

    2. Über die etwaigen Meinungen der befragten Beratungsstellenmitarbeiter hat weder die Stellungnahme noch ich irgendetwas ausgesagt.

    3. Zwar ist auch die Androhung einer Straftat (=Zwangsheirat) u. U. schon strafbar, allerdings wohl kaum im selbigen Maß wie die Straftat selbst. 60% der Straftaten waren “nur” angedroht, Herr Cangrande! Und Frau Schröder fast das zusammen mit 40% der vollzogenen Straftaten, um ihre Zahlen zu dramatisieren, tatsächlich mehr als zu verdoppeln. Das grenzt an Demagogie.

    4. Die Beratungsstellenmitarbeiter vermuten, 83% ihrer von Zwangsheirat betroffenen oder bedrohten Klienten gehören dem islamischen Kulturkreis an. Das ist das, was die Studie aussagt. Daraus lässt sich eben noch lange nicht schließen, dass deren Familien Roboter sind, die mit dem Programm “Islam” programmiert sind und jede Anweisung, des Korans, der Hadithen, Scharia oder wasauchimmer sklavisch befolgen. Das sind Menschen, Herr Cangrande, für die gibt es kein “Programm”.

    Ob Sie, Herr Cangrande, das für eine Lappalie halten, spielt überhaupt keine Rolle. Sie und Frau Schröder können nicht einfach Dinge aus Studien herauslesen, die da nicht drinstehen. Was sie beide leisten, ist nicht Wissenschaft, sondern Ideologie.

    5. Sie behaupten, Frau Schröder behauptet keine Kausalität zwischen Islam und Zwangsheiraten. Sie schreibt:

    “Der Zusammenhang zwischen kulturellem Hintergrund und menschlichem Handeln ist eine soziologische Selbstverständlichkeit. Trotzdem wird dieser Zusammenhang in Hinblick auf den Islam oft verleugnet oder wegdefiniert. Angesichts des Streites, ob der Islam Teil des Problems ist oder nicht, wird leider völlig ausgeblendet, dass er auf jeden Fall Teil einer Lösung sein muss. Wir müssen erreichen, dass islamische Autoritäten in Deutschland es noch stärker als ihre Aufgabe begreifen, Zwangsverheiratungen zu verweigern und dagegen einzuschreiten.”

    Der selbstverständliche Zusammenhang wird im Bezug auf den Islam verleugnet, schreibt Frau Schröder. Also besteht, im Umkehrschluss, ein Zusammenhang.

    Der Islam muss ein Teil der Lösung des Problems “Zwangsheirat” sein, schreibt Frau Schröder. Wie könnte er das, wenn keine Kausalität besteht? Hmm?

  10. 11 cangrande Dezember 12, 2011 um 2:36 nachmittags

    Hallo Herr Glass,

    1a) In welchem Text steht, dass die Kritik “VOM” (= von dem) Beirat unterschrieben wurde? In der SZ glaube ich, steht sowas, aber davon wird es nicht richtiger. Gehen Sie doch bitte “ad fontes” (Link in meinem Blog, aber, wenn ich mich recht erinnere, auch im SZ-Artikel)! Dass “der” Beirat etwas tut, kann man nach den Regeln der dt. Sprache nur dann (korrekt) behaupten, wenn entweder alle Beiratsmitglieder das (in dieser Eigenschaft) tun, oder ein durch Mehrheitsbeschluss legitimiertes Mitglied etwas unterschreibt usw. Beides liegt hier nicht vor.

    1b) Eigenzitat (s. o.): “Alles, was man mit Sicherheit über den Vorgang sagen kann ist, dass er von einer Minderheit des Beirats, und einer noch kleineren Minderheit der Workshopteilnehmer unterschrieben wurde. Das sagt WEDER POSITIV NOCH NEGATIV etwas über die Positionierung der Autoren, und der anderen Teilnehmer aus.”
    Wenn ich Ihnen in den Alpen einen Flysch-Aufschluss zeige, dann habe ich damit nicht bewiesen, dass das ganze Gebirge auf Flysch besteht. Aber natürlich kann ich es, wenn ich sonst nichts drüber weiß, auch nicht ausschließen.

    2) Wer immer als Einzelperson (oder als Minderheit) behauptet, dass die angeblich verzerrende Interpretation der Ministerin “mehr als bedauerlich” sei für “ALLE Beteiligten, die viel ehrenamtliche Arbeit in die BERATUNG der Studie investiert haben” maßt sich ein Urteil über die Wahrnehmung anderer an. Ob das richtig ist oder falsch, könnten wir natürlich erst dann wissen, wenn wir die anderen fragen.

    3) Wie gesagt: auch ich hätte anstelle der Ministerin zwischen vollzogenen und angedrohten Zwangsheiraten unterschieden.
    Aber wenn z. B. in Deutschland 1 Mio. Vergewaltigungen im Jahr versucht würden, und nur 1.000 davon erfolgreich wären (weil die Opfer in den anderen Fällen entkommen können): Auf welche Zahl würden Sie Ihre Politik abstellen? Auf Null kommt man ohnehin nicht, und über 1.000 Fälle würde sich ebenfalls keine breite Debatte entwickeln. Aber meinen Sie nicht, dass die Gesellschaft ein Problem hätte, gegen das man etwas unternehmen sollte, wenn es 1 Mio. versuchte Vergewaltigungen gäbe? Wissen Sie, was mit den Opfern der “nur” versuchten Zwangsverheiratungen passiert ist, bzw. was die noch durchzmachen haben? Vielleicht wurden/werden sie zusammengeschlagen, isoliert von der Familie usw.?
    Und überhaupt: warum blasen sich denn die Beiratsmitglieder derart gegen Zwangsheiraten auf, wenn sie das ganze Problem dann im anderen Kontext wieder runterspielen wollen?

    4) Wer hat etwas anderes behauptet? Weder Frau von der Leyen noch ich.

    5a) Es gibt eine hohe Korrelation zwischen islamischer Religionszugehörigkeit und Zwangsheiraten. Daraus lässt sich zumindest ableiten, dass Muslime sozusagen eine “Risikogruppe” für Zwangsheiraten sind (so wie Homosexuelle für Aids). Dass man bei Christen, den meisten (?) anderen Religionen und Heiden eine solche Korrelation nicht hat lässt darauf schließen, dass der dem Islam inhärente (oder mindestens eng mit ihm verbandelte) Patriarchalismus und die mindere Stellung der Frau in dieser Religion ein guter Nährboden (auch) für Zwangsheiraten sind. Eine direkte Kausalität hat niemand behauptet.

    5b) Einwirkungsmöglichkeit hat nicht unbedingt mit Kausalität zu tun. Auch der Pfarrer auf der Kanzel predigt “du sollst nicht stehlen” (und in den meisten Fällen hören wir ja auch drauf). Wollen Sie deshalb behaupten, dass das Christentum kausal für Diebstahl sein muss?

    Und überhaupt: warum wenden sich die Beiratsmitglieder nur gegen die Erfassung bzw. Nennung der Religionszugehörigkeit, nicht z. B. gegen das gleiche Vorgehen bei der Nationalität?
    Was, bitte, soll eine solche Studie denn überhaupt erfassen dürfen? Bzw. wozu überhaupt eine Studie, wenn man potentielle Zusammenhängen von vornherein nicht erfassen will?

    Kämen Sie jemals auf die Idee, Ihre Geowissenschaft in diesem Stil zu betreiben?

  11. 12 Holden Glass Dezember 30, 2011 um 8:28 nachmittags

    Sehr geehrter Herr Cangrande, Sie haben ganz einfach Unrecht. Deswegen weichen Sie auf immer neue Nebenkriegsschauplätze aus – ich finde das ermüdend. Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass Fragestellungen, denen ich in der Geographie begegne, eine andere Natur haben. Variablen weisen Abhängigkeiten auf, die sich klarer definieren lassen, oder besser gesagt, die nicht so sehr rückkoppeln, wie das in der Soziologie der Fall ist. Und weil das hier so ist, halte ich es für sehr wichtig, die Bedeutung von Aussage und Bewertung nicht zu verwischen, so wie Sie und die Ministerin das tun. Ich habe gefühlte 120.000 Mal darauf hingewiesen, das zwischen den Variablen “Religionszugehörigkeit” und “betroffen von Zwangsheirat” noch einige Variablen fehlen, wie z. B. “Einfluss der Religion auf das Handeln von Menschen”, um überhaupt einen Kausalzusammenhang herstellen zu können. Daraufhin behaupten Sie entweder, niemand würde einen Kausalzusammenhang herstellen, obwohl die Ministerin das direkt im zweiten Absatz des FAZ-Artikels tut, oder Sie beschwören den Untergang der Wissenschaft weil z. B. der Beirat oder Teile des Beirats diesen Zusammenhang ablehnen.

    Ich will Ihnen ein Beispiel in Form eines Gedankenexperiments bringen: Nehmen wir an, nicht die Türkei würde an Europa grenzen, sondern Indien. Nehmen wir fürderhin an, in diesem Fall würde sich eine ähnlich hohe Zahl indischstämmiger Menschen in Deutschland aufhalten wie de facto türkischstämmige. In diesem Fall wäre es durchaus wahrscheinlich, dass aus einer solchen Studie die Zahl der angedrohten oder tatsächlichen Zwangsheiraten sich zu 83% auf indischstämmige Betroffene beziehen würde. In Indien ist nämlich traditionell das System der “arrangierten Ehen” üblich. Und zwar vollkommen unabhängig von der Religionsgruppe: Hindi, Muslim oder Christ. Daher erwartet die eingewanderte Eltern- und/oder Großelterngeneration von der in Deutschland sozialisierten Kinder-Generation, dass sie sich der Tradition beugen und die Familie den Ehepartner aussuchen lassen. Die finden das aufgrund ihrer mitteleuropäischen Sozialisation vermutlich nicht ganz so toll. Und schon geraten sie in einen Konflikt, der möglicherweise in eine Zwangsheirat ausartet. Dies hat mit der Religion weniger etwas zu tun als mit dem Konflikt Tradition vs. Postmoderne.

    Um ein letztes Mal auf die Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats oder Teilen desselben einzugehen: Dieser hat der Deutung der Ministerin widersprochen und zwar im Namen aller an der Studie beteiligten. Wenn nun nicht alle Beiratsmitglieder, Workshopteilnehmer oder Studienautoren mit dieser Stellungnahme einverstanden wären, würde ich erwarten, dass sie wiederum der Stellungnahme widersprechen und aussagen: Ja, die Ministerin hatte nach unserem Dafürhalten ganz Recht. Dies ist nicht geschehen, also gehe ich davon aus, dass alle an der Studie beteiligten mit der Stellungnahme konform gehen.

    Alles andere ist m.E. rhetorisches Schattenboxen: Ihre Pfarrer-Metapher lässt sich mit einem Satz widerlegen: An wen soll die Predigt eines Pfarrers denn adressiert sein, wenn nicht an Christen? Und wiederholt stellen Sie Fragen, die mit dem Thema nicht das geringste zu tun haben: Es geht nicht darum, was eine Studie darf und was nicht, es geht darum was, in der Studie drin steht und was nicht.

  12. 13 cangrande Dezember 30, 2011 um 10:14 nachmittags

    Wo haben die Protestierenden “im Namen aller Beiratsmitglieder” gesprochen? Hätten Sie sich nach gutem wissenschaftlichen Brauch auf die Suche nach einer einschlägige Textstelle gemacht, hätten Sie lediglich die folgenden Passagen gefunden:
    “Als Mitglieder des Beirats” und “Als Teilnehmerinnen des wissenschaftlichen Workshops”.
    Und “als Mitglied” eines Gremiums zu unterschreiben ist nun einmal etwas völlig anderes als “FÜR” ein Gremium aufzutreten.

    Wenn sich auch Geologie und Soziologie in vielem unterscheiden: Korrekte Zitate, bzw. die Angabe von Belegstellen, sind eben nicht nur in der Soziologie, sondern generell in den Wissenschaften, und mithin auch in der Geologie, Standard. Erweisen Sie also bitte fremden Fachgebieten die gleiche Achtung wie (mutmaßlich) Ihrem eigenen und drücken Sie sich nicht vor der Anwendung der wissenschaftlichen Standards auch in Debatten jenseits Ihres eigenen Fachgebietes!
    (Nein, ich bin auch kein Soziologe, aber einen Zeitungsbericht über ein Statement kann ich trotzdem von der Originalquelle unterscheiden; so viel Mühe muss schon sein und ist auch Ihnen zumutbar!)

    Einen Grundsatz “qui tacet consentit” gibt es weder im Recht noch in der Wissenschaft. Wenn jemand behauptet, im Namen anderer zu sprechen, dann ist es an ihm, das nachzuweisen.
    Aber, wie gesagt: das behaupten die Protestierenden selbst ja nicht einmal (dann würden sie sich nämlich wegen mangelnder Wahrheitsliebe angreifbar machen), lediglich die Zeitungsschreiber machen aus einigen ein “alle”, oder erwecken den Eindruck, dass alle dahinter stehen.

    Sie würden es sich gewiss nicht bieten lassen, wenn ich Ihnen meine Meinung unterstellen würde und sagen, Sie hätten zugestimmt, weil Sie nicht widersprochen haben. Also tun Sie bitte nicht anderen etwas an, wogegen Sie sich selbst (zu Recht!) heftig wehren würden!

    Inwieweit Zwangsheiraten in Indien (und zwar im hinduistischen Indien; es leben ja auch sehr viele Muslime dort) üblich sind, weiß ich nicht. Aber selbst wenn diese Praxis dort weit verbreitet sein sollte, würde das lediglich beweisen, dass es sie dort AUCH gibt. Möglich, dass AUCH die hinduistische Religion, oder aber die hinduistische Gesellschaftsstruktur, der Zwangsheirat Vorschub leisten.
    Das widerlegt aber nicht die Möglichkeit, dass AUCH der Islam Zwangsheiraten direkt oder indirekt begünstigt.

    Fakt ist jedenfalls, dass es solche Praktiken im Christentum (zumindest im westlichen Christentum) nicht gibt. Insoweit ist es selbstverständlich gute und notwendige wissenschaftliche Praxis zu fragen, warum sie unter Muslimen so häufig ist. Und eine evtl. Häufung bei den Indus mag eine abstrakt interessante Frage sein, kann aber nicht sinnvoller Gegenstand einer Studie, die Probleme in der deutschen Gesellschaft (einschl. Einwanderer) untersuchen will.

    Einen unmittelbaren Kausalzusammenhang hat die Ministerin nicht behauptet, und im 2. Absatz ihres Aufsatzes schon gar nicht.
    Auch hier muss ich Sie auffordern, ggf. die entsprechende Passage zu zitieren, aus der Sie die Behauptung eines Kausalzusammenhangs herauslesen.

    Noch einmal: Zwischen der Religionszugehörigkeit “Islam” und den Zwangsheiraten besteht eine hohe statistische Korrelation. Die Feststellung derartiger Korrelationen ist in der Soziologie (vielleicht auf Teilgebieten auch in der Geologie?) der Ausgangspunkt, um eventuelle Kausalzusammenhänge zu erforschen. Wer bei den Zwangsverheiratungen die Erfassung der Religionszugehörigkeit der Betroffenen von vornherein verhindern will, will die Feststellung entsprechender Korrelationen unterdrücken und damit zugleich weitere Forschungen zu EVENTUELLEN Kausalzusammenhängen zwischen Religionszugehörigkeit und Zwangsverheiratungen unterbinden. Das ist unwissenschaftlich; ebenso gut könnte man auch die Erfassung der Nationalitäten ablehnen; schließlich werden ja auch nicht alle Türken bzw. Türkischstämmigen zwangsverheiratet.

    Nachdem die Kritiker schreiben
    “Mehrere Personen aus dem Beirat hatten sich daher gegen die Aufnahme der Frage nach der vermuteten Religionszugehörigkeit in den Fragebogen ausgesprochen.”
    geht es keineswegs NUR darum, was in der Studie drinsteht, sondern ganz wesentlich auch darum, ob solche Obskurantisten in Zukunft die zu erfassenden Variablen in einer Studie von vornherein beschränken dürfen oder nicht. Insoweit geht es hier nicht zuletzt um die Freiheit (und die Unvoreingenommenheit) der Wissenschaft!

    Predigt des Pfarrers an Christen adressiert: Exakt!
    Und die Predigt eines Imams ist an Muslime adressiert, und weil bei denen Zwangsheirat nicht gar so selten ist, macht es auch Sinn, von den Imamen zu verlangen, dass sie ihren Schäfchen insoweit ins Gewissen reden: für Priester/Pfarrer wäre das sinnlos, denn Christen praktizieren (bei uns) praktisch keine Zwangsverheiratungen.
    Also (und nur das ist, was Frau Schröder gesagt hat): Egal, ob der Islam “Schuld” hat an den Zwangsverheiratungen oder nicht: unter Muslimen sind sie zu häufig, und deswegen sollten die Imame dagegen predigen; das könnte ihre Gläubigen evtl. von dieser Praxis abhalten.

  13. 14 Holden Glass Januar 4, 2012 um 9:13 nachmittags

    Herr Cangrande, im Grunde halte ich Sie für einen intelligenten Menschen, zumindest nehme ich das als Ausgangshypothese H-0 an. Deswegen sehe ich auch davon ab, Ihnen die Unterschiede zwischen Geologie und Geographie zu erläutern. Was ich Ihnen allerdings vorwerfen muss, ist, dass Sie in unserer netten, kleinen Konversation dazu übergegangen sind, Ihre Anwürfe zu wiederholen, wiederholen und immer nur zu wiederholen, als ob sie davon wahrer würden und ich nicht schon längst darauf eingegangen wäre. Sie halten mir einen schlechten wissenschaftlichen Stil vor (obwohl wir hier keine wissenschaftliche Debatte führen) – weil Sie auf meine Argumente nicht eingehen?

    Hätten Sie sich an den guten Brauch gehalten, Texte zu lesen, bevor sie darauf eingehen, dann wäre Ihnen sowohl in der Stellungnahme des Beirats als auch von mir in einem der obigen Kommentare zitiert, die Textstelle aufgefallen:

    „Dass ausgerechnet die Auftraggeberin der Studie verzerrende Interpretationen wichtiger Befunde in der Öffentlichkeit verbreitet, ist für _alle Beteiligten_, die viel ehrenamtliche Arbeit in die Beratung der Studie investiert haben, mehr als bedauerlich.“

    Das Widerspruchsprinzip gibt es sehr wohl im Recht als auch in der Wissenschaft, z. B. (ich bin kein Jurist, deswegen fällt mir kein besseres Bsp. ein) bei Bebauungsplänen. Im übertragenden Sinne gilt das für alle Bereiche der politischen Repräsentation. Und in der Wissenschaft ist die Falsifizierbarkeit einer Theorie das zentrale Mittel, d. h. eine Theorie, die grundsätzlich widerlegbar ist, kann so lange als wahr angenommen werden, wie sie nicht widerlegt wurde. Eine Annahme gilt also so lange als wahr, bis jemand gegenteilige Untersuchungsergebnisse vorzuweisen hat.

    Mein Indien-„Gedankenexperiment“ haben Sie vollkommen fehlinterpretiert: In Indien sind arrangierte Ehen (und nicht „Zwangsehen“) der gesellschaftlich akzeptierte Normalfall und zwar innerhalb aller Religionsgruppen, Hindus, Muslims, Sikhs und Christen. Aus einer arrangierten Ehe wird erst dann eine Zwangsehe, wenn die Kinder mit der Partnerwahl ihrer Familien nicht einverstanden sind (oder die Familien mit der Partnerwahl der Kinder). In der Regel dürfte das an Schnittstellen zwischen traditionellen und postmodernen, a-traditionellen Gesellschaftsstrukturen der Fall sein, – in Indien z. B. in den Mega-Metropolen (Mumbai, Delhi, Kalkutta, Chennai und Bangalore) oder eben, wenn Familien aus traditionellen Gesellschaftsstrukturen in Länder mit postmodernen Strukturen migrieren. Selbstverständlich waren arrangierte Ehen ebenfalls im vormodernen, christlichen Mitteleuropa der Normalfall, insbesondere in gehobenen Patrizier- und Adelsschichten – nur das es die „Schnittstellen“ zwischen Tradition und Postmoderne nicht gab, an der eine Konfliktsituation der „Zwangsehe“ hätte entstehen können (in Einzelfällen dürften junge Frauen und Männer trotzdem nicht mit der arrangierten Partnerwahl einverstanden gewesen sein). Aus diesen Gründen ist die Frage eines Kausalzusammenhangs zwischen „Zwangsehe“ und „Islam“ zweifelhaft. Daher – das ist aber nur meine Deutung – können sich auch einige Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats gegen eine Erfassung der Religionsgruppen ausgesprochen haben.

    Die Ministerin hat, wie ich bereits drei Kommentare weiter oben zitiert habe, ebenjenen Zusammenhang zwischen Islam und Zwangsverheiratung direkt hergestellt:

    „Der Zusammenhang zwischen kulturellem Hintergrund und menschlichem Handeln ist eine soziologische Selbstverständlichkeit. Trotzdem wird _dieser Zusammenhang_ in Hinblick auf den Islam oft verleugnet oder wegdefiniert. […]“

    Zu Ihrem Wissenschaftsverständnis habe ich einige Anmerkungen zu machen. Offenbar gehen Sie davon aus, das Wissenschaftler so arbeiten: Man suche seine Umwelt nach allen möglichen, willkürlichen Korrelationen ab, dann versuche man, diese kausal zu begründen. Kaum sehr erfolgversprechend, denn es dürfte weit mehr Zufallskorrelationen geben als Kausalzusammenhänge. De facto, Herr cangrande, und das sollte einem intelligenten Menschen wie Ihnen unmittelbar einleuchten, läuft es genau andersherum: Die Feststellung einer Korrelation ist keineswegs der Ausgangspunkt, sondern ein hypothetischer Kausalzusammenhang, meist in seiner negierten Form, die Ausgangshypothese H-0. Diese Hypothese H-0 wird, u. a. mit statistischen Verfahren (bspw. ob die Elemente eines für die Grundgesamtheit repräsentativen Samples bestimmte Eigenschaften aufweisen) widerlegt (Falsifikationsprinzip) – um damit die Alternativhypothese H-A, nämlich die ursprüngliche Annahme eines kausalen Zusammenhangs als für (vorläufig) „wahr“ annehmen zu können.

    Ihre Metapher mit dem Pfarrer, der von der Kanzel „Du sollst nicht stehlen“ predigt, trifft deshalb nicht den Kern der Sache, weil von tatsächlichen oder angedrohten Zwangsehen keinesfalls nur eine Religionsgruppe betroffen ist, wie es ja auch in der Studie steht: Bei 83% nehmen die Beratungsstellenmitarbeiter einer islamischen Hintergrund an, 9,5% jesidischen, 3,4% christlichen und 1,3% hinduistischen. Tatsächlich dürfte das der Normalverteilung der Migrationshintergründlern aus traditionalen Gesellschaften mit Systemen arrangierter Ehen entsprechen. Es gibt einfach viel mehr Muslime als Hindus in Deutschland und deswegen zeigt die Untersuchung hier auch eine höhere Zahl bei von Zwangsehen Betroffenen. Daraus – zumindest mit dieser Statistik – ein rein islamisches Problem konstruieren zu wollen, Herr Cangrande, für eine solche simple Logik wäre sich jedes anständige Milchmädchen zu schade. Das Sie hieraus den Untergang der abendländischen Wissenschaft konstruieren, ist so lächerlich, dass es mir den Atem verschlägt.

  14. 15 cangrande Januar 4, 2012 um 11:46 nachmittags

    Hallo Herr Glass,

    ich greife nur einzelne Sachverhalte heraus und nummeriere sie, um eine eventuelle Bezugnahme zu erleichtern:

    1) Dass die Kritiker im Text behaupten, die Interpretation der Ministerin sei für “alle” Beteiligten bedauerlich, zeigt lediglich, dass es sich um einen “politischen” Text handelt. Insoweit wird jeder, der etwas fordert oder kritisiert, von sich glauben oder rhetorisch behaupten, dass er im Interesse aller spricht. Aber wenn ich als SPD- oder CDU-Politiker sage: “Deutschland braucht …” “… das schadet den Menschen …” usw., dann weiß jeder, dass ich das als Politiker einer Partei sage.
    Die Kritiker mögen ja gerne der Meinung sein, dass auch alle anderen an der Studie beteiligten Personen ihrer Meinung sein müssten, aber darum geht es überhaupt nicht in diesem Punkt der Kritik in meinem Blog-Eintrag (die Medienkritik steht dort ziemlich am Ende).
    Der richtet sich nämlich gar nicht gegen die Kritiker, die ihre Stellungnahme korrekt mit “als Mitglieder des …” unterschrieben haben, sondern gegen die falschen Behauptungen in der Presse, wonach “die Autoren” (Handelsblatt) bzw. “jene, die dem wissenschaftlichen Beirat angehören” (SZ) protestiert hätten.
    Ebenso ist in der FR fälschlich von “den” Mitgliedern des wiss. Beirats die Rede.

    Richtig ist dagegen, dass ein Teil (genauer: eine Minderheit) der Beiratsmitglieder und der Mitglieder des wissenschaftlichen Workshops protestiert haben.

    Was haben Sie gegen meine Forderung, dass die Presse diesen Sachverhalt bitte korrekt darstellen soll, einzuwenden?

    2) Arrangierte Ehen waren früher die Regel, klar. Meinetwegen in Indien auch heute noch, keine Ahnung. Meinetwegen mag es auch unter den Hindus jede Menge Zwangsheiraten geben: die leben nicht in größerer Zahl bei uns (wie Sie ja auch selbst richtig sagen), und was die in Indien treiben, muss uns nicht, oder allenfalls sekundär, interessieren und war jedenfalls nicht Gegenstand dieser Studie.
    Wenn es außer bei den Muslimen auch bei anderen Religionsangehörigen, bei uns oder in deren Heimatländern, in großem Umfang Zwangsheiraten gibt, dann schließt dass dennoch einen Zusammenhang zwischen Islam und Zwangsheiraten nicht aus. Es gibt keinen Grund warum wir ausschließen können, dass unterschiedliche Religionen zu gleichen Verhaltensweisen (z. B. Monogamie) führen können; der Hinduismus könnte Zwangsheiraten genau so begünstigen wie der Islam.

    3) Es geht mir nicht darum, OB die islamische Religion(szugehörigkeit) Zwangsheiraten begünstigt oder nicht; die Beratungskräfte wissen, dass bei diesem Personenkreis in unserem Land Zwangsheiraten weitaus häufiger vorkommen als in anderen Personenkreisen. Es stellt sich die Frage, ob man dann die Religionszugehörigkeit in einer derartigen Studie erfasst oder nicht. Die Kritiker haben darauf hingewiesen, dass einige Beiratsmitglieder eine solche Erfassung abgelehnt haben; nach dem Text der Kritik liegt die Annahme nahe, dass im Hintergrund ihrer Kritik dieser Punkt steht, und die Frage der Erfassungsmethode (indirekt nach Erinnerung der Beratungskräfte) lediglich vorgeschoben ist.
    Dagegen bin ich allergisch, weil ich hier den Versuch sehe, die Erfassung unliebsamer Ergebnisse von vornherein zu unterdrücken. Warum dann (auf diesen mehrfach hier von mir vorgetragenen Punkt gehen Sie einfach nicht ein) nicht auch die Erfassung der Nationalität ablehnen? Schließlich ist Zwangsheirat ja auch unter den Türken nicht das herrschende Modell (aber natürlich sehr häufig).

    4) Was die Ministerin gesagt hat, mögen Sie als Herstellung einer Kausalität bewerten; ich bin (auch) insoweit anderer Meinung. Aber das ist kein ergiebiges Diskussionsgebiet, und interessiert mich nur am Rande.
    Für mich steht im Vordergrund, dass Sozialwissenschaftler hier versucht haben, die Erfassung von ganz bestimmten, nämlich religiösen, Korrelationen zu verhindern, und das ist für mich als Laizisten ein Alarmsignal und ein Grund, wütend zu werden.
    Ebenso ist es ein Alarmsignal, wenn die Presse eine Minderheitenposition (von der zumindest nicht nachgewiesen ist, dass sie der Mehrheit oder Gesamtheit der an der Studie Beteiligten entspricht) als Position “der Autoren”, “des Beirats” oder “der Wissenschaftler” dargestellt wird.
    Das gibt der Kritik in den Augen der Öffentlichkeit ein anderes (nämlich größeres) Gewicht, als ihr bei genauerem Hinsehen zukommt.
    Das kann bloße Schlamperei der Journalisten gewesen sein, oder der Wunsch, der Ministerin Schröder zu schaden. Oder es war Multi-Kulti-Augen-zu-Komplizität, welche die Journalisten dazu verführt hat, die Bedeutung der Kritiker bewusst aufzuwerten.
    Auf jeden Fall ist solche Falschberichterstattung der Presse inakzeptabel.

    5) Geographie – Geologie: In Ihrem Profil lese ich “Geowissenschaftler”. Das kann, vorsichtshalber habe ich es in der Wikipedia nochmal recherchiert, Geologie oder Geographie sein (und einiges andere). Okay, Sie wissen zweifellos besser als ich, welchem Zweig der Geowissenschaften Sie angehören; insofern war ich mit meiner Zuordnung zur Geologie offenbar voreilig.

  15. 16 Holden Glass Januar 5, 2012 um 8:53 nachmittags

    Sehr geehrter Herr cangrande,

    ich finde diese selektive Bezugnahme auf meine Argumente etwas enttäuschend. Gerade von der Argumentationslinie zum Verständnisses von Wissenschaft und den kausalen Begründungen willkürlicher Korrelationen hätte ich mir mehr erhofft. Wenn wir eine Häufung von Merkmalen a) islamische Religionszugehörigkeit und b) betroffen von Zwangsheirat, feststellen, dann schließen Sie: b) folgt aus a). Sie gehen von vornherein mit der unbewiesenen Behauptungen an die Sache heran, nämlich, dass islamische Religionsangehörige in der Mehrheit typische Verhaltensmuster aufweisen. Dabei tun Sie so, als wäre das selbstverständlich und sagen das nicht mal offen. Der Beweis einer solchen Hypothese dürfte wirklich schwer fallen, weil es eben eine Vielzahl Faktoren gibt, die das menschliche Verhalten beeinflussen und die Reaktion auf denselben Einflussfaktor par Individuum unterschiedlich ausfällt.

    1) Ich habe nichts gegen Ihre Forderung nach korrekter Darstellung. Ich habe das ja in meinem obigen Blogartikel auch getan, nur in einem der anhängigen Kommentare nicht, worauf Sie zu Recht hingewiesen haben.

    Für meine Interpretation, die Unterzeichner der Stellungnahme sprächen für alle Beteiligten an der Studie findet sich der Beleg im Text: Es sei für „…alle Beteiligten an der Studie… mehr als bedauerlich…,“ dass die Ministerin „…verzerrende Interpretationen… verbreitet…“ Für Ihre Interpretation, es handele sich bei der Stellungnahme um einen „politischen Text“, der nicht von oder im Auftrag von Politikern verfasst wurde, gehen Sie mal wieder von einer unbewiesenen Behauptung aus.

    2) Sie werden nie zu sauberen Erkenntnissen kommen, wenn Sie die Dinge nicht sauber definieren: Arrangierte Ehen sind keine Zwangsheiraten, sondern werden erst dann zu solchen, wenn die potentiellen Bräute oder Bräutigame nicht mit den von den Familien arrangierten Partnern einverstanden sind und die Familien trotzdem darauf bestehen. Dies geschieht z. B. wenn Migrantenfamilien aus traditionellen Gesellschaften in westlich-individuellen Gesellschaften leben und deren Kinder hier sozialisiert sind. Es handelt sich also um einen Konflikt zwischen traditionellen und postmodernen Gesellschaften (im entspr. Wikipedia-Artikel werden noch andere Ursachen wie Brautgeld, Erwerb von Aufenthaltsgenehmigungen und „Kontrolle über die Gebärfähigkeit der Frau“ (feministische Soziologie – muhahaha) angeführt). Arrangierte Ehen waren früher üblich bei uns (christlicher Hintergrund) und sind es heute z. B. in Indien (80% Hindus, 13% Moslems, 3% Sikhs, 3% Christen) So, nachdem ich das alles noch mal sauber für Sie formuliert habe, wo sahen Sie gleich nochmal den Zusammenhang speziell zwischen Islam und Zwangsheirat?

    3, 4) Merken Sie eigentlich nicht ein gewisses Muster in Ihrer Denkweise? Jedes Mal schalten Sie eine gewisse, unbewiesene Hypothese in Ihre Argumentation ein (s.o) und alles, was sich nicht damit in Einklang bringen lässt, wird von Ihnen tunnelblickartig an den Rand verzerrt. Ich schrieb schon im vorherigen Kommentar: selbstverständlich und ganz offensichtlich haben die Mehrheit der Fälle von von Zwangsheirat Betroffenen in Deutschland einen islamischen Hintergrund – weil die meisten Migranten aus traditionellen Gesellschaften in Deutschland nun mal aus der Türkei kommen. Warum aber das eine Merkmal: islamischer Hintergrund, nicht aber das andere Merkmal: Herkunft aus traditioneller Gesellschaft, die Ursache für Zwangheiraten sein soll, v. a. wenn die „Vorstufe“, die arrangierte Ehe, in fast allen Religionen vorkommt oder -kam – das erklären Sie mir mal! Und greifen Sie nicht wieder haarscharf daran vorbei und andere Sachverhalte heraus.

    Bei Ihrer Kritik an den Beiratsmitgliedern, die die Erfassung der Religionszugehörigkeit abgelehnt haben, geht es doch genau darum: Für die Wissenschaftler liegt der Erkenntnisgewinn bei exakt Null. Warum also das Merkmal „Religionszugehörigkeit“ überhaupt erheben, wenn es a) weder im vermuteten Kausalzusammenhang (Hypothese) angenommen wird, b) es ohnehin offensichtlich zu einer Häufung (mehr Türken in Deutschland…) kommen wird und c) die Erfassung der Religion nur zu absichtlichen und unabsichtlichen Fehlinterpretationen führt?

    Was Sie den Wissenschaftlern des Beirats und den Journalisten eigentlich vorwerfen, ist, dass diese Ihre unterstellte, unbewiesene Hypothese nicht teilen, nämlich, dass die islamische Religionszugehörigkeit zu bestimmten, typischen Verhaltensmustern führt. Das ist, und da kann ich mich nur wiederholen, Herr cangrande, nicht der Untergang der abendländischen Wissenschaft, das ist nur Ihr eigenes, verqueres Wissenschaftsverständnis.

  16. 17 cangrande Januar 6, 2012 um 10:29 vormittags

    Lieber Herr Glass,

    Sie wollen mich partout dahin manövrieren, dass ich einen Kausalzusammenhang zwischen Islam und Zwangsheiraten behaupte.
    Aber das habe ich nicht getan und darum geht es mir nicht.

    Sie sagen:
    “Es handelt sich also um einen Konflikt zwischen traditionellen und postmodernen Gesellschaften”
    und glauben offenbar, dass damit alles erklärt ist.
    Doch stellt sich dann die Frage, warum man überhaupt eine Studie in Auftrag gibt, wenn wir doch eh’ schon alles wissen.
    Bzw. warum die Kritiker [und bitte nicht immer wieder "die" - bzw. in Ihrem Kontext "den" Wissenschaftler(n) des Beirats ...!!!] überhaupt (konzeptionell) an einer solchen Studie mitarbeiten: was soll das bringen, wenn alle relevanten Informationen bereits vorliegen?

    Wenn ich eine Studie mache, muss ich das als Wissenschaftler ergebnisoffen tun. Wer die Religionszugehörigkeit als Merkmal ausschließt, tut das nicht.

    Und nach wie vor warte ich auf Ihre Erklärung, wieso es legitim, bzw. überhaupt von Nutzen sein sollte, in der Studie die Staatsangehörigkeit zu erfragen, aber nicht die Religionszugehörigkeit?
    Anders gesagt: Wieso man es den Kritikern durchgehen lassen sollte, dass sie ausgerechnet die Erfassung der Religionszugehörigkeit unterdrücken wollen, nicht aber die Erfassung der Nationalität.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




“First rule about journalism: Don’t talk about journalism. Or maybe that’s fight club. Or whatever…” (Stephen Colbert)

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 4 Followern an

Kategorien

Disclaimer

The author does not assume any responsibility for contents of linked blogs or websites.

statistics

  • 94,446 visitors

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: