Angesichts der überwältigenden Sieges Barack Obamas bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen und des beispiellosen moralischen und wirtschaftlichen Bankrotts der Neokonservativen kann man sich als Linker einer gewissen Schadenfreude kaum enthalten. Wirklich selten war es goldiger und herzerwämender als dieser Tage unser aller Lieblings-Hass- und Hetzblog „Politically Incorrect (PI) “ zu lesen, das verzweifelt vor dem Verfall seiner „pro-amerikanischen Werte“ in ihrem Mutterland vor einem Scherbenhaufen steht. Das ideologische Gerüst wackelt und seit Tagen windet man sich in Erklärungsversuchen:
„Woher kommt nun dieser Linksruck?“
„Man folgt offenbar dem Trend aus dem alten Europa.“
PI bemüht gar eine „Totalherrschaft von Massenwahn und Popkultur“ als einzig mögliche Erklärung, dass etwa 64 Millionen Bewohner der gottgleichen USA für einen „vermuselten“, „schwarzen Rassisten“ Barack Obama gestimmt haben. Das einzige, was ihnen bleibt ist
„Eine kulturpessimistische Polemik.“
Hä Hä Hä. Es sei erhellend, meint der PI-Gastautor Lion Edler, die heutige Situation in den USA mit Deutschland nach 1945 zu vergleichen:
„Die Durchdringung der deutschen Gesellschaft mit linker Propaganda begann, weil man aufgrund des totalen Zusammenbruchs 1945 tief im Inneren glaubte, das mit dem eigenen Volk etwas nicht stimmte, dass es nur aus Versagern und Verbrechern bestünde.“
Das ewige braune Gegreine vom „deutschen Schuldkomplex“ also. Wirklich erhellend.
„Die USA haben nach dem Irakkrieg etwas Ähnliches erlebt, nur nicht so extrem. Aus allen Ländern der Welt wurde Amerika unablässlich eingeredet, [...] dass sie nur Leid und Unglück über die Welt brächten. Das penetrante Einreden dieses schlechten Gewissens hat letztlich gefruchtet, auch die Amerikaner haben jetzt ihren Schuld-Komplex.“
Wenn „alle Länder der Welt“ der Meinung sind, der Irakkrieg sei von den USA ungerechtfertigt oder jedenfalls aus den falschen Motiven heraus begonnen worden, dann könnte ja vielleicht etwas dran sein? Nur so theoretisch? Nicht natürlich, wenn man von seiner göttlichen, unfehlbaren Mission überzeugt ist…
„Deswegen war es so eminent wichtig, dass George W. Bush direkt nach den Anschlägen des 11.September das Signal in die Welt sandte: Wir bleiben stolz auf Amerika, und wir lassen uns von den Feinden der Freiheit nicht unterkriegen, der amerikanische Traum wird auch weiterhin verteidigt.“
Es hapert offenbar nicht nur mit Logik und Demokratieverständnis, sondern sogar schon mit dem Verständnis einfachster zeitlicher Zusammenhänge: Weil die Welt aufgrund des Irakkriegs (Beginn März 2003) den USA permanent ein schlechtes Gewissen einredete, war es so wichtig, dass Bush ein Signal am 11.09.2001 sandte. Wenn es noch eines endgültigen Beweises bedurfte, dass Bush ein Messias ist bzw. war, dann ist er hiermit wohl erbracht.
„Bislang war Amerika immer ein geistiger Rebell und Einzelgänger. Egal, was der verprollte weltweite Mainstream wie eine “coole” Schulhof-Clique über das gemobbte Amerika sagte, Amerika ließ sich nichts einreden und ging wie ein einsamer Cowboy seinen Weg, und zeigte dem erbärmlichen Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks völlig zu Recht den Mittelfinger.“
So „einsam“ kann der „Cowboy“ mit negativer Außenhandelsbilanz, dessen Staatsverschuldung, die Verschuldung des Privatsektors und der Konsumentenhaushalte das BIP um mindestens das Dreifache übersteigt und dessen Finanzsektor gerade kollabiert, wohl nicht sein, denn ohne den „verprollten weltweiten Mainstream“ wäre er längst konkurs gegangen.
„Amerika lässt sich langsam aber sicher herunterziehen auf das primitive geistige Niveau Europas, auf das sozialistische und selbstgerechte, überhebliche Mainstream-Denken.“
Das muss die Erklärung für die Wahl Obamas sein: Europa zieht Amerika auf sein „primitives geistiges Niveau“ herunter. Amerikaner selbst wären sonst nämlich gar nicht in der Lage gewesen überhaupt auf die Idee zu kommen, etwas anderes als die Republikaner zu wählen.
„Und was sollte diesen Weg der Welt in den Sozialismus ändern? [...] So könnte das gewissermaßen tatsächlich “das Ende der Geschichte” sein, allerdings anders, als Fukuyama sich das dachte, nämlich ein sozialistisches Ende.“
Weine nur nächtelang in dein Kissen, mein Mitleid kriegst du trotzdem nicht, du heulsusiger Neocon.
„Nein, ich will nicht alle Obama-Fans von vornherein als dumm oder als Mitläufer bezeichnen.“
Ach nein?
„Man stelle sich vor, jemand würde an der Uni oder in der Schule sich zu Bush bekennen. Man kann leise erahnen, was passieren würde.“
Man würde denjenigen komisch ansehen, weil er hoffnungslos in der Vergangenheit lebt?
„Dieser überhebliche Konformismus und die Stigmatisierung Andersdenkender ist es, der auch Angst machen muss bei der europäischen Sicht auf Obama, und nicht etwa Obamas politische Ansichten selbst. Über die werden einige rot-grüne Spinner in Europa noch ganz schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn Obama erstmal harte außenpolitische Forderungen an Europa stellt.“
Auf der einen Seite fürchtet der Autor als einziger Obama-Gegner stigmatisiert zu werden, auf der anderen Seite wird die Politik Obamas ganz bestimmt dafür sorgen, dass viele seine europäischen Fans sich von ihm abwenden? Die Logik als tragisches Opfer der Rechthaberei…
„Das Studentenportal “studivz” führte vor Kurzem eine Umfrage durch, für welchen Präsidentschafts-Kandidaten man denn die Daumen drücken würde. 91,4% stimmten für Obama, bei über 900.000 abgegebenen Stimmen. Wahlergebnisse fast wie in der DDR also, man fühlt sich etwas einsam beim Lesen dieser Zahlen. [...] Dazu präsentiert “studivz” als Symbol eine Comic-Zeichnung mit McCain und Obama im Boxkampf gegeneinander. Auch das ist natürlich nicht gerade neutral: Soll es doch offenbar suggerieren, dass es bei der US-Wahl darauf ankommt, wer der “fittere” und “hipper” ist. Aber es fällt wahrscheinlich kaum noch auf, was für ein krankes Denken da ohnehin dahinter steckt: Der US-Wahlkampf als Boxkampf, als Show-Ereignis für die Spaßgesellschaft, anstatt als ernsthaftes politisches Thema. [...]“
„Denn das ist der zweite Trend, der durch die Wahl Obamas zementiert wird: Der Weg in die weltweite Herrschaft der dekadenten, entarteten Popkultur-Ochlokratie. Das Anstandslose und Primitive, das Entartete wird zum gesellschaftlichen Mainstream, die Geisteskranken werden allmählich zur Mehrheit. Geschichtsbewusstsein und geschichtliches Schwärmen werden ersetzt durch gleichgültige Geschichtslosigkeit und blinder Fortschrittsgläubigkeit, durch seichtes “I have a dream”, “Yes we can” und “Change”-Geschwafels.
Schon jetzt kann man in größeren Städten doch nirgendswo eine U-Bahn betreten, ohne sofort den Anblick eines Haufens Gestörter und Irrer ertragen zu müssen.“
Zunächst beweist uns Herr Lion Edler eindrucksvoll anhand einer Umfrage im StudiVZ und derer graphischen Darstellung wie „dekadent und entartet“ der Pöbel doch sei, der unverschämterweise via freie Wahlen über die Regierung bestimmt. Warum gehste nicht nach Saudi-Arabien oder Nord-Korea, wenn dir die „Pöbelherrschaft“ so stinkt? Ein Demokrat redet nicht so.Und das Edler mit dem ÖPNV in Großstädten nicht klar kommt beweist nur, dass er ein Mahlower Landei ist. Bezüglich der „Geisteskranken“, die „zur Mehrheit werden“ sei nur an ein altes englisches Sprichwort erinnert: “The one man in the world who never believes he is mad is the mad man.”
„Wer die Nase voll von dieser abartigen und gestörten Fortschrittsgesellschaft hat, der ist ein “Ewiggestriger”, oder “engstirnig”, “verbohrt””, er vertritt “Schwarz-Weiß-Denken”, und – natürlich – er ist “unfähig, mit den modernen Anforderungen einer komplexen Welt zu recht zu kommen”. So einfach ist das, warum auch nachdenken. Die Konservativen haben es in Deutschland immer noch nicht verstanden: Parteien und Politiker haben kaum noch Einfluss, sie sind zunehmend Sklaven eines abstoßenden Medien-Zirkus.“
Oh oh, die Welt geht unter, weil „der Pöbel“ den falschen Präsidentschaftskandidaten gewählt hat. Zivilisationsgedanke und gesellschaftlicher Fortschritt sind seit dem 05.11.2008 ausser Kraft gesetzt und Obamas Wahl der endgültige Beweis für das bevorstehende Armageddon.
“Wir müssen Konsequenzen ziehen. Von Parteien ist im Moment nicht viel Besserung zu erwarten. Wir müssen diesen abartigen, kranken Event-, Trash- und Porno-Apparat von “taz” bis “BILD” endlich unterwandern und gnadenlos aushöhlen, indem wir vor allem auch auf das Internet setzen (schon wieder etwas Fortschrittliches, welch Ironie…). Anstatt Kampagnen durchzuführen darüber, ob der Mindestlohn richtig ist oder nicht, sollte lieber über die Gehirnwäsche der nationalen Front der Linksmedien aufgeklärt werden.”
Die Springer-Presse reiht sich natürlich nahtlos ein in die „nationale Front der Linksmedien“… Die Konsequenzen, die eine solche “Unterwanderung” und “gnadenlose Aushöhlung” für unser Bildungssystem hätte, beweist Edler in seiner ganzen Pracht quasi im Selbstversuch im letzten Abschnitt:
„Und wir müssen dafür Sorgen, dass über die Lehrpläne in den Schulen nicht mehr nur rot-grüne Vollpfosten entscheiden, sodass zwischen all dem Böll-, Grass- und Brecht-Krempel zwischendurch auch noch was Vernünftiges kommt. Wir müssen Lehrkräfte durchsetzen, die ihre Aufgabe in Bildung und Wissensvermittlung sehen statt in politischer und ethischer Umerziehung und Indoktrinierung. Ansonsten wird man konstatieren müssen: Die Menschheit hat ihre kulturelle Höchstphase bereits seit Jahrhunderten hinter sich. Seit circa 300 Jahren ist ehrlicherweise kaum noch etwas passiert, was die herausragende Stellung gegenüber anderen Arten rechtfertigt, und die totale Obamisierung war dafür wieder ein besonders trauriges Beispiel. Sie reden von einem angeblich zu dämmenden “Raubtierkapitalismus” und “sozialer Gerechtigkeit”. In Wirklichkeit ist der Obama-Mob die Speerspitze einer in rein ökonomischen Kategorien denkenden Konsumgesellschaft, von dem sich nicht nur Karl Marx wohl angewidert abgewandt hätte.“
Wie wärs, an den Schulen ein paar Texte von Lion Edler zu bringen? Man hat ja sonst nicht viel zu lachen: Seit ca. 300 Jahren ist nichts mehr passiert, dass die besondere Stellung des Menschen gegenüber dem Tier rechtfertig?! Aufklärung, Wissenschaft, industrielle Revolution, Massenkommunikation, Technologisierung, Verfünffachung der Weltbevölkerung, Verdoppelung der Lebenserwartung, Luftfahrt, Raumfahrt, Demokratisierung, Globalisierung… Ja, auf welchem Ast hockt der denn, der Steinzeitkonservative?! Gott schütze uns vor der neokonservativen Unterwanderung unserer Medien und Lehrpläne, bleibt da nur zu konstatieren. Mit einem derartigen Rotzen auf alles, was unsere Gesellschaft ausmacht, bloß weil der demokratische Souverän in den USA anders entschieden hat, als er es gerne hätte, disqualifiziert sich der Neocon nur selbst. Es bleibt dem amüsierten Beobachter nur übrig, sein Taschentuch hervorzuziehen, um die Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen und dem Neocon ein leises „farewell“ zu winken. Und mach die Tür deiner Höhle hinter dir zu.
P.S. Der Text wäre nur ganz und gar amüsant, wenn es sich bei Lion Edler nur um einen dummen Jungen handeln würde. Allerdings möchte dieser sich offenbar mit dem Hoher-Teltower CDU-Ortsverband vom „entarteten, geisteskranken, popkulturellen Pöbel“ aus dem „erbärmlichen, geistig primitiven Europa“ in die Gemeindevertretung wählen lassen (Link via PK). Man fragt sich wirklich, mit was für einer Chuzpe dieser Typ ausgestattet ist…
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