Die Mär von der „politischen (Un)korrektheit“

„Politische Unkorrektheit“ ist die – heute eindeutig positiv besetzte – Antithese zur „politischen Korrektheit“. Dieser Begriff stammt ursprünglich aus den USA. Lorna Weir (1995) rekonstruierte drei Entwicklungsphasen, an deren Ende der Begriff “political correctness” in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen war. In der ersten Phase, terminiert auf die späten 1960er Jahre, wurde der Begriff von linken, feministischen, Bürgerrechts- und Studentenbewegungen gebraucht. Zumeist wurde er in ironischer Selbstkritik gegenüber Gleichgesinnten angewandt, um auf „diskriminierenden“ Sprachgebrauch hinzuweisen, der nicht das Bemühen dieser Gruppen wiedersspiegelte, die Gesellschaft zu verändern: „Das ist aber nicht pc…“ In der zweiten Phase, während der 1980er Jahre, erfuhr der Begriff seine massenmediale Verbreitung: In den linken Studentengruppen der späten 1960er sozialisierte Akteure hatten den Aufstieg in mittlere und höhere Kreise der Medien und Politik geschafft, und bemühten sich nun, Reste ihrer linken Überzeugungen zumindest sprachlich an den Mann (oder die Frau – das wäre sonst nicht pc) zu bringen. Diese, zweite Entwicklungsphase hat im Deutschland viel stärker stattgefunden als in den USA – die US-amerikanische Demokratie ist älter, etablierter, fest bipolar strukturiert und die Medien kooparatistischer organisiert. V.a. im deutschen Raum ist die weitgehend inhaltsleere Verhunzung der Sprache dem: „Verehrten Leser/Leserin, LeserIn, Lesenden…“, mit dem einige Alt-68er mit ihren zu bloßen Worthülsen verkommenen, ehemaligen Überzeugungen die Menschheit beglückten, sicherlich ein Begriff.

Die dritte Phase der Entwicklung des „political correctness“-Begriffs schließlich, fand in den USA Anfang der 1990er Jahre statt. Sie war von einer vollkommenden Vereinnahmung des Begriffs durch neokonservative Kreise charakterisiert. Diese instrumentalisierten den Begriff ausschließlich als Feindbestimmung und führten die „political correctness“ als Beweis für die angebliche linke bzw. liberale Dominanz in Politik und Medien an. Da letzteres eine der Säulen der neokonservativen Ideologie darstellt, die allerdings bei etwas näherer Betrachtung der politischen und wirtschaftlichen Strukturen keiner Überprüfung standhält (so wird etwa Rupert Murdoch, der weltweit größte Medienmogul, auch nicht von Neokonservativen zu einem „Liberal“ umzulügen sein), wurde der Begriff frei nach Joseph Goebbels („Wenn du einmal angefangen hast zu lügen, dann bleibe auch dabei!“) zu geradezu orwell’schen Dimensionen aufgeblasen: „Political Correctness“ war plötzlich eine gigantische Gehirnwaschmaschine, mit der die „liberal dominated media“ den Durchschnittskonsumenten für ihr eigentliches geheimes Ziel bearbeiten, nämlich die Zerstörung der westlichen Werte.

Eine vergleichbare Entwicklung fand auch in Deutschland statt: Seit den 1990er Jahren machten konservative und rechte Kreise die „Political Correctness (PC)“ dafür verantwortlich, dass „wir Deutschen“ immer noch kein „normales“ Verhältnis zu unserer Vergangenheit hätten, PC verhindere Meinungsfreiheit und sorge für Denk- und Handlungsverbote. „PC-Kritikern“ zufolge muss es wohl eine gigantische „PC-Industrie“ von – wie sie es nennen – „Gutmenschen“ geben , die durch ihren repressiven Machtapparat alle „politisch unkorrekten“ Underdogs unterdrücken und verhindern, dass sie „…endlich die Dinge wieder beim Namen nennen…“ können (Klaus J. Groth 1996 in „Die Diktatur des Guten“). Ständig behaupten die armen, armen, neokonservativen „politisch unkorrekten Underdogs“, sie könnten wegen der übermächtigen PC-Zensur kaum atmen… und zwar in deutschen Leitmedien wie der FAZ, dem „Spiegel“, der „Welt“ und der „Süddeutschen Zeitung“ sowie diversen Büchern. Nachforschungen, wer denn diese „Meinungsunterdrücker“ seien, ergeben dann ein recht buntes Sammelsurium: Linke, Alternative, Grüne, „männerverächtende Feministinnen“, „waldorfschulgeprägte SozialpädagogInnen“, antimperialistische und antifaschistische Splittergruppen; die allesamt wohl kaum über die Mittel verfügen, eine Meinungsführerschaft in der Gesellschaft ausüben. Neokonservative „politische Unkorrektheit“ ist nichts weiter als eine Verleumdungsstrategie gegen die liberale, multikulturelle Gesellschaft.

protestkarte_pc.jpg Motiv einer “Protestpostkarte” der “deutschen Burschenschaft”

Man sollte sich also immer genau vor Augen führen, wer sich dort unter dem Schlagwort der „politische Unkorrektheit“ produziert: Im Kontext der inhaltsleeren PC-Bemühungen von zu Spiessern mutierten Altlinken ist der (teilweise) intelligente, schwarze Humor etwa der „South Park“-Macher Parker und Stone, des Polenwitze reissenden Harald Schmidt oder des „Borat“ Sasha Baron Cohen „politisch unkorrekt“, aber dadurch, dass die auf den ersten Blick platten Witze bloßes, „neues“ Klischeedenken entlarven. Die Grenze zwischen Humor und diskriminierender Hetze wird jedoch dünn, wenn es eben genau darum nicht mehr geht: Im Zeichen der von neokonservativen Meinungsmachern vereinnahmten „politische Inkorrektheit“, wird eine Polen- oder „Neger-“witz wieder genau das, was er vordergründig ist: diskriminierendes Klischeedenken.

Auf den Punkt bringt es die die Autorin „Ramana“ im Blog des Magazins „Neon“ (06/08/07):

“Ich frage mich mittlerweile wirklich, ob es im Moment gerade hip ist politisch unkorrekt zu sein. Mittlerweile ist das Wort Gutmensch schon [...] eine geläufige Beleidigung […] Ich habe bei Diskussionen [Menschen erlebt, die] es sogar als Verbrechen an der deutschen Sprache bezeichnen, […] das N-Wort […] [das] eine rassistische Beleidigung darstellt, [nicht verwenden zu dürfen], ja die ernsthaft behaupten, es wäre eine Diskriminierung. Ich stelle mir folgende Situation vor:

Person Y (weiss) nennt Person X (schwarz) einen „Neger“ Person X sagt: “ich möchte nicht so bezeichnet werden, „Neger“ sagt man nicht.“ Person Y sagt daraufhin: “Du diskriminierst mich. […] ich lasse mir doch nicht von „Negern“ das „Negersagen“ verbieten!“

Neokonservative beschweren sich darüber, dass sie angeblich statt „Negerkuss“ jetzt „Schokokuss“ sagen müssen oder „Schwuchtel“ nicht mehr als Schimpfwort gegen „windelweiche Liberale“ nutzen dürfen. Die Beschäftigung mit diesem gewaltigen Denkverbot der übermächtigen PC-Industrie sollte uns allerdings nicht daran hindern, auch mal andere Denkverbote zu beleuchten. Denkverbote, die sich über Sprache ausdrücken, existieren nämlich in jeder festen Weltsicht. Etwa die automatische Verknüpfung von Demokratie-und-Marktwirtschaft oder FDGO, die mantra-artige Wiederholung, dass die Globalisierung „von uns allen Opfer“ fordere (wirklich von allen?), oder dass es zum Rückbau des Sozialstaates „keine Alternative“ gebe und es keinesfalls die Aufgabe des Staates sei, Rahmenbedingungen für Vollbeschäftigung zu schaffen…

 

Quellen:

http://www.renner-institut.at/download/texte/auer.pdf
http://www.sonntagsblatt.de/1996/3/4-21.htm
http://www.das-parlament.de/2007/01-02/Thema/016.html
http://www.spiesser.de/default.aspx?ID=3242&showNews=68156&showArchiv=1&aktMonat=2&aktJahr=2007&aktWoche=1
http://dermorgen.blogspot.com/2005/11/die-bewegung-gegen-political.html

4 Antworten zu “Die Mär von der „politischen (Un)korrektheit“”


  1. 1 Ex-aufgeschreckter Gutmensch August 22, 2007 um 11:52

    Danke für die sehr fülligen Hintergrunginformationen. Immer wieder schön zu sehen, wie es Ihnen gelingt, das Wesentliche zusammenzutragen.
    Das war sehr anregend.
    Da sind auch viele Schuhe dabei, die ich mir vorübergehend übergestreift habe, um mal zu sehen, wie sie sich tragen, auch entgegen bestehender Überzeugungen. Ich glaube, Sie wissen mittlererweile, wie ich das meine.
    Ich bewundere Ihre Gründlichkeit und auch die Ironie, die Sie einzuflechten verstehen.
    Mit Interesse werde ich weiter verfolgen, zu welchen Hinzufügungen Ihre Interessen, ihr Wissen, und Ihre Neigungen, in diesem Ihrem Blog führen.
    Ich bin froh, Ihren Blog entdeckt zu haben.
    Danke für die Aufwendungen, die Sie hier jedem Menschen zur Verfügung stellen. Bei guten Blogern bewundere ich stets, dass Fehlen kommerzieller Interessen. Es verführt mich dazu, dies als Idealismus und hochgradige Menschlichkeit zu werten.Sie müssen als Mensch sehr interessant sein.
    Alles Gute und danke, dass Sie sich auf uns einlassen!

  2. 2 Ex-aufgeschreckter Gutmensch August 22, 2007 um 9:24

    Lieber Red Cloud!
    Ich habe mich mit mir kurzgeschlossen und mich gefragt, ob mich die Themenstellungen zum Islam weiter interessieren. Ich glaube, mir reicht es erstmal. Ich werde einen Herauslösungsprozeß einleiten. Diese Themen passen nicht so recht zu meinem bisherigen Wissen und zu einer Gemütslage, die eher unbeschwert sein will. Ich bin aber froh, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich darauf verlegen können und anderen die Augen öffnen können.
    Ich habe Sie in diesen wenigen Tagen schätzen gelernt. Sie konnten mir viel Achtung abgewinnen.
    Alles Gute!
    Ich verabschiede mich jetzt.
    Viel gutes Gelingen in Ihrem Leben!
    Tschüß!

  3. 3 red.cloud August 22, 2007 um 10:29

    Herr Ex-a. G.

    Erstmal vielen Dank für all die lobenden Attribute, die Sie mir verliehen haben. Ich weiss gar nicht recht, was ich dazu sagen soll :)
    Natürlich freut mich Ihr Interesse an meinem Blog außerordentlich, und ich sehe auch, dass Sie in einigen Dingen sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich (ich beziehe mich jetzt auf diesen Kommentar hier) und dass sie damit zu Konklusionen kommen, die ich so noch gar nicht gesehen hatte. Ich schrieb ja schon, dass ich es als sehr positiv empfand und empfinde, dass Sie sich Ihre Weltsicht nicht von der “Islamkritik” al a PI und Frau E. vernebeln liessen (womit ich nicht sagen will, dass es am Islam nichts zu kritisieren gäbe).

    Im Gegensatz zu den meisten Menschen hatten Sie auch keinerlei Problem damit, zuzugeben, dass Sie sich geirrt hatten – das ist sehr sympathisch. Ich habe großes Verständnis dafür, dass sie das Islam bzw. “Antiislam”-Thema erst mal ruhen lassen wollen – auch ich will mich keineswegs monothematisch darauf beschränken, auch wenn es auf diesem Blog immer mal wieder auftauchen wird. So. Ich hoffe, Sie entdecken noch viele andere interessante Themen für sich, auf die Sie sich mit ähnlicher Empathie stürzen können und die (vielleicht) nicht so ein unangenehmes Alpdrücken in der Magengegend hinterlassen wie dieses.

    Herzliche Grüße aus Berlin – red.cloud

  4. 4 Ex-aufgeschreckter Gutmensch August 23, 2007 um 7:05

    Lieber Red Cloud!
    Ich danke Ihnen für die herzlichen Worte!
    Ich verbeuge mich noch einmal vor Ihnen und gehe glücklich geschlagen von dannen. Ich habe viel von Ihnen lernen können.
    Noch einmal vielen Dank!
    Das haben Sie großartig hinbekommen.
    Bei Ihnen konnte ich viel verlieren.
    Ich fühle mich jetzt viel befreiter!
    Weiterhin alles Gute!


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…cited:

"First rule about journalism: Don't talk about journalism. Or maybe that's fight club. Or whatever..." (Stephen Colbert)

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