Deutsche Identität in der Fremde

Mit Erschrecken musste ich vor kurzem feststellen, dass ich tatsächlich stolz bin, Deutscher zu sein. Allerdings nur hier in Ostafrika. Nicht auszuschliessen sogar, dass ich am Sonntag, wenn Deutschland spielt, beim Absingen der Nationalhymne, aufstehen, die Hand auf die Brust legen werde und als einziger in der ganzen biergeschwängerten Bar laut mitsingen werde. Naja – soweit wird es wohl doch nicht kommen. Ich habe mich lange gefragt, woher dieser plötzliche Anflug von Nationalstolz kommt –denn eigentlich ist es ja albern, auf etwas stolz zu sein, was nur eine Laune des Schicksals und nicht der eigene Verdienst ist; von der unheilvollen Geschichte des deutschen Nationalstolzes mal ganz abgesehen (ein „wenig“ haben „wir“ Deutschen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika schließlich auch rumgemetzelt, im Krieg gegen den Wahehe-Tribe in den 1890ern und im „Maji Maji“-Aufstand 1905).

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Nationalstolz von der „Andersartigkeit“ kommt – meiner „Andersartigkeit“. Wenn man nicht als Tourist im Land ist (ich arbeite ja hier), nicht in abgeschotteten Touristenfestungen residiert, nicht von einem Haufen serviler Dienstleister umgeben ist und ansonsten in fast derselben „gut weissen“ Gesellschaft wie zu Hause auch, dann nimmt man Tanzania anders war (ich las neulich in einer Anzeige, dass irgendeine Tourismusmesse in einem der „paradiesischsten Länder der Welt“ stattfinden würde: Tanzania – und hielt das zunächst für ein zynischen Witz). Darüber hinaus gibt es für mich kaum etwas abgeschmackteres als diese ganze bestimmte Klientel mittelalterlicher Touristinnen, die am Kilimanjaro Airport (dem Touristenflughafen) aus dem Flugzeug stolpern, sich von Kopf bis Fuß in Massaitücher wickeln und sich ab jetzt als „weisse Massai“ fühlen und sich – als Höhepunkt der Abgeschmacktheit – noch einen 20 Jahre jüngeren afrikanischen Lover einkaufen. Eigentlich müssten sie der besagten Laune des Schicksals auf Knien dafür danken, keine jener halbverhungerten, abgearbeiteten Gestalten zu sein, welche die Massai ihre Frauen schimpfen.

Tatsächlich wird derjenige, der sich nicht in der von der afrikanischen Realität abgeschotteten Touristensphäre bewegt – und das heisst, konfrontiert zu werden, mit Lebenssituationen, in die man sich nicht mehr hineinversetzen kann, monatelang die Muttersprache nicht sprechen oder auch nur mit jemandem zu tun zu haben, der eine entfernt ähnliche kulturelle Prägung hat – bald überwältigt vom Gefühl der eigenen Fremdheit. „Was mache ich überhaupt hier?“ – ist dann die klassische Frage, wenn mal wieder nichts funktioniert, mit europäischen Verstand gefasste Pläne nicht aufgehen, man sich beleidigt oder verarscht fühlt vom Verhalten von Afrikanern, dass man eventuell nur einfach nicht versteht, oder wenn man, im Extremfall, betrogen, beraubt oder entführt wurde und die korrupten Behörden einem auch nicht weiterhelfen. Dann können einen nur echte, wahre Freundschaften trösten, die dann allerdings grandios sind in Herzlichkeit und Loyalität und auch in der Entdeckung, dass, wenn man eine individuelle Ebene gefunden hat, kulturelle Unterschiede eigentlich gar nicht mehr existieren: Der Typ da gegenüber, der ist genau wie ich, der mag Bier, Fußball, Zigaretten, Gitarrespielen und Frauen und der hat genau die gleichen Sorgen, wie es wohl in Zukunft mit ihm weitergeht… Sie sind allerdings rar, diese Freundschaften, abseits des eigennützigen Interesses: Viele Tanzanier suchen „Freundschaften“ mit „reichen“ Europäern, weil sich durch die jahrzehntelange „Entwicklungs“-Hilfe eine Geber-/Nehmer-Mentalität herausgebildet hat; umgekehrt erwischt man sich als Europäer immer wieder dabei, aus Bequemlichkeit auch die kleinsten Sachen durch seinen „Freund“ erledigen lassen zu wollen oder aus einer diffusen Ängstlichkeit zu erwarten, dass er dich überall hin begleitet; der „Freund“ avanciert dann immer mehr zum Dienstboten oder Bodyguard. 

Meistens bleibt die kulturelle Wand undurchdringlich, und inmitten der afrikanische Gesellschaft verwandelt man sich von einem Individuum mit Namen, Lebensweg, Schwächen und Stärken in den „Mzungu“ (kiswaheli für „Fremder“, „Reisender“, „Europäer“). Und es ist nicht mal „böse“ oder irgendwie rassistisch gemeint, es ist tatsächlich nur die „Andersartigkeit“ des Aussehens (eigentlich nicht einmal der Hautfarbe, es gibt ja Albinos, die sind sogar noch „weisser“), gepaart mit ausgeprägten Halbwissen über Europa aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen, jedoch kräht es einem in Städten und Dörfern abseits der Touristenpfade wohl hunderte Male hinterher,von  kleinen Kinder, Heranwachsenden, selbst Erwachsenen, die dich nicht kennen, als sei das dein Vorname. Und so wird es Realität, Identität, deine Hautfarbe und dein Land, das für dein Selbst, zumindest in der vertrauten Umgebung deiner Heimat, eigentlich keine Rolle spielt, wird Sinnbild für dich – und wenn man einen etwas trotzigen Charakter hat – zu Stolz.

Und plötzlich lässt man auf Deutschland nichts kommen  – das Land, wo es niemals zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt, Infrastruktur, der Staat und seine Behörden funktionieren und alle Menschen pünktlich sind, das beste Auto der Welt, Mercedes, produziert wird und die besten Sportler der Welt, Michael Schumacher und Michael Ballack herkommen… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sofort wieder anfangen, auf das Land schimpfen, wie alle anderen anständigen Deutschen auch (und das – verdammt noch mal – völlig  zu Recht!), aber zumindest in den ersten Wochen allen kleinlichen Komfort geniessen (Heisses Wasser! Aus der Leitung! Internet, wann immer ich will! Bücher! Deutsches Fernsehen! Waschmaschine! Mutterns Küche!). Darauf freue ich mich schon.

7 Antworten zu “Deutsche Identität in der Fremde”


  1. 1 .markus Juni 8, 2008 um 11:28

    Bei meinen zwei Monaten in Indien – in denen ich zwar “nur” als Rucksacktourist unterwegs war – ist es mir ähnlich ergangen. Man erfährt plötzlich seine Identität, die man in Deutschland/Europa entweder diffus oder überhaupt nicht spürt.
    Hier bin ich ein “entwurzeltes” Individuum, das sich mit jugendlichem Trotz gegen sein angeborenes Kulturumfeld wehrt und nicht nach Nationalität oder nationaler Mentalität beurteilt werden will.
    Im ferneren Ausland hat man täglich den Kontrast und muss erkennen, wie sehr man doch Europäer/Deutscher ist. Stolz ist ein schwieriges Wort, allzu diskussionsbeladen und vorvereinnahmt, aber doch irgendwie zutreffend.

  2. 2 red.cloud Juni 8, 2008 um 5:19

    “…zwar “nur” als Rucksacktourist unterwegs…”

    Ich war auch immer Rucksacktourist und weigere mich heute noch, einen dieser albernen Koffer-Trolleys zu benutzen. “Backpackers” sind ja was anderes als die im Text beschriebene Sorte von Pauschaltouristen, die von sich behaupten in einem Land gewesen zu sein, in Wirklichkeit sind sie jedoch in einem Hotel in einem Land gewesen.

    Stolz – ja, vielleicht ist es mehr Trotz. Und seltsamerweise werden Fragen nach der Identität hauptsächlich in Abgrenzung zu Anderen/Anderem aufgeworfen, als könne man nur wissen wer man ist, wenn man weiss, wer man nicht ist.

  3. 3 silverblick Juni 8, 2008 um 8:11

    Das mit der Abgrenzung ist glaube ich sehr, sehr richtig… Praktisch niemand, will ich behaupten, hat die Distanz zu sich selbst, um sich selbst ich sag mal im Blick zu haben. Man sieht nur die anderen und denkt: Nö, das bin ich nicht.

    Dass die Abgrenzerei einen großen Haufen an Nebenwirkungen an, muss ich wohl nicht dazu sagen.

    Sonst denke ich wie du, dass sich dein Gefühl diesbezüglich wieder legen wird. Einfach eine halbe Stunde mit dem Fahrrad durch die Innenstadt und du wirst dir wünschen, in Lappland o.Ä. zu leben…

  4. 4 red.cloud Juni 9, 2008 um 2:14

    Hey, ich wünschte mir schon immer in Lappland o. Ä. z. B. Island zu leben… Ich verstehe gut, was Du mit “Distanz zu sich selbst, um sich selbst in Blick zu haben” meinst. Hatte oft das Gefühl, dass ich derjenige bin, der am wenigstens weiss, wie er wohl auf andere Leute wirkt, ich kanns ja nicht beobachten – und werde trotzdem dafür verantwortlich gemacht. Ungerecht!

    “Distanz zu sich selbst” heisst für mich aber auch, sich nicht zu wichtig zu nehmen und nicht zu vergessen, dass man als einzelner Mensch nur ein Blatt im Herbstwind ist und die Welt vermutlich auch ohne einen funktioniert…

  5. 5 silverblick Juni 9, 2008 um 8:10

    Das sehe ich auch so. Es ist ja oft amüsant, wie manche Leute sich für den Mittelpunkt der Welt halten und dabei eine Weitsicht haben, dass sie gerade noch die Kaffeetasse auf ihrem Schreibtisch oder die Kamera vor ihrer Nase sehen können…

  6. 6 Laura August 31, 2008 um 10:17

    Sehr gut getroffen! Genauso ging es mir auch während eines 10-monatigen Aufenthaltes in Burundi. Schön, zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, die sich so exponiert gefühlt hat. Und dann auch noch die Sache mit dem Patriotismus… Ich muss ehrlich sagen, dass ich mein Land seit meinen Erfahrungen in Ostafrika sehr zu schätzen weiß. :-)

  7. 7 red.cloud September 3, 2008 um 4:49

    @ Laura
    Danke. Und ich hab mich auf irgendwelchen Konferenzen von Entwicklungs-Aktivisten und Ostafrika-Reisenden auch schon so ausgegrenzt gefühlt, weil die immer alles so toll, toll, toll fanden :) Dabei glaube ich fast, wer die negativen Konsequenzen des “cultural clash” (die u. a. darin liegen, dass die grundsätzlichen Werte, mit denen man aufgewachsen ist, hinterfragt werden müssen) nicht erlebt hat, war gar nicht wirklich “abroad”.


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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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