Witchcraft – Hexenglaube in Ostafrika

RIESIGE HEXENVERBRENNUNG – 11 TOTE brüllt uns der „Kölner Express“ [1] in seiner Online Augabe in RIESIGEN BUCHSTABEN entgegen, findet es

„Unfassbar! Es gibt auf der Welt tatsächlich noch Hexen-Verbrennungen.“

Und berichtet fassungslos, dass in einem Dorf im Kisii-Distrikt in Kenia am vergangenen Mittwoch 11 Frauen und Männer im Alter von 80 bis 96 Jahren brutal vom Mob ermordet wurden. Außerdem hätten zahlreiche Dorfbewohner Verständnis für die Tat geäußert, da die Polizei sie nicht vor Hexerei schützt. Als Erklärung hat das Blatt anzubieten:

„Hexenglaube ist in der Region weit verbreitet.“

Das wars. Afrika mal wieder. Tss, tss. Der „verlorene Kontinent“. Hoffnungslos. Die machen sogar noch Hexenverbrennungen, in der modernen Zeit, wo wir doch die letzte Hexe schon vor 250 Jahren verbrannten… Da schüttelt der aufgeklärte Europäer das weise Haupt, legt den „Express“ oder auch „Die Zeit“ beiseite, in der dasselbe steht, nur mit Haupt- und Nebensätzen, schaltet DSDS ein und hat dabei nicht mal den geringsten Hauch einer Ahnung davon, was in der Welt tatsächlich alles sonst noch so vor sich geht…

Eine etwas detailliertere Aufklärung aus erster Hand findet sich wieder mal nur bei der guten, alten Tante BBC und nicht der klaustrophobisch nach innen fixierten, deutschen Presse. Demnach seien 19 Dorfbewohner festgenommen worden, die das Massaker vielleicht nicht selbst durchgeführt, aber angestiftet hätten. Sie hätten eine Liste der Opfer mit angeblichen Beweisen erstellt und der Mob habe diese einzeln aus ihren Häusern gezerrt. Das Dorf sei von der Polizei besetzt, um alle Schuldigen zu verhaften und Racheaktionen zu verhindern. Es sei in der Region in der Vergangenheit mehrmals zu ähnlichen Übergriffen gekommen, bei denen angebliche Hexen ermordet oder vertrieben wurden – die hohe Zahl an Opfern sei jedoch überraschend. Die Hinterbliebenen der Opfer hielten sich versteckt – sie fürchten um ihr Leben.

Was ist nun dran an diesen „primitiven Stammeskulten“, dem „Vodoo“ oder der „witchcraft“, dem diese unverbesslichen Afrikaner immer noch in Scharen anhängen? Zunächst mal ein persönlicher Eindruck: Hexerei kommt im Alltag, zumindest hier in Tanzania nur in zahlreichen Horrorfilmen der nigerianischen Videoindustrie („Nollywood“) – und im Fußball vor, wo z. B. Amulette und Reliquien im Torraum vergraben werden. Bezüglich des beliebten Themas „witchcraft“ in Horrorfilmen gibt es soziologische Theorien darüber, dass sich Afrikaner in vielen Ländern die unfassbaren Einkommensunterschiede und Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaften nicht mehr mit Korruption erklären können, sondern mit übersinnlichen, bösen und antichristlichen Hexenkulten (z. B. „vulture occult“). Eine ausführliche Beschreibung des Problems findet sich im britischen „Independent“, in einem Artikel über Tanzania vom 28.11.2005. Korrespondent Oliver Duff berichtet aus Mwanza (Lake Victoria), dass in abgelegenen Regionen des Landes womöglich pro Jahr über 1.000 hauptsächlich alte Frauen, die keine Kinder haben, um sie zu beschützen, Hexenverfolgungen zum Opfer fallen. Er benennt Einzelschicksale: Die 70-jährige Lemi Ndaki aus dem Dorf Mwamagigisi, drei Autostunden entfernt von Mwanza, die eines Nachts vor 19 Jahren gerade noch den Arm zwischen sich und die auf sie niedersausende Machete bringen konnte, von dem durch ihre Schreie geweckten Nachbarn gerettet wurde und deshalb „nur“ den Arm verlor. Ng’wana Budodi, Kabula Lubambe, Helena Mabula, Ng’wana Ng’ombe und ihr Mann Sami aus demselben Dorf wurden erschossen, erstochen, erschlagen oder verbrannten in der angezündeten Hütte.

Betroffen seien hauptsächlich die Distrikte Mwanza, Shinyanga und Tabora, die mehrheitlich vom Sukuma-Tribe bewohnt werden, fährt Duff fort, die tanzanische Regierung tue nichts und verharmlose das Problem in ihren offiziellen Statistiken: Von 1970 bis 2003 sei es zu 3.072 Todesopfern gekommen, lautet eine Angabe, während ein Report einer Regierungskommission von 1989 allein zwischen 1970 und 1983 schon 3.593 angezeigten Todesopfer durch Hexenverfolgungen angebe und laut inoffiziellen Angaben eines Polizeibeamten eine interne Studie des Innenministeriums für die Zeit zwischen 1994 und 1998 über 5.000 Todesopfer festgestellt habe.

Dorfbewohner machten für persönliche Schicksalschläge: ein gestorbenes Kind, schlechte Ernten oder unbefriedigende Farmansiedlungen; Hexen verantwortlich und es gäbe Banden von professionellen Killern, die von Dorf zu Dorf zögen um sie zu beseitigen. Die gegenwärtige Bezahlung liege bei umgerechnet 100 US$ oder einem Rind. Manchmal breche auch der offene Lynchmob aus und die Opfer werden massakriert – oft sogar angestiftet durch eigene Familienmitglieder. Die Ursache für die Morde an angeblichen Hexen liege darin, so Duff, dass das Leben für die Bauern in diesen abgelegenen Region so hart sei und sich Nachbarn und Verwandte in einem harten Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen befinden. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt bei 330 US$, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 46 Jahren. Es gibt keine Elektrizitätsversorgung, das Wasser ist knapp und die Ernteerträge schwanken stark, die Häuser sind aus Lehm mit Strohdächern. Während der Regenzeit sind die Dörfer größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten, was auch erklärt, warum Behörden nicht viel tun können. Seuchen wie Malaria, Typhus, Polio, Dysenterie und v. a. HIV/AIDS sind für viele Bauern tödliche Schicksalsschläge bei mangelnder Hygiene, Bildung und Gesundheitsversorgung, die sie sich mit Hexenkraft erklären.

Die Problematik, dass es beim Konkurrenzkampf einer trotz allem wachsenden Bevölkerung um knappe Ressourcen zu Gewaltausbrüchen bis Bürgerkriegen kommen kann, benennt die Malthus-Theorie. Sie besagt, dass es bei grundsätzlich exponentiellem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig aber nur grundsätzlich linearem Anstieg der Nahrungsmittelproduktion[2] zu einer wachsenden Lücke zwischen beiden Kurven und damit einer wachsenden Ressourcenknappheit kommen muss. Die Theorie würde auch erklären, warum in Europa die Hexenverfolgungen mit der beginnenden Industrialisierung aufhörten. Oliver Duff bietet auch noch eine andere Erklärung für die „Hexen“-Morde im subsaharischen Afrika an: Der Zusammenbruch des traditionellen, dörflichen Stammessystems[3]: Lokale Chiefs wurden abgelöst durch weit entfernt residierende Regierungsbeamte, die nicht im Dorf sozialisiert sind. Eine Rechtsordnung besteht, die nur theoretisch ist, da sie in den weitabgelegenen, infrastrukturell unerschlossenen Dörfern nicht exekutiv durchgesetzt werden kann. In diese Autoritätslücke stoßen „traditionelle“ Heiler: „witch doctors“ – oftmals Hasadeure und Betrüger, die letzte Reste des traditionellen Glaubens für ihre geschäftlichen Machenschaften ausnutzen. Eine Hexendoktorin erklärte es Oliver Duff:

„Wenn du eine unbekannte Krankheit hast, heisst dass, Hexerei ist im Spiel. Geister erzählen mir, wer die Hexe ist, wenn ich schlafe. Das erzähle ich dann dem Patienten. Wenn dieser stirbt, wollen die Verwandten die Hexe töten. Es ist zur Sicherheit.”

Es ist also viel plausibler, dass die Hexenglaube und Hexenverfolgungen im subsaharischen Afrika nichts mit „primitiven Stammeskulten“ zu tun hat, sondern eher mit dem Zusammenbruch der traditionellen Dorfgesellschaften. Aber dies und Erklärungen wie die Malthus-Theorie gehen der deutschen Presse natürlich viel zu weit. Man beschränkt sich auf sensationsheischenden Schock-Journalismus, der wieder mal nur das Bild vom „unterbelichteten, primitiven Afrikaner“ in die Öffentlichkeit schreit und dem Eingeborenen der europäischen Überflussgesellschaft nur ein wohliges, kleines Gruseln angesichts der unheimlichen Welt vor den Toren der „Festung Europa“ über den Rücken jagt.


[1] Gefunden via POLITISCH KORREKT

[2] Wachstums-„sprünge“ in der Nahrungsmittelproduktion sind zwar möglich – etwa durch die flächendeckende Einführung der technisierten Landwirtschaft, Schädlingsbekämpfung, Düngung oder neue Anbausorten, niemals aber ein gleichmäßiger, exponentieller Anstieg.

[3] Duff macht im Fall Tanzanias den Ujamaa-Sozialismus des Staatsgründers Julius Nyerere verantwortlich – ich persönlich halte das Argument aber nicht für stichhaltig. Zwar hat die Kollektivierung und Zwangsumsiedlung von Bauern zusammen mit dem Krieg gegen Uganda (1979) Tanzanias Wirtschaft ruiniert – die sozialistische Zeit endete aber in den frühen 1980er Jahren, es gibt heutzutage kaum noch bewohnte Ujamaa-Dörfer und Hexenverfolgungen gibt es nicht nur in Tanzania, sondern auch in Ländern, die nie sozialistisch waren wie Kenia.

2 Antworten zu „Witchcraft – Hexenglaube in Ostafrika“


  1. 1 Dongle Juni 21, 2008 um 2:41

    Somehow i missed the point. Probably lost in translation :) Anyway … nice blog to visit.

    cheers, Dongle


  1. 1 Duckhome Trackback zu Mai 25, 2008 um 7:29

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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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