Populärmusik

Wenn es musikalisch etwas gibt, das noch schlimmer ist als deutsche Musik, dann ist das indische Musik. Also, die Rede ist von Populärmusik. Vor allem die aus den unsäglich seichten Bollywood-Seifenopern mit Gesichtsgünther Sharuk Khan in der Hauptrolle, die gefühlte 20 Stunden dauern, wo gefühlte alle zwei Minuten irgendeine Gruppe von 20 Leuten, die sich zufällig zusammenfinden, eine perfekt inszenierte Musical-Tanznummer hinlegen, die singenden Männer ein Timbre in der Stimme bekommen, dass es einem den Zahnschmelz von den Zähnen löst, die Frauen ihre Gesangdarbietung auf die Frequenz von Hundepfeifen hochschrauben und Sharuk Khan sich den nackten Oberkörper von Wasser bespritzen lässt. Mag man das alles noch mit kulturellen Unterschieden entschuldigen -indischen Frauen mag man sowieso alles verzeihen und man weiss ja Bescheid über das strikte indische Heiratssystem, wo die Familien das Paarungsverhalten ihrer Kindeer untereinander geschäftlich regeln und wahre Liebe so gut wie ausgeschlossen ist, also bleibt für Romantik nur eine Traumwelt- das wirkliche künstlerischen Verbrechen fängt spätestens bei den unsäglich flachen Skripten an: Jedermann ist reich und glücklich und ist vielleicht jemand nicht ganz so reich und glücklich, so wird er es spätestens sein, wenn der Zuschauer den ganzen Film durchlitten hat. Bollywood-Massenware (es gibt, natürlich, auch sehr sehr gute indische Filme) wird sowieso nur produziert, um die entsprechenden Soundtrack-CDs zu verkaufen, man hat den Eindruck, die gesamte südliche Hemisphäre ist davon verseucht, du kannst einfach nicht entkommen und selbst wenn du dich in nicht-elektrifizierten Gegenden aufhälst, so plärren Bollywood-Songs aus batteriebetriebenen Radios.

 

Wenn es aber auf der Welt etwas gibt, was noch schlimmer ist als indische Popmusik, dann ist das ostafrikanische Popmusik und wirklich am furchtbarsten: ostafrikanische christliche Popmusik. Junge, hier hört wirklich die Musik auf und fängt die chinesische Wasserfolter an. Wer zur Hölle hat eigentlich den Kongolesen, die das ganze vor ungefähr 40 Jahren erfunden haben, erzählt, ein guter Popsong darf höchstens zwei Akkorde enthalten, sollte das Tempo eines durchschnittlichen Eselskarrens nicht überschreiten und keinesfalls länger als 40 Minuten dauern? Und verdient eigentlich jemand Tantiemen daran, dass jede einzelne Note jedes einzelnen Arpeggios jedes einzelnen Songs genau gleich ist? Wisst ihr vielleicht nicht, dass man Gitarren verdammt noch mal auch verzerren kann und schläft dieser verdammte Drummer etwa beim Spielen? Wie soll ich denn den Song verstehen, wenn es überhaupt keine Struktur: Strophe-Bridge-Refrain oder ähnliches gibt und warum muss an jeder Straßenecke die letzte und ausgeleiertste Kassette mit voller Lautstärke durchgenudelt werden, oder macht das auch schon keinen Unterschied mehr?

 

Wenn du dir allerdings ein Video im Fernsehen oder noch besser einen Live-Auftritt einer ostafrikanischen Band anguckst, brauchst du gar nicht anderes mehr und Beschwerden kommen auch nicht mehr über deine Lippen. Was uns hier rettet sind wieder mal die Frauen, genauer gesagt, die Tänzerinnen. Junge, können die mit dem Hintern wackeln, das ist schlicht und ergreifend eine eigene, ausdrucksstarke Kunstform. Sie bringen es tatsächlich fertig, ein einziges Körperteil in zwei gegenläufigen Kreisbewegungen umeinander rotieren zu lassen. Unbeschreibbar. Du solltest nicht aus diesem Leben scheiden, ohne eine ostafrikanische Tänzerin in der Ausübung ihrer Kunst gesehen zu haben.

8 Antworten zu “Populärmusik”


  1. 1 Fragezeichen Mai 21, 2008 um 1:48

    Tja, das sind Vergleiche, die Sie uns als Weltreisender voraus haben. Das kann ich nur aufnehmen, ohne es selbst bewerten zu können. Es ist aber eine sehr schöne anschauliche Schilderung geworden. Ich hatte dabei die Empfindung bekommen, das sich Ihr Schreibstil zur Zeit gerade in einem Verbesserungsprozeß befindet.
    Es ist schön, das Sie als Weltreisender so viele lebendige Eindrücke aufnehmen können. Das führt zu einem nicht zu unterschätzenden Erfahrungsschatz, der hoffentlich noch viele Ihrer Artikel bereichern wird. Gratuliere, zu solch einem anregenden Leben gefunden zu haben!

  2. 2 silverblick Mai 21, 2008 um 9:17

    Zur Bollywoodmusik gebe ich dir in allen Punkten recht – ich musste da hin und wieder mal mit meiner Mutter sonen Film sehen. Meine Güte, ich habe ja strapazierfähige Nerven, aber da ist Schluss.

    Bei christlicher Musik bin ich oft misstrauisch, die wird nämlich hin und wieder benutzt um kleine Kinder zu manipulieren. Ich hörte da mal einen christlichen “Song” für Kinder, der mit folgendem Dialog begann:

    Kind: Ich werde jetzt genau aufpassen, wenn Gott zu mir spricht – ich freu mich schon!
    Mann: Ja, und Gott freut sich, wenn du redest und er deine Stimme hört.

    Nee, ist klar.
    Naja, manchmal ist man doch froh, wenn Popmusik auf Englisch und damit zumindest bei uns für viele unverständloich ist :)

  3. 3 red.cloud Mai 22, 2008 um 4:11

    Ich will ja nichts gegen deine Mutter sagen, verehrte Frau Silverblick, aber erst Rosamunde Pilcher und jetzt dies… Erschütternd. Professorinnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

    Christentum in Ostafrika wäre sowieso noch mal ein eigenes Thema. Hab oft den Eindruck, dass das viele Leute in ihrer Schicksalsergebenheit bestärkt: Mag das Leben auch scheisse sein, zumindest bin ich ein guter Christ und ein besseres nächstes Leben ist mir schon mal sicher. Statt mal einen ihrer durch und durch korrupten Beamten und Politiker mit den Beinen nach oben aufzuhängen (metaphorisch gemeint, natürlich).

  4. 4 tom Mai 23, 2008 um 9:05

    Was uns hier rettet sind wieder mal die Frauen, genauer gesagt, die Tänzerinnen. Junge, können die mit dem Hintern wackeln, das ist schlicht und ergreifend eine eigene, ausdrucksstarke Kunstform.

    Oh jaaa! Ich verstehe sehr gut was Du meinst :-)
    Diese Kunstform ist durchaus auch sehr erotisch…
    Jedenfalls ein Grund für mich afrikanische Musik zu mögen. Aber ostafrikanische Popmusik? Ich war offensichtlich schon zu lange nicht mehr dort. Mit den Begriffen Dombolo oder Zengala kann ich mehr anfangen. Ich finde dass diese Musik immer etwas von der fröhlichen Mentalität der Afrikaner ausdrückt, ich bekomme immer Fernweh, wenn ich diese Klänge hierzulande vernehme…

    Gruß

    tom

    P.S. Zu Bollywood stimme ich Dir uneingeschränkt zu!

  5. 5 red.cloud Mai 24, 2008 um 11:58

    “Diese Kunstform ist durchaus auch sehr erotisch…”

    Das magst DU so sehen, verehrter Tom, meine Interesse an Frauen, die mit dem Hintern wackeln, ist dagegen ein rein-ästhetisch-künstlerisches :)

    Was afrikanische Popmusik angeht, scheint es gerade in den letzten Jahren ein gewaltige Kommerzialisierung gegeben zu haben. Ich erinnere mich nicht daran, dass die Musik 2005, als ich zuletzt hier war, schon so schlimm gewesen ist… Übrigens gibt es mittlerweile auch ein ostafrikanisches (tanzanisch-kenianisch-ugandisches) “Deutschland sucht den Superstar”, genannt “Tusker Fame Academy”. Schlimm, aber immerhin ohne Dieter Bohlen.

  6. 6 silverblick Mai 24, 2008 um 8:51

    Dass sich dieser Mist jetzt auch da unten durchsetzt– da jetzt quasi jedes Jahr nen neuen Superstar zu “wählen”… Ich mein, sowas wie Karnevalsmaskottchen, oder weiß der Geier werden auch jedes Jahr gewählt. Der große Unterschied ist bloß, dass die “Superstars” im Gegensatz zu den Maskottchen es nicht einsehen, nach einem Jahr wieder zu verschwinden… (obwohl sie die… wie soll ich sagen.. Realität sie ja oft genug dazu zwingt)

  7. 7 Frank Mai 24, 2008 um 11:18

    Spitzentext. Was würdest Du davon halten, wenn wir ihn fürs Craplog raubkopieren würden? Wobei er dafür ja fast schon ein etwas zu versöhnlich schließt. :)

  8. 8 red.cloud Mai 25, 2008 um 11:10

    @ Frank

    Fühl mich gebauchpinselt… Gern.


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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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