Propagandaschlacht um 15 britische Seeleute und eine nicht existierende Seegrenze

novaexpress „Will der Iran den schwelenden Konflikt um sein Nuklearprogramm jetzt endgültig und mutwillig eskalieren?“ – „Hat Tony Blair die Gefangennahme der Soldaten provoziert, um einen Grund für Militärschläge zu haben?“ oder auch, allerdings nicht in Frage-Form: „Das „islamofaschistische“ Mullah-Regime in Teheran will den Westen mal wieder vorführen!“ (Telegehirn, sinngemäß - nicht wörtlich) So oder ähnlich lauten verschiedene Deutungsversuche des Grenzzwischenfalls vom 23.03. in den Gewässern in der Nähe der Wasserstraße von Shatt al-Arab um die Gefangennahme von 15 britischen Marinesoldaten durch den Iran. Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Und diejenigen, die es wissen, sind Beteiligte im schwelenden Konflikt Iran vs. Westen. Kriegsbeteiligte haben ihre eigenen Wahrheiten, denen wir auf keinen Fall unmittelbar glauben sollten – zahlreiche historische Beispiele aus dem Kalten Krieg belegen dies. Einer ausgewogenen Darstellung der Vorgänge befleissigt sich wieder einmal die gute, alte Tante BBC. Was also ist – so in etwa – überhaupt passiert?

Die britische Fregatte “HMS Cornwall” patrolliert im Rahmen des UN-Mandats 1723 und mit Zustimmung der irakischen Regierung in irakischen Hoheitsgewässern, um die Küste, den Schiffsverkehr und die Ölhäfen des Irak vor Terroranschlägen zu schützen. Am 23.03 befand sich die „Cornwall“ 3,1 km innerhalb der irakischen Hoheitsgewässer, als es in etwa 6 km Entfernung Nordost ein Frachtschiff unter indischer Flagge entdeckte (der Kapitän des Frachters bestätigte die Position der „Cornwall“). Um die Ladung des ebenfalls in irakischen Gewässern verkehrenden Frachters zu kontrollieren, setzte die „Cornwall“ ein Schlauchboot mit 15 Marinesoldaten aus. Der indische Frachter verkehrte sehr nahe an der Grenze zu iranischen Hoheitsgewässern – etwa 1 km. Nach der Inspektion der Fracht, als die 15 britischen Soldaten das Frachtschiff verliessen und sich anschickten, heimzukehren (07.39 Ortszeit), tauchten – laut Aussage des Kapitäns der „Cornwall“ – „überraschend“ innerhalb von 3 Minuten vier schwerbewaffnete iranische Patroillienboote auf und nahmen die britischen Soldaten gefangen. Dem indischen Frachter, dass die iranischen Patroillienboote bemerkte, hatten diese offenbar „freundliche Absicht“ signalisiert. Die britische Seite sagte aus, die iranischen Boote nicht bemerkt zu haben bevor sie die 15 Marinesoldaten festsetzten und als sie realisierten, was geschah, befanden sie sich bereits auf der iranischen Seite – und hier wird die Sache unglaubwürdig: Die Aufgabe der „HMS Cornwall“ war u. a. die Überwachung des Schiffsverkehrs – und niemand sitzt am Radarschirm, wenn ein Boot ausgesetzt wird für ein Boardingmanöver in unmittelbarer Nähe der Hoheitsgewässer eines nicht freundlich gesonnenen Staates? UND: Ein Helikopter der „Cornwall“ hatte das Boardingmanöver überwacht und war eher zum Mutterschiff zurückgekehrt… (Im Blog „Spiegelfechter“ ein Artikel über diese und andere Ungereimtheiten, verfasst von einem ehemaligen Angehörigen der Bundesmarine) Mit dieser „Überraschung“ und der Beschränkung des Mandats auf Selbstverteidigung erklärt das britische Verteidigungsministerium, dass die „Cornwall“ nichts weiter unternahm, um ihre Marinesoldaten zu beschützen.

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Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/in_depth/6502805.stm

Am 24.03. teilte die iranische Regierung Grossbritannien mit, das indische Frachtschiff habe sich in einer anderen Position befunden, als von der „Cornwall“ ausgesagt – näher an der Position der britischen Fregatte und nur noch einige 100 m von der Grenze zu iranischen Hoheitsgewässern entfernt. Als Großbritannien dem Iran mitteilte, dass sich selbst diese Position noch in irakischen Gewässern befände, „korrigierte“ der Iran die Position des indischen Frachters – 1,9 km von der zuerst angegebenen Position und 3,7 von der durch die „Cornwell“ benannten Position entfernt, diesmal sicher in iranischen Gewässern. (vgl. Karte) Diese extrem unglaubwürdige “Korrektur” seitens des Iran lässt vermuten, dass sich Teheran über die eigene Grenzziehung gar nicht sicher ist. Dies wird auch von dem ehemaligen britischen Botschafter im Iran, Craig Murray, bestätigt: Faktisch existiere überhaupt keine Seegrenze zwischen Irak und Iran, da die beiden Staaten diese nie festgelegt hätten. Mithin wieder einmal ein lachhaftes Beispiel dafür, wie Argumentationsmuster aus dem westlichen Verständnis einfach auf jede beliebige Weltregion übertragen werden: Es fand also ein Grenzzwischenfall statt, an einer Grenze, die es faktisch gar nicht gibt.

Seit der Festsetzung der 15 britischen Marinesoldaten tobt nun eine „Propagandaschlacht“ zwischen dem Iran und Grossbritannien. Die britische Regierung veröffentlichte die GPS-Daten der Schiffe, um zu beweisen, dass der Iran lügt. Im Gegenzug zeigte das iranische Fernsehen am Mittwoch die 15 gefangenen Marinesoldaten und interviewte die einzige Frau unter ihnen, Lt. Faye Turney (mit Kopftuch!). Sie sagte, offensichtlich nicht freiwillig, dass sie die iranischen Gewässer gestreift hätten und wie „verständnisvoll“ (sic!) ihre Bewacher sie behandelten. Die britische Regierung will die Gefangenen zurückhaben, mit der Begründung, sie hätten nichts falsch gemacht – während die iranische Regierung darauf besteht, die britische Regierung müsse zuerst zugeben, „einen Fehler begangen“ zu haben. Die EU verurteilte die Gefangennahme der britischen Seeleute und deren Zurschaustellung im Fernsehen. Der Fall erinnert an die viertägige Gefangennahme von britischen Soldaten in 2004, wo das britische Eingeständnis einer Grenzverletzung zu deren Freilassung geführt hatte. Auch finden sich Parallelen zum Fall Donald Klein und Stephane Lherbier, die vor der Insel Abu Mussa (Straße von Hormuz) festgenommen wurden – die ebenfalls umstrittendes Territorium zwischen den arabischen Emiraten und dem Iran ist. Schließlich mag sich manch einer an die iranische Geiselnahme der US-Botschaftsangehörigen 1979 erinnern – angeblich war Irans gegenwärtiger Präsident Ahmadinejad federführend daran beteiligt.

BBC news 28/03; 29/03

2 Responses to “Propagandaschlacht um 15 britische Seeleute und eine nicht existierende Seegrenze”


  1. 1 nickpol March 29, 2007 at 9:29 pm

    Wahrlich eine seltsame Geschichte, beim ersten Hinschauen. Beim zweiten offenbart sich eine Art deja-vu. Haben wir das nicht alles schon zig- fach erlebt? Ich meine doch, die Vorzeichen wechseln, aber ansonsten. Dumm vom Präsidenten des Iran dem Westen so eine Vorlage zu liefern, noch dümmer die Soldaten in Terroristen-Manier im Fernsehen vorzuführen. Die Iraner bereiten sich auf einen Militärschlag vor, der Westen tut alles um das glaubhaft zu machen. Das schlimmste, er könnte statfinden, dann dürfte das ganze Gebiet brennen, bis zum Libanon. Die Fundamentalisten auf den Weg in die Isolation? möglich, wenn der Iran brennt, brennt der ganze Mittlere und Nahe Osten, wir alle werden es ausbaden müssen.
    Die Fundamentalisten des Iran, stürzen ihr Land in die Katastrophe, Faschisten sind sie deshalb lange nicht, davon sind sie weit entfernt.

  2. 2 red.cloud March 31, 2007 at 11:16 am

    Die Gefahr eines Flächenbrandes sehe ich genauso wie Du. Und wirklich seltsam ist: Einerseits erklärt “der Westen” die iranische Führung zu “durchgeknallten Islamofaschisten”, denen alles zuzutrauen ist; andererseits wird von möglichen “begrenzten Militärschlägen” gegen den Iran gesprochen. Ganz so, als ob nur “der Westen” die Entscheidungshoheit darüber hätte, ob ein Krieg “begrenzt” bleibt oder nicht. Wenn die iranische Führung völlig durchgeknallt ist, warum sollte sie nicht nach eventuellen “begrenzten Militärschlägen” der USA die US-Truppen im Irak angreifen? Was dann Saudi-Arabien - Irans Regionalmacht-Konkurrenten - auf den Plan rufen würde, das wurde wiederum Syrien zum Eingreifen nötigen, Libanon…

    Aber sich über die Konsequenzen seines Handelns Gedanken zu machen, das nennt man übrigens “Appeasement”.

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