Via Watchblog Islamophobie stieß ich auf folgenden „Die Welt“-Artikel (24/07):
„Islamisten infiltrieren Yahoo, MSN und Google
Religiöse Fanatiker verbreiten ihre Hasspropaganda bevorzugt über das Internet. […] (dabei) helfen Yahoo, Google und MSN den Terroristen mit kostenlosen Web-Diensten – ohne es zu wissen. […] Neben den Diensten der Internet-Riesen nutzen die Extremisten auch viele kleine US-Unternehmen, sogenannte Hoster..“
So erschreckt uns „Die Welt“ unter Berufung auf eine Studie der US-NGO Middle East Media Research Institute (MEMRI). Was für eine Erkenntnis. Jede kriminelle Organisation der vergangenen 10 Jahre, von Terroristen über Kinderpornographie-Ringen, Drogenhändlern, dubiosen Finanztricksern, illegalen Glücksspielen usw., verbreiteten sich bevorzugt über das Internet…
Wie so vieles andere, dass ohne
„…die Reichweite, den Einfluss und den Möglichkeiten des Internets nicht vorstellbar..“
wäre, ist es auch
„Das Aufkommen des Islamismus und der Dschihad-Organisationen in den vergangenen Jahren…“
zitiert „Die Welt“ die MEMRI-Studie. Besorgt sieht das Blatt eine
„Große Gefahr für die westlichen Staaten… Die Webseiten hätten in der Vergangenheit viele Terroristen in den USA und Europa für ihre Anschläge inspiriert oder sogar Hilfsmittel geliefert. Dazu zählen etwa Anleitungen für sogenannte schmutzige Bomben.“
Bauanleitungen für schmutzige Bomben, die von Islamisten übers Internet verbreitet werden? Wow! What the f**** ist der praktische Nutzen einer Bauanleitung für eine „schmutzige Bombe“, die man sich im Internet runterladen kann? Sagt sich der gemeine Terrorist dann: „Cool! Die Bauanleitung hab ich schonmal. Jetzt muss ich mir nur noch ein bisschen Plutonium besorgen, und ich kann anfangen zu basteln…“ ?
Ganz nebenbei bemerkt ist die sogen. schmutzige Bombe eine Zeitungsente. Sie besteht angeblich aus einem konventionellen Sprengsatz, der radioaktives Material (Plutonium, Cäsium oder Strontium) enthält, die durch die Explosion über einen Landschaftsradius verstreut wird. Es findet also keine nukleare Kettenreaktion statt. Und die „schmutzige Bombe“ erreicht das Gegenteil dessen, was sie eigentlich soll: Das radioaktive Material wird durch die Explosion zerstreut, dadurch wird die Strahlungsintensität des Ausgangsmaterials über die Fläche verteilt. Wie der Physikprofessor (University Berkeley) Richard A. Muller nachrechnet, würde etwa Cäsium 137 mit einer Strahlungsintensität von1.400 Curie ( 1 Curie = Strahlung eines Gramms Radium) aus einem Meter Entfernung mit 50 %iger Wahrscheinlichkeit zum Tod führen, verstreut auf 1 Quadratkilometer reichte die Strahlungsdosis nicht einmal für die Strahlungserkrankung aus, wenn sich jemand 10 Jahre lang ununterbrochen in dem Gebiet aufhielte. Der Effekt der in diesem Beispiel beschriebenen „schmutzigen Bombe“ ist eine Erhöhung des Krebsrisikos um 6 % pro Jahr Aufenthalt in dem betroffenen Gebiet. Damit wäre eine „schmutzige Bombe“ für terroristische Aktionen ungeeignet, oder kann sich jemand folgende „Al Qaida“-Drohung vorstellen:
„Allah ist groß! Wenn ihr imperialistischen Kreuzzügler eure Truppen nicht aus Afghanistan abzieht, werden in den und dem Gebiet die Anzahl der Krebserkrankungen im Laufe der nächsten 10 Jahre um 60 % zunehmen… Es sei denn, ihr evakuiert das Gebiet… Ach Mist!“
Zusätzlich nebenbei bemerkt sei, dass die Objektivität des zitierten „Middle East Media Research Institute (MEMRI)“ zumindest umstritten ist. U. a. war der MEMRI-Gründer Angehöriger des israelischen Militärgeheimdienstes und der Besatzungsverwaltung in der Westbank. Brian Whitaker, Journalist der britischen Zeitung „The Guardian“ warf dem MEMRI u. a. einseitige Zitation aus arabischen Medien vor.
Was aber will „Die Welt“ mit dieser künstlich aufgebauschten Nullmeldung erreichen? Ein Hinweis lieferte die dem Artikel beigefügte Linksammlung, die u. a. auf einen früheren „Die Welt“-Artikel verweist:
Ein Plädoyer für die Online-Durchsuchung
Was habe ich gelacht. Ja, das Internet ist böse! Alo schaltet das pöse, pöse Internet ab. Radioaktivität ist sowieso super-super-pöse. So simpel kann man also die Welt sehen. Zumindest wenn man so heißt.
Dann wird die Online-Durchsuchung gefordert, was zum einen fahrlässig ist und zum anderen schlicht und ergreifend technisch kaum möglich ist. Wie soll das gehen?
Ich als Terrorist würde mir einfach Linux und eine vernünftige Firewall draufspielen und nix ist mit Online-Durchsuchung. Wer ganz paranoid ist, der verbindet seinen Laptop/Rechner nur dann mit dem Internet, wenn er emails abrufen/schreiben will.
Planetologist
Wäre doch ein super Werbeslogan für „Die Welt“: Wer die Welt simpel sehen will – der muss sie lesen…
Was hat man denn erwartet vom großen Bruder der Bild?
Die Welt ist die Bild für Erwachsene.
Klar steht da {darminhalt} drin.
Aber dennoch unterhaltsam geschrieben (der Beitrag, nicht die Zeitung).