Oma F.’s Meinungsimperium

Zumindest bei Menschen, die auch ganze Sätzen lesen können, ist der Springer-Konzern seit 40 Jahren als spiessbürgerlich, reaktionär und manipulativ verschrien. Beispiele für diese These sind sehr zahlreich. Der Springer-Medienkonzern folgt, teils offen, teils verdeckt einer ganz klaren Agenda – was für ein „normales“ Unternehmen ja auch ok wäre, nicht jedoch für einen Medienkonzern, der sich eigentlich journalistischen Grundsätzen verpflichtet fühlen müsste. Tatsächlich haben wir in Deutschland mit Springer so etwas wie Rupert Murdochs „News Corporation“  oder Berlusconis Medienimperium – eine Medienmacht, die sich in einer Hand konzentriert, welche mit einer ganz eindeutigen politischen Ausrichtung Ziele verfolgt und unsere demokratische und pluralistische Gesellschaftsordnung bedroht.

bildautomatBildquelle (cc) mkorsokov

Erstaunlicherweise ist diese Hand bei Springer die leicht schwächliche, blaugeäderte und leberfleckige Hand einer Oma. Oma F., die vor 44 Jahren als Kindermädchen bei Axel Springer begann und es über Tisch und Bett bis zur Mehrheitsaktionärin des größten europäischen Zeitungskonzerns brachte. Damals, zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens, war Axel Cäsar Springer 30 Jahre älter als F. und in vierter Ehe verheiratet. Er richtete seiner heimlichen Geliebten eine Wohnung ein; laut F. S.s Biographin stand sie in dieser Zeit unter hohem Psycho-Druck:

„… (F.) war Axel Springer ausgeliefert [...] ständig in der Angst, womöglich irgendetwas falsch zu machen, was seinen Unmut hätte erregen können, und dann wieder verstoßen zu werden, wie so viele vor ihr [....] An der Seite Axel Springers hatte sie auch bald keine Zeit mehr, ihre alten Freundschaften zu pflegen. Sie hatte sich auf den Verleger zu konzentrieren – die Bedingung dafür, dass sie bleiben konnte. Und sie wollte es so.“

Selber sagte F. S. einmal:

„Ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe es zu: Ich bin sein Produkt.“

Nach 10 Jahren, im Januar 1978, wird F. Axel Springers fünfte Ehefrau. Axel Springer starb 1985 und F. war Haupterbin und  (zusammen mit Springers Anwalt Servatius) Testamentsvollstreckerin. Zu diesem Zeitpunkt hat der Verlagskonzern jedoch eine äußerst verzwickte Unternehmensstruktur: ein Viertel der Aktien gehören den Springer-Erben, ein weiteres Viertel dem Felix Burda-Verlag; die andere Hälfte der Aktien ist in Streubesitz und von diesen kauft Leo Kirch nach und nach 40% zusammen, um unternehmerischen Einfluss auf den Springer-Konzern zu nehmen. Ihr gelang es in den folgenden 20 Jahren, die Anteile der Axel Springer AG so zurückzukaufen, dass die unternehmerische Mehrheiten der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. zufallen (50% plus 10 Aktien der Axel Springer AG). Ihr selbst gehören dabei 90% der Gesellschaftsanteile der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. sowie weitere 5% der Aktien der Springer AG (seit 2002). Sie selbst ist stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates des Springer AG; der Vositzende Matthias Döpfner ist allerdings ausdrücklich „ein Mann ihres Vertrauens“. (Quellen: 1, 2, 3)

Die Absurdität dieser Geschichte muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine Frau, die ursprünglich offenbar weder Persönlichkeit noch eine eigene Meinung hatte, ein totales Landei, quasi wie eine leere Schachtel, die der alternde Eros und Großverleger mit Inhalt füllte, verfügt über die größte Meinungsmacht Europas… Dieses Ziel erreichte F. wohl auch mit zumindest moralisch ziemlich dubiosen Praktiken: Kurz nach Axel Springers Tod stellten F. und der Anwalt Servatius die These auf, dass der bereits sehr kranke Axel Springer kurz vor seinem Tod am 22.09.1985 in einer letzten Unterredung den Willen geäußert habe, sein Testament zu ändern. Dieser „allerletzte Wille“ fand jedoch nie eine schriftliche Entsprechung – in Springers Testament von 1983 stand nach wie vor, dass seine Frau 50 %, sein Enkel Axel Sven und Tochter Barbara jeweils 25 % seiner Aktien der Springer AG erhalten sollten. Am 31. Oktober 1985, dem Tag der Testamentsvollstreckung in der Springer-Villa in Berlin, stellte Anwalt Servatius die Sache so dar, dass der entkräftete Axel Springer keine Zeit mehr gehabt hätte, sein Testament zu korrigieren, dass eigentlich so aussehen sollte: 70 % für die Witwe, je 10 % für die beiden Kinder Nicolaus und Barbara sowie je 5 % für die Enkel Axel Sven und Ariane. Springer habe nur noch eine mündliche Erbenvereinbarung aufsetzen können, die er, Servatius, niedergeschrieben habe, so Servatius. In der 22 Jahre später von Axel Sven angestrengten zivilrechtlichen Auseinandersetzung mit F. S. und Servatius ging es u. a. um die Frage, warum Axel Cäsar Springer in jenen Tagen eine Geburtstagskarte an seinen Freund Max Schmeling schreiben konnte, aber angeblich zu schwach war, ein neues Testament zu unterschreiben.

berlin_axel-springer-hochhausSpringer-Zentrale in Berlin [Bildquelle (cc) wikimedia]

Der damals 19-jährige Gymnasiast Axel Sven, der direkt von seinem Schweizer Internat angereist war und offenkundig keine juristische Beratung hatte, akzeptierte die Erbenvereinbarung, die seinen Erbanteil um 20 % auf nur 5 % reduzierte. Ernst Cramer, einer der engsten Freunde von Axel Springer, bekundete seine „Bauchschmerzen“ darüber, dass der Springer-Enkel nicht einmal über ein großes Risiko aufgeklärt worden war, dass er mit dieser Erbenvereinbarung einging: die mögliche Zahlung einer Schenkungssteuer in Millionenhöhe. Man kann sich vorstellen, wie überfordert Axel Sven war, dem mit allen Wassern gewaschenen Juristen Servatius gegenüberzustehen. Er hatte fünf Jahre zuvor seinen Vater verloren und war auch noch wenige Monate zuvor das Opfer einer Entführung geworden. Servatius hatte nicht nur Axel Svens Mutter nicht mit eingeladen, sondern womöglich auch dafür gesorgt, dass ein Exemplar des Testaments erst so spät abgeschickt wurde, dass der Springer-Enkel es nicht mehr rechtzeitig vor der Testamentseröffnung erhielt.  „Bitte erst am 28/10 verschicken“, steht auf dem Umschlag der Testamente in der Nachlassakte, in der Handschrift eines Beamten. 22 Jahre später versicherte Servatius vor Gericht, er wisse davon nichts und habe (als Testamentvollstrecker) keinen Kontakt zu dem amtlichen Rechtspfleger gehabt.

Zu juristischen Auseinandersetzungen kam es, weil F.S. an ihrem, auch in ihrer Biographie formulierten Ziel festhielt: Die Enkel aus dem Konzern hinauszudrängen und die alleinige Kontrolle auszuüben. 1996 beendete sie die Testamentsvollstreckung, übernahm die Geschäftsführung der Familienholding und kaufte Barbara und Nicolaus Springer deren Springer AG-Anteile ab. 2001 kündigte sie den Gesellschaftervertrag mit noch am Verlag beteiligten Erben, Axel Sven und Ariane. Deren Minderheitsrechte sollen beseitigt werden, unter anderem der Anspruch, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu schicken.2002 fochten Axel Sven und Ariane die Erbschaftsvereinbarung an. 2003 wurden den Enkeln in zwei Schiedsgerichtsverfahren  Veto-Rechte in der Familienholding zugesprochen. Trotz der oben beschriebenen halbseidenen Tricks, mit denen der Springer-Enkel übers Ohr gehauen und um 80 % seines Erbes gebracht wurden, kam die endgültige juristische Niederlage für Axel Sven vor einem Jahr, am 22.01.08. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg wies die Klage gegen Servatius’ Erbschaftsvereinbarung in zweiter Instanz endgültig ab. Auch ein weiterer Vertrag, mit dem sich F. S. weitere 10 % vom ursprünglichen Anteil ihres Stiefenkels sicherte, erklärten die Richter für rechtsgültig.

Die Finanzkrise und den damit verbundenen niedrigen Börsenkurs der Springer-Aktie nutzte F. S. 2008 für weitere Auftstockungen ihrer Aktienmehrheit an der Springer AG. Insgesamt erwarb sie mit einigen Transaktionen seit Januar 08 über 600 000 Aktien erworben; rund 2 % des Gesamtunternehmens. F. S. besitzt ein Privatvermögen von rund 3,2 Milliarden US-$ und landet damit auf Platz 26 (Stand 2007) der reichsten Menschen Deutschlands. (Quellen: 1, 2, 3, 4, 5)

Für das Superwahljahr 2009 wird man erwarten können, dass „die Welt“ und „Bild“ eifrigst für F. S.’s Busenfreundin Angela Merkel trommeln werden. Eine Hand wäscht die andere, wie es heisst. Gefahren für unsere Demokratie scheinen nicht nur an den „extremistischen, äußeren Rändern der Gesellschaft“ zu lauern…

3 Antworten zu „Oma F.’s Meinungsimperium“


  1. 1 tom Februar 2, 2009 um 9:38

    Schön, dass Du wieder schreibst :-)

    Hervorragender Artikel, gespickt mit interessanten Links. Hat sicherlich Zeit und Mühe gekostet (Recherche). Dieser Beitrag zeigt, wie wichtig es ist, sich aktiv zu informieren, anstatt sich von der dominierenden Meinungsmaschinerie berieseln zu lassen.

  2. 2 red.cloud Februar 3, 2009 um 2:55

    Hallo Tom, danke. Ja, ich bin schreibfaul, ich weiss :) Ich finde auch, dass die aktive und vertiefende Suche, nach dem, was man wissen will allen anderem überlegen ist – man vergisst es dann auch nicht mehr so schnell. Fühle mich allerdings meistens total überfordert von dem Informationsangebot, ein Tag müsste 100 Stunden haben, um dem allem hinterherzukommen…


  1. 1 Duckhome Trackback zu Februar 2, 2009 um 4:20

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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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