Anlässlich des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos äußerte sich der Soziologe und Reichtumsforscher Prof. Hans Jürgen Krysmanski im stern.de-Interview über Netzwerke des Geldes und der Macht und den Diskurs der Eliten.
“Das World Economic Forum ist etwas Besonderes geworden, weil dort Spitzenmanager mit Vertretern anderer Eliten in Berührung kommen. Das ist ja gar nicht selbstverständlich. [...] aufstrebende Politiker aus Afrika auf, die Musiklegende Brian Eno [...], Hollywoodstar Angelina Jolie [...] Wissenschaftler [...] alle verständigen sich selbstverständlich über Fragen, die jeden Menschen auf der Welt betreffen, aber es ist ein Diskurs unter Eliten für Eliten. Wenn dabei etwas für die Massen “abfällt”, ist das eher Zufall. “
“Davos ist ein Symbol für die Privatisierung der Macht. Schon längst sind große transnationale Konzerne mächtiger als die meisten Regierungen [...] Politische Macht ist abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die über informelle Netzwerke weltweit politisch wirksam wird. [...] Dieser Primat der Politik aber wird derzeit in einem erschreckenden und noch gar nicht begriffenen Ausmaß ausgehöhlt. [...] gerade auch in den Bollwerken der westlichen Demokratie [...]“
“Wir sprechen von tausend bis zweitausend Milliardären, von hundert- bis zweihunderttausend Personen mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von je über 30 Millionen Dollar weltweit. Das ist eine winzige Gruppe. Und doch scheint der auf dieser Welt produzierte Reichtum in diese Richtung zu fließen [...]“
Wie ist vor diesem Hintergrund das Wahlspektakel in den USA zu bewerten?
“Politische Macht ist unsichtbar geworden und zugleich weiß jedermann, dass es sie gibt,”
sagt Krysmanski (bezugnehmend auf Davos).
“Deshalb wird diese neue Form der Macht in prächtigen Schaubildern inszeniert.”
Dieser Eindruck drängt sich beim US-Vorwahlkampf allerdings auch auf. Sind Politiker als vom Volk gewählte Repräsentanten inzwischen mehr oder weniger Polit-Darsteller auf der Bühne der öffentlichen Aufmerksamkeit? Kaum mehr als Comic-Figuren, auf die sich Träume und Hoffnungen von Millionen marginalisierter Bürger projizieren?


Welchen dieser Kandidaten würden Sie wählen? (Quelle 1, 2)
Die schon immer – diesmal aber besonders starke – Art der Personalisierung mag ja dem ganzen Schauspiel die Spannung einer Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft verleihen, lassen wir uns davon aber nicht allzusehr mitreissen und vergessen über den ganzen bunten Bildchen die wirklich wichtigen Fragen zu stellen? Wer zahlt und v. a. warum zahlt jemand für das ganze Spektakel? Laut der “Federal Election Commission” könnte der gesamte Präsidentschaftswahlkampf diesmal nicht nur die 1-Mrd.-US$-Schallmauer durchbrechen, sondern direkt die 2-Mrd-US$-Schwelle erreichen. Lagen die Kosten der Präsidentschaftswahl 2004 insgesamt noch bei 693 Mio. US$, wurden bis jetzt -obwohl die eigentliche Präsidentenwahl erst am 04. November stattfindet- schon fast 600 Mio. US$ an Spenden eingesammelt. Und diesmal liegen die demokratischen Präsidentschaftsbewerber mit ihren “Kriegskassen” weit in Führung – obwohl die Republikaner gemeinhin als Vertreter der US-Großindustrie betrachtet werden: Hillary Clinton sammelte 118 Mio. US$, Barack Obama 104 Mio., gefolgt von Mitt Romney mit 90 Mio., John McCain mit 42 und Mike Huckabee mit nur 9 Mio. US$. (Quelle) Wer immer die noblen Spender sind -von Obama heisst es, das hauptsächlich kleine Spender zu seiner Wahlkampfkasse beitragen würden und er Geld von “der Wall Street” ablehne und von Romney, dass er einen Großteil aus seinem eigenen Multi-Millionen Doller-Vermögen eingebracht habe- zeichnet sich hier bereits eine Entscheidung um das Präsidentenamt ab?
Für das Geld wird uns aber auch eine perfekt inszenierte Multmedia-Show geboten, bei der mich (natürlich) insbesondere Barack Obamas Kampagne beeindruckt: „Change – we can believe in“: Partizipation, gelebte Demokratie, eine bessere Zukunft und ein neues Amerika. Der USA-Korrespondent der “Wirtschaftswoche”, Dieter Schnaas, berichtet über eine Wahlkampfveranstaltung in South Carolinas Hauptstadt Columbia am 25. Januar, dem Tag vor den Vorwahlen:
Amerika steht vor dem Ruin, ruft Obama, die Regierung sei ein Synonym für Korruption und Vetternwirtschaft, Washington ein Sammelbegriff für die Herrschaft von Lobbyismus und Unternehmensinteressen, Amerikas internationale Reputation durch eine bornierte Klimapolitik und dumme Kriege dahin […] [Aber eine Wandel ist möglich], durch eine nationale Anstrengung, [...] im Namen aller Amerikaner [...] durch ein Ende der alten Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern, durch einen neuen Anfang und eine überparteiliche Politik des gesunden Menschenverstandes, die zum Beispiel nicht wollen kann, dass 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert sind.
“Hoffnung”, ruft Obama, „bedeutet nicht, dass man sich etwas wünscht, sondern dass man sich Ziele setzt, um sie kämpft, sich für sie abrackert – und manchmal auch für sie stirbt“.
Einen Tag seinem Vorwahlsieg in South Carolina erhält Obama Unterstützung durch die liberalen Säulenheiligen Amerikas, den Kennedy-Clan:
„Ich habe keinen Präsidenten erlebt, der mich so inspiriert hat, wie mein Vater andere Menschen inspiriert hat“, schreibt John F. Kennedys Tochter Caroline in der „New York Times“, „und ich glaube, in Barack Obama den Menschen gefunden zu haben, der dieser Präsident sein könnte…“
Die anderen Präsidentschaftskandidaten konnten sich dem Sog von Obamas “Change”-Kampagne nicht entziehen: Hillbilly R. Clinton predigt den „cleverern Wandel“ und John Edwards (im Achtelfinale ausgeschieden) „wirklichen Wandel“, auch die republikanischen Kandidaten präsentieren sich als Erneuerer und der amtierende Präsident George W. Bush könnte, um einen von ihnen zu bestrafen, auf dessen Wahlkampfveranstaltung auftreten.
Ach, ist das schöööööööön, und es könnte dem Autor die Tränen in die Augen treiben – wenn, ja wenn ich religiös wäre. Ich glaube nicht an Erlöser. Politische Heilsversprechen mit dem Potenzial, dass sich alles von nun an in Richtung einer anderen, besseren Welt bewegen wird, dass der Zeiger einer Richterskala nach all den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu weit ausgeschlagen ist und sich nun wieder zurückbewegen muss, hat es schon zu oft gegeben – man denke etwa an Präsident Lula in Brasilien oder Nelson Mandela in Südafrika. Und Präsidentschaftskampagnen, die hunderte Millionen Dollar kosten, können nicht die “Interessen des kleinen Mannes” gegen die Strukturen und Netzwerke des “großen Geldes” vertreten. Millionensummen würden nicht fliessen, wenn Unterstützer nicht ein “Shareholder Value” des entsprechenden Kandidaten nach Antritt der Präsidentschaft erwarten würden.
Vorbehaltlos unterstützte ich deshalb nur eine einzige Kandidatur, die Homer Simpsons, welche er hier in der “Late Show with David Letterman” ankündigt.
[Den besten Punkt der Top-Ten-Liste "Gründe, warum Homer Präsident werden sollte" finde ich No. 8: "FOX News (welches "The Simpsons" in den USA ausstrahlt) hätte ich in jedem Fall auf meiner Seite."]
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“Gottesstaat” USA: Die Präsidentschaftswahl 2008 und der Kampf um die Deutungshoheit über dem Altar
Das ist schon alles eine Riesenshow da drüben. Ich meine, hast du das mal gesehen?
http://youtube.com/watch?v=1yq0tMYPDJQ
Zum Thema Präsident Simpson: Ich wär da etwas skeptisch… Hier ein Interviewausschnitt (es geht ursprünglich darum, dass die Parteien gewisse Gemeinden benutzen, um sie dann rechtzeitig zur Wahl hinter sich zu lassen)
- You watch the Simpsons? It’s like Ned Flanders. He makes a great neighbour. You like to have him around cause he makes all the light work, but when it comes down to it, you want president Homer. You know what I mean?
- I don’t think we want president Homer…
- We have president Homer.
Na, das Video finde ich trotzdem schwer beeindruckend. Is schon ein brillianter Redner, der Obama – darüberhinaus ist dies etwas, was Konservative wohl niemals hinkriegen würden: An das Höchste im Menschen zu appellieren, anstatt an das Niedrigste.
“We have President Homer” – wenn ich das so verstehe, wie ich denke, dass Du meinst, es verstanden werden sollte, dann finde ich es unverschämt, redliche Comic-Figuren mit abgehalfterten “lame ducks” zu vergleichen…
Ja, reden kann er. das einzige, was ich etwas sinnlos finde, ist das Video drumherum. Das hat aber der Obama nicht gemacht, das kann man ihm nicht anhängen.
Ich glaube, es geht nicht um den Vergleich an sich. Es geht eher darum, dass die Leute den Vollpfosten wählen – in vollem Bewusstsein (na was so geht) – und den Menschen mit noch ein paar Prinzipien.. naja.
Bei uns in Deutschland werden nach diesem großen Wahlerfolg einige Politiker bestimmt einige Ideen kopieren. Die Frage ist nur: Ist ähnliches überhaupt in De machbar?