Ich las Franks Artikel „Baby Resignation“ auf Citronengras dieser Tage und fühlte mich bemüßigt, selbst hier, aus dem heissen Süden Tanzanias, eine Antwort darauf zu schreiben. Die Antwort, wenn auch sehr subjektiv ausgefallen, ist: Nein.
Ich verstehe Franks Resignationsgefühl, wie sicher viele Blogger und auch Journalisten, oder allgemeiner gesagt: Idealisten; die sich (noch)nicht an die Industrie oder eine Ideologie verkauft haben… Angesichts der unzähligen großen und kleinen Schweinereien, die auf einen einstürmen, am Schreibtisch sitzend und versuchend, dagegen anzuschreiben – aussichtslos, aussichtslos – da ist Resignation vorprogrammiert. Aber geht es nicht in Wirklichkeit eher darum, sich selbst und seinen Idealen treu zu bleiben, sich selbst gegenüber integer zu sein, statt zu glauben, man müsste, man könnte und man sollte die Welt verändern in einem einsamen Kampf David gegen Goliath oder besser gesagt, gegen eine vielköpfige Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf viele neue wachsen? Ist es nicht auch möglich, sich etwa im täglichen, persönlichen Leben mit seinen vielen, kleinen Entscheidungen immer wieder neu an seinen Idealen zu messen? Ist es nicht vielleicht schon gar ein Wert an sich, 40, 50 oder 60 Jahre alt zu werden und sich nicht in einen von links- auf rechtsgewendeten Neocon vom Schlage der Schilys, Broders, Giordanos und Biermanns dieser Welt verwandelt zu haben?
Die Welt ist groß, bunt, verwirrend und erfüllt mit den unterschiedlichsten Pfaden, Wegen und Entwicklungen. Es mag einem oft so vorkommen, als sei etwa die globale Markttotalisierung eine übermächtige Woge, die über uns allen zusammenschlagen und nichts als Verwüstung hinterlassen wird – aber die Welt ist zu vielfältig und jede Entwicklung verursacht eine ganze Kette unterschiedlicher Gegenbewegungen, als das dies wirklich realistisch wäre. Was weiss denn schon ein feister Roman Herzog von den Lebensumständen indischer, bengalischer oder ostafrikanischer Bauern, wie lange würde wohl Bert Rürup und der deutsche Rat der Wirtschaftsweisen mit all seiner Weisheit in einem Dorf in der weiten Savanne Tanzanias überleben können, wenn man ihn dahin versetzen würde? Was ist schon die verkniffene Lügnervisage eines Hanns-Olaf Henkel gegen das Lächeln einer bestrickend schönen Inderin? Was bedeutet schon die ständige Hartz 4-Drohung, der wir dieser Tage ausgesetzt sind – wenn du siehst, wie Dorf-Familien in Ostafrika in Hütten aus Laub und Wurzelholz leben, von der Art, die du dir selbst als Kind gebaut hast? Was ist die Bahn-Privatisierung, wenn Du in einem mit Menschen vollgestopften, nur noch von Rost zusammengehaltenen, „dalla dalla“ genannten Kleinbus sitzt und dir denkst, eigentlich habe ich dieses Leben doch ganz gern – und ich würde es wirklich außerordentlich begrüßen, Gott oder was auch immer, nicht in diese tiefe Schlucht linker Hand zu stürzen… Sollen sich doch die Leute von Bild, Bohlen und Broder verblöden lassen und so engstirnig werden, als trügen sie den Kopf in einem Goldfischglas, obwohl sie wirklich alle Möglichkeiten hätten, über den Tellerrand zu schauen – die Hauptsache ist doch, dass DU zu den Leuten gehörst, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, auch in ganzen Sätzen lesen und denken zu können. Und kannst du dir vielleicht vorstellen, wie unbeschreiblich lächerlich sich das konzentrierte Kleinbürgertum ausnimmt, das billigste Weltverschwörungstheorien in einen Weblog wie PI ejakuliert, gelesen zur gelegentlichen Erheiterung – in einem Land wie Bangladesh?
Natürlich ist Deutschland verglichen mit fast allen Regionen der Welt größtenteils harmlos und man könnte sich auf den Standpunkt stellen: DU da im Hort des Friedens und des Reichtums, DU resignierst? Guck dir mal den kongolesischen Kleinbauern an, dessen Familie im afrikanischen Weltkrieg (Madeleine Albright) 1997-2003 umgebracht wurde, von dem du noch nicht mal was mitbekommen hast und der trotzdem jeden Morgen auf sein karges Feld geht um sein letztes verbliebenes Kind zu ernähren. Guck dir mal die verkrüppelten Elendsgestalten an, die tagtäglich durch Dhaka wanken oder die zahllosen jungen Männer in Dar Es Salaam, die nichts anderes zu tun haben, als von morgens bis abends am Straßenrand rumzulungern, in einem Land mit einer Arbeitslosenrate von über 80 % wie Tanzania. Aber das hilft dir auch nicht, es sind ja gerade diese Zustände und keine Besserung in Sicht, die dich krank machen. Und das ist gerade das, was dich sympathisch macht.
Doch inmitten aller ökonomischen und ökologischen Desaster, von Korruption, Krieg, Seuchen, Analphabetismus und Überbevölkerung, da wächst es eben doch -es ist alles andere als ein zartes Pflänzchen- und es kommt ausgerechnet aus einem gebeutelten Land wie Bangladesh: Da ist die Grameen Bank, die Kleinkredite ausschließlich an die arme Landbevölkerung und fast ausschließlich an Frauen vergibt – diesen ihr Menschenrecht, als ökonomische Subjekte wahrgenommen zu werden zurückgibt und vier Millionen Menschen durch die Investition in lokale Kleingewerbe über die Armutsschwelle geholfen hat. Da sind hunderte von Mikrofinanzorganisationen weltweit, die diese Idee mittlerweile adaptiert haben. Da ist Grameen Shakti, das 200.000 ländliche Haushalte mit Solarsystemen elektrifiziert hat. Beides non-profit-Unternehmen, die wirtschaftlich nachhaltig und unabhängig operieren, nur ohne Rattenschwanz an parasitären shareholdern, für die der value quartalsmäßig erhöht werden muss, koste es was es wolle, weil sie sonst Amok laufen. Die schlichte Idee eines Ökonomieprofessors, der seine Ideale nicht vergessen hat: arme Menschen nicht aus dem wirtschaftlichen Kreislauf auszuschließen. Da ist -auf individueller Ebene- der strenggläubige Muslim Mr. Ahmed, der junge Frauen im ländlichen Raum als Technikerinnen ausbildet und die in Heimarbeit Hochtechnologie-Komponenten für Grameen Shaktis Solarsysteme produzieren. Da sitzt du mit zwei Kollegen aus zwei weit entfernten Kontinenten und entwickelst Projektpläne und schliesst tiefe Freundschaften über alle Kulturkreisgrenzen hinweg. Da verstehen Bauern im südlichen Tanzania plötzlich deine Idee, die deine Kollegen und du zwei Jahre lang nur theoretisch entwickelt haben und eine alte Frau dankt dir mit Tränen in den Augen – und sie kriegen nichts geschenkt, nein, sie müssen dafür zahlen.
Resignation? Nein. Denn die würde dich doch nur daran hindern, zu erleben – mit allen guten und schlechten Seiten – was die Welt sonst noch so zu bieten hat.
Was für ein Schreibrausch! Da bin ich erst mal nur beeindruckt. Toller Stil!
Schließe mich meinem Vorschreiber an!
Diese Worte muß ich erstmal sacken lassen. Doch Eines ist klar:
Keine Resignation !
Das ist ein schööööööööner Text – vielen Dank.
Du solltest wirklich schreiben
Recht haste auch noch: Man darf bei all dem Elend nicht vergessen, dass es viele Menschen gibt, die noch nicht “verarschlocht” (entschuldigt den Ausdruck) sind…
Grüße nach Tanzania!
(deine Pflanze lebt übrigens noch)
Vielen Dank, liebe Leser
Und ihr ahnt gar nicht wie gut ihr es habt, in einem Land mit funktionierendem Internet zu leben…
Jambo, red.cloud, also ich würde gerne mit Dir tauschen, dafür würde ich sogar locker auf’s Internet verzichten!
Viele Grüße nach Tanzania
Kwaheri
Hab deinen Text leider jetzt erst gelesen. Danke dafür.
Das Problem ist das wir wie Rosa Luxemburg sagte, alle in unserem Dalles gefangen sind. Maßstab ist immer das eigene Sein und dieser Maßstab ist auch richtig. Die Neoliberalen in Deutschland versuchen ja gerade den Armen und Schwachen einzureden, das sie sich nicht beklagen dürfen, weil es wo anders schlechter ist. Das ist falsch. Die Armen müssen sich hier und überall beklagen und kämpfen damit es überall besser wird.
Es fehlt doch nicht das Geld, die Nahrung oder das Glück. Es fehlt die Bereitschaft zu teilen. Schlimmer noch die Besitzenden kratzen auch die letzten Reste zusammen und verbrennen das Geld lieber in der Spekulation als anderen etwas zu geben.
Gleichheit darf nicht bedeuten alle Menschen auf diesem Planeten auf das niedrigste Niveau zu bringen sondern alle zu erhöhen und es ist mehr als genug für alle da.
Verehrter Jochen Hoff, ich meinte eben gerade NICHT, dass man in Deutschland nicht resignieren darf, weils anderswo noch viel schlimmer ist. Dieses Begründungsmuster wäre mir zu billig und ich dachte, ich hätte das im Text deutlich gemacht. Solche Unterscheidungen sind ja auch sinnlos, in (fast) allen Ländern herrscht das gleiche Wirtschaftssystem, “nur” das etwa in Tanzania 80-90 % zu den ökonomisch “Überflüssigen” zählen und in Deutschland 10-20 %.