Der Neocon und die Grenzen der Empathie

Durch Zufall entdeckte ich diese kurze Notiz auf „shifting reality“, bereits vom 05.11.08. „Momorulez“ würdigt unter der Überschrift „Der letzte Pro-Bush-Blogger: Ich hab ihn lieb!“ Paul13, Betreiber des Blogs „No blood for sauerkraut“, und zwar

„Wirklich. Ganz ironiefrei. Das liest sich einmal mehr wirklich lustig, und es ist wie immer auch was dran (und zitiert aus einem Kommentar Paul13′ zur Wahl Obamas):“

“Aber letztlich ist all das fast egal, denn mit dem Wechsel vom verhaßtesten, bösesten, dümmsten und häßlichsten zum beliebtesten, gütigsten, klügsten und bestaussehendsten US-Präsidenten – sprich von Teufel und Beelzebub in einer Person zum ultimativen Erlöser des 3. Jahrtausends – wird leider auch jene schaurig-schöne Phase zu Ende gehen, in der sich von Politikern über Medien und Intellektuelle bis hin zum einfachen Volk alle in selten gekannter Eintracht als grenzdebile Volltrottel entlarvt haben.”

(ich erspare dem Leser den Rest von Paul13′ Artikel, der hier nachzulesen ist)

Nun steht “momorulez“ selbstverständlich unbenommen das Recht zu, zu würdigen, wen er will und witzisch zu finden, was er will. Und auch „Paul13s’ “ Recht auf seine Meinung und politische Ansichten steht für mich in keiner grundsätzlichen Weise in Frage. Ist denn aber „Paul13″ selbst dazu bereit, anderen dasselbe zuzugestehen? Offensichtlich nein, zumindest wenn man obiges Zitat genauer betrachtet, das aussagt:

1. Alle Obama-Unterstützer laufen einer absurden Erlöser-Illusion hinterher und sind daher eigentlich nicht zurechnungsfähig
2. Obamas Vorgänger Bush wurde von seinen politischen Gegnern gnadenlos demagogisch und selbstverständlich vollkommen ungerechtfertigt niedergemacht – so etwa standen weder die USA noch die Welt am Ende der Amtszeit eines Präsidenten jemals besser da als genau jetzt
3. Alle Bush-Kritiker, quer durch alle Bevölkerungsschichten, sind „grenzdebile Volltrottel“

-Schön, mag man sagen. Präsident Bushs weltweite Beliebtheit bewegt sich zwar irgendwo zwischen Irans Rumpelstilzchen Ahmahdinedjad und dem „lieben Führer“ Nord-Koreas, Kim Jong Ill, aber rund 67% der Weltbevölkerung sind ja, laut „Paul13″, „grenzdebile Volltrottel“:

wpo_leaders_jun08_graph2Weltweites Vertrauen in Bushs Weltpolitik, oder mit den Worten von „Paul13″: Weltweite Dichte „grenzdebiler Volltrottel“

In einem anhängigen Kommentar zu seinem Post bricht sich „momorulez“ ‘ Begeisterung endgültig Bann:

„Paul, ich finde Deine Standfestigkeit super! Das muß ich ja doch hier mal loswerden, und das kommt wirklich von Herzen! Zudem mir ja auch dieser Irak-Krieg viel Probleme bereitet hat als anderen Linken, ich konnte immer gar nicht so richtig gegen den wettern und bin da lieber auf die Abstraktion ausgewichen [...]„

Der liebe „momorulez“ tut in treuteutonischer Tradition gerade so, als wäre „Standfestigkeit“ ein Wert an sich. „Deine Ehre heisst Treue“ – oder was? An einem alten, unverbesserlichen Nazi-Onkel in der Familie bewundert man ja auch nicht seine „Standfestigkeit“ (wobei das hier kein auf-dieselbe-Stufe-stellen sein soll). „Paul13″ mag persönlich ein netter Mensch sein; die von ihm vetretende Neocon-Ideologie enthält aber u. a. folgende „Bonmots“:

Demokratie und Marktwirtschaft westlichen Zuschnitts haben sich quasi sozialdarwinististisch historisch als beste aller Gesellschaftsordnungen durchgesetzt und sind daher nicht hinterfragbar (Fukuyama, Bush-Doktrin)

Archaische Gesellschaftsentwürfe – also alle anderen außer der westlichen – sind beständige Quelle von Konflikten, Gewalt und Bedrohung der US-amerikanischen Sicherheitsinteressen; daher muss die westliche Konzeption von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit, notfalls mit Gewalt, verbreitet werden (Huntington, Bush-Doktrin)

Die USA sind das wichtigste Land der ganzen Welt, ein leuchtendes Vorbild für dieselbe und par quasi-natürlichem Recht Hegemon („America first!“)

Es ist wichtig und richtig, dass politische Eliten „ihrem“ Volk einen Mythos als „notwendige Illusion“ vermitteln, an den der kleine Mann glauben kann. Das ist deshalb notwendig, weil der schädliche Liberalismus den kleinen Mann dazu bringt, alles anzuzweifeln, was die Grundlagen der Gesellschaft zerstört. Die Elite selbst muss nicht notwendigerweise selbst an diesen Mythos glauben (Leo Strauss).

In diesem Artikel geht es nicht eigentlich um „momorulez“ und „paul13″; sie dienen nur als Aufhänger. Es geht auch nicht um eine Kritik am Neokonservativismus – unnötig, denn selten dürfte jemand in nur acht Jahren so derartig und in jeglicher (ökonomisch, moralisch, militärisch, politisch) Hinsicht abgewirtschaftet haben wie die Neocons. Es geht um etwas, was ich den typischen linken „Egalismus“ nennen will. Es gibt unter „den Linken“ im allgemeinen (fast) keinen „Korpsgeist“, kein „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, nicht mal ein ausgesprochenes „Wir-Gefühl“. Und das ist ja auch in Ordnung so. ABER: Die Folgen der oben angedeuteten Neocon-Ideologie; das und das, das, das und das, das, das, das und dasDAS sollten und dürfen „wir“ den Neocons niemals vergessen. Und es niemals wieder soweit kommen lassen…

neocons1pitaficom1

„Laden Sie Neocons hier ab“, (Quelle)

4 Antworten zu „Der Neocon und die Grenzen der Empathie“


  1. 1 Sebastian Januar 31, 2009 um 12:25

    NBFS ist ja hin und wieder in den wordpress.com-Charts oben vertreten, ich schaue dann immer mal wieder rein um mich ein wenig zu amüsieren. Es wird allerdings weniger, man sieht das Blog kaum noch oben, genau wie die Freunde der offenen Gesellschaft. Scheint ein wenig aus der Mode zu kommen, ist jetzt aber auch nicht sooo wild.

  2. 2 momorulez Januar 31, 2009 um 10:58

    Biste Maoist, oder was? Der Mann/die Frau für’s Tribunal mit Richtlinienkompetenz? Falls Du das:

    „sollten und dürfen “wir” den Neocons niemals vergessen“

    durchhälst, ist das treuteutonisch – Deine Ehre heißt Treue, oder was?

  3. 3 red.cloud Januar 31, 2009 um 12:15

    @ Sebastian

    Ich meinte den Artikel auch nicht als Kritik an paul13s’ nbfs – glaub kaum, dass es viel Sinn hätte, wenn ich mit dem debattieren wurde- , sondern an momorulez und seiner vorbehaltlosen Bereitschaft, einen dieser Polit-Amokläufer schon wieder zu busseln. Es ist ja schön, wenn sich Menschen lieb haben, aber als selbstbezeichneter „Linker“ bei einem „wirtragendemokratieundmarktwirtschaftmitfeuerundschwert-indiewelt“-Ideologen, ausgerechnet die Standfestigkeit zu bewundern, und das in der jetzigen Weltlage, das ist doch schon fast Realitätsverweigerung…

  4. 4 red.cloud Januar 31, 2009 um 12:26

    @ momorulez

    „Biste Maoist, oder was?“

    Nein, ich hab fertig studiert :)

    „[...] Tribunal mit Richtlinienkompetenz“,

    Was ist das denn? Soweit ich weiss, hat die Legislative die Richtlinienkompetenz und nicht die Judikative?

    „Falls du das …durchhälst, ist das treuteutonisch…“

    Geschenkt. Ich wollte Dich damit nicht persönlich beleidigen, sondern nur etwas überspitzt deutlich machen, dass nur „Standfestigkeit“ eben kein Wert an sich ist, sondern es durchaus darauf ankommt, bezüglich welcher Auffassungen man standfest ist.


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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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