Indian Love, oder: Der Preis ist heiss

Eine Warnung vorweg: Dieser Text ist völlig subjektiv

Gut, ich kann das beurteilen, ich war ja gar nicht in Indien, sondern in Bangladesh (das als Provinz Bengalen bis 1949 das Armenhaus Indiens war und bis 1971 als Ost-Pakistan das Armenhaus Pakistans und nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg heute nur noch ein Armenhaus ist). Aber ich habe eng mit einer indischen Kollegin zusammengearbeitet, bis auf die letzten Tage unseres Aufenthaltes, wo wir nicht mehr gearbeitet haben (falls jemand nicht versteht was ich damit meine, nähere Erläuterungen dazu gibt es nicht). Nun kann ich mir ja schon aus professionellen Gründen keine „eurozentristische“ Einstellung anderen Kulturkreisen gegenüber leisten und will das auch gar nicht, aber was mir Miss G. von dem doppelmoralischen indischen Zwangs-Heiratsregime erzählt hat, dessen sie sich ausgesetzt sieht, lässt mich an meinen Grundsätzen zweifeln… Die meisten werden ja Indien – wenn überhaupt – hauptsächlich aus Bollywood-Filmen kennen und wie hier schon angemerkt, ahnt man beim Betrachten der ganzen bunten und in unseren Augen zweifellos unsäglich kitschigen Bilder – es geht immer nur um Liebe, Liebe, Liebe und am Ende wird geheiratet (Augenrollen) – gar nicht, wie verlogen das alles ist. Für die durchschnittliche Inderin ist es nämlich völlig ausgeschlossen, sich verlieben und den Auserwählten dann zu heiraten (traurig, aber wahr, liebe Männer, normalerweise sind es nicht wir, die auswählen). Es sei denn, alle Bedingungen stimmen zufällig und beide Familien, hauptsächlich die des Mannes, sind einverstanden. Oder sie gehört der neuen Yuppie-Generation von Programmierern (der indische Programmierer ist, tatsächlich, kein Klischee) in Mumbay oder Delhi an und verdient das 150-fache Einkommen ihrer übrigen Familienmitglieder – aber das sind natürlich meistens Männer. Und die besagten Bedingungen sind eine Menge: eine gute Familie muss es sein und das orientiert nicht etwa am Charakter sondern am Status im offiziell verbotenen indischen Kastensystem, möglichst wohlhabend muss die Familie sein, aus der gleichen Region kommen, eine möglichst helle Hautfarbe haben, der gleichen Religion/Konfession (hinduistisch, buddhistisch, muslimisch, römisch-katholisch, koptisch oder protestantisch) angehören und, der entscheidene Punkt: Der Preis ist heiss. Der Preis, den die Familie der Frau bereit ist zu zahlen, damit sie den Mann heiraten darf. Ja, lieber Leser, du hast dich nicht verguckt:

Das indische Heiratsregime zwingt junge Frauen um Mitte 20 auf einen Markt, ausgestaltet in Zeitungsannoncen oder Internetanzeigen, auf dem die Familie der Frau z. T. astronomische Summen dafür bezahlen muss, ihr Kind verheiratet zu kriegen.

Und nicht nur wenn ich mir überlege, was meine künftige Frau alles wird mit mir durchmachen müssen, ist das eine völlige Verquerung der Verhältnisse. Natürlich ist es laut indischem Gesetz verboten, dass Bargeld gezahlt wird, genauso wie das Kastensystem verboten ist und es immer noch alltäglich sein soll, dass ein Brahmane einem Unberührbaren nicht die Hand gibt – er könnte sich ja “beschmutzen”. Tatsächlich sind solche gesellschaftlichen Apartheidssysteme wohl so tief verankert, dass ein Unberührbarer selbst einem Brahmanen nicht die Hand geben würde, weil er fürchtet, ihn zu “beschmutzen” bzw. dass ein indischer Mann und eine indische Frau, die einander in tiefer Liebe verfallen sind, sich sagen: oh – das geht ja nicht, er/sie hat eine andere Religion, anderen Kastenstatus, sie kann nicht genug zahlen/ist nicht mindestens drei Jahre jünger als er… Deshalb bringen 10 oder 20 Jahre alte Gesetze gegen ein archaisches Gesellschaftssystem, das viele 1.000 Jahre alt ist, nichts. Weil Bargeld also verboten ist, nimmt die Familie des Mannes also „Geschenke“ an: Haustiere, Gold, Hauseinrichtungen, Golde, Kühlschränke, Fernseher, Stereoanlagen, Gold bis hin zu Autos.

Das indische Verheiratungsregime, bei dem der Preis von Frauen steigt, nur weil sie über 30 sind, das ganze Gegenteil von einem nett lächelnden, ruhigen Püppchen sind (tatsächlich kann Miss G. einem über den Mund fahren, dass von einem nur noch die Schuhe übrigbleiben), weil sie Topmanagerinnen mit drei Universitätsabschlüssen sind, ist eine verdammte Schande. Echte Männer nehmen kein Geld dafür, dass sie eine Frau heiraten – ist das nicht ein Art Prostitution oder auch Bezness[1]? Wahrscheinlich haben die Inder der späten Bronzezeit herausgefunden, dass sie – verglichen mit ihren Frauen – im Durchschnitt ziemlich unansehnlich sind[2] und deshalb einen Ausgleich geschaffen, weil ihnen sonst Ausländer alle ihre Frauen wegschnappen würden. Ich denke, wir Nicht-Inder sollten genau das tun und deshalb, meine Herren, wenn schon heiraten, dann Inderinnen!


[1] Dieser Begriff ist tatsächlich eine Wortbildung aus dem arabischen Wort für Geschlechtsverkehr und business – wie mir eine Kollegin mittlerweile erklärte

[2] Selbst heute noch gilt in Indien ja ein Sharuk Khan, der in etwa so schön ist wie die gemeine afrikanische Tüpfelhyäne, als Sexsymbol

5 Antworten zu “Indian Love, oder: Der Preis ist heiss”


  1. 1 Fragezeichen Mai 27, 2008 um 11:25

    Danke, für die Einladung zu diesem Gedankengang! Toleranz und der Gedanke von Gleichwertigkeit scheint schwer zu verwurzeln zu sein. Anstatt das Vielfalt sich durchdringt, werden Grenzzäune gezogen. Wie störrisch doch der Mensch sein kann, auf einem Weg sich selbst zu befreien. Warum diese Angst vor anderen Anschauungen? Wie schön, das wir hier den Liebenden alles selbst überlassen!
    Das alles macht mich sehr nachdenklich. Ich denke oft darüber nach, wie der Mensch mit Andersartigkeit umgeht. Ihre Schilderung gibt mir einen guten Hintergrund, zu dem ich darüber neu nachsinnen kann.

  2. 2 red.cloud Mai 27, 2008 um 7:01

    Die Frage für mich, wenn ich sowas höre, ist ja eher, wie weit der Respekt vor anderen Kulturen geht und wann die persönliche Grenze erreicht ist und man die eigenen Werte von Freiheit, Offenheit, Gleichberechtigung usw. hochhält. Habe ich das Recht, das innerhalb einer fremden Kultur zu tun? Und nützt das überhaupt was? Aus der Ferne würde man wohl sagen: ja klar, aber bei persönlichen Konfrontationen ist das immer eine schwiere Abwägungsentscheidung.

  3. 3 Fragezeichen Mai 27, 2008 um 9:03

    Red Cloud
    Nach meiner Erfahrung macht der Mensch nur die Gedankenschritte, für die er bereits vorbereitet ist. Liegt nichts an Vorbereitung vor, scheitern meist Versuche zur Erreichbarkeit. Dann hat es auch wenig Sinn die eigenen Überzeugungen kundzutun und man tut besser daran höflich und zurückhaltend zu bleiben. Viele wollen sich ja auch in einem Gebäude abschließen, weil ihnen dies Sicherheit und Ruhe gibt. Der Mensch, der bereit ist auch seine Überzeugungen in Frage zu stellen, ist eher ein seltenes Exemplar. Manche fühlen sich auch bedroht, wenn neue Sichtweisen zu Erschütterungen führen können. Dann wird sich instinktiv verteidigt. Wenn es nicht gegen die Sache funktioniert, wird auch auf persönliche Angriffe zurückgegriffen. Manchmal ist Abgrenzung aber auch ein sinnvoller Vorgang.
    Es hilft nichts, man muss immer wieder neu schauen, wen man vor sich hat. Man muss ja nicht eigensinnig bei dem bleiben, was man vorbringen wollen würde und könnte sich stattdessen auf das konzentrieren, wo sich Hilfsbereitschaft und Erreichbarkeiten treffen. Etwas finden, was man ins Positive wenden kann, ist eigentlich immer gegeben und man sollte auch lernen mit kleinsten Veränderungen zufrieden zu sein. Sich auf angenehme Art begegnet zu sein, ist auch viel Wert.
    Es wird spannend bleiben, wohin Sie Ihre Wertevergleiche führen werden. Für einen Weltreisenden sollte man immer ein offenes Ohr übrig haben. Es gibt viele Gründe Relationen zu übersehen, wenn man sich nur in eigenen Bezügen und im eigenen Kulturkreis bewegt. Wie oft wurde schon etwas missachtet, nur weil es als selbstverständlich erachtet wurde. Ihr Lebenshintergrund wird Sie davor bewahren und deshalb verfolge ich auch gerne den Werdegang Ihres Blogs. Sie werden uns noch viele wertvolle Gedankengänge anbieten!

  4. 4 red.cloud Mai 28, 2008 um 5:25

    “Nach meiner Erfahrung macht der Mensch nur die Gedankenschritte, für die er bereits vorbereitet ist.”

    Klingt mir ehrlich gesagt zu deterministisch, fast religiös (Vorsehung und so). Ich finde immer, man sollte sich dafür hüten, sich einzureden, man hätte sein eigenes Leben nicht selbst in der Hand. Das wird sonst zur “self fulfilling prophecy” und plötzlich ist man nur noch ein armes, herumgestoßenes Etwas. Und was Kulturkreise angeht – auch hier gibt es ja die Möglichkeit auszubrechen, Kulturen sind zwar prägend, aber doch nicht zwangsläufig lebensentscheidend.

    P.S. Ich bin übrigens kein “Weltreisender”, schön wärs ja, ich arbeite hier nur.

  5. 5 Fragezeichen Mai 29, 2008 um 10:06

    “Nach meiner Erfahrung macht der Mensch nur die Gedankenschritte, für die er bereits vorbereitet ist.”

    Mag sein, das das zu generell klingt. Aber kennen Sie auch nur eine öffentliche Diskussion, zu der sich einer währenddessen von besseren Argumenten überzeugen lies ? Sie gehen alle erst mal nachhause. Und auch privat erlebe ich keine Beweglichkeit. Mit Glück gibt sich jemand nach zwei Wochen zu erkennen,falls er etwas überdacht hat.
    Ich denke schon das Sie Weltreisender sind. Zu arbeiten kann doch auch von Vorteil sein. Es werden Teams gebildet und Sie kommen gleich in Kontakt mit Menschen, mit denen Sie sich austauschen können. Als Tourist hätte man vielleicht schwierigere Anbahnungen.


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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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